Claudia Bauer

Anders und glücklich

Mona war schon immer ein schwieriges Kind. Sie schrie, schlug und spuckte, wenn ihr etwas nicht passte. Sie hörte nicht auf ihre Eltern, Lehrer oder Erzieher. Mona störte den Unterricht, ärgerte andere Kinder und zerstörte Spielzeug. Die Leute redeten und schimpften über das schlechte Sozialverhalten des Kindes. Sie nannten Mona eine Tyrannin, eine Teufelin, eine Psychopathin. Sie sagten, sie sei hoffnungslos, sie brauche eine Therapie oder gehöre in eine Anstalt.

 

Das Mädchen mit den schwarzen, langen Haaren wurde nur zu wenigen Kindergeburtstagen eingeladen und die Kinder durften oder wollten nicht mit ihm spielen. Mona war deshalb oft allein, isoliert und wütend. Sie verstand nicht, warum die anderen sie nicht mochten. Sie dachte, sie sei stark, lustig, mutig und wollte lediglich Aufmerksamkeit, Anerkennung und Freundschaft. Doch Mona bekam stets nur Ablehnung, Angst oder gar Hass zu spüren.

 

"Du bist ein Monster!", schrie ein Kind, das Mona geschubst hatte.

 

"Du bist ein schlechtes Vorbild, Mona!", rief ein Lehrer, den sie beleidigt hatte.

 

"Du bist eine Versagerin!", sagte ihr Vater, den sie angeschrien hatte.

 

Doch dann, mit der Zeit, änderte sich etwas in Mona. Sie wurde älter, reifer und klüger. Und sie stellte fest, dass ihr Verhalten ihr nicht half, sondern schadete. Sie begriff, dass sie andere verletzte, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Und sie merkte, dass sie selbst unglücklich war, nicht nur wütend, sondern auch traurig. Plötzlich wollte Mona sich ändern. Sie wollte besser werden und glücklich sein.

 

Deshalb fing das blauäugige Mädchen an, sich zu entschuldigen, zu helfen und zu teilen. Sie fing an, zuzuhören, zu lernen und zu fragen. Sie fing sogar an, herzhaft zu lachen und zu träumen. Mona wurde ruhiger, freundlicher und auch einsichtiger. Mit zunehmender Zeit wurde sie ein anderes Kind, ein neues Kind und somit auch ein besseres Kind.

 

"Es tut mir leid, dass ich dich geschubst habe. Kann ich dir helfen?", fragte Mona schließlich das Kind, das sie weggestoßen hatte.

 

"Es tut mir leid, dass ich Sie beleidigt habe.", entschuldigte sie sich bei dem Lehrer, den sie verärgert hatte.

 

"Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe. Kann ich dir etwas zeigen?", wollte sie von ihrem Vater wissen, den sie angeschrien hatte.

 

Doch die Leute änderten ihre Meinung nicht mehr über das Kind. Sie trauten Mona nicht. Sie misstrauten ihr und manche hassten sie sogar. Viele dachten, sie sei falsch, heuchlerisch oder gar gefährlich. Sie sagten, sie sei ein Wolf im Schafspelz, eine Schauspielerin oder gar manipulativ.

 

So wurde Mona immer noch zu wenigen Kindergeburtstagen eingeladen und die Kinder durften oder mochten immer noch nicht mit ihr spielen. Sie war immer noch oft allein, isoliert und traurig. Das hagere Mädchen verstand nicht, warum die anderen es nicht akzeptierten. Sie dachte, sie sei gut, so wie sie jetzt war. Sie war doch von nun an ehrlich und zu allen nett. Sie wollte doch nur Liebe, Verständnis und Freundschaft. Doch Mona bekam weiterhin nur Vorurteile, Misshandlung oder sogar Feindschaft.

 

"Du bist eine Lügnerin, Mona!", schrie ein Kind, das sie gemieden hatte.

 

"Du bist eine schlechte Verliererin, Mona!", rief ein Lehrer, den sie ignoriert hatte.

 

"Du bist ein Problem, Mona!", sagte ihr Vater, den sie abgewiesen hatte.

 

Mona fragte sich, ob sie etwas falsch machte, ob sie anders war und ob sie etwas ändern sollte. Und sie fragte sich, ob sie wieder die alte Mona werden und wieder schreien, schlagen und spucken sollte. Sie fragte sich sogar, ob sie aufgeben, resignieren und verzweifeln sollte. Schließlich schien ihre Lage trotz ihrer persönlichen Veränderung zum Positiven weiterhin aussichtslos.

 

Doch dann traf Mona auf Leander, einen blonden Lockenkopf mit stahlblauen Augen und dunkelroter Brille. Sie begegnete ihm in der Bücherei. Er war freundlich, neugierig und die beiden verstanden sich auf Anhieb. Leander kannte Mona und ihre Vergangenheit mit ihren Problemen nicht. Er sah sie nur, wie sie dastand, er sah ihr Lächeln und er sah ihr Herz. Leander mochte sie, er mochte ihre Art, er mochte ihre Seele. Er sprach mit ihr, er las mit ihr und er freundete sich sogar mit Mona an.

 

Leander änderte Mona. Er gab ihr Hoffnung, er gab ihr Mut und er gab ihr das Glück, das sie längst vergessen hatte. Er zeigte ihr, dass sie nicht allein war, dass sie nicht verloren war, dass sie nicht verdammt war. Leander zeigte ihr auch, dass sie geliebt, geschätzt und vor allem gebraucht wurde. Er zeigte ihr, dass sie ein Mensch war, ein ganz normales Kind so wie alle anderen Kinder auch waren.

 

Leander änderte auch die Leute. Er öffnete ihre Augen, er öffnete ihre Ohren und er öffnete ihre Herzen. Er zeigte ihnen, dass Mona sich geändert hatte, dass sie sich bemühte und dass sie sich für ihr Verhalten entschuldigt hatte. Er zeigte ihnen, dass Mona eine gute Freundin sein konnte.

 

Mona und Leander wurden unzertrennlich. Sie wurden beste Freunde und Seelenverwandte. Sie lachten zusammen, sie lernten zusammen, sie wuchsen zusammen. Sie halfen sich gegenseitig und verstanden sich.

Leander machte Mona wieder zu einem liebenswerten Menschen, der sie im Grunde ihres Herzens immer war.

 

Plötzlich fühlte sich Mona stark und frei.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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