Für Chiara (die ich für die Geschichte etwas jünger machen musste) und für Mia (die bleiben dufte wie sie ist)
Er ist schon eine ganze Weile unterwegs, als ihm fremde Geräusche in die Ohren dringen – leise, ungewohnte Töne, die zwischen den Bäumen flüstern. In seine Nase steigt der frische, klare Duft eines nahen Baches. Sein Herz schlägt schneller. Nur noch wenige Schritte trennen ihn von dem Ort, den er schon eine ganze Weile aus der Ferne beobachtet hat.
Gierig taucht er die Schnauze ins kalte Wasser, schlabbert hastig, während er neugierig das Ufer absucht. Mit der Pranke schiebt er ein paar widerspenstige Sträucher zur Seite und lässt sich dann den Hang hinabtreiben – Schritt für Schritt, immer tiefer.
Und dann,j enseits der Straße taucht die erste fremde Höhle auf. Sie liegt ein wenig abseits, abgeschieden von den anderen, doch ihr leuchtendes Rot strahlt weit in die Umgebung. Mit wachsender Neugier und einer leisen Ehrfurcht setzt er seine Tatzen weiter und weiter, bis er endlich vor der wuchtigen Eingangstür der Höhle steht.
Er hält die Luft an. Ein Moment des Schweigens. Er kneift fest die Augen zusammen und fühlt plötzlich und unerwartet, eine seltsam vertraute Wärme. Wisst ihr, keine Wärme, die von der Sonne oder einem Feuer stammt. Es ist eine andere Wärme, zarter, tiefer, wie der Hauch einer Erinnerung, die er nicht ganz greifen kann. Langsam hebt er die Nase und schnuppert an der massiven, dunklen Holztür.
Ungewöhnliche Geräusche dringen an seine Ohren: das leise Knistern von Holz, in das sich heimlich die Flamme eines Blitzes frisst, Stimmen, die wie entfernte Wellen an einem stillen Ufer rauschen, und das Klirren von Glas, das an brechendes Eis in einem gefrorenen Fluss erinnert. Für einen Moment schließt er die Augen und lässt die Klänge durch sich hindurchströmen. Er zögert und bleibt regungslos vor der Tür stehen. Vielleicht birgt dieser Ort Gefahren – scharfe, unbekannte Dinge, vor denen ihn seine Instinkte warnen. Doch es ist nicht die Angst, die ihn zurückhält. Es ist die Unsicherheit, die nagende Ahnung, dass ein Ort, der so viel Versprechen in sich trägt, nicht für jemanden wie ihn gedacht ist.
Einige Minuten verharrt der Bär regungslos, ganz still und aufmerksam. Schließlich fasst er einen klugen Entschluss, den wir alle nur begrüßen können: Er will einen Blick durch eine dieser glänzenden Eiswaben neben der Tür riskieren.
Vorsichtig macht er wenige Schritte zur Seite, seine großen Pranken setzen sanft auf dem gefrorenen Boden auf. Mit Bedacht schiebt er seinen wild behaarten Kopf über den Rand der durchsichtigen Eisscholle, dreht seine Schnauze zur Seite und guckt aufgeregt ins Innere dieser Höhle.
Dort drinnen, rund um einen vollgedeckten Tisch mit einer Vielzahl dampfender Speisen, sitzt eine Familie von Stolzierwesen, die sich fröhlich die Bäuche vollschlägt. Der erstaunte Bär sieht einen Vater, der breit grinsend am Tischende thront, eine Mutter mit ermahnendem Zeigefinger, zwei kleine Mädchen, die sich neckisch zanken, und einen Hund, der gelangweilt zu ihren Füßen liegt. Aus den Augenwinkeln beobachtet der Bär, wie sie vergnügt lachen, Späße machen und essen. Der scharfe Duft von Speisen dringt bis nach draußen. Mit großen Augen nimmt er das Licht auf, das die Wände und Möbel erhellt. Nahe der Wand steht ein flimmernder Kasten, der merkwürdige Geräusche von sich gibt und den er sich überhaupt nicht erklären kann.
Kurz betrachtet er die vielen Bilder an der Wand, auf denen die Familie lächelt, winkt und posiert. Da wird ihm klar, dass er hier eine richtige Familie vor sich hat – wie sie glücklich sind, wie sie zusammengehören und sich lieben. Genau so, wie er es sich immer gewünscht hat. Der Bär drückt vorsichtig seine Pranke gegen das Glas. Als Bär muss man den Mond und die Sterne, die Sonne und den Wind, der vom weiten Wasser herkommt, ausblenden, um Bilder wie diese hier vor sich bewundern zu können. Man braucht starke Nerven und ziemlich viel Mut, um trotz all dieser seltsamen Dinge und Vorkommnisse in dieser Behausung nicht einfach kehrt zu machen und unverrichteter Dinge zurück in seine gemütliche Höhle zu trotten.
Diese Wesen, ihre Stimmen, ihre Bewegungen – alles scheint miteinander verwoben, warm und lebendig. Selbst die Dinge, die er überhaupt nicht begreifen kann – die seltsam geformten Lichter, die stummen Bilder an den Wänden – sprechen zu ihm von einer Welt, die so weit von seiner eigenen entfernt ist und doch etwas Vertrautes in sich trägt: Familie, Geborgenheit. Dinge, die er einst hatte, aber längst verloren glaubt.
Ein tiefer Seufzer entweicht der Brust des Bären, ein Laut, der wie ein unterdrücktes Schluchzen klingt. So wendet er sich wieder der Tür zu. Er kennt die strengen Regeln der Menschen nicht und weiß nicht, dass ein Klopfen oder ein sanfter Druck auf die Türklingel genügen würde, um hereingelassen zu werden. Also tut er, was ein Bär in einer solchen Situation seiner Meinung nach tun sollte. Er holt tief Luft, als wollte er eine lästige Fliege aus seinem Fell pusten, spannt seine kräftigen Muskeln an und schlägt mit seinen mächtigen Pranken zu. Einmal. Zweimal. Dreimal. Wie ein übermütiges Kind, das ein Papierschiffchen zerreißt.
Die Tür kracht auf, und Erster von Vier tritt zitternd in den Raum. Als er die Schwelle überschreitet, versteht er die Welt nicht mehr. In seinen wildesten Träumen hätte er nicht mit so etwas Schönem gerechnet.
Erster von Vier ist richtiggehend entzückt, und wie Mama es ihm beigebracht hat, brüllt er erst einmal ein unüberhörbares »Rooooaaaarrr!« in den Raum hinein. So dröhnend, dass das Haus – und wohl auch so manches Herz – erzittert.
Und da bekanntlich zwei Mal wirkungsvoller ist als einmal, brüllt er gleich noch ein weiteres Mal: »Rooooaaaarrr!«
Nun, vielleicht ein wenig zu laut für eine Begrüßung – aber nichts anderes als eine höfliche Geste hat der Bär dabei im Sinn.
Angesichts dieser unüberhörbaren und leider völlig missverstandenen Geste scheint die Welt für einen langen Moment den Atem anzuhalten. Alles erstarrt. Kein Laut ist zu hören. Nur aus diesem seltsamen Kasten in der Ecke dringen verzerrte Geräusche, als wüsste er nicht recht, wie er auf die Begrüßung des Bären reagieren soll.
Erster von Vier hatte die Menschen aus der Ferne genau beobachtet. Er hatte schnell erkannt, wie unbeholfen und zerbrechlich diese Stelzenwesen in der freien Natur sind. Er quittierte das mit einem breiten, zufriedenen Lächeln. Stelzenwesen meiden das Eis. Sie leben auf eisfreien Wiesen, kahlen Stränden und zwischen zerklüfteten Felsen. Sie sind furchtsam und suchen mit Vorliebe Behausungen auf, die sie sich zuvor in mühsamer Kleinarbeit zusammengebaut haben. Er versteht nicht, warum diese Wesen – so wie er selbst – sich nicht einfach eine Höhle zum Überleben suchen. Das wäre doch viel einfacher und sicherer. So viel Blödsinn hätte er ihnen nach all seinen Erkenntnissen wirklich nicht zugetraut.
Fleisch hat Erster von Vier noch nie probiert. Er ist ein besonnener Bär, der gerne die Augen und Nüstern offen hält, aber genauso gerne den Blick vor Gewalt niederschlägt. Erster von Vier kennt keine Gier nach Blut. Er verspürt auch kein Verlangen nach Fleisch. Genau genommen findet Erster von Vier Fleisch nur widerlich. In seiner gemütlichen, feuchten Höhle hat er sich einen kleinen Gurkengarten angelegt, der hervorragend gedeiht. Diese Gurken liebt er heiß und innig. Er düngt sie mit seinen frischen Haufen. Wässern muss er sie aufgrund der anhaltenden Feuchtigkeit nie. In der Höhle gibt es nur wenig Licht, doch diese spezielle Art von Gurken gedeiht prächtig in der Dunkelheit.
Heute Morgen ist er nach dem Aufstehen, wie schon so oft zuvor, für Stunden auf dem Plateau vor seiner Höhle gesessen. Er hatte an einer der Gurken herumgeknabbert und dabei den frischen, kalten Wind genossen. Die Stelzenwesen kommen nur selten zu ihm heran. Ständig kann er sie aber aus der Ferne beobachten, wie sie mit ihren laut donnernden Stöcken Robben oder Vögel jagen. Auf ihn selbst haben sie es aber bisher nie abgesehen. Es stimmt schon, hatte er gedacht, niemand, wirklich niemand würde einem dazu raten, sich einem Stelzenwesen zu nähern. Sie sind hinterlistig und äußerst gefährlich und schrecken vor nichts zurück. Aber da Bären, insbesondere Eisbären, stur, unbelehrbar und im Übrigen auch noch ziemlich mutig sind, konnte nichts und niemand Ersten von Vier daran hindern, zu all den seltsamen Stelzenwesen hinunterzugehen.
Und so steht er da, verloren, doch sein Lächeln, geprägt von einer breiten Zahnlücke, strahlt inmitten des Chaos, das er selbst verursacht hat. Der Bär, sich der Blicke der Menschen bewusst, öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch bevor er auch nur ein einziges Wort herausbringt, springen die kleinen zarten Wesen wie auf ein unsichtbares Zeichen auf und stürmen, holterdipolter, aus dem Raum hinaus. Ihre Hände wirbeln lustig in der Luft herum, während sie den Flur entlang zum Hinterausgang fliehen.
Der Hund scheint bereits in seinen späteren Jahren zu sein. Seine Bewegungen sind träge, und es wird dem Bären deutlich, dass der arme Hund nur mehr drei Beine hat. Mit einem hinkenden Gang, der sowohl seine Beharrlichkeit als auch seine Verletzlichkeit offenbart, folgt er den Menschen so schnell es ihm eben möglich ist. Was nicht sehr schnell ist, wie der Bär mitleidig zugeben muss. So humpelt der Hund den Gang entlang, winselt und zieht sicherheitshalber den Schwanz ein. Dann ist auch der Hund draußen, und die Tür knallt zu: „Rumms!“
Der Bär bringt vor Erstaunen kaum fertig, seinen Mund zu schließen. »Oh oh!« Wie seine Mama immer zu sagen pflegte: »Klapp deinen Mund zu, es riecht gehörig nach Ärger.«
Die Stühle und eine Kommode sind umgekippt. Geschirr, Gläser und Bilder liegen zerbrochen auf dem Boden verstreut. Er betrachtet den schönen, glänzenden Fußboden, den er mit seinen scharfen Krallen zerkratzt hat. Dann wendet er seinen Blick zur sperrigen Eingangstür, die zerfetzt im Rahmen hängt, und seufzt bedauernd: »Ach – oh je mine, ach – oh je mine.«
Der Raum, eben noch voller Stimmen, voller Wärme, liegt nun leer vor dem Bären. Nur das leise Tropfen von etwas, das zu Bruch gegangen ist, durchbricht die Stille. Der Kasten der bis eben noch in der Ecke stand liegt am Boden und macht keinen Mucks mehr.
Der Bär blickt ungläubig auf seine Pranken, die so einfach und leicht so viel Zerstörung angerichtet haben, obwohl sie doch nur vorsichtig sein wollten.
Traurig lässt sich der schwere Bär in einer Ecke nieder, seine Schultern hängen tief hinab. Die Wärme, die er zuvor gespürt hatte, ist verschwunden, ersetzt durch eine schneidende Kälte, die so gar nichts mit der üblichen Arktiskälte zu tun hat.
Erster von Vier ist ja noch ein junger Bär – gerade mal dreieinhalb Jahre alt.Der Bär denkt an früher – an die Zeit, als er noch Brüder hatte, die ständig versucht hatten, ihn als den Älteren in ihren Raufereien zu besiegen, an eine Mutter, die ihn zwar oft, aber liebevoll zurechtwies, wenn er drauf und dran war, etwas falsch zu machen, und an ein Zuhause, das gemütlich war und sich so sicher anfühlte. Damals, ach damals ... der Bär seufzt tief in sich hinein. Damals, bevor die Einsamkeit begann.
Ach, wäre doch alles wieder so wie früher. Früher … ja, früher.
Während der Bär also in seiner Traurigkeit versinkt, bemerkt er nicht, wie sich die hintere Tür einen Spalt breit öffnet und, untermalt von heroischem Gekläffe, der dreibeinige Hund wieder in den Raum herein humpelt. Der Hund hat sich erstaunlich gut erholt und hüpft selbstbewusst auf seinen drei Beinen den Gang hinunter. Er lässt sich kaum von dem Anblick der vermeintlichen Bestie beeindrucken.
Der Hund, dessen Nackenhaare sich leicht aufstellen, schaut sich um. Mit einem selbstbewussten Schütteln mustert er das verwüstete Zimmer, sein Blick ist von Erstaunen geprägt.
Eine Impertinenz nie geglaubten Ausmaßes, denkt er.
Und um mal gleich zu zeigen, wer nun wieder das Sagen im Haus hat, äußert er empört: „Ja zum Donnerwetter, was fällt dir denn ein?“
Insgeheim freut er sich dann doch ein wenig, dass man dieses Durcheinander diesmal nicht ihm anhängen kann.
