Lothar Krist

Der Opernball-Mörder

Der Opernballmörder

Ich sitze wieder einmal vor meinem Fernseher. Das Fernsehprogramm vor mir. Wir haben Donnerstag, den 08. Februar 2024. Es ist das Übliche. Nur Schrott. Eigenproduktionen auf dem deutsch-österreichischen Gutmenschen-Tripp. Also absolute Langeweile. Die meisten Dokus habe ich auch schon zumindest einmal gesehen. Von Folge zu Folge ein Immer langweiliger werdender, in den immer gleichen Serienthemas zuletzt immer mehr versiechender Staffelwahn. Gute Serien zeigen sie nicht. Dabei gibt es weltweit sicher mehrere zehntausend gute Filme. Zum Beispiel Art-Cinema. Doch die Sender kaufen eine Hunderterpackung Filme billigst ein, immer um die besten Szenen gekürzt, und die zeigen sie dann das ganze Jahr über, immer und immer wieder.

Ich habe eine ansehliche DVD-Sammlung von Best-Of-Filmen, und gut fünfhundert DVDs mit Konzerten von meinen Lieblingsbands. Doch das Zeug habe ich auch schon zig Mal gesehen. Für gute Sachen muss man extra zahlen. Zum Beispiel für SKY und so einen Scheiß. Doch so ein Kniefall interessiert mich nicht. Ich zahle ja die TV-Gebühr.

Und genau deshalb ist dieses Fernsehprogramm auch jeden Tag so beschissen, weil unsere großen Sender finanziell auch beteiligt sind an den Bezahlsendern. Und sie haben sich dabei alle abgesprochen. WIR bieten ein Scheiß-Programm und alle werden sich ein Bezahlprogramm leisten, weil sie sonst ja allesamt mit unserm ganzen Programm wahnsinnig werden würden. Dass dabei die Mord- und Selbstmordrate jährlich steigt, das verschweigen sie uns natürlich.

Mann und Frau könnten dabei tatsächlich wahnsinnig werden. Und werden Das auch. Ich zappe gerade hin und her. Ich bin auf hundertachtzig zu hundert Blutdruck. Ich bin heiß! Ich bin gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Schwaches Herz. Seit einer schweren Grippe auch Herzrhythmusstörungen. Und noch ein paar andere blöde Geschichten mehr. Nackenwirbelbruch nach einem irre geilen Auffahrunfall. Ein LKW hat mich mit achtzig Kmh unter den stehenden LKW vor mir an einer Kreuzung geschossen. Und zum Beispiel jetzt in letzter Zeit noch eine kaputte Hüfte, die operiert werden müsste, jedoch nicht operiert werden kann, wegen meines Vorhofflimmerns. Voll-Narkose ist nicht möglich. Ein Kreuzstich und dabei eine Stunde lang zusehen dürfen, wie sie an meiner Hüfte herumschnippseln. Geil! Ich kann kaum mehr humpeln.

Und meine Lady, meine immer so mehr als bloß geliebte Alte, mit der ich seit über vierzig Jahren verheiratet bin, will sich nun auch einfach so von mir scheiden lassen. Ich wäre nicht mehr lustig genug, so meinte sie gestern. Sie möchte noch ein wenig Was erleben. Sie war letzte Woche eine Woche lang Schifahren. Das erste Mal allein. Mit meiner hinigen Hüfte kann ich ja nicht mehr. Aber sie ist noch immer voll fittt. Mit ihren fünfundsechzig. Ich, ein gesundheitliches Wrack, ein Jahr älter.

Sie ist einmal im C-Kader der Österreichischen Schination gefahren. Sie kennt dort Gott und die Welt. Und schön singen kann sie auch. Wenn sie mit ihren Ladies in eine Schihütte kommt, dann ist dort die Hölle los. Ich habe dabei auch immer mein Bestes als Sänger gegeben, und ganz gut Gitarre spielen kann ich auch.

Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Wenn sie mich verlässt, dann bringe ich mich um.

