Horst Radmacher

Die Farben des Tangos

Jules Tavel war einer der letzten, die das große Schiff verließen. Er schulterte seinen Rucksack und mit der freien rechten Hand hielt er das Instrument mit dem Gurt fest an den Körper gepresst, ein Musikinstrument von eigenartiger Bauweise: eine achteckige Harmonika, ein Bandoneon. Das Musikinstrument dieses schmächtigen jungen Franzosen war eines der ersten seiner Art, die in Argentinien Anfang des letzten Jahrhunderts einen richtungsweisenden Einfluss auf die Musik des Tangos genommen haben. Einige wenige dieser Bandoneons, benannt nach dessen Erfinder Heinrich Band, waren mit deutschen Einwanderern nach Südamerika gelangt. Jules hatte ein solches Instrument von seinem Onkel Bertrand aus Brignoles als Abschiedsgeschenk erhalten. Mit diesem Instrument fand er Erfüllung als Musiker im Zentrum dieser Musik, im Hafenviertel Boca mit seinem anrüchig morbiden Charme, in Kneipen und Bordellen. Außenseiter waren sein Publikum, einsame Seeleute, arme Einwanderer und Tagelöhner, die versuchten, ihr trostloses Dasein zu betäuben.

Es war die besondere tonale Mischung, in die sich die verlorenen Seelen des Barrio La Boca fallen ließen. Eine eindringliche Melange aus Elementen andalusischer und neapolitanischer Folklore, Tonleiter verknüpft mit Akkorden: scharf bis sanft, schwermütig und mysteriös. Dieser schmächtige und zurückhaltende Musiker fing sie alle ein mit seinem virtuosen Spiel, wenn er, meist zusammen mit Pianist und Geiger, in seinem Stammlokal 'Paraiso Oscuro' zum traditionellen Tango aufspielte. Es war nicht allein das mit traumwandlerischer Sicherheit Beherrschen der Tonknöpfe des Bandoneons. Die schwer zu durchschauenden, unwegsamen Griffwege waren es, die sein Spiel ausmachten. Jules erreichte eine nahezu perfekt klingende Prägnanz und Durchlässigkeit der Töne. Dabei half ihm seine angeborene Fähigkeit, beliebige Töne exakt bestimmen zu können. Zusammen mit der ungewöhnlichen Begabung, zusätzlich zum Klang auch passende Farbwahrnehmungen mit einzubeziehen, entstand seine einzigartige Darbietung. Er, der im Alltagsleben unscheinbare Musiker, der keine Noten lesen konnte, spielte seine Musik wie von einer inneren farbigen Partitur herunter. Jules Tavel konnte es niemandem beschreiben, was er in seinem Farbgedächtnis erlebte. Er sah die Farben einfach; klar und deutlich und richtete sein Spiel danach aus.

'Tavelito', so nannte man ihn im Barrio, ist einer der vergessenen Urväter des klassischen Tangos. Eine Gelegenheit, auch außerhalb seines angestammten Viertels bekannt zu werden, scheiterte an einem tragischen Unglück. Der berühmte Tangosänger und Komponist, Carlos Gardel, hatte dieses Ausnahmetalent auf einem seiner Streifzüge durch La Boca entdeckt. Sie wurden kongeniale Brüder im Geiste. Carlos plante, Jules in gemeinsame Auftritte einbinden. Dazu kam es aber nicht, er verunglückte bei einem Flugzeugabsturz tödlich. Tavelito blieb sein Leben lang nur eine lokale Größe in der Welt des Tangos, er hat sein Barrio nie verlassen - seine Musikalität ist nirgendwo dokumentiert.

Das Einzige, was heute noch auf ihn zurückzuführen ist, sind die farbenfrohen Hauswände in La Boca, im Viertel um die Calle Caminito herum. Er war es, der mit seinen Farbestimmungen die bunte Vielfalt der Häuserfronten aus Wellblech entscheidend beeinflusst hatte, nachdem die vorher unansehnlichen Hütten aus Holz von einem Orkan weggefegt worden waren. Wenn Altbewohner des Viertels von früheren Zeiten erzählen, ist mitunter noch von den Farben des Tangos die Rede. Scharen von Touristen kommen hierher, um diese beliebten Fotomotive abzuarbeiten.

Die Originalstimmung können sie nicht einfangen. Manchmal andeutungsweise, wenn sich nach schweren Regengüssen bunt schillernde Ölflecken in den Pfützen spiegeln und der Wind eine warme Brise von der Mündung des Rio de la Plata ins Barrio weht. Dann ist auch der Geruch wie früher: eine Mischung aus brackiger, schwüler Seeluft und abgestandenem Schiffsdiesel. Die dazugehörige, ursprüngliche Musik aber ist verstummt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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