Der Bär hebt kurz den Kopf und macht ein leises und äußerst zaghaftes „Rooaarr!“.Der Hund, von dem lächerlichen Grollen vollkommen unbeeindruckt, entgegnet: „Ach, halt die Klappe!“ Woraufhin der Bär, völlig perplex, durch die Nase schnaubt und empört „Also –“ sagt.
Keinesfalls hat der Bär erwartet, dass der Hund so selbstbewusst und derart unhöflich reagieren würde. Sein Blick wandert unsicher durch den Raum, während er versucht, seine Gedanken zu ordnen. „Man muss doch nicht gleich gemein werden. Was ist nur los mit diesem Hund?“, flüstert er, um sich selbst zu beruhigen.
Natürlich hat der Hund keine Angst. Oder na ja, wenn er sie hat, so ist es nicht sein Bestreben, sie zu zeigen.Und – es ist zu erwähnen, wie gekränkt sich der dreibeinige Hund jetzt fühlt. Denn ohne Rückendeckung haben seine Menschen ihn in die Fänge des Ungeheuers geworfen. Ich bin doch nicht ganz plemplem, denkt er und schaut dabei nicht den Bären an, sondern starrt irgendwo auf einen unsichtbaren Punkt an der Wand. Fassungslos schüttelt er den Kopf. Na, schöne Familie! Die würden, wenn es hart auf hart käme, das, was von mir übrig bliebe, glatt an eine Dosenfabrik verkaufen. Guten Appetit dann mal. Wirklich – eine schöne Familie ist das! Laut und betont, dabei direkt in Richtung des Bären, sagt er: „Ich hoffe, du hast nicht vor, hier noch mehr Dummheiten anzustellen. Wenn ich mir das hier so anschaue, dann wird das sowieso noch ein richtig übler Tag.“ Als Ausdruck seiner Entrüstung schüttelt der Hund dabei heftig den Kopf und murmelt halblaut, mehr zu sich selbst als zum Bären: „Und dabei dachte ich immer, ihr Bären wärt intelligente Tiere. Wenn ich dich und dieses Durcheinander hier so sehe, kommen mir da allerdings ernste Zweifel.“
Ärgerlich und argwöhnisch humpelt der Hund dabei auf seinen drei Beinen zweimal um den Esstisch herum. Immer wieder hebt er die Nase, schnuppert aufmerksam und prüft die Luft. „Alles noch da“, raunzt er zufrieden. Wie es aussieht, ist der Bär also nicht wegen des Essens hier reingestolpert.
Ehrlich gesagt, hätte der Hund nichts dagegen, wenn dieser Bär jetzt einfach still und leise wieder dorthin verschwinden würde, wo er hergekommen ist. Wenn es eines gibt, was der Hund partout nicht ausstehen kann, dann sind es Probleme. Und hier im Raum – da riecht es förmlich nach Problemen. Ja, richtig mächtige Probleme, denkt er. Der dumme Kerl da in der Ecke – und ich, der Kleinste von allen in dieser verrückten Familie, soll es jetzt ausbaden. Um dieser gefühllosen, mitleidlosen Verräter-Familie da draußen zu zeigen, wie ernst er – trotz allem – seine Rolle als Beschützer des Hauses nimmt, knurrt und fletscht er einmal kräftig die Zähne. Es knirscht dabei so unangenehm, dass es selbst uns beim Zuhören schon förmlich im Kiefer zieht. So laut, so schmerzhaft, dass die Zweibeiner da draußen in der Kälte es unmöglich überhören können. Wenn sie mich hier drinnen finden würden – mit aufgerissenem Bauch und halb abgerissenem Kopf. Und dann würde ich ihnen noch die Zunge rausstrecken. So richtig Bäh! Das habt ihr jetzt davon. Mich hier einfach allein zu lassen mit dieser Bestie! Na, dann schaut mal, wie ihr ohne mich klarkommt. Und wie sehr ihr mich noch vermissen werdet!
Währenddessen hat sich Erster von Vier noch tiefer in seine stille Ecke zurückgezogen. Er drückt sich fest an die Wand. Mit leiser, fast weinerlicher Stimme flüstert er: „Wie hätte ich auch nur ahnen können, dass diese lustig anzusehenden Stelzenwesen keine Bären in ihrer Höhle dulden? Jeder Bär träumt doch davon, hin und wieder einen freundlichen Besuch von einem anderen Bären zu bekommen. Man lacht, tauscht Geschichten aus, schiebt sich etwas Leckeres ins Maul, macht hier und da ein Häufchen – und lässt ansonsten die Seele baumeln. Was sollte denn schon dabei sein?“
Er senkt den Kopf.
„Wer hätte auch ahnen können, dass diese Art des vornehmen Besuchs bei diesen Stolzierwesen gar nicht gefragt ist?“
Einen Moment schweigen beide, und dann, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem, flüstert der Hund: „Keiner weiß bei diesen Fingermenschen je, warum sie tun, was sie tun. Ich hab längst aufgehört, darüber nachzudenken. Es ist einfach, wie es ist. Sie sind einfach, wie sie sind. Unergründlich. Grausam, ja. Aber – das darf man nicht verschweigen – manchmal auch ganz nett. Ja, ganz nett. Und manchmal sogar … lustig. Diese zweibeinigen Wesen, die immer nur Unheil wittern, sind nicht nur schlecht. Nicht nur.“
„Ach, ich hab einfach nicht darauf geachtet und nicht richtig überlegt“, sagt der Bär leise.
„Sieht wohl ganz danach aus …“, brummt der Hund.
„Wirklich nicht“, schluchzt der Bär.
„Na, na – “, sagt der Hund tröstend.
Erster von Vier schnieft, wischt sich mit der Tatze verlegen über die Ohren und stammelt: „Ich wollte doch niemandem etwas Böses …“
„Na ja ,es sah zumindest nicht so danach aus, als du hier herein …“
„Ach und Oh weh!“, unterbricht ihn der Bär hastig und völlig verzagt.
Der Hund bleibt unerbittlich: „Na schau dich doch nur mal um. Das hier ist kein Spaß, das ist bitterer Ernst! Was willst du überhaupt hier drinnen? Wenn du wenigstens nur ein bisschen herumschnüffeln wolltest … aber das hier? Man kann doch nicht einfach in ein Menschenhaus hereinpoltern, die Leute zu Tode erschrecken und dabei gleich auch noch das halbe Haus zerschlagen!“Da spürt der Hund wie sehr seine Worte den Bären treffen, und fügt noch schnell hinzu: „Na ja … irgendwie und irgendwann werden alle hier darüber hinwegkommen …“
„Das war wirklich nicht mit Absicht“, schluchzt der Bär. „Dabei ... dabei wollte ich doch nur ein wenig plaudern.“
„Plaudern?“, fragt der Hund schon ein wenig verwirrt. „Nicht vielleicht doch ein bisschen plündern oder – schlimmer noch – morden?“
„Oh, ich bitte Sie!“, ruft der Bär empört und weist die Unterstellung heftigst zurück.
Der Hund schnaubt. „Na ja, nichts für ungut. Augenscheinlich bist du noch ein junger Bär. Mit den Gefahren und Untiefen des Lebens nicht so vertraut. Aber eines verspreche ich dir: So ein unbedachtes Eindringen in ein Fingermenschenhaus kann dich ganz schnell den Pelz kosten. Ich garantiere dir, wenn ein Fingermensch dich in die Kimme seines Gewehrs kriegt, dann knallt er dich ungeniert über den Haufen und legt dich vor seinem Bett auf den Fußboden – tot!“
Der Bär schaudert. „Fürchterlich!“, murmelt er, während ihn ein gewaltiges Zittern überkommt. „Lassen sich diese Stolzierwesen denn nicht irgendwie überzeugen?“
„Überzeugen? Von was denn bitte?“
„Na ja … sich vielleicht mit mir zu unterhalten?“, schlägt der Bär hoffnungsvoll vor.
Der Hund reißt die Augen auf. „Sag mal, hast du einen Dachschaden? Wozu ,glaubst du haben diese Fingermenschen ihre Finger – hauptsächlich dafür, um irgendwas abzuknallen. Warum, um Himmels willen, sollten sie sich also mit dir unterhalten? Uns streicheln sie, ja. Sie geben uns alberne Befehle, wollen, dass wir Stöckchen holen oder einem Ball hinterherlaufen. Da freuen sie sich wie die Zaunkönige – diese Fingermenschen. Trivialste Unterhaltung – darauf stehen sie!“
Einer plötzlichen Eingebung folgend blinzelt der Hund den Bären an. „Sag mal, kannst du tanzen?“
Der Bär runzelt die Stirn. „Hm … hab's noch nie probiert.“
„Also kein Tanzbär?“, fragt der Hund und schüttelt leicht den Kopf.
Der Bär schüttelt bedauernd und stumm den Kopf.
„Schade für dich – wäre außerordentlich hilfreich bei der ganzen Sache.“
Der Bär kratzt sich nachdenklich am Ohr. „Ich … ich könnt’s probieren …?“
„Du darfst keinesfalls erwarten, dass irgendjemand mit halbwegs klarem Kopf mit einem Bären redet“, knurrt der Hund. „So lebensmüde ist niemand. Sag mal – wie heißt du überhaupt?“
„Erster von Vier“, antwortet der Bär und beginnt, trotz allem, ein wenig zu strahlen. Seine Mama hatte ihm immer erklärt, dass der Austausch der Namen der erste Schritt zu einer besseren Verständigung sei.
„Erster von Vier?“ Der Hund verzieht das Gesicht. „Heißt das etwa, es gibt noch mindestens drei weitere von deiner Sorte, die hier irgendwo herumstromern?“
Der Bär schüttelt betrübt den Kopf. „Ach nein ... ich bin ganz allein. Keiner hat mich begleitet.“
„Dann bist du wohl weggelaufen? Kindsköpfe machen das ab und an.“
„Ich bin nicht fortgelaufen“, widerspricht der Bär leise. „Es hat mich auch niemand begleitet … keiner ist mehr da.“
Der Hund runzelt die Stirn. „Dein Vater wird doch wohl noch irgendwo draußen sein? Und deine Geschwister?“
Der Bär senkt den Blick. „Nein ... niemand.“
„Deine Mutter?“, fragt der Hund vorsichtig.
„Sie sind unten“, sagt der Bär tonlos.
Der Hund stellt die Ohren auf. „Unten? Was soll das bedeuten? Was meinst du mit ›unten‹? Wo unten?“
„Ich weiß es nicht“, seufzt der Bär. „Meine Mama sagte mir, meine Geschwister seien alle schon dort – und sie selbst würde bald folgen. Diese Welt, meinte sie, wäre nicht mehr dieselbe. ›Es ist das Eis‹, klagte sie immer wieder. ›Das Eis schwindet.‹ Und dann … ist sie einfach gegangen. Und hat mich zurückgelassen.“
Der Hund kratzt sich nachdenklich mit der Hinterpfote hinterm Ohr. „Hm … es sieht ganz so aus, als wäre deine Entscheidung, hierherzukommen, doch nicht so unüberlegt gewesen.“
„Glaubst du … diese Stolzierwesen könnten mir helfen?“
Der Hund schnaubt und verzieht das Maul. „Oh nein. Die Stolzierwesen – wie du sie nennst – sind für solche großen Aufgaben völlig ungeeignet. Sie haben zwar geschickte Finger, aber die meiste Zeit bohren sie damit in ihren Nasen herum. Aber gut… ich werde sehen, was ich für dich tun kann. Es sei denn …“
Der Bär blickt erschrocken auf. „– was denn?“
„Es sei denn, du suchst nur nach einer List, um uns alle aufzufressen.“
„Ach du liebes bisschen, so was würde ich niemals tun!“, ruft der Bär empört.
Obwohl der Hund von Natur aus ein überaus misstrauisches Tier ist, kann er keine Falschheit in den Augen des Bären entdecken. Also meint er schließlich: „Na gut … ich glaub’s dir.“
Der Bär nickt eifrig. „Ich würde niemals eines dieser schönen Stolzierwesen fressen.“ Der Bär kichert verlegen. „Sie sollten wissen – ich leide nie an Hunger. Ich bin ein unabhängiger Selbstversorger. Ich trage meinen Proviant immer bei mir.“
Der Hund macht große Augen, sperrt die Schnauze auf und zeigt dabei seine – nun ja – gepflegten Zähne. „Nicht dein Ernst!“, keucht er.
„Doch, doch, ganz sicher!“, sagt der Bär stolz, während die Worte wie bunte Schmetterlinge aus seinem Maul flattern. Und dann, mit einem breiten Grinsen: „Schaut nur – hier - meine Gurke!“ Der Bär schiebt seine schwere Tatze unter die Achselhöhle und zieht aus dem dichten Fell eine Gurke hervor. Sie ähnelt den Gurken, wie wir sie kennen, nur dass ihre Farbe ein dunkles, wenig appetitliches Grau angenommen hat.
Das wird ja immer besser, denkt sich der Hund und wäre dabei fast tollpatschig nach vorne auf seine Schnauze gefallen. Man darf nicht vergessen, dem Hund fehlt seit Langem das rechte Vorderbein – wie wir wissen, für den sicheren Stand im Leben eines Hundes nicht ganz unwichtig.
Der Bär, der von all dem nichts bemerkt, schmatzt nun genüsslich mit seinen wulstigen Lippen und meint völlig unbefangen: „Möchten Sie vielleicht probieren? Sorgfältig gepflegt, sind diese Gurken aus meinem Garten eine wahre Delikatesse.“
Der Hund, wer will es ihm verdenken, tut so, als hätte er die Frage nicht gehört. „An einer Gurke?“, fragt er dann doch und etwas steif. „Nein, danke, muss nicht sein. Um ehrlich zu sein … ich hab da etwas Verlockenderes im Auge. Oder besser gesagt – tief in der Nase.“
Der Bär, inzwischen in regelrecht gehobener Stimmung, hat keinen Sinn für feine Düfte und ahnt nichts von den wilden Gelüsten des Hundes. Auch der Sabber, der dem Hund seit einer Weile in zarten Fäden aus dem Maul tropft, entgeht ihm völlig.
