Horst Radmacher

Vegane Musik

In seinen frühen Kinderjahren war Golo Dorn ein eher unauffälliges Kind, er bereitete seinen Eltern keine Probleme. Im Laufe der Zeit bemerkten diese, dass der kleine Junge intensiv auf Geräusche reagierte, ganz besonders auf Musik. Schon im Kindergarten verblüffte er die Erzieher mit einer bemerkenswerten Musikalität. Er vermochte die Tonhöhe beliebiger Töne ohne Bezugston exakt zu bestimmen. So etwas gelang ihm immer perfekt, ganz gleich ob instrumental oder im Gesang. Der Begriff musikalisches Wunderkind wurde in diesem Zusammenhang immer häufiger genannt. Später, schon während seiner ersten Schuljahre, erging die Empfehlung, Golo auf ein Musik-Internat zu schicken. Selbst dort stach er mit seiner außerordentlichen Begabung hervor. Es war nicht weiter verwunderlich, dass er im Anschluss an die Schule die Aufnahmeprüfung für eine renommierte Musikhochschule mit Bravour bestand. Golo wurde dort zum Konzertpianisten ausgebildet, der schon in jungen Jahren das Publikum in aller Welt zu begeistern vermochte. Bald schon gehörte er auch außerhalb der Bühnen zu Prominenz.

Diese freundliche und empathische Ausnahmeerscheinung belastete jedoch ein Problem. Er neigte zur Korpulenz, und das nicht zu knapp. Sein innigster Wunsch war es, auch ohne Prominentenstatus um seiner selbst Willen gemocht zu werden. Dabei half ihm, dass er in seiner zweiten Freundin eine verwandte Seele gefunden hatte. Klara kannte er schon seit gemeinsamen Studienzeiten auf dem Konservatorium, sie studierte dort klassisches Gitarrenspiel. Klara war es dann, die ihn auch körperlich nach vorne brachte. Sie führte ihn, den bis dahin absolut Unsportlichen, in die Disziplin des Bodenturnens ein. Nach kurzer Zeit fand Golo Gefallen an sportlicher Bewegung und trainierte, wann immer es sein Konzertplan zuließ. Er wurde dadurch nicht nur schlank, sondern auch außerordentlich beweglich. Seine Freundin Klara, die intensiv Yoga betrieb, musste keine große Überzeugungsarbeit leisten, ihn auch dafür zu begeistern.

Das Nächste, was der nun auch körperlich ansehliche junge Pianist änderte, war seine Ernährung. Früher hatte er unreflektiert alles in sich hineingestopft, was auf den Tisch kam und weg musste. Das wurde nun ganz anders; denn Klara aß wohldosiert und war überzeugte Veganerin. Und so wurde auch Golo zum überzeugten Veganer, zu einem hundertprozentigen, mit Hang zum Missionarischen. Diese Lebensweise wurde streng eingehalten, in der Ernährung, in Bezug auf Kleidung, und überhaupt.

Durch seine Prominenz war der Musiker Golo Dorn häufig Gast in verschiedenen Talk Shows gewesen, in denen nebenbei auch Privates über ihn bekannt wurde, zum Beispiel sein unerschütterlicher Veganismus. Diesem war es dann geschuldet, dass Golo Dorn in eine kontrovers geführte Fernseh-Diskussionsrunde zum Thema veganes Leben eingeladen wurde; außer ihm noch ein Arzt für Inneres, eine Ökotrophologin und ein bekennender Fleischesser, ein bekannter Schauspieler. In der fünfundvierzigminütigen Gesprächsrunde wurde zum Ende hin sehr hitzig debattiert; ein einvernehmliches Resultat war nicht in Sicht. Der überzeugte Fleischfresser in dieser Runde, ein bekannter Schauspieler und Genussmensch, fühlte sich irgendwann in die Enge getrieben, weil die Argumente der Veganer kaum zu widerlegen waren. Er griff Golo frontal an, verbal natürlich. Er fragte ihn provozierend, wie dieser als überzeugter Veganer überhaupt Pianist sein könne; denn die Musik per Klavierspielen wäre alles Mögliche, nur nicht vegan. Große Verblüffung in der Runde.

Und der Schauspieler legte nach: jedes Klavier sei voll mit mindestens einem tierischen Produkt, mit Knochenleim von Rindern. Den brauchte man hier zur Verleimung der Holzschichten des Korpus'. Synthetische Klebstoffe waren bislang von allen führenden Pianisten aus Gründen einer Klangverschlechterung abgelehnt worden. Und weiter: alle Saiteninstrumente, vor allem Violinen, Gitarren und ähnliche, verbrauchten ebenfalls erhebliche Mengen an tierischen Produkten, allein das Material der Bögen: Rosshaar! Von aus dem Sekret der Schildblattlaus gewonnenen Schelllack ganz zu schweigen. Es folgte eine weitere Aufzählung von Musikinstrumenten mit tierischen Bestandteilen, sodass praktisch nur noch Blasinstrumente aus reinem Metall oder Kunststoff als unverfänglich übrigblieben. Hiernach waren überzeugte Veganer bei der Wahl von Musikinstrumenten außen vor, oder konnten rein vegane Musik nur noch mit Metallhörnern oder Triangeln betreiben. Unglaublich.

Golo Dorn war schwer betroffen. Im Anschluss an diese Gesprächsrunde entschloss er, zusammen mit Klara, ihre bisherige Musik aufzugeben. Sie wandten sich hundertprozentig veganen Musikinstrumenten zu: in ihrem Fall dem Spiel der indischen Nagasvaram, einer hölzernen Oboe aus Südindien, und der einer Sitar ähnelnden Langhalslaute, der Tanpura, geschnitzt aus dem Holz des Brotfruchtbaums. Aufgrund ihrer überragenden musikalischen Fähigkeiten wurden Golo & Klara in kurzer Zeit auch wahre Meister auf dem Gebiet veganer Musik.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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