Klaus Mattes

Ein Bisexueller und ein Väterlicher / 4188

Jörg ist mein Mann mit dem schönsten Arsch. Schon von außen wundervoll zu betrachten und erst innen, unglaublich! Das muss notwendigerweise vulgär und geschmacklos klingen, weil wir so erzogen wurden, was man sagen darf und was nur fühlen. Aber man muss das wissen, damit man ahnen kann, welche Rolle Jörg in meinem Leben gespielt hat.

Jörg ist nicht schwul, Jörg ist nie schwul gewesen, Jörg wird niemals schwul sein.

Er hat daheim seine „Alte“, es werden Kinder kommen. Jörg ist Stuckateur oder Kurier-Fahrer oder Kfz-Mechatroniker. Jörg ist unkompliziert und hat Freunde, die nicht schwul sind. Jörg verkehrt nie in schwulen Lokalen, Saunen oder Discos. Jörg verachtet Tunten, dieses Weibische. Gute Karten für mich, ich bin ein korpulenter, älterer Onkel. Jörg arbeitet viel, hat aber auch noch ein exotisches Hobby, Giftspinnen oder Eierbecher.

Jörg erscheint nur mit wochen- bis monatelangen Abständen dazwischen. Wenn überhaupt, dann meistens spät in der Nacht. Er ist extrem sauber und duftet fein, wo immer man sich aufhält. Jörg hofft, dass man ihn auf die Dauer nicht wiedererkennt. Er verhält sich zweckgemäß. Wenn da Leute sind, läuft Jörg einmal vorbei unter seinem Hoodie, damit er sie checken kann, versteckt sich danach in der finstersten Ecke, lässt sie herankommen, rennt jedes Mal weg, wenn es nicht die sind, die er sich ausgesucht hat. Man weiß nicht genau, wer für Jörg in Frage kommt, aber er weiß das genau und sehr schnell. Tunten und Nutten und Passive sind es nicht. Wer Jörg belagert oder zu belabern versucht, wem er mehrmals davongelaufen ist, dem kann er unhöflich, bedrohlich, herabsetzend kommen. Jörg macht auf Schwulenschläger, obwohl ich ihn als Butterweichen kenne.

Jörg hat keine Geduld, wenn er genau weiß, dass nur einer in Frage kommt, dieser Eine tut, als würde er sich für Jörg nicht interessieren. Jörg weiß, wie attraktiv er im Vergleich zum üblichen Betrieb hier drin den allermeisten vorkommen muss. Jörg rennt jetzt doch noch mehrmals vorbei an uns, damit was geht. Geht ihm der Richtige nach, dreht er sich um und schnauzt, jeder Neuling würde erschrecken: „Willsch mi ficke?“ Ich bin schon sauer, weil ich mir das Schwulsein nicht vorwerfen lasse von einem, den ich ficken soll. Jörg schnauzt: „Was isch jetz? Willsch oder willsch net?“

Jörg gehört zu den Männern, die nach der ersten Frage (Wie spät es sei, ob hier irgendwann denn was los wäre, ob man ihm Feuer habe?) fragt: „Auf was stehsch du?“ Wer „lass mich ficken von dir oder blas dir einen“ antwortet, der ist schon durch. Jörg lässt sich grundsätzlich nicht küssen und nur mit Widerwillen streicheln. Er gibt einem Langeweile zu verstehen, wenn man länger als zwei Minuten vor seinem Hosenladen kauert. Aus „I lass mi gern mal verwöhne“ ist „Fick mi doch! Steck ihn nei“ geworden. Nach Jahren hat Jörg mich überrascht, als er auf den Gebrauch eines Gummis bestand. Bis dahin war die Verhütungstechnik immer „Raus, bevor's kommt“ gewesen.

Längere Gespräche mit Jörg hat es gegeben. Im Grunde ein sanfter Mensch. Der Park ist ihm unangenehm. Hier sind viele unangenehme Menschen. Irgendwann war's mir so, dass er das will, dass man nur ein einziges Wort sagt, wenn es vorbei ist. Davor hatte ich ihn bisweilen noch gefragt, ob er denn überhaupt gekommen sei. Er schob einem die Hand weg, wenn man nach seinem Ding tasten wollte.

Die hier am Ort Vertretenen kommen mit Jörgs Partnerwahl nicht zu Rande. Jörg verschmäht die Schönsten, also die Jüngsten, und nimmt sich alte Säcke. Man hat ihn Hure und Stricher genannt. Er sei eine Sau.