„Na ja“, sagt der Hund dann versöhnlicher, „ich würd ja schon kosten, so ist es nicht. Aber da oben, über uns, schwebt ein Duft von köstlich gebratenem Fleisch durch die Luft – wie Seifenblasen schwebt er herum, der süße Duft, nur dass sie nicht platzen, sondern an der Seele kitzeln. Ach, man könnte glatt sein Herz dafür hergeben. Du bist größer als ich, also – schau doch mal da hoch auf den Tisch. Beschreib mir mal in bunten Bildern, was du da oben zwischen all dem menschlichen Trödel entdecken kannst.“
Der Bär blinzelt verständnislos. „Ich weiß nicht recht, was Sie meinen?“
„Na, dort droben!“, drängt der Hund. „Auf dem Tisch! Eingebettet zwischen all dem Krempel. Die Fingermenschen nutzen ihre Finger nicht nur zum Jagen, nein, sie zaubern damit wahre Köstlichkeiten aus ihren Beutetieren. Ich kann es zwar erschnüffeln, aber ich hätte es doch lieber aus erster Pfote erfahren – was findest du da oben an Essbarem?“
Tatsächlich ist der Geruchssinn des Hundes nicht mehr der beste, und in der Aufregung könnte er sich gut täuschen. Für ein schlichtes Butterbrot würde sich der ganze Aufwand kaum lohnen. Also drängt er den Bären weiter: „Na? Ich warte!“
Doch der Bär bleibt gelassen. „Ich brauch’s gar nicht zu sehen“, sagt er entspannt.
Der Bär schließt die Augen, hebt die Nase und schnuppert mit ausladender Geste in der Luft.
„Ich kann’s riechen“, verkündet er feierlich.
„Na dann raus mit der Sprache, du dummer Bär“, sagt der Hund und trampelt ungeduldig auf der Stelle. Die Aussicht auf das Festmahl dort oben lässt ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Der Bär, als hätte er gerade einen Zaubertrick vollbracht, schnippt ein paar Krümel aus seinem Fell. „Ich brauche es gar nicht zu sehen“, sagt er stolz. „Ich habe es schon draußen gerochen, auf dem Weg hierher.“
Der Hund verdreht die Augen. Er beherrscht sich. Erbärmlich, denkt er nur - diese Angeberei.
Der Bär fährt unbeirrt fort, mit leicht näselnder Stimme: „Es ist so etwas wie ein Mix-Max, ein zusammengenaudelter Fleischbalg mit allerlei duftenden Sachen, die ich nicht kenne. Gurken sind aber keine dabei.“
Er leckt sich die Lippen und schaut den Hund erwartungsvoll an, als ob er nun ein Lob ernten müsste.
„Was für eine Überraschung“, spottet der Hund trocken.
Er denkt nicht daran, dem Bären für seine „besondere Fähigkeit“ auch nur ein Fitzelchen Bewunderung zu schenken.
„In besseren Zeiten“, sagt er mit gespieltem Stolz, „hätte ich jede einzelne Zutat von da oben aus neunzehn Kilometern gegen den Wind erschnüffelt.“
„Natürlich“, nickt der Bär ehrfürchtig.
Der Hund schnuppert noch einmal, dann rümpft er die Nase. „Heutzutage reicht’s leider kaum vom Tisch bis hierher. Und um ehrlich zu sein ... deine Gurke – oder ist das dein Achselschweiß? – hängt hier herin wie eine dicke Nebelwolke.“
Er verzieht das Gesicht und wirft dem Bären einen spitzen Blick zu.
Der Bär, dessen Pupillen aussehen, als hätte er helles Milchglas vor den Augen, sinkt tiefer und tiefer in sich zusammen. Er habe also Achselgeruch?
„Ich ... rieche ich ... nach Achselschweiß?“, fragt er kleinlaut.
„Nun, nimm es nicht so schwer“, sagt der Hund und versucht schnell, die Wogen zu glätten. Nichts läge ihm ferner, als den Bären zu beleidigen. Ein wenig aufziehen vielleicht, aber verletzen möchte er ihn wirklich nicht.
„Na, nichts für ungut, vielleicht war ich ein wenig zu direkt. Wie du sicherlich bemerkt hast, bin ich kein Hund, der sich leicht unterordnet. Ich habe meinen Stolz und meine Würde – und ich erwarte dasselbe auch von anderen.“
Der Hund richtet sich zu seiner – nun ja – vollen Größe auf, die Brust geschwellt, das Näschen in die Luft gereckt.
„Wie du sicher bemerkt hast, bin ich kein Hund, der sich einfach unterordnet. Ich habe Stolz, Würde und einen Stammbaum, an dem nicht zu zweifeln ist! Ich bin ein waschechter weißhaariger deutscher Zwergspitz – aus bestem Hause und in direkter Linie vom alten Hochadel. Von und zu, mein Freund, von und zu!“
Der Hund schaut, als hätte er soeben eine königliche Urkunde verlesen.
Der Bär blinzelt nur. „Von und zu?“, wiederholt er unsicher, während seine Mundwinkel sachte nach unten wandern.
Er hat nicht den Hauch einer Ahnung, wovon der Hund da redet.
Und dann, zweifellos von seiner eigenen Wichtigkeit durchdrungen, streckt der Hund seinen weiß-grau struppig behaarten Rücken durch – eine Haltung, die nicht wenig schmerzhaft sein kann. Er reckt stolz die Schnauze gen Himmel und bellt laut, zackig und klar:
„Darf ich mich vorstellen? Wilhelm – Wilhelm von Wangenschmatz, deutscher Hochadel - natürlich! Wie jeder leicht erkennen kann, trage ich ein langes, dichtes Fell – und darunter einen festen Flaum, der mich zuverlässig gegen die Kälte schützt. In meinen jungen Jahren – das ist, zugegeben, schon eine Weile her – war ich bekannt für meine Agilität, Fröhlichkeit und meine Geselligkeit. Gegenüber Fremden blieb ich stets misstrauisch, was mich zu einem hervorragenden Wachhund macht.“
Sein Blick wird weich, fast wehmütig. „Ich verrate dir kein Geheimnis, wenn ich sage, dass ich traurig bin – auch wenn ich es nicht immer zeige. Damals, als ich noch ein Champion war, waren die anderen Hunde ... nun ja ... schwach, langsam, hässlich – und es fehlte ihnen an Pflichtbewusstsein. Aber das ist lange her. Das war in einer anderen Welt.“
Seine Stimme bekommt einen träumerischen Klang. „Die Wege waren weich, Vögel schwebten genüsslich im warmen Abendlicht, und die Sonne war kräftiger als hier – viel kräftiger. Kaum jemand kehrte vor der späten Nacht in seinen Bau zurück. Man genoss die zarte Wärme und den betörenden Duft all der Blüten, die der Wind durchs ganze Land trug.“
Der Hund seufzt leise.
„Ich hätte der glücklichste Hund sein müssen. Und doch – manchmal bleibt kaum Zeit zum Zwinkern, und alles ist vorbei. Wie bei meinem Partner, dem flitzenden Johann, einem zotteligen Setter mit Schlappohren, die fast den Boden kehrten. Beileibe nicht so schnell, wie er glaubte, und mit einer Vorliebe für Kinder, die seiner Rolle als Aufpasser nicht immer zuträglich war. Doch, wie der Tolpatsch immer sagte: ‚Man muss schon ordentlich was in den Tatzen haben, wenn man mit diesen stinkenden, dahinschnaubenden Whrooduts mithalten will.‘“
Wilhelm senkt den Kopf. „Der flitzende Johann war mein bester Freund. Gewiss nicht adelig wie ich, auch nicht sonderlich gebildet – aber wir ergänzten uns prächtig. Bis zu jenem Tag, an dem wir dachten, wir könnten es mit einem der hässlichsten Whrooduts aufnehmen, das uns je begegnet war. Wir wollten einfach lebendig sein, uns lebendig fühlen. Mut, vermischt mit Übermut, wurde unser Verhängnis.“
Der Hund schluckt schwer. „Wir rannten neben dem Whroodut her, jauchzten, japsten, unser Fell flatterten im kühlen Wind. Und dann machte der flitzende Johann einen schweren Fehler. In seinem grenzenlosen Übermut schnappte er mit den Zähnen nach einer dieser stinkenden Rollerpitschapf – du weißt schon, diese schwarzen Dinger, die so seltsam riechen und überall auf den Straßen diese dunkle, klebrige Masse liegen lassen, wenn sie – was sie sehr häufig tun – so richtig aufheulen.“
Wilhelms Stimme stockt. „Ich schrie noch, weil ich das Unglück kommen sah. Ich bellte, um ihn zu warnen, um das Whroodut auf uns aufmerksam zu machen. Aber es war schon zu spät. Der arme Johann wurde einfach überrollt. Plattgemacht, verstehst du? So mir nichts, dir nichts – von diesem verdammten Rollerpitschpatsch. Einfach über den Haufen gefahren.“
Der mitfühlende Bär schnieft, und seine Augen füllen sich mit Tränen. „Der arme flitzende Johann“, sagt er, sichtlich erschüttert.
Der mitfühlende Bär schnieft, und seine Augen füllen sich mit Tränen.„Der arme flitzende Johann“, sagt er, sichtlich erschüttert.
„Sicherlich fragst du dich jetzt, warum wir die so schöne Stadt Jeeedermaaan letztendlich verlassen mussten …“
„Jeeedermaaan?“, unterbricht der Bär leise.
„Ja, Jeeedermaaan! Die Stadt hieß eben so.“
„Komischer Name.“
„Na, gegen Abend, wenn es dunkel wurde, stand da ein Zweibeiner ganz oben auf unserer Burganlage und rief über die ganze Stadt: Jeeedermaaan!“
„Hm,warum denn?“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich, damit niemand vergisst, in welcher Stadt er sich gerade befindet. Diese Fingermenschen sind nun mal so – sie vergessen ständig irgendwas. Glaubst du, wie oft ich sie daran erinnern muss, meinen Futternapf zu füllen?“
„Das klingt … anstrengend.“
„So ist das. Aber was ich eigentlich sagen wollte – wenn du mich nicht dauernd unterbrechen würdest …“
„Entschludigung.“
„Schon gut. Also, worauf ich hinauswill: Es stellte sich die Frage, was wir überhaupt in dieser unwirtlichen Einöde hier verloren habe, hm?“
Der Bär nickt eifrig.
Wilhelm legt die Ohren an, seine Stimme wird leiser. "Menschliche Entscheidungen, mein Lieber. Irrungen und Wirrungen. Mehr musst du aber nicht wissen." Er schnaubt, richtet sich ein wenig auf und fährt fort: "Und nun, bevor du nun aber gleich auch noch versuchst herauszufinden, warum ich auf nur drei Beinen durchs Leben schreiten muss – ich erspare dir die Frage. Natürlich, ich war klüger als Johann – ich jagte keinen Whroodut mehr. Aber weißt du, hier wie dort in meiner alten Heimat müssten wir tagtäglich über diese vielen Straßen. Es gehörte einfach zum Alltag. Und in meiner damaligen Heimat – das kannst du dir kaum vorstellen – hielten alle diese lärmenden, dahin schnurrenden Whrooduts an, sobald einer von uns Aristokraten drauf und dran war, den Übergang zu wagen. Das war so Sitte. Pflicht! Der Adel war den Menschen heilig."
Der Hund schnaubt verächtlich und deutet mit der Schnauze nach oben. "Und hier? Hier interessiert es niemanden mehr, ob ein Wilhelm von Wangenschmatz über die Straße spaziert. Sie rasen einfach weiter. Und so ist es eben passiert. Gleich da drüben hat mich eins von der Straße gepustet wie ein welkes Blatt ... Nun, mittlerweile komme ich ganz gut zurecht. Mehr als das!" Wilhelm richtet sich stolz auf. "Und falls du möchtest – von und zu hin und her – du darfst mich Wilhelm nennen. Aber – und das sage ich dir mit Nachdruck – keinesfalls Willi! Das dulde ich nicht. Es reicht, wenn die geistlosen Zweibeiner sich dieser Entgleisung schuldig machen."
"Willi ist doch ein recht schöner Name", bemerkt der Bär einfühlsam, kaum in der Lage, sich vorzustellen, wie es sein muss, auf so schreckliche Weise einen Freund zu verlieren und dann auch noch zu allem Übel auf drei Beinen durchs Leben gehen zu müssen.
Wilhelm fletscht leicht die Zähne, sein Knurren klingt jedoch mehr nach Seufzen. "Ich habe dich gewarnt." Dann, etwas versöhnlicher: "Schon gut. Du meinst es ja nicht böse. Aber verstehe mich – ich bin kein Straßenköter. Ich bin ein europäischer Adelshund. Das darf man niemals vergessen."
Es folgt eine Stille.
Dann, ganz leise, sagt der Bär: "Du hast ein trauriges Leben, nicht wahr?"
Wilhelm blinzelt, schaut kurz weg, so als hätte ihn die Frage mehr getroffen, als er zugeben möchte. "Traurig?" Er schnaubt leise. "Nun, nicht wirklich. Nein. Eher ... unpassend für jemanden wie mich. Ohnehin führen Hunde bei weitem kein so ungebundenes Leben, wie ein Bär es tut. Ob hier oder dort, ob 'von und zu', mittlerweile sind Hunde nur noch die geliebten Begleiter der Menschen – ohne Selbstachtung und Durchsetzungsvermögen. Manchmal frage ich mich, warum wir uns selbst so aufgegeben haben. Sogar der Hochadel hat sich irgendwie und irgendwann selbst vergessen. Wir lassen zu, dass sie uns die Rute und die Ohren stutzen, uns kastrieren, unsere Nasen verformen, unsere kräftigen Körper auf dünne Beinchen setzen. Wir lassen uns in Körbchen und Käfigen einsperren, an Leinen und Halsbändern führen, mit Bällen und Stöcken ablenken. Wir lassen uns von ihnen dressieren, loben, bestrafen, füttern, streicheln. Wir lassen uns von ihnen alles nehmen, was uns ausmacht, was uns zu Hunden macht. Sie wollen, dass wir für sie arbeiten, dass wir sie bewachen und beschützen, dass wir ihre besten Freunde sind, ihre Kuscheltiere, dass wir sie bedingungslos lieben – egal, wie schrecklich sie uns behandeln. Das tun wir meistens auch – das ist unsere Natur. Wenn wir uns gegen ihre Misshandlungen zur Wehr setzen, vielleicht einmal leicht kratzen, dann reagieren sie aus Wut über unseren vermeintlichen Verrat, indem sie uns die Zähne aus dem Maul schlagen. Ihr Bären habt euch noch nicht vollständig aufgegeben, das ist lobenswert. Ich könnte dir schreckliche Dinge erzählen ... aber dafür bist du noch zu jung."
