Claudia Bauer

Enis und die Schatzkiste

Enis war nervös. Er war zum ersten Mal in einer deutschen Schule. Er hatte Angst, dass er niemanden verstehen würde, dass er niemandem gefallen würde, dass er niemanden finden würde, der ihn mag. Er hatte schon so viel durchgemacht, seit er aus Syrien geflohen war. Er hatte seine Heimat, seine Freunde, seine Verwandten verloren. Er hatte nur noch seine Mutter, die mit ihm in einem kleinen Zimmer lebte.

Der zierliche Junge mit dem pechschwarzen Lockenkopf ging in seine Klasse. Er sah sich um. Er sah viele Gesichter, die ihm fremd waren. Er hörte viele Stimmen, die er nicht kannte. Er fühlte sich verloren. Er setzte sich auf einen freien Platz in der letzten Reihe. Er hoffte, dass niemand ihn beachten würde.

Doch er irrte sich. Nach wenigen Minuten kam ein Mädchen zu ihm. Sie hatte braune Haare, viele Sommersprossen im Gesicht und ein freundliches Lächeln. Sie trug eine rote Schleife im Haar, eine weiße Bluse und einen blauen Rock. Sie sagte: “Hallo, ich bin Rosa. Und du?”

Er war überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass jemand mit ihm sprechen würde. Er hatte nicht gewusst, dass jemand ihn bemerken würde. Er hatte nicht gedacht, dass jemand ihn mögen würde. Er antwortete: “Hallo, ich bin Enis. Ich bin neu hier.”

Sie nickte und erwiderte: “Das habe ich mir gedacht. Du siehst aus, als würdest du aus einem anderen Land kommen. Woher kommst du?”

Zögernd fügte er hinzu: “Ich komme aus Syrien. Meine Mutter und ich sind vor einem Jahr nach Deutschland gekommen.”

Rosa zeigte sich interessiert: “Das ist ja mutig. Wie war es, aus Syrien zu fliehen?”

Nachdenklich erzählte Enis: “Es war schrecklich. Es gab Krieg, Gewalt, Hunger, Angst. Wir haben alles verloren, was wir hatten. Wir mussten unser Leben riskieren, um hierher zu kommen.”

Leise flüsterte das schlanke Mädchen: “Das tut mir leid. Das muss sehr schwer gewesen sein. Wie geht es dir jetzt?”

Er wirkte bedrückt: “Es geht so. Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben genug zu essen, wir haben eine Chance auf eine bessere Zukunft. Aber wir haben auch viele Probleme. Wir haben keine Arbeit, wir haben kein Geld, wir haben keine Freunde. Wir fühlen uns oft einsam und unwillkommen.”

Verständnisvoll raunte sie: “Das verstehe ich. Ich weiß, wie es ist, etwas zu verlieren. Ich weiß, wie es ist, sich allein zu fühlen. Ich weiß, wie es ist, anders zu sein.”

Eindringlich, fast auffordernd, hakte er nach: “Wirklich? Was hast du denn verloren? Was macht dich denn anders?”

Rosa schnappte nach Luft und fing an, mit zitternder Stimme zu erzählen: “Ich habe meinen Vater verloren. Er ist vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben. Er war mein bester Freund, mein Held, mein Vorbild. Er hat mir immer Geschichten erzählt, die mich zum Lachen, zum Weinen, zum Träumen gebracht haben. Er hat mir immer gesagt, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur daran glaube. Er hat mir immer gesagt, dass ich etwas Besonderes bin.”

Enis schaute sie aufmerksam an, während er sich unbeholfen eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich: “Das ist traurig. Das muss sehr weh getan haben. Wie hast du das überstanden?”

Rosa fasste sich: “Ich habe versucht, stark zu sein. Ich habe versucht, positiv zu denken. Ich habe versucht, ihm zu folgen. Ich habe angefangen, selbst Geschichten zu schreiben. Geschichten, die mir helfen, meine Gefühle auszudrücken. Geschichten, die mir helfen, meine Fantasie zu nutzen. Geschichten, die mir helfen, mein Leben zu gestalten.”

Enis dunkle Augen formten sich wie große Kometen und schließlich sprach es aus ihnen wie von selbst: “Das ist schön. Das muss sehr geholfen haben. Kannst du mir eine deiner Geschichten erzählen?”

Mit einer einladenden Handbewegung fuhr Rosa fort: “Ja, gerne. Ich habe immer eine Geschichte in meiner Tasche. Ich schreibe sie auf kleine Zettel, die ich dann falte und verstecke. Ich nenne sie meine Schatzkiste. Denn jede Geschichte ist anders, jede ist einzigartig, jede ist mein Schatz. Willst du eine davon öffnen?”

Enis freute sich: “Ja, sehr gerne.”

Rosa schaute ihn mit funkelnden Augen an: “Gut. Dann lass uns in die Pause gehen. Ich zeige dir meine Schatzkiste. Und du kannst für dich eine Geschichte auswählen. Eine Geschichte, die dir gefällt. Eine Geschichte, die dir gut tut. Eine Geschichte, die dir gehört.”

Rosa nahm Enis an die Hand und führte ihn aus dem Klassenzimmer. Er folgte ihr und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Er hatte eine neue Freundin gefunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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