Artur Hüttemann

Der letzte Drache von Hiltersklingen

Es war tief im Odenwald in der Oberzent und unterhalb von Hiltersklingen, ungefähr an jener Wasserstelle, an der Hagen einst Siegfried mit seiner Lanze vom Leben in den Tod befördert hatte, da lebte ein kleiner Drache, der ohne die Mutter aufwuchs. Diese hatte bekanntlich ja Siegfried im Kampf getötet.

Also, dieser kleine letzte Drache im Odenwald hatte alle Last und Mühe seinen Körper, der an dem unseren gemessen, riesig war, satt zu bekommen. Ja, es ging mit ihm soweit bergab, dass er letztlich sogar Mäuse oder Kröten fing, um wenigstens hin und wieder etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

 

Nun ritten nach wie vor die Recken aus Worms hierher in den südlichen Odenwald zur Jagd.

Hiervon bekam auch der kleine Drache bald Wind und legte sich auf die Lauer, um vielleicht einen der Ritter zu erwischen. Doch die Ritter von Worms erkannten ihn und wollten sich schon mit Speer und Schwert auf ihn stürzen, als sie sahen, dass der Drache demütig und im Gebet vertieft im feuchten Grase kniete.

Jetzt, als die Recken näher kamen, konnten sie deutlich hören, wie der kleine Drache seine Reue bekannte für all die Frevel, die er und die Seinen jemals den Menschen angetan hätten.

„Hört ihr Ritter? Der Drache lebt in Buße und ist daher für uns keine Gefahr mehr. Das ist gut für uns. Lassen wir ihn als bußfertig und reumütig seines Weges gehen.“

 

Die Ritter stellten sich wieder in einer Reihe auf und verließen die Wiese im Gänsemarsch, denn nur einzeln konnten sie den Felsen erklimmen, hinter dem der Weg verlief, der sie wieder nach Worms bringen sollte.

Was keiner der Recken bemerkte war, dass sich der scheinheilige Drache den letzten der Ritter geschnappt und in aller Ruhe ungestört verzehrt hatte.

So ging das viele Wochen.

 

Zwar wunderten sich die Recken, dass ihre Schar immer kleiner wurde, und dass jedes Mal, wenn sie wieder in der Burg angekommen waren, einer ihrer Ritterschar fehlte, doch erklären konnten sich es nicht, wo und wie denn der vermisste Ritter abhanden gekommen sein könnte. Am Schanktisch war man sich bald sicher, dass sich wieder einmal einer aus ihrer Reihe alleine im dunklen Forst des Odenwaldes verirrt habe.

 

Der edelste unter ihnen aber wollte es genau wissen und hielt sich etwas abseits vom Tross, als sich dieser wieder einmal hinter Hiltersklingen in Richtung Worms bewegte.

Und siehe da, kaum waren die Recken an jener Stelle vorbei, an der auch diesmal wieder der kleine Drache bußfertig im Gebet vertieft war, als dieser seine Mönchskutter abstreifte und sich den letzten der Ritter fing, um ihn genüsslich zu verzehren.

 

„Warte, du Lump“, dich werde ich lehren, uns zu betrügen!“ dachte der Anführer der Ritterschar bei sich und befahl einem seiner Helden, sich gut vorberreitet an das Ende des Trosses zu stellen, als es wieder hieß, sich auf den Heimweg nach Worms zu machen.

 

Nun waren sie wieder an jener Stelle angelangt, an welcher der im Büßergewand verkleidete Drache bußfertig im Gebet verharrte.

Wie sich aber die Ritterschar in Reih und Glied wieder in Bewegung setzte, schnappte er sich in gewohnter Manier den letzten Mann der Gruppe und verschlang ihn in einem Zug.

 

Nun hatte aber dieser Ritter auf Geheiß des Gardeführers unter seinem Umhang eine eiserne Rüstung, welche mit vielen eisernen Dornen bestückt war.

Als der kleine Drache nun diesen Ritter verschluckt hatte, bereitete dieser ihm im Magen solch verheerende Verletzungen, dass er noch in der gleichen Stunde in seinem eigenen Blut ertrank, obwohl er den eisernen Ritter schnell wieder ausgebrochen hatte.

 

Die Ritter von Worms aber badeten in seinem Blute, und man erzählt noch heute davon, dass keiner von ihnen dank des schützenden Panzers aus Drachenblut jemals vor seinem Tode aus dem Leben geschieden sei.

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