"Das ist entsetzlich!", ruft der Bär erschrocken aus. "Wie könnt ihr das aushalten?"
"Wir ertragen es, weil wir müssen," antwortet das Tier mit einem tiefen Seufzer.
Der Bär nickt, seine Augen glänzen mit neuem Verständnis und Entschlossenheit. "Könnt ihr nicht die Stärke eines Bären in euch finden?"
"Das ist die Einstellung", sagt der Hund mit einem mitleidigen Lächeln, das trotz der Umstände aufrichtig wirkt. "Wir haben keine Wahl. Wir sind an die Fingermenschen gebunden, genauso wie ihr an die Launen der Natur. Übrigens, es wird langsam Zeit, denen da draußen zu zeigen, dass wir nicht bei einem gemütlichen Kaffee-und-Honigkuchen-Plausch eingeschlafen sind."
Der Bär, der altersgemäß für solch schwierige Themen noch nicht so richtig zugänglich ist und dessen Gedanken verständlicherweise so sprunghaft sind wie eine zarte Gazelle beim Morgenausflug, kichert und meint: "Honigkuchen mag ich fast noch lieber als meine Gurke."
"So siehst du aus. Du Honigkuchenbär." Auch der Hund schmunzelt und findet es gar nicht mehr so schlimm, einen Bären in der Wohnung zu haben. Er denkt: Man könnte sich ja glatt noch an diesen Tölpel gewöhnen.
Der Bär schaut ihn hundemäßig treuherzig an und fragt: "Ja, was sollen wir denn machen?"
Der Hund seufzt und sagt: "Wir? Na, im Grunde habe ich ja nichts zu befürchten. Entweder eine Belohnung oder einen Tritt in den Hintern. Eines von beiden wird es wohl geben. Es hängt einfach davon ab ... aber eins ist klar – dir schießen sie auf jeden Fall in deinen Pelz. Du hast sie in ihrer Ehre verletzt ..."
"In ihrer Ehre? Nun, ich habe ihnen doch nichts getan! Also, nicht wirklich ... nur ein wenig was zerbrochen, und das auch nicht mit Absicht ..."
"Das ist ihnen egal. Wenn sie Hunger haben, machen sie dich kalt .Wenn du sie bedrohst oder in ihrem Revier herumstromerst, knallen sie dich über den Haufen. Und wenn nichts von alledem zutrifft – dann nennen sie es Sport, und du bist auch erledigt. Die Menschen sind glücklich, solange sie nur etwas abmurksen können.“
„Aber murksen sie auch Hunde ab?“, fragt der Bär.
„Wär mir nicht bekannt“, antwortet der Hund. „Auf Ehre und Gewissen – nur schwer zu finden bei diesen zweibeinigen Wesen. Man kann ihnen nur schwer trauen. Als Bär würden sie dich wie einen dahergelaufenen Strolch oder Menschenfresser behandeln. Warte nur ab, bald werden wir ein Krachen hören, und die Hintertür wird aufgehen … Bären sind einfach keine Schoßhündchen – das ist wohl bekannt in der Umgebung. Ich würde ja gerne etwas anderes behaupten, aber so etwas wie Liebenswürdigkeit bringen sie einem Kätzchen entgegen, aber sicherlich keinem mächtigen Bären.“
Dem Bären ist schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz wohl zumute. „Ich bin doch nur ein kleiner Bär, nicht ausgewachsen und kaum gefährlich.“
„Das ist ihnen egal“, sagt der Hund.
„Was soll ich denn jetzt tun?“
„Darüber denke ich gerade nach“, sagt der Hund mit geschäftsmäßiger Miene. „Wir haben allerdings nicht viele Optionen, das muss ich leider so sagen. Und wir verschwenden hier nur Zeit. Daher mein Vorschlag: Lass sie vorerst wissen, dass du noch hier im Haus bist und auch immer noch ziemlich grummelig.“
Der Bär brummt leise, aber mit tiefer Unzufriedenheit: „Mir geht’s nicht so gut … Kann ich nicht einfach wieder nach Hause gehen?“
„Ach, sind wir schon bei Befindlichkeiten?“, erwidert der Hund spöttisch. „Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Geh rüber und schau aus dem Fenster. Wir sollten wissen, was sie vorhaben. Erst polterst du hier rein wie ein Wirbelwind, bringst alles durcheinander, und jetzt, wo es ernst wird, willst du abhauen? Aber so einfach ist es leider nicht. Im Übrigen . Hast du vergessen, dass du ein wilder furchterzeugender Bär bist?“
Der Bär seufzt schwer, wuchtet sich mühsam hoch und trottet träge zum Fenster. Mit einem tiefen Ächzen kauert er sich hin, öffnet zögerlich das Maul und macht kläglich: „Brumm … brumm?“
Der Hund rollt genervt mit den Augen. „Oh, du liebe Hundetatze – du bist doch kein Kindergartenbär! Steh gefälligst auf, schau aus dem Fenster und sieh gefährlich aus! Sie sollen Respekt haben!“ Dabei zieht sich der Hund mit eleganter Anstrengung auf den Tisch, macht es sich dort bequem und stürzt sich ohne Skrupel aufs Essen.
Der Bär kratzt sich nachdenklich am Hintern. „Aber was, wenn ich grad keine Lust habe?“
Der Hund schmatzt und spricht mit vollem Maul: „Wer von uns beiden versteht mehr von dramatischen Auftritten? Also tu, was ich dir sage!“
Der Bär blinzelt überrascht über den herrischen Tonfall, dann seufzt er ergeben. „Na gut … dann guck ich halt.“
Langsam richtet er sich auf, bis sein zotteliger Kopf mit den traurigen, runden Augen über die Fensterkante ragt. Draußen, wenn die Menschen in seine Richtung blicken würden – was sie aber nicht tun –, könnten sie nur diesen weißen Schopf und seine trübsinnigen Augen sehen.
„Was siehst du?“, fragt der Hund gelangweilt, während er genüsslich weiterfrisst.
Der Bär kneift die Augen zusammen. „Ich sehe zwei große Stelzenwesen und zwei kleine, die wild mit den Armen wedeln und von einem Bein aufs andere hüpfen.“
Der Hund prustet los. „Famos, ganz famos!“ Schadenfreude blitzt in seinen Augen. „Sollen sie ruhig ein bisschen frieren!“
Plötzlich zuckt der Bär zusammen. „Huch!“
„Was denn?“, fragt der Hund, das Maul vollgestopft.
Der Bär flüstert erschrocken: „Sie hat mich angesehen …“
„Wer denn?“
„Eines der Stelzenwesen. Es hat mir direkt in die Augen geguckt“, flüstert der Bär.
„Welches?“
„Das Stelzenkind.“
„Das größere oder das kleinere?“
„Ein wenig größer als …“
„Ah … die mit den langen braunen Haaren?“ Der Hund verdreht dramatisch die Augen und seufzt. „Natürlich - Kastanienköpfchen.“
Der Bär wirkt beeindruckt. „Es hat gelfächelt! Hat mich direkt angeflächelt! Sag mal, find alle Stelzenwesen so fett und fhön?“
„Ach, halt die Klappe!“, faucht der Hund. „Dieses Biest – Kastanienköpfchen denkt, das hier ist nur ein harmloser Spaß. Na warte! Fletsch mal ordentlich die Zähne.“
Der Bär verzieht den Mund, offenbart eine beeindruckende Zahnlücke und nuschelt: „Ofay.“
„Und?“
„Sie … sie fommt fäher.“
„Was?“ Der Hund erstarrt. „Was redest du denn da? Schau mich mal an.“
Der Bär guckt treuherzig. „Iso fenn?“
Der Hund schüttelt fassungslos den Kopf. „Wenn du so weitermachst, hängst du schneller ausgestopft an der Wand, als du ‚piep‘ sagen kannst.“
„Fiep?“
Der Hund schnauft. „Sag mal … ist das deine normale Ausdrucksweise, wenn du so blöd grinst?“
„Ich fu doch fichts …“
„Ach du lieber Jolly!“ Der Hund schüttelt sich. „Wenn du so dümmlich strahlst, schmilzt ihr das Herz! Sie denkt, du bist ein fluffiger Teddybär!“
Der Bär reckt stolz die Nase. „Ich nag sie.“
Der Hund jault entsetzt auf. „Das ist doch furchtbar mit dir! Ein Bär – ein riesiger, mächtiger Eisbär – und du redest wie ein Baby. Bist du noch zu retten?“
Der Bär zuckt mit den Schultern.
„Das ist nicht lustig! Jetzt fletsch endlich die Zähne! Kastanienköpfchen verdient es nicht anders. Sie bindet mir Schleifchen ins Fell und lackiert meine Zehennägel – sie hat eine Abreibung verdient!“
Widerwillig hebt der Bär die Lefzen, zeigt seine Fangzähne und leckt sich mit der dicken, rosigen Zunge über die Nase – aber eigentlich nur zum Probieren. Kaum sieht er, wie das zarte Stelzenwesen erschrocken erstarrt, wird ihm das Herz so richtig schwer in der Brust.
„Oh nein … die Arme … ich glaube, ich sehe Tränen in ihren schönen Augen“, sagt er traurig.
Der Hund verdreht die Augen. „Was du immer siehst … nicht zu fassen. Aber schadet nichts.“ Er springt mit einem zufriedenen Seufzen vom Tisch. „Falls du Hunger hast, bedien dich. Ist noch genug da.“
Der Bär schüttelt den Kopf. „Ach nein … nicht mal meine Gurke mag ich jetzt noch. Das arme Stelzenkind …“
Der Hund leckt sich demonstrativ über die Schnauze. „Tja, mein Lieber, eine wertvolle Lektion fürs Leben: Bevor man eine große Entscheidung trifft oder etwas verändern will, sollte man bereit sein, Risiken einzugehen. Und vor allem – bereit sein zu lernen. Lernen ist nicht immer angenehm. Es gibt einfach zu viele unangenehme Dinge und unbequeme Wahrheiten auf dieser Welt…“
Von so vielen unschönen Tatsachen sollte der Hund dem Bären erzählen. Aber als er den Bären betrachtet, wie er so einem Häufchen Elend gleich unter dem Fenster kauert, und dabei in sein trauriges Gesicht blickt, zweifelt er. In den Augen erkennt er diese grenzenlos einsame Klage, eine Sehnsucht nach Familie, nach Nähe, nach einer Zukunft, die es vielleicht nicht gibt.
Der Hund schüttelt nachdenklich den Kopf. Darf er ihm wirklich sagen, dass seine Art vom Aussterben bedroht ist? Dass man sie immer noch jagt, weil Menschen ihre Felle für wertvoll halten? Dass der Klimawandel ihnen das überlebenswichtige Eis unter den Pfoten wegschmilzt?
Der Hund lebt lange genug in dieser frostigen Wildnis, um all das zu wissen. Jeder hier kennt die brutalen Gesetze der Eisbären: Dass sie Einzelgänger sind. Dass hungrige Männchen manchmal sogar ihre eigenen Jungen fressen, um die Weibchen wieder paarungsbereit zu machen. Dass selbst die Weibchen vor ihresgleichen nicht sicher sind.
Er müsste dem Bären das alles erklären. Er müsste ihm auch sagen, was „unten“ wirklich bedeutet. Der Hund räuspert sich, ruckt unruhig mit den Schultern und räuspert sich noch einmal.
Ja, es wäre logisch und richtig, dem Bären nichts vorzumachen. Keine Träume in den Kopf zu setzen.
Aber dann … dann sieht er ihn wieder an. Noch so jung. Noch so voller kindlicher Hoffnung. Und was könnte man einem jungen Bären in so einer trostlosen Welt schon bieten – außer Träume?
Der Hund bleibt eine Weile ganz still. Es scheint, als lausche er seiner eigenen Überlegung, bis er zu einem Entschluss kommt: Die Vernunft hat hier nichts zu suchen.
Plötzlich hebt er energisch den Kopf und sagt laut und deutlich in die Stille hinein: „Nach Windsor.“
„Wa-as?“ Der Bär blinzelt verwirrt.
Der Hund nickt mit ernster Miene. „Wie es aussieht, drängt sich mir gerade ein Gedanke auf. Du solltest nach Windsor reisen.“
Der Bär hebt den Kopf. In seinem Gesicht regt sich vorsichtige Begeisterung. „Nach … Insor?“
„Mit all deinen Problemen wärst du nirgendwo besser aufgehoben als dort!“, sagt der Hund mit Nachdruck und beobachtet aus den Augenwinkeln genau, wie diese Worte beim Bären ankommen.
Der Bär blinzelt, sein Blick wird verträumt. „Insor …“
„Windsor“, korrigiert der Hund.
„Oh ja … Insor! Das klingt funderbar.“
Der Hund seufzt und verdreht die Augen. „Na gut. Sag’s, wie du willst. Insor, Windsor … Mir soll’s recht sein.“ Dann hebt er eine Braue. „Aber sag mal – trinkst du überhaupt gerne Tee?“
„Ja, warum denn nicht?“, antwortet der Bär und richtet sich ein wenig auf. Fast beleidigt setzt er hinzu: „Hin und wieder trinke ich liebend gern ein Tröpfchen Fee.“
Der Hund zieht eine Augenbraue hoch. Es ist offensichtlich, dass der Bär noch nie in seinem Leben Tee getrunken hat.
„Ah so“, murmelt er trocken. „Aus sicherer Quelle weiß ich jedenfalls, dass du nicht der erste Bär bist, der den Mut aufbringt, Kontakt mit einem Zweibeiner aufzunehmen. Wenn ich mich aber recht erinnere, war es kein Eisbär, sondern ein Braunbär.“
Der Bär spitzt neugierig die Ohren. „Ein Brauner?“
„Ganz recht. Ein äußerst stilvoller, fast aristokratisch wirkender Brauner – mit einem markanten roten Hut und einem langen, eleganten blauen Mantel.“
Der Bär runzelt skeptisch die Stirn, als er sich das Bild vor seinem inneren Auge ausmalt.