 

Gegen Ende des Sommers kam Heinz aus Vorderasien zurück, Heimaturlaub. Er hatte immer noch einen Fünfer davor, ging aber auf die 60 zu. Das Haar war voll und blitzte vor Schwärze. Er würde sie schon lange färben, hatte er mir gesagt.

Nach wie vor war Heinz der kameradschaftliche Typ, das ausgleichende Element bei unseren Unterhaltungen. Der Typ, der gern was springen ließ und seine Zigaretten austeilte. Nach Jahren fiel auf, was unser Gedächtnis bisher ausgelassen hatte, dass dieser kräftige, ältere Mann so nah am Wasser gebaut war. Immer wieder fing er zu schluchzen an, man verstummte, danach hatte er für eine Stunde den jammervollen Klang in seiner Kehle festsitzen, was er auch sagte. Angefangen hatte das mit dem Tod seiner Mutter. Sie war gestorben, während er im Ausland war; Monate waren vergangen. Immer schon hatte er bei ihr im Haus gewohnt, 20 Kilometer draußen auf dem Land, wenn er nach Deutschland zurückkam. Die Familie war nicht von hier; man hörte es, wenn er sprach, er klang wie südlich von Stuttgart, Wendlingen, Nürtingen, Kirchheim unter Teck. Es gab noch einen Vater, irgendwann wurde der mal erwähnt. Aber der Vater schien für Heinz nicht wichtig zu sein, anscheinend handelte es sich auch nicht um seinen Erzeuger.

Früher hatte Heinz gern davon gesprochen, dass er in jüngeren Jahren lange Zeit in verschiedenen Tanz- und Bumsläden entlang der Schweizer Grenze im Bodenseeraum gearbeitet hatte. Geschäftsführer sei er gewesen. Gangster hätten die Finger drin gehabt, eines Nachts hätten sie ihm die Bude abgefackelt.

Was er ursprünglich gelernt hatte, erfuhr ich nie, angeeignet hatte er sich alles Mögliche. Wenn etwas nicht mehr ging, konnte Heinz das richten oder zumindest in wenigen Tagen einen Kumpel besorgen, der es unter der Hand in Ordnung brachte. Zu meiner Zeit war er der internationale Hotel-Techniker, eine Art Hausmeister, kaum einer von den Gästen dürfte ihn mal gesehen haben. Heinz arbeitete nie in Deutschland, sondern immer in großen Hotels in Afrika, auf der arabischen Halbinsel oder in Ostasien. Die Leitung vor Ort war meist auch weiß, dann kam er. Fremdsprachen hatte er nie gelernt, kam aber überall durch. Jeweils eine kürzere Spanne von Jahren arbeitete er in Ägypten, in Nigeria, im Kongo, am Persischen Golf, in Südostasien. Mittlerweile seit einer Handvoll Jahren in China, in einer Millionenstadt, deren Name niemand was sagte. Heinz rief: „Hier ist der Zug schon lange abgefahren, das haben die nur noch nicht gemerkt. Hier schlafen alle. China, das ist die Zukunft. Dort sind sie ordentlich und korrekt. Die machen alles größer, moderner, schöner als hier.“ Der beste Typ Mensch, den Heinz kannte, war der korrekte Typ.

Wo wir Heinz' Kameraderie und Freigebigkeit und Diensteifrigkeit kannten, gerade für Menschen unterhalb von 20 Jahren, das durften ruhig auch Frauen sein, passte ganz gut ins Bild, wie Heinz bei seinen internationalen Arbeitsverpflichtungen immer einen festen Freund im Alter von knapp 20 Jahren hatte, was er in Deutschland noch nie gehabt hatte. Ich nehme an, die Mutter war schuld, nach ihr dann der alte Mann, der Vater. In Nigeria oder in Kuwait wohnte Heinz an der Arbeitsstelle, im Hotel, und war mit einem einheimischen Jungen befreundet, der viele Geschwister hatte, keinen Beruf, bei den Eltern wohnte. Heinz ging ein und aus bei diesen Familien, aß von ihrem Tisch und wurde als Respektsperson behandelt.