Ich zappe in den Programmen hin und her. Lauter Schrott. Da höre ich, wie sie mit dem Schlüssel das Schlüsselloch sucht. Sie hat wieder etwas getrunken. Und da kommt sie auch schon herein geschneit. Sie ist ein wenig aufgelöst. Und sie tut irgendwie so, als hätte sie mir nicht gestern noch gesagt, dass sie überlegen würde, ob sie sich nicht von mir scheiden lassen sollte.

Sie schmeißt sich neben mich auf unser Fernsehsofa. Und sagt: “Was schaust denn?”
Ich: “Keine Ahnung? Lauter Scheiß!”
Sie: “Gib mir die Bedienung! (Ich mag nicht. Ein böser Blick in meine verneinen wollenden Augen.) Gib sie her!”
Ich gebe sie her.
Sie: “Opernball! Den will ich sehen!”
Sie drückt auf diesen gewissen Knopf vom ORF.

Und Opernball ist!

Ich hasse Nichts so sehr, wie diesen Opernball im ORF. Schon tausend Mal mit ihr gesehen. Ich habe mich dabei, und bei vielen anderen so hinigen Sendungen, die sie sich angesehen hat mit mir, einfach an sie geschmiegt, und bin dann irgendwann an ihr irgendwie trotz Allem glücklich eingeschlafen.

Und nun will sie mich verlassen, weil ich nicht mehr so lustig bin. Gggggggrrrrrrrhhhhhhh!

Und dann bin ich über sie hergefallen und habe sie erwürgt. Nachdem ich sie erwürgt hatte, bin ich neben ihr gesessen. Lange Zeit. Die ganze lange Nacht. Gegen sieben Uhr früh habe ich dann die Bullen angerufen.

Und einen Tag später stand dann folgende Schlagzeile auf Seite Eins der Kronen Zeitung:

Mord wegen Opernball!
Schon wieder ein Femizid! Ehefrau wegen Streit um das Fernsehprogramm erdrosselt!

Copyright by Lothar Krist (10.02.2024 von 20.00 bis 23.35 Uhr)

Ich weiß, diese Geschichte grenzt an die Lächerlichmachung der so vielen Frauenmorde in unserer Zeit. Doch es handelt sich um eine womöglich schon einmal wahr gewordene Geschichte. Ich hoffe nicht. Ein Freund von mir hat gerade irgendwie genau so ein Problem. Er hat Es nicht direkt angesprochen, aber anklingen lassen hat er es schon. Dass es beim Opernball passiert ist, das habe ich erfunden.

Und bitte, bedenkt: Ohne diese Lächerlichmachung mit dem Opernball wäre dies eine bloß ganz normale Frauenmördergeschichte, wie sie schon tausend Mal erzählt worden ist. Die Erwähnung der Femizide hätte auch nicht unbedingt sein müssen. Ich weiß. Und natürlich stört die Ich-Form mitten hinein in dieses heute herrschende und gutmenschlich so abartig gewordene einäugige LeserInnenbedürfnis von Heute. Nur Was langweilig ist, ist gutmenschlich fut.

Nun gut. Ich bin jedenfalls nicht der Mörder. Ich lebe heute so ziemlich einsam vor mich hin. Doch wegen diesem Scheiß-Fernseh-Programm jeden Tag, würde ich gerne jeden Tag so Einen oder meinetwegen auch so Eine Verantwortliche/n dafür umbringen. Und ich hätte kein schlechtes Gewissen dabei. Entschuldigung! Sperrt mich meinetwegen ein deshalb, wegen meiner so frei verflogenen Gedanken. Ist mir völlig egal. Nein, sogar willkommen! Dort habe ich endlich meine Vollversorgung, wenn ich so einen überhaupt nicht kranken Mord an einem so vom Haifisch-Kapitalismus erkrankten Fernseh-Direktor begehe.

Also seht zu, dass Euer Fernsehprogramm endlich besser wird. Ein Leser oder auch so eine Leserin dieser Geschichte könnte womöglich meinen Worten folgen.

Oder, ich, Ich raffe mich noch einmal auf, und dann ….........
Gggggggrrrrrrrhhhhhhh!

Ach ja, ich der dichte Dichter dieser Zeilen, ich fernsehe nicht. Um diese Zeit schreibe ich meine oft so hinigen Geschichten.

Wieso?

Weil das Fernseh-Programm jeden Tag so beschissen ist.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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