„Und du meinst, dieses Stelzenwesen würde auch einen Weißen empfangen? Ohne in Panik davonzulaufen?“
Der Hund winkt erhaben mit der einen Pfote ab. „Na, dieses Stelzenwesen, wie du sagst, hat vor gar nichts Angst. Schon gar nicht vor einem – na ja, ganz annehmbaren Weißen.“
„Dankeschlön.“
„Na, nichts zu danken.“
Der Bär überlegt einen Moment. „Und worüber haben die beiden gesprochen?“
Der Hund zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es ging wohl irgendwie um Tee, ein Sandwich und eine Handtasche …“
Der Bär räuspert sich und schüttelt den Kopf. „Tja, so was kommt eben dabei raus, wenn man sich mit einem Braunen verabredet. Ungemein originell – Tee, ein Sandwich und eine Handtasche. Ich will mich ja nicht in die Nesseln setzen, aber geistig sind wir den Braunen doch um einiges überlegen.“
„Kein Brauner anwesend, der das bestreiten könnte“, gibt der Hund amüsiert zurück.
„Na, ich würd’s drauf ankommen lassen“, sagt der Bär selbstbewusst.
Der Hund räuspert sich gespielt vornehm. „Kein Grund, sich aufzublasen. Er war eben nur der Erste. Man muss sich nicht schämen, Zweiter zu sein. Der hochgestellten Persönlichkeit wird’s egal sein …“
Der Bär blinzelt. „Hochgestlete Persö…?“
„Na, die Königin, du Dummkopf.“
„Königin? … Von was?“
Der Hund japst ungläubig. „Von Windsor natürlich! Mich laust der Affe, du kennst die Königin von Windsor nicht?“
Der Bär überlegt angestrengt. Dann hellt sich sein Gesicht auf. „Ich kenne den Präsidenten der Welt! Na ja … zumindest vom Gesicht her.“
Der Hund schnaubt. „Und was hast du davon? Der Präsident würde dich im Leben nicht zum Tee einladen.“
Der Bär blinzelt. „Warum denn nicht? Mag er keinen Tee?“
„Er trinkt lieber Whiskey, und ob er auf Bären so gut zu sprechen ist, kann ich nicht sagen. Ich würde es nicht gerne drauf ankommen lassen. Als Präsident der Welt hat man nicht so viel Zeit zum Tee trinken – oder zum Whiskey schlürfen. Oder Zeit, um sich mit einem tolpatschigen Eisbären auf ein Pläuschchen zu treffen. Er hat genug damit zu tun, um auf der Welt für Ordnung zu sorgen.“
„Hat er da Spaß dran, der Präsident?“
„Spaß? Ein Präsident der Welt braucht keinen Spaß haben. Genau so wie er nicht liebenswürdig sein muss. Er muss wissen, wo es lang geht…“
„Und? Weiß er, wo es lang geht?“
„Keine Ahnung. Er wird’s wohl wissen.“
„Und die Königin von Insor, weiß sie, wo es lang geht?“
„Sie hat mit einem Bären Tee getrunken, was glaubst du wohl…?“
„Ja, sie weiß, wo es lang geht, ohne Zweifel“, sagt der Bär voller Vorfreude und Erleichterung. „Wie komme ich denn nach diesem Insor zu dieser bärenfreundlichen Königin?“, fragt Erster von vier, und der Hund antwortet, ohne zu zögern: „Na, mit dem Bus natürlich, wie denn wohl sonst?“
Der Bär verzieht erstaunt sein Maul zu einem unendlich breiten Lächeln und fragt: „Nit den Dus?“
„Was?“, fragt der Hund, der glaubt, nicht recht gehört zu haben.
„Na, nit den Dus! Ich wollte schon immer mal nit den Dus reisen.“
„Sag mal … ich verstehe kein Wort.“
„Enschludigung.“
„Na, schon gut, solange du nur Spaß hast.“
Der Bär lächelt jetzt ein wenig weniger selig und nuckelt aufgeregt an seiner Gurke herum. „Wann geht der denn los, der Dus?“, fragt er.
„Na, immer langsam mit den jungen Pferden. Ein bisschen müssen wir noch an dir arbeiten. Für so ein Abenteuer muss ich dich schon noch etwas vorbereiten.“
„Vorbereiten?“
„Na, was denkst du wohl? Meinst du, der Busfahrer lässt so einfach und mir nichts dir nichts einen Eisbären bei sich einsteigen?“
„Tut er nicht?“
Der Hund erhebt sich, springt mit einer bemerkenswerten Geschicklichkeit seiner drei Beine auf eine niedrige Bank und verkündet: „Dies erfordert ein gewisses Maß an Finesse in der Planung.“
„Oh weh“, seufzt der Bär, „bei der Planung war ich als Erster aber immer nur der Vierte.“
„Warum nur kann ich das nicht bezweifeln“, erwidert der Hund mit trockenem Unterton.
„Verflixt nochmal…“, murmelt der Bär enttäuscht.
„Du sagst es, mein Freund, du sagst es. Aber mach dir keinen dicken Kopf, so schlau, dass wir sie nicht überlisten könnten, sind diese Menschen nicht. Weißt du? – Unsere Augen machen’s aus...“ Der Hund setzt seinen treuherzigsten Blick auf, wirft ihn dem Bären zu und meint: „Nicht übel, was?“
Der Bär grient und sagt: »Nacht nas her.“
„Da könnte man jetzt noch ein leises Winseln darunter setzen und dem Menschen sanft über die Hand lecken. Was glaubst du, wie viele Herzen ich damit zum Schmelzen bringe? Das kriegst du so natürlich nicht hin, das kann nur ein Hund vom alten Adel wie ich einer bin. Ein Bär sollte besser keine Handrücken lecken. Für dich habe ich eine bessere Taktik. Der andere hatte einen Hut, diese Taktik müssen wir beibehalten, das war ganz clever von ihm - für einen Braunen meine ich jetzt.«
»Na ja, so toll…«
„Pass auf. Siehst du den Hut da drüben? Ein Mensch von Welt muss immer einen Hut tragen. Nur Menschen mit Hut dürfen andere belehren, Befehle erteilen und egozentrisch sein. Ein Polizist kann privat ein netter Kerl sein, aber sobald er seinen Hut aufsetzt, solltest du lieber in Deckung gehen.“
Der Bär schnuppert nervös an seiner Gurke. Dann sagt er trotzig: „Ach, ich weiß nicht so recht. Ich denke … also, wie soll ich sagen … ich bin einfach nicht der Typ für – mit Hut.“
„Oh, ich verstehe schon! Der feine Herr hat wieder Befindlichkeiten!“, spottet der Hund. Doch dann fügt er, versöhnlicher, hinzu: „Aber sieh es doch mal so: So ein Hut ist ein feines Ding und steht eigentlich jedem – es kommt nur darauf an, wie man ihn trägt. Du bist ein mächtiger, respekteinflößender Bär! Ein Hut würde dir ausgezeichnet zu Gesicht stehen.“
Der Hund mustert ihn prüfend. „Natürlich musst du auf zwei Beinen stehen, so wie diese Stelzenwesen. Aber das schaffst du mit links! Und ganz wichtig: Deine Ohren müssen unter dem Hut verschwinden. Menschen haben nicht so schöne Ohren wie wir.“
Der Bär dreht den Hut skeptisch in den Pranken, dann setzt er ihn sich vorsichtig auf den Kopf. Schwerfällig erhebt er sich auf seine Hinterbeine und schwankt dabei leicht. „Aber … bin ich denn auch gezwungen, mit dem Busfahrer zu plaudern?“ fragt er unsicher.
„Warum?“
„Ich hab’s nicht so mit Reden“, gesteht der Bär und rückt unsicher an seinem Hut.
Der Hund seufzt theatralisch. „Nun, das könnte tatsächlich ein Problem sein. Diese Fingermenschen reden einfach ununterbrochen! Sie reden und reden – und sagen dabei meist herzlich wenig. Nur leeres Geplapper.“
Er hält kurz inne, dann blitzt es in seinen Augen auf. „Aber weißt du was? Ich habe die Lösung! Sieh mal dort aufs Sofa – siehst du dieses kleine Gerät? Die Menschen nennen es iPhone. Ich nenne es Quackfrosch, weil es nur schrille und nervige Geräusche von sich gibt. Sie sind süchtig nach diesem Ding. Sobald es vibriert, müssen sie es in die Hände bekommen, sonst werden sie ganz nervös. Und es vibriert ständig. Das kann ich dir versichern.“
Der Hund grinst. „Also, hier ist der Trick: Du nimmst es an dich. Und wenn dich unterwegs jemand anspricht – zum Beispiel im Bus –, hältst du dir den Quackfrosch ganz nah vors Gesicht und tust so, als wärst du in ein höchst wichtiges Gespräch verwickelt. Und dann, so mürrisch wie du kannst, sagst du laut und deutlich: ‚Grummel grummel!‘“
Der Bär nickt eifrig. „Frummel frummel!“
„Grummel grummel – du Dummkopf!“
„Entschludigung.“
„Menschenwesen sind sehr sensibel. Wenn sie etwas nicht verstehen, fragen sie immer nach. Also bloß nicht herausfordern.“
„Grummel grummel“, macht der Bär.
„Genau so! Ein Hauch von Wichtigkeit, und die Fingermenschen sind völlig abgelenkt.“ Der Hund nickt anerkennend.
Der Bär schnaubt leise. „Ich frage mich, was wohl aus dem reizenden Stelzenkind geworden ist, das ich so erschreckt habe.“ Verträumt blickt er aus dem Fenster. „Würdest du dich in meinem Namen bei ihr entschludigen?“
„Ja, geht’s noch?“ Der Hund sträubt empört das Nackenfell. „Ich spreche doch nicht mit Menschenwesen! Es reicht schon, wenn ich ihnen zuhören muss.“
„Tust du das nicht?“
„Wo kämen wir denn da hin? Aber du kannst es halten, wie du willst – wenn du dir davon etwas erhoffst.“ Der Hund betrachtet den Bären von der Seite. „Wobei, ich muss sagen, mit dem Hut … fast könnte man dich für einen von ihnen halten.“
„Wirklich?“ Wenn ein Bär erröten könnte, dann würde Erster von vier jetzt leuchten wie eine Ampel.
„Da gebe ich dir die Pfote drauf.“
Bevor der Bär nachfragen kann, was das bedeutet, drängt der Hund zur Eile. „Mach jetzt voran. So menschlich siehst du auch nicht aus, und es ist nicht unbedingt klug, länger als nötig zu verweilen, nachdem du deren Wohnung verwüstet hast. Wenn die erst mal mit ihren knallenden Stöcken hier hereinkommen, ist es um dich geschehen.“
„Oh weh!“
„Tja.“
„Na dann …“ Der Bär schluckt schwer. Seine Knie zittern.
„Na dann …“ Der Hund schüttelt den Kopf.
„… mach ich mich mal auf den Weg.“
Mit schiefem Blick, den Hut fest auf dem Kopf und den Quackfrosch an die Schnauze gedrückt, späht der Bär durch die zersplitterte Tür.
„Siehst du was?“, fragt der Hund.
„Nichts. Nur das Übliche. Bäume. Die Straße, über die ich gekommen bin.“
„Keine Menschenwesen? Kein Auto?“
„Nichts.“
„Glück gehabt. Sie sind alle auf der Rückseite des Hauses. Also los, jetzt oder nie. Folge der Straße ein Stück, dort vorne, zwischen den Bäumen, bei der kleinen Holzhütte – das ist die Bushaltestelle.“
Der Bär erhebt sich schwerfällig aus der Hocke. Seine Knie knacken bedenklich – viel zu selten steht er auf zwei Beinen. In voller Größe ragt er fast bis zum oberen Türrahmen. Der Hut ist leicht verrutscht, aber sein Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt – kein Lächeln, nur diese ernste Entschlossenheit in den Augen.
„Ich komme mal wieder zu Besuch vorbei.“
Der Hund schnaubt. „Tja, wirst du wohl.“
Er rechnet aber nicht damit. Ganz und gar nicht. Wahrscheinlich wird sich diese absurde Geschichte bald von selbst auflösen. Der Bär würde sich in seine Höhle zurückziehen, ein bisschen schmollen, dann die Menschenwelt vergessen. So ist es nun mal.
Der Hund hebt den Kopf. Seine Welt ist die der Fingermenschen. Die des Bären ist die Einsamkeit. Und die Kälte. In jeder Hinsicht.
Der Hund lässt sich erschöpft auf den Boden sinken und streckt alle drei Pfoten von sich. Nach all der Aufregung, so findet er, hat er sich eine Pause verdient.
Allerdings, wenn er so darüber nachdenkt – lange wird die Ruhe nicht währen. Bald wird das Chaos erst richtig losbrechen. Sobald seine Familie zurückkommt und ihre Stöcke mit dem Tod darin zur Hand nimmt, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Wahrscheinlich, denkt der Hund missmutig, würden sie ihn dann auch noch als dummen Schnüffelhund benutzen. „Na los, such den Bären, wo hat sich die Bestie versteckt?“
Da fällt ihm plötzlich etwas ein.
„Halt, halt!“, ruft er hastig. „Ich hab noch was vergessen! Die Etikette! Ohne die richtige Etikette kannst du nicht einfach vor einer Königin erscheinen!“
Der Bär bleibt abrupt stehen. „Etikette?“
„Aber natürlich! Sie ist immerhin eine Königin. Da gibt es Regeln und Vorschriften, so ist es nun mal.“ Der Hund hebt würdevoll die Schnauze. „Zum Beispiel begrüßen sich ihre Untertanen – also der feine alte Adel, so wie ich natürlich – mit einem vornehmen ‘How do you do’. Das gemeine Volk mag das seltsam finden, aber Adel ist nun mal Adel. Und jetzt kommt das Wichtigste: die Königin selbst! Du siehst aus wie ein Gespenst, ich sag’s ja nur … aber sie wird dich nicht gleich fressen, wenn du einen kleinen Fehler machst. Trotzdem solltest du die Grundregeln kennen. Also, wenn du sie begrüßt, dann mit einem eleganten Knicks in den Kniekehlen und den Worten: ‘Your Royal Highness’.”
Der Bär schluckt. Seine Ohren zucken nervös. „Das klingt ganz schön schwer …“
„Quatsch, das ist kinderleicht!“ Der Hund wedelt ungeduldig mit der Rute. „‘How do you do’, ‘Your Royal Highness’, und... Knicks nicht vergessen – fertig.“
„How do you do … Your Royal Highness … und Knicks nicht vergessen - fertig …“ haucht der Bär kaum hörbar.