Mit der Trauer um seine tote Mutter veränderte sich Heinz zum Schlechteren. Er wurde ungeduldiger und konnte in wüste Schimpfarien über unsere kleine Stadt und den Zustand unseres Parks ausbrechen. Er sei an sich passiv, hatte er mir einmal geflüstert, schwuler Analverkehr wäre für alte Männer sowieso anstrengend, er hätte überhaupt kein Problem damit, fürs Vergnügen zu zahlen, aber, obwohl das Land angeblich in der Wirtschaftskrise wäre, gebe es hier nicht einen einzigen reellen Stricher. Jeden Abend musste er reinschauen in diesen Park, dann musste er wieder weg, in die Kneipe. Er lud mich ein, er gebe einen aus, hier gehe sowieso nichts. Ich wusste allerdings, dass das letzte Wort nicht gesprochen war und meine Chancen in der Kneipe geringer waren als draußen in der Nacht, wo die Bisexuellen ganz schnell was brauchten. Nach zwei Stunden schneite Heinz noch mal herein, war merklich angetrunken, hatte trotzdem noch einen Zwischenstopp bei der Raststelle an der Autobahn eingeschoben. Überall tote Hose.

„Schau dich mal um, nur Idioten, alle sind so geldgierig geworden!“

Aber genau in dieser Zeit wurde mir auf einmal klar, dass ich Jahre dabei zugesehen hatte, wie Heinz jedem Gefühl aus dem Weg ging und seine Freundschaften mittels Geldeinsatz zu managen versuchte. Er hatte keine Angst vor Unbekannten und gewann die Menschen für sich mit seinem Charme. Sie wussten nicht, wie er in Tränen ausbrechen konnte, weil vor über einem halben Jahr diese 80 Jahre alte Frau gestorben war. Wie er sich in Rage redete über die viel zu vielen Asylanten hier im Land und die Todesstrafe in China als die beste Kur gegen die wachsende Kriminalität empfahl.

Sie wussten nicht, dass er zu jedem der vierzig oder ein junger Mann über 30, vielleicht mit Brille und Bauch, war, nur nett sein und ein bisschen auf den Busch klopfen wollte, während uns, die wir ihn kannten, klar war, dass er den Jüngeren, die halbwegs immer noch wie Jugendliche wirkten, bald irgendwas anbieten würde, ein Getränk drüben in der Tankstelle, einen Sprung noch ins Lokal, die hätten nicht zu, die Fahrt nach Hause, ich bring dich gern. Dazu Zigaretten, die er ihnen aufdrängen konnte. Im Park rauchte fast jeder.

Später, wir erfuhren nie, was es gegeben hatte, waren einige von diesen Jungs abgeschrieben und selbst hatten sie das noch gar nicht gemerkt. Sie ließen sich ihre Zigaretten geben, warteten auf das Angebot von Heinz. Heinz war immer noch freundlich, lachte viel, stieß sie neckisch an. Dann gähnte er, ach, er werde jetzt so schnell müde, und er ließ sie stehen. Seinerzeit bin ich ein paar Mal zu Übernachtungsgästen gekommen, die bei dem Altersunterschied nur mit einer kleinen Gabe kalkulierten, darum war es vorher nie zu was gekommen, jetzt gingen sie ohne Vorabsprachen mit, weil Heinz sie zu lange hingehalten und dann stehen gelassen hatte.

Seine Worte „Der ist hochintelligent“ habe ich noch im Ohr. So waren jedes Mal die Freunde in den exotischen Ländern. Wir haben alle Phrasen, die wir ständig abspulen, ohne es zu wissen. Heinz sagte nie, dass einer der Jüngeren aus dem Park oder in der Kneipe hochintelligent wäre. Das hätte dem unmittelbaren Anschein nicht entsprochen. Es schien einen Zusammenhang zu geben, der auch bei mir wirksam war. Wenn einer noch ganz jung und außergewöhnlich reizvoll war, dann war er, wie aus innerer Notwenigkeit, nicht intelligent.

Mir fiel ein, was er von dem Jungen im Kongo erzählt hatte: „Manchmal erschrecke ich, wenn ich aufwache und so ein schwarzes Brikett liegt neben mir im Bett. Aber du, er ist hochintelligent, so ein lieber Kerl! Das macht einen fertig, wenn man weiß, so wunderbare Menschen, aber es kann nichts aus ihnen werden, weil ihr Land ein Scheißhaufen ist!“

Schon länger reden wir nicht mehr übers Alter. Immer noch ist das Haar voll und pechschwarz. Er müsste jetzt sechzig sein. Der Chinese ist 24, nicht nur hochintelligent, sondern er studiert. Heinz lacht ein wenig, fast verschämt: „Der liebe Gott hat’s wohl so gewollt, dass ich mein Geld für diesen Jungen ausgebe. Ich hab sonst keinen, für den ich's ausgeben kann. Der ist wie ein Sohn.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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