„Genau!“
Der Bär zieht den Hut ein Stück tiefer ins Gesicht und macht sich langsam auf den Weg.
Der Hund beobachtet ihn. Wie er wackelig auf seinen Hinterbeinen die Straße entlangtorkelt, den Hut mit einer zittrigen Pranke in den Nacken schiebt, dabei nervös den Kopf hin und her wirft – ständig auf der Suche nach drohender Gefahr. Die untergehende Sonne taucht sein weißgraues Fell in warmes Licht, und für einen kurzen Moment hat der Hund den fragwürdigen Eindruck, der Bär würde ein paar tänzelnde Schritte aufs Pflaster legen. Nicht zu glauben … denkt er schmunzelnd.
Dem Bären hingegen fällt ein Stein vom Herzen. Gleich hat er es geschafft. Nur noch ein kleines Stück, dann ist er am Ziel. Nur noch ein wenig warten – und schwupps, würde ihn der Bus nach Indsor bringen. How do you do … Your Royal Highness … murmelt er noch ein paar Mal vor sich hin.
Die Zusammenkunft, so stellt er sich vor, würde in einem prachtvollen Palast stattfinden. Einem wunderschönen, glänzenden … Eispalast!
Der Gedanke ist so überwältigend, dass ihm vor Aufregung ein pfeifender Ton aus dem Hinterteil entweicht.
Heiliger Strohsack, denkt er. Das wird ein Ding.
Doch in genau diesem Moment kommt ihm jemand entgegen.
Ein großes, bärtiges Stelzenwesen, in Fell eingepackt, mit klobigen Schuhen und schwerfälligem Schritt – so, als hätte es furchtbare Eile, käme aber nicht so recht vom Fleck.
„Ein Bär!“, ruft das Wesen aufgeregt. „Ein Bär! Haben Sie es auch gehört?!“
Der Bär erstarrt. Noch nie war er einem Stelzenwesen so nahe – so persönlich nahe.
Sein Magen zieht sich zusammen.
„W-waaaas denn?“, brummt er, völlig eingeschüchtert.
„Drüben bei den Österreichern! Drei unserer lieben Nachbarn hat diese Bestie zerfetzt – halb bis ganz aufgefressen!“
Erster von Vier runzelt die Stirn. „Ein Bär? Was denn für ein Bär?“, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu dem Fremden. „Ich kenne in dieser Gegend doch nur einen …?“
Und dann trifft es ihn wie ein Schlag.
Es fällt ihm schwer zu atmen. Seine Kehle ist wie zugeschnürt, die Worte, die er erwidern könnte, bleiben ihm im Hals stecken. So ist das also, denkt Erster von vier, dieses dumme Herumgeplärre, dass er Stelzenwesen in Gefahr gebracht habe. Ja, dass er sich gar der Versuchung hingegeben hätte, sie zu verschlingen!
Es macht ihn nicht nur wütend. Es macht ihn auch unsagbar traurig.
Mit feuchten Augen erinnert er sich an die Worte des Hundes. Also tut er, was ihm nahegelegt wurde: Er schiebt den Quackfrosch vor den Mund, ballt seine Pranken zu Fäusten und brummt laut und zornig:
„Grummel grummel!“
Das zappelige Stelzenwesen atmet heftig und schüttelt angesichts einer derartigen und offen gezeigten Kaltschnäuzigkeit den Kopf. „Na, Ihr Gemüt möchte ich haben! Ich hoffe für Sie, die Bestie läuft Ihnen nicht über den Weg“, sagt er und hüpft eifrig wie ein Astronaut auf dem Mond einfach weiter.
Der Bär, mit quälendem Schmerz der Enttäuschung in den Gliedern, setzt sich erst einmal auf das kleine Holzbänkchen in der Busstation. Es knarzt und quietscht ganz schön, als er seinen mächtigen Hintern darauf platziert. Traurig verfolgt er den Weg des Mannes. Er schnieft sanft und zieht seine Gurke aus der Achselhöhle. Wehmütig riecht und leckt er daran, leckt zart über die raue Schale. Niemals würde er jemandem wehtun – niemals! Das ist die Wahrheit, murmelt er.
Und doch erzählen sie diese grauenhaften Geschichten über ihn. Dazu haben sie kein Recht. Der Bär senkt den Blick, schließt sich in seinen Gedanken ein, schottet sich von der Welt ab.So bemerkt er auch nicht das zarte Mädchen, das sich ihm vorsichtig nähert – leichtfüßig, wie ein herabfallendes Blütenblatt. Ein hübsches, bleiches und bis oben hin fest eingepacktes Kind. Das Mädchen blickt den Bären freundlich und aufmerksam an. Es lächelt scheu und schiebt mit der in einem dicken Fäustling steckenden Hand einige ihrer kastanienbraunen Locken, die keck aus der Fellhaube hervorlugen, aus der Stirn. „Bist du etwa traurig?“, fragt es leise den Bären.
„Traurig?“, brummt Erster von Vier mit dunklem Blick in die Ferne. Der hüpfende Mann war inzwischen irgendwohin verschwunden. So richtig ist er sich der Anwesenheit des Mädchens noch nicht bewusst. Immer muss was Neues dazukommen, denkt er und sagt schroff: „Ich will nicht reden, nicht erklären und auch nicht zuhören. In dieser rücksichtslosen Welt will ich nicht mehr sein.“
„Ach, sag bloß, du bist traurig und wütend? Warum bist du denn wütend? Wir hatten doch Spaß da vorhin, hatten wir doch, oder etwa nicht? Aber weißt du, manchmal bin ich auch ganz schön wütend – irgendwelche komischen ungerechten Momente machen mich oft wütend auf andere – auch auf mich selbst. Manchmal ist meine Mama ganz schön wütend auf mich – weil ich was Schlimmes gemacht habe. Na ja, nicht wirklich was ganz Schlimmes – nur eine kleine winzige Dummheit vielleicht, aber meine Mama kann auch ganz schön wütend auf Papa und meine jüngere Schwester sein – und auf Willi natürlich. Ich mag das nicht so gerne, wenn Mama wütend ist. Ich habe es überhaupt nicht gerne, wenn irgendjemand wütend ist. Vielleicht hast du ja tatsächlich ein bisschen Blödsinn gemacht, da hinten bei uns im Haus …“
Im Haus? Willi? Jetzt schiebt sich die schwere Wolke des Trübsinns bei Erster von Vier ein wenig zur Seite und gibt den verschwommenen Blick auf das Mädchen frei, das in geheimnisvollem, vergnügtem Ton sagt: „Ich weiß genau, wer du bist. Ich hab mir noch schnell was übergeworfen und bin dir gefolgt. Du bist er …“
„Er?“, murmelt der Bär verwirrt.
„Na, der Bär!“
„Der Bär? Wohl jener, der in ein Haus eingedrungen ist und drei dieser Stelzenwesen zu Tode gebracht hat!“
„Hm“, macht das Kind verwirrt und sagt: „Nein, von diesem Bären weiß ich nichts.“
»Na, dann weißt du, für ein Stelzenwesen, aber nur sehr wenig.«
»Ich weiß nur von einem Bären, der bei uns zu Hause alles kaputtgeschlagen und mich sagenhaft erschreckt hat, als er zum Fenster rausgeschaut hat - aber mir eigentlich, und trotz seines unbeherrschten Gebrülls, so weit ganz nett erschienen ist.«
»Nett?«, wiederholt Erster von vier und dreht sich zu dem Mädchen herum.
Da geht ihm ein Licht auf und beinahe rutscht ihm die Gurke aus der Tatze.
»Kastanienköpfchen?«,haucht er. Kurz davor, sich zu weiteren Worten hinreißen zu lassen, erinnert er sich aber an den gutgemeinten Ratschlag des Hundes, reißt sich zusammen und macht so griesgrämig wie es ihm nur möglich ist: »Ach, Grummel grummel!«
»Ach,Grummel grummel, was?«, fragt das Mädchen völlig baff. Ihre Verwunderung über diese rauen Manieren ist unübersehbar.
»Grummel grummel«, macht Erster von vier gedankenlos noch einmal.
»Grummel grummel, jetzt auch noch ohne 'ach'?- also wirklich? Das ist alles, was ein kluger Bär zu sagen hat?«
Daraufhin legt der Bär eine Tatze vor den Mund und brummelt mit einer leisen und belegten Stimme: »Schudligung.«
»Na, schon gut, du kleiner Murmler. Das ist der richtige Anfang für ein Gespräch zwischen zwei vernünftigen Wesen«, erwidert das Mädchen. Sie lächelt und nickt zustimmend. Ihre Augen leuchten vor Freude. Sie zieht einen Fellfäustling aus, hebt belustigt ihre linke Hand hoch und bläst auf ihre farbenfrohen Fingernägel. »Gefällt dir die Farbe?«, fragt sie unbekümmert.
Der Bär, den sie zärtlich als “kleinen Murmler” bezeichnet, obwohl er sicherlich doppelt so groß wie sie selbst ist, antwortet mit bedachtsamer Zurückhaltung: »Sehr hübsch.« Heimlich bewundert er die leuchtend roten Nägel des Mädchens, bleibt jedoch fest entschlossen, seine Rolle nicht so leichtfertig aufzugeben. Zudem ist er immer noch ein wenig beleidigt.
»Möchtest du, dass ich dir deine Nägel auch so hübsch anmale?«, fragt das Mädchen, während weiße Atemwolken vor ihr her treiben. Der Bär schaut sie überrascht an, als ob er über ihre Frage nachdenkt. Es ist ein Moment der Stille, in dem die beiden Wesen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, eine Verbindung spüren.
»Grummel grummel«, macht der Bär - fast trotzig
„Magst du mich etwa nicht leiden?“ fragt das Mädchen unbeeindruckt. „Du hast uns vorhin ganz schön erschreckt – aber ein Bär kann doch nichts dafür, wenn er sich verhält, wie es seiner Natur entspricht. Ein Bär, der nicht ein wenig tapsig durch die Welt stapft, ist schließlich kein richtiger Bär, oder? So sehe ich das jedenfalls. Und weißt du was? Selbst wenn du mich nicht so richtig leiden kannst – ich mag dich trotzdem.“
Ihre Stimme klingt warm und so locker und leicht wie eine Seifenblase, » Jetzt, wo ich dich so von Nahem sehe … du bist ja noch ganz schön jung.“
Der Bär schnaubt leise.
„Ich gehe schon eine ganze Weile zur Schule,“ fährt sie fort und sagt es so, als wäre damit alles geklärt.
»Wie heißt du denn?«
»Erster von vier«, murmelt der Bär.
»Ach, was für ein außergewöhnlich schöner Name.« Das Mädchen lächelt freundlich und streckt dem Bären die Hand entgegen. Der Bär nimmt die Hand in seine Pranke und schüttelt sie sanft. »Mein Name ist Chiara Waxuan, aber liebenswerte Bären dürfen mich Chiara nennen. Waxuan ist mein zweiter Vorname und ich bin sieben Jahre alt, aber fast schon acht. Und wie mein Papa immer sagt, schon ziemlich gescheit für mein dummes Alter. Aber ich sage dir was, manchmal denke ich, mein Papa ist selbst nicht unbedingt der Hellste. Von Mädchen, die sieben, aber beinahe acht sind, versteht er nur sehr wenig - na eben, auch nur ein Mann.« Sie kichert verschmitzt und zwinkert dem Bären zu.
Für einen kurzen Moment schweigen die beiden. Dann sagt das Mädchen mit den zwei Vornamen: »Darf ich?«, und setzt sich - ohne erst eine Antwort abzuwarten neben den Bären auf die Bank.
„Du bist brav,“ sagt sie ermunternd. „Solange du nicht so albern herumbrüllst, macht es einem ja wirklich leicht, dich zu mögen.“
Der Bär räuspert sich verlegen. „Oh.“ Seine Stimme ist so leise, dass das Mädchen ihn kaum versteht.
„Musst du nicht nach Hause?“ fragt Chiara.
Der Bär antwortet nicht.
„Bleib ruhig hier, mein kleiner Murmler.“ Sie lächelt ihn an. „Ich bleib auch noch ein bisschen. Zu Hause wartet etwas, das ich mir überhaupt nicht anschauen will …“
Sie zieht eine Grimasse, schüttelt den Kopf.
Sie weiß, dass ihre Mutter heute besonders schlechte Laune haben wird.
Nach einer Weile fragt sie: „Wo willst du denn jetzt nur hin?“
„Nach Insor.“ Der Bär murmelt es so leise, als wäre es ein Geheimnis.
„Nach Insor?“ Chiara runzelt die Stirn. „Das ist aber ganz schön gefährlich.“
Der Bär nickt schüchtern. „Weiß ich.“
„Na, so etwas Gefährliches würde mir im Traum nicht einfallen! Und wie kommst du dorthin – nach diesem Insor?“
Die Frage trifft einen Punkt in ihm. Erster von Vier spürt, wie sein Selbstbewusstsein einen kleinen Schubs bekommt.
Ganz aufgeregt platzt es aus ihm heraus: „Nit den Dus!“
Chiara zieht verwundert die Augenbrauen hoch. „Was?“
„Ich fahr nit den Dus!“ wiederholt der Bär entschlossen.
Chiara kichert. „Also du bist mir ja einer.“
Eine Weile sitzen die beiden schweigend nebeneinander.
Erster von Vier verspürt das dringende Bedürfnis, seine Pranke um die Schultern dieses freundlichen Stelzenwesens zu legen, um es zu wärmen. Aber er traut sich nicht.
Schließlich fragt das Mädchen: „Warum möchtest du denn unbedingt nach diesem Insor reisen? Oder möchtest du nicht darüber sprechen?“
Der Bär seufzt tief. „Ach, ich bin durchaus bereit, darüber zu sprechen …“ Er zögert kurz, bevor er hinzufügt: „Aber ich weiß nicht, ob der vornehme Wilhelm von und zu das billigen würde.“
Chiara legt den Kopf schief und schaut ihn an. „Ach, so ist das also …" ,und kichert, "also von und zu? Aber keine Sorge. Wilhelm ist ein guter Hund. Ein echter Schlawiner, aber er wird verstehen, dass du deine Geschichte mit mir teilen möchtest.“
Der Bär atmet tief durch. „Der vornehme Wilhelm von und zu war der Ansicht, es gäbe auf dieser Welt nur ein einziges Menschenwesen, das bereit wäre, sich mit einem Bären zu unterhalten …“
»Ach wirklich?«, fragt Chiara, während sie den Bären von unten herauf ansieht. »Und wer könnte das sein? Wer wäre so mutig, mit einem wild brüllenden Bären zu sprechen? Ja, wer nur?«
»Nur die Königin von Insor, sonst niemand«, antwortet der Bär mit fester Stimme und voller Leidenschaft. »Ich würde gerne ihre Weisheit erlangen und ihr Erzählen was mir am Herzen liegt. Der Königin würde ich viele kluge Dinge mitteilen. Würde dabei aber niemals so dumm daherreden wie der Braune. Du ahnst nicht wie einsam ich mich fühle? Es tut ziemlich weh immer so allein zu sein … ich würde sie bitten mir zu helfen -«
»Ach du Armer«, seufzt Chiara mitfühlend und streicht ihm sanft über das Fell, »mein kleiner Murmler.«
»Meine Geschwister«, fährt der Bär leise fort, »meine Mama – all die anderen Bären die ich kannte – sind nach unten gegangen – und nicht mehr zurückgekommen.«
»Nach unten? Seltsam. Und sie kamen nicht zurück? Kann es sein, dass du meinst, sie sind gestorben? Du weißt, was es bedeutet zu sterben?«
»Ist es etwas Nutzbringendes?«, fragt der Bär hoffnungsvoll.
»Nutzbringendes? Ich könnt’s nicht sagen. Mein Papa meint, dass wir alle einmal sterben müssen, und wenn dem dann so ist, werden wir tief unten in der Erde begraben, um von dort auf süßen und ganz verschlungenen flauschigen Wegen in eine andere – bessere Welt hinüberreisen.«
»Etwa nit den Dus?«, fragt der Bär hin und weg von dieser Neuigkeit.
»Ja, vielleicht – warum nicht? Aber sag mal – warum denkst du, außer der Königin würde niemand mit dir sprechen und dir helfen wollen?«
»Der Willhelm…«
»Ach ja, natürlich, er hat dir diesen Unsinn in den Kopf gesetzt. Na, dem werde ich mal die Ohren langziehen.«
»Bitte nicht«, sagt der Bär entsetzt, »wir haben so schöne Ohren, das darfst du nicht tun!«
»Na, ich mache es nicht, ich mache ja nur Spaß. Übrigens –«, entfuhr es dem Mädchen wie ein spontaner Einfall, »falls es dir noch nicht aufgefallen
ist – «
»Was denn?«
»Ich! Ich rede mit dir. Gut, ich bin keine Königin und ich komme auch nicht aus diesem merkwürdigen Insor – wo immer das auch sein mag. Das solltest du mal ein wenig durchdenken - «
»Oh!«, macht der Bär erneut und lässt vor Überraschung seine Gurke und seinen Quackfrosch fallen.
»Oh«, macht auch Chiara, »ich wusste nicht, dass Bären gerne telefonieren.«
“Äh”, erwidert der Bär verlegen.
Mein Papa meint, ich sei noch zu jung für ein eigenes Dummkogelgerät wie dieses. Chiara seufzt und bläst eine kleine Atemwolke in die kalte Luft Er ist der Ansicht, dass Kinder ihre Phantasie nicht durch Geräte, sondern durch ihre eigenen Gedanken und Ideen anregen sollten. In diesen Geräten findet man von Phantasie und Fröhlichkeit kaum eine Spur.
Der Bär runzelt die Stirn und lauscht gespannt.
„Du sollst wissen,“ fährt Chiara fort, „mein Papa stammt aus einem winzigen Land. Einem Land, das fast nur aus riesigen Bergen besteht. Noch mächtiger als die Berge hier bei uns! Keine Eisberge wie wir sie kennen, sondern richtige Berge, die bis in den Himmel ragen. Und wenn du ganz nach oben steigst, kannst du die Wolken mit den Fingerspitzen berühren. Sie sehen aus wie Zuckerwatte – und schmecken auch so, wenn du ein bisschen daran lecken würdest.“
Der Bär reißt vor Staunen den Mund auf.
„Mein Papa behauptet immer, dieses Land sei so klein, dass selbst Fremde wie alte Bekannte erscheinen. Was auch immer das bedeuten soll.“ Sie zuckt mit den Schultern.
Der Bär ist noch immer damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie Wolken wohl schmecken könnten, als Chiara weiterspricht:
„Und meine Mama …“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Die kommt aus einem der schönsten und leuchtendsten Länder der ganzen Welt. Nicht so wie hier, wo es immer dunkel ist und die Sonne kaum scheint. Dort ist es heiß – den ganzen Tag und auch in der Nacht. Es gibt keinen Schnee. Keinen Winter. Du würdest in deinem dicken Pelz furchtbar schwitzen!“
Der Bär schaut Chiara mit großen Augen an, fasziniert von ihren Geschichten und der Vielfalt der Welt, die sie beschreibt.
„Das klingt unglaublich …“ murmelt er.
Einen Moment lang herrscht Stille. Chiaras Augen verengen sich ein wenig,und so ganz konzentriert beschwört das Mädchen ein Bild herauf wie sie es manchmal noch immer in ihren Träumen sieht
„Du wirst es nicht glauben, aber ursprünglich sind wir aus einem Land hierhergezogen, in dem riesige Blumen wachsen.“
Der Bär hebt neugierig die Ohren.
„Und mit riesig, meine ich nicht Kniehoch oder bis zum Bauch. Nein, diese Blumen sind so hoch wie ein Eisberg! Und du kannst in den Stängel hineingehen – dort gibt es Treppen, die dich ganz nach oben führen. Und wenn du die Blüte betrittst, kannst du nach unten spucken und ziemlich lange darauf warten bis die Spucke da unten ankommt und jemandem auf den Kopf platscht. Du kannst auch die Vögel beobachten, wie sie ärgerlich krächzend an dir vorbei segeln. Sie können einfach nicht verstehen, wie Menschen so hoch oben in einer Blume sein können.“
Der Bär schnaubt amüsiert. „Und Bienen?“ fragt er plötzlich.
Chiara lacht. „Ach, du! So kräftige Bienen, die so hoch hinauffliegen könnten, gibt es nicht!“ Sie grinst und lehnt sich ein wenig zurück. „Aber weißt du, wenn du dort oben stehst, mitten im duftenden Blütenkelch, kannst du bis ganz rüber - rüber zu dem Schiff sehen. Es ist ein Schiff aus Stein das man auf drei mächtige Säulen drauf gesetzt hat.“
Der Bär blinzelt verwirrt. „Ein Schiff?“ Seine Stimme klingt plötzlich angespannt. „Ich mag Schiffe nicht so sehr. Sie fahren herum und fischen alles weg. Wir wissen dann nicht mehr, was wir essen sollen. Überhaupt – wie kann ein Schiff denn auf drei Türmen stehen? Das ergibt doch keinen Sinn!“
Chiara kichert und winkt ab. „Ach, du Dummerchen! Mit diesem Schiff kann man nicht einfach herumsegeln. Es ist ein Hotel – aber es sieht eben aus wie ein Schiff. Und darin leben um die dreitausend Menschen!“
Der Bär schüttelt fassungslos den Kopf. »Dreitausen? Das ist aber eine ganz schöne Zahl«, staunt der Bär mit großen Augen. »Das kannst du laut sagen«, bestätigt Chiara mit einem Lächeln.
»Dreitausen«, wiederholt der Bär, aber Chiara hätte genauso gut zwanzig oder hundertfünfzigtausenddreihundermillionen sagen können. Jede Zahl, die das Mädchen ausspricht, ließe den Bären in ehrfurchtsvollem Staunen erzittern. Der Bär, kennt gerade mal die Bedeutung einer einzigen Zahl - der Vier. »Aber ein Schiff, das nicht im Meer schwimmt«, sagt er, »was hat das denn für einen Zweck?«
»Zweck? Was soll es denn für einen Zweck haben? Es ist einfach nur schön anzusehen - und es wohnen Leute darin«, erwidert Chiara.
»Ach, ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen«, gesteht der Bär.
»Nun, wenn es dir Freude bereiten würde, könnte ich es dir ja aufzeichnen. Ich kann wirklich gut zeichnen, musst du wissen.«
»Würdest du das für mich tun?«, fragt der Bär hoffnungsvoll.
»Warum denn nicht? Beim nächsten Mal, wenn wir uns sehen, werde ich dir eine Zeichnung mitbringen. Und weißt du was? Ich werde ein Bild von uns allen zeichnen. Von dir, von Mia und auch von mir. Sogar von Willi, obwohl ich ein wenig verärgert auf ihn bin, dir solche gefährlichen Dinge einzureden. Bitte, die Bilder kannst du dann in deiner Höhle an die Wand hängen. Bei uns Menschen ist das eine gängige Praxis. Wir erstellen Bilder unserer Liebsten und hängen sie an die Wand. So können wir sie immer betrachten, wenn wir Sehnsucht haben oder wenn wir mal ganz allein zu Hause sind«, erklärt Chiara liebevoll.
Erster von Vier hat Tränen in den Augen, die wie funkelnde Sterne glitzern, und seine Oberlippe zittert vor Rührung. »Ach, ich hätte sehr gerne ein Bild für meine Höhle. Es ist wirklich sehr karg und leer dort bei mir zu Hause. Würdest du das wirklich tun?«, fragt er mit einer Stimme, die vor Aufregung zittert.
»Ja, natürlich«, sagt Chiara mit einem strahlenden Lächeln, das die aufkommende Dunkelheit durchbricht. »Was denkst du denn? Wir sind doch jetzt Freunde. Und weißt du was? Ich bin nicht nur gut im Zeichnen, ich bin auch eine begabte Musikerin. Ich spiele auf meiner Orgel, nicht nach Noten, aber ganz gut nach Zahlen. Ich kann ‘Twinkle Twinkle Little Star’, ‘Itsy Bitsy Spider’ und noch so eine ganze Menge anderer Lieder. Und glaub es oder glaub es nicht, ich tanze Ballett. Weißt du, was das ist, Ballett?«
»Hm«, macht der Bär, »ist es, wo die Stelzenwesenwesen einem Ballett hinterherlaufen?«
»Ach, du lieber Bär«, kichert Chiara, »was du meinst, ist nur ein einfaches Männerspiel. Ballett ist eine Form des Tanzes. Es ist sehr schön und elegant. Ich würde es dir gerne zeigen, aber heute bin ich ein wenig zu fest eingepackt. Normalerweise trägt man zum Tanzen ein luftiges Trikot, eine Strumpfhose - wenn man möchte, einen Tutu-Rock - oder beides zusammen. Und das Allerwichtigste: Ballettschuhe. Diese Schuhe sind speziell für das Ballett gefertigte Tanzschuhe, die es dir ermöglichen, auf den Zehenspitzen zu tanzen…«
»uhhhu auf den Fehenfitzen?«
»…Ja, auf den Zehenspitzen«, bestätigt Chiara mit einer Mischung aus Aufregung und Stolz in ihrer Stimme. »Es ist eine Kunstform, die eine enorme Herausforderung darstellt und viel Übung und Ausdauer erfordert. Stell dir vor, du balancierst dein ganzes Gewicht auf den Spitzen deiner Zehen! Genau das macht das Ballett so einzigartig und faszinierend. Meine Mama sagt, Ballett verbindet Kraft und Eleganz auf eine Weise, die man in keiner anderen Kunstform findet.« Der Bär schaut Chiara mit großen, staunenden Augen an, sichtlich beeindruckt von dem, was er hört.
»Das flingt aber wirklich erfaunlich«, sagt er,
Chiara nickt, ihre Augen leuchten vor Begeisterung. »Ich bin sicher, du wirst es lieben, mein kleiner Murmler, Ballett ist wirklich etwas Außergewöhnliches.« Sie schaut in die Ferne, ihre Gedanken schweifen zu den wunderschönen Ballettaufführungen in ihrer Schule, an denen sie bereits teilgenommen hat. Die Erinnerung daran zaubert ein Leuchten in ihr rotgefrorenes Gesicht. Sie kann es kaum erwarten, diese wertvolle Erfahrung mit ihrem neuen Freund zu teilen.
»Eines Tages«, sagt sie leise, »werden wir zusammen eine Aufführung besuchen. Du wirst dann sehen, wie magisch das Ballett wirklich ist.« Sie hält kurz inne und betrachtet die mit Schnee bedeckte Landschaft.
»Wenn es nur nicht so kalt wäre, dann würde ich dir zeigen, wie ich einen Spagat mache . Oder weißt du was? Ich kann sogar meine Beine hinter den Kopf legen. Ich bin so biegsam wie eine Kerze, die zu lange in der Sonne gestanden hat. Wie eine dumme Schlange, wie meine Schwester oft sagt. Aber weißt du, sie ist selber dumm und nur neidisch.« Sie lacht und der Bär kann nicht anders, als mit ihr zu lachen. »Du würdest staunen und es tut gar nicht weh. Alles nur Übung, weißt du.«
Der Bär ist beeindruckt von so viel Leidenschaft in einem kindlichen Menschenwesen
»Und weißt du noch was?«, fährt Chiara fort, »du solltest mal darüber nachdenken, ein Bär und ein kleines Ballet tanzendes Mädchen. Na, was fällt dir da ein?«
Der Bär schaut Chiara an. Er scheint über ihre Worte nachzudenken
»Na, überleg doch mal.«
»Nein, beim besten Willen fällt mir da nichts ein.«
»Na, Zirkus!«
»Zirkus?«
»Zirkus, weißt du denn nicht, was ein Zirkus ist? Zirkus ist die beste Erfindung der Welt. Da gibt es ein Zelt, in dem die Menschen kommen, um die Kunststücke der Tiere und der Artisten zu sehen. Da gibt es Löwen, die durch Feuerringe springen, Elefanten, die auf ihren Hinterbeinen tanzen, Clowns, die lustige Späße machen, und Akrobaten, die durch die Luft fliegen. Da gibt es Musik, Lachen, Applaus und Spannung. Da gibt es alles, was das Herz begehrt. Du könntest der größte und stärkste Bär sein, der je in einem Zirkus aufgetreten ist, du könntest auf einem Ball balancieren, mit deinen Tatzen jonglieren, sogar auf einem Fahrrad fahren. Und ich, zusammen mit meiner Schwester Mia…«
»Ist sie nett?«
Wer? Mia?“ Chiara zuckt mit den Schultern. „Ja, sie ist natürlich nett… aber sie ist eben auch meine Schwester.“
Sie rollt mit den Augen – wisst ihr dieser besondere Blick, den nur große Geschwister beherrschen, wenn sie über ihre kleinen, manchmal furchtbar anstrengenden Schwestern sprechen.
„Aber weißt du was? Sie könnte deine Trainerin sein! Sie würde dir alles beibringen und dich mit Leckerbissen belohnen. Und wir zwei – wir wären die Stars der Show! Alle würden uns bewundern und lieben. Wir hätten ein wunderbares Leben im Zirkus.“
Ihre Augen leuchten auf, als sie weiterspinnt:
„Was hältst du davon? Wir wären das liebenswerteste Duo der ganzen Welt. Ich, Chiara… die erste und einzige Balletttänzerin, die über dem Boden schweben kann!“
Der Bär reißt beeindruckt die Augen auf. „Kannst du wirklich über dem Boden schweben?“
„Na ja… nicht wirklich.“ Chiara grinst und legt einen Finger an die Lippen. „Aber sag es niemandem.“
Sie zwinkert ihm zu – und plötzlich ist es da, dieses ansteckende Lachen. Ein leichtes, unbeschwertes Kichern, das von einem tiefen, zufriedenen Brummen begleitet wird. Der Bär lacht mit, seine Brust vibriert vor Heiterkeit. Für einen Moment gibt es nichts anderes als dieses Glück, das sie miteinander teilen.
Chiara ist ja nun kein Baby mehr. Ihr ist natürlich klar, dass die Geschichte mit dem Zirkus nur eine Träumerei ist, die sie gestartet hat, um dem netten Bären ein Fünkchen Hoffnung zu schenken.
Beim Zirkus darf man ruhig ein bisschen schwindeln!“ Chiara zwinkert dem Bären zu und grinst schelmisch. „Wir wären das unvergleichlichste und bezauberndste Duo der ganzen Welt! Stell es dir vor: Unser Name in riesigen goldenen Buchstaben, damit ihn wirklich jeder sehen kann! ‘Chiara Wanxu, die schwebende Tänzerin, und ihr mächtiger kleiner Murmler’!“
Sie spreizt die Arme, als würde sie schon jetzt die Applausstürme hören. Doch anstatt vor Freude auf und ab zu hüpfen, senkt der Bär den Kopf. Seine Ohren zucken unsicher, und seine Stimme klingt plötzlich ganz klein.
„Ach, ich weiß nicht…“ brummt er. „Ich hab ja schon Mühe, überhaupt auf zwei Beinen zu stehen. Wie soll ich denn da Fahrrad fahren oder mit meinen Tatzen Bälle jonglieren?“
Chiara legt den Finger an die Lippen und denkt angestrengt nach. „Hm… kannst du dich vielleicht an einem Seil entlanghangeln? Oder auf deinem Kopf stehen?“
Der Bär schüttelt langsam den Kopf. „Oh weh… nein. Ich kann gar nichts. Ich kann nicht tanzen, nicht balancieren, nicht mal ein Kunststück machen…“ Er seufzt tief. „Ich bin einfach nur ein dummer Bär von Nichtsnutz.“
Spielerisch boxt Chiara den Bären gegen den festen Pelz:
„So, so! Das will ich aber nicht nochmal hören!“
Sie schaut ihn mit großen, ernsten Augen an. „Jeder kann irgendwas. Jeder. Verstanden? Manche können das, andere eben etwas anderes. Und ich wette, du bist in etwas ganz besonders gut.“
Der Bär runzelt die Stirn. „Wirklich? Aber worin denn?“
Chiara grinst. „Na, vielleicht bist du ja ein Meister im Purzelbaum schlagen!“
Da blitzen die Augen des Bären auf, und ein kleines Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. „Einen Purzelbaum?“ Er überlegt kurz – und dann brummt er mit neuer Zuversicht: »Einen Purzelbaum? Ja einen Purzelbaum, das kann ich«, sagt er. Seine Stimme zittert vor Aufregung. »Aber das ist vielleicht für den Zirkus zu einfach.«
„Zu einfach? Na sag mal! Zu einfach?!“ Chiara stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt empört den Kopf. „Was denkst du denn? Mein Papa ist vielleicht der klügste Mensch der Welt, aber einen Purzelbaum kann er nur, wenn ich ihm helfe und ihm einen ordentlichen Schubs gebe.“
Sie macht eine bedeutungsschwere Pause, dann lehnt sie sich verschwörerisch näher an den Bären heran.
„Und mein Onkel… na, mein Onkel…“ Sie senkt die Stimme zu einem Flüstern. „Ich sag’s dir – du darfst es aber nicht weitersagen – sein Bauch ist ein bisschen zu dick für einen Purzelbaum.“
Dabei schielt sie verstohlen auf den Bauch des Bären – aber gerade so geschickt, dass er es mit seinem ebenfalls nicht ganz kleinen Bäuchlein nicht bemerkt.
Dann klatscht sie in die Hände. „Na siehst du! Damit ist es beschlossen: Der Zirkus ist unsere Zukunft! Ich muss noch mit Mama reden, das wird nicht ganz einfach, aber wenn Papa sein Okay gibt, dann ist die Sache geritzt. Mit ihm hab ich nämlich leichtes Spiel.“
Chiara grinst – dieses freche, unerschütterliche Grinsen, Das Mädchen hat ein Herz so weich wie ein Häschenbauch, auch wenn sie zuweilen natürlich hart und gnadenlos sein kann, wenn es gilt, ihre Meinung zu vertreten
„Aber natürlich…“ Sie schürzt die Lippen und mustert den Bären mit schief gelegtem Kopf. „Wenn du findest, dass unsere glänzende Zirkuskarriere gar nicht so wichtig ist und Insor viel aufregender klingt – na, dann will ich dich nicht aufhalten.“
Sie zuckt dramatisch mit den Schultern. „Wie heißt es doch so schön? ‘Reisende soll man nicht aufhalten’
Sie wartet einen Herzschlag lang, dann funkeln ihre Augen schelmisch. „Aber weißt du was? Ich könnte dich ja einfach begleiten – nach Insor!“
Sie wirft die Arme in die Luft. „Was sagst du dazu? Das wäre doch ein Ding, ein richtiges supi duppi Ding – wäre das mal.«
Das Mädchen lacht laut auf und schmiegt sich vom vielen Reden und von der Anstrengung des Tages ein wenig müde geworden ganz tief in das kuschelige Fell des Bären. »Du wirst schon sehen, das wird ein Abenteuer wie es ein lieber Bär noch nie zuvor erlebt hat«, sagt Chiara ganz langsam und leise. Der Mund bleibt offen, die Augen sind bereits geschlossen. In der für Kinder so eigenen stillen und liebevollen Art schlummert sie an der mächtigen Brust des Bären einfach weg. Einige kräftige Windböen schlagen den beiden entgegen. Erster von vier zieht das schlafende Kind noch ein wenig tiefer in seinen Pelz hinein. »Was für ein Remi demi Tag«, flüstert er. »Ja, was für ein wundervoller Remi demi Tag das heute doch noch gewesen ist.«
Da hört er ein leises Tuckern, begleitet von einem klapprigen alten Bus. Aus der Baumreihe zur Linken des kleinen Holzhäuschens bewegt der Bus sich langsam wie eine Schnecke auf sie zu. »Oh, der Dus, er fommt!«, ruft Erster von vier aufgeregt und versucht sich irgendwie aus der Umklammerung des schlafenden Mädchens zu lösen. Entschlossen schlägt er die Krempe seines Hutes nach oben.
Als der Bus zum Stehen kommt und sich die Doppeltür zischend öffnet, denkt der Bär daran, wie der Hund ihm nahegelegt hat, nur ja alle wohlgeborenen Herren ganz richtig zu begrüßen. Da er fest davon überzeugt ist, dass jemand, der in der Lage ist, einen so großen Bus zu fahren, einfach eine hochgestlte Person sein muss, macht er einen leichten Knicks und sagt mit der Nase ganz oben: »How diddle do.«
Der Busfahrer, der das ganz albern findet und einfach nur schnell weiterkommen will, meint grimmig: »How diddle was?«
Jetzt ist Erster von vier ein wenig verunsichert und überlegt, ob er etwas falsch gemacht hat. »Na, was ist denn nun? Wollt ihr mit oder nicht?«, fragt der hibbelige Busfahrer ungeduldig und ein wenig fröstelnd, da es durch die geöffnete Tür kalt hineinzieht.
Erster von vier befürchtet, dass der Bus ohne ihn weiterfahren könnte, und setzt schnell eine seiner Pranken auf die unterste Stufe der Türe. Gerade als er versucht, seinen massigen Körper hinaufzuziehen, zuckt er aber zurück. Durch die riesige, schmutzige Frontscheibe des Busses hat er einen von Bäumen verdeckten Blick auf das Haus, in das er vor wenigen Stunden so ungeschickt eingedrungen ist. Er überlegt kurz und dreht den Kopf. Sein Blick fällt auf das schlafende Mädchen. Umhüllt von den Schatten ihrer Träume flüstert es sanft, »Mein kleiner Murmler, wo steckst du denn?«
Da kann Erste von vier seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Noch nie zuvor hat er so viel Zuneigung gespürt. Sein Herz schlägt schneller, seine Gedanken wirbeln wild im Kreis herum. Inmitten der Schatten und der Stille beginnt er zu verstehen, dass Liebe manchmal in den unerwartetsten Formen erscheint.
Der Bär zieht seine Tatze zurück. Er blickt zu der Stelle, wo sein Quackfrosch liegt, ein kleines Lächeln spielt um seine Lippen. Er braucht ihn nicht mehr. Er hat seine eigene Stärke gefunden, seine eigene Stimme. Und mit einem letzten, triumphierenden “Rooooarrrr” zeigt er allen seine unabänderliche Entschlossenheit.
„Na, Entschuldigung, war ja nur eine Frage. Wer nicht will, der hat schon“, sagt der Fahrer, sichtlich genervt. Er kann Rabauken in seinem Bus einfach nicht ausstehen, darum schüttelt er die Kälte von seinem Körper und drückt hastig den Knopf für die elektrische Tür, die sich zischend vor der Nase des Bären schließt.
Daraufhin tuckert der Bus, jetzt ein wenig schneller, einfach weiter. In Richtung Insor. Nun wisst ihr - um bei der Wahrheit zu bleiben, der Bus hat nur noch drei Stationen bis zur Endstation in der nächsten Ortschaft. Aber das weiß der nette Bär ja nicht.
Erster von vier hat keinerlei Grund, zu bedauern, was in den letzten Stunden passiert ist. Vielleicht schämt er sich ein wenig – aber es tut ihm nicht leid. Würden die Menschenwesen ihre Höhlen nicht so winzig und zerbrechlich gestalten, wäre ja auch gar nichts Schlimmes passiert. Und überhaupt, wären diese Zweibeinigen Fingermenschen ein wenig offener und zutraulicher Fremden gegenüber, hätte sich ja auch ganz einfach ein nettes kleines, aber vielversprechendes Gespräch zwischen ihnen entwickeln können.
Er verfolgt mit seinem Blick den Bus, der in der Ferne verschwindet. Das Gluckern des wohligen Motors hallt noch in seinen Ohren nach. Er denkt an das Bild, das ihm das Mädchen versprochen hat zu zeichnen, und an den unsichtbaren Zirkus, den nur er und Chiara sehen kann, mit seiner Musik, mit seinen Farben, die seine Augen zum Leuchten bringen. Es zerreißt ihm beinahe das Herz vor Freude, diese Wunder zu erfahren, aber zugleich wiegt auch die Angst schwer auf ihm. Er ist sich sehr wohl bewusst, dass die ungehaltenen Menschenwesen sich mit ihren langen, knallenden Stöcken, die Tod und Zerstörung bringen, von Träumen niemals aufhalten lassen und nun sehr bald kommen werden.
So möchte er diese Momente mit dem dreibeinigen Hund Wilhelm und der süßen Chiara mit ihrer Schwester Mia, die er so gerne näher kennengelernt hätte, in seinem Herzen festhalten. Kastanienköpfchen: ihr Lachen, ihre Freude, ihre Zuversicht, ihre Liebenswürdigkeit in Art und Wesen, das hübsche Gesicht mit den leicht auf der Unterlippe aufsetzenden weißen Vorderzähnen, der rotgefrorenen Nase und den leuchtend rot lackierten Fingernägeln, all das erfüllt ihn mit einem Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Er drückt sich ganz leise und behutsam zurück auf die knirschende Holzbank, dort umarmt er mit seinen mächtigen Pranken das schlafende Mädchen und presst es an sein vor Zuneigung wild pochendes Bärenherz.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2024.
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Crashland-Suzi Todeszone
von Günther Glogowatz
Durch ein technisches Experiment fegte eine schreckliche Katastrophe über einen großen Teil Europas hinweg.
Ein neuer Landstrich mit teilweise eigenartigen Naturgesetzen und „Dimensionsrissen“, welche zu anderen Welten führten war entstanden. Da sogar Beobachtungssatelliten nur unbrauchbare Bilder von diesem Gebiet liefern konnten, wurde es von offiziellen Stellen als X-Territorium bezeichnet. Allgemein benannte man es jedoch als das Crashland.
Da die üblichen Waffensysteme dort größtenteils versagt hatten, war die X-Force gegründet worden. Eine spezielle Armee, deren Ausbildung und Ausrüstung an die merkwürdigen Umweltbedingungen dieses Landstriches angepasst worden waren.
Suzi war Mitglied der X-Force. Während eines Einsatzes gerät sie mit ihrer Truppe in einen Hinterhalt. Es ist der Auftakt im Kampf um die absolute Macht im Crashland.
Verleumdet und dadurch von den eigenen Kameraden gejagt, bleibt ihr nur noch die Flucht durch die Todeszone, um Platon zu erreichen. Denn nur er ist mächtig genug, ihre Unschuld beweisen zu können und den düsteren Machenschaften um die Vorherrschaft im Crashland entgegentreten zu können.
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