Ann-Kristin Jacobs

Titel

Seite 1 von 1. 0 Wörter. 0 Zeichen (mit Leerzeichen). Auf dem weißen Bildschirm blinkt der kleine Zeiger, der den Ansatzpunkt zum Schreiben aufzeigt. Anklagend geradezu.

Die Finger schweben über der Tastatur, legen sich auf einzelne Tasten, schlagen sie aber nicht an. Der Zeiger blinkt weiter. Vielleicht hilft eine andere Schriftart. Century Gothic statt Calibri. Vielleicht doch lieber Verdana. Nein, es bleibt Calibri. Größe 11, Absatz 1,5 Zeilen. Das wirkt nicht so gedrungen und schon mit wenigen Worten scheint die Seite mit Leben erfüllt.

Seite 1 von 1. 89 Wörter… 91 Wörter… So kann es weitergehen. 611 Zeichen (mit Leerzeichen). Und doch noch nichts ausgesagt. Ich fühle mich wie ein Politiker.

Die Wahl des Titels ist wichtig. Er soll neugierig machen. Bis zum Ende der Geschichte ist der Titel meistens nur Titel, einfach weil mir nichts einfällt. Und irgendwann kommt er von allein, vergibt sich selbst.

Irgendwas lenkt immer ab. Kein Wunder, wenn der Fernseher läuft. Aber Stille blockiert mich. Meistens. Und in der Ferne bellt ein Hund… Diese Gedichtzeile schwebt durch meinen Kopf. Der Hund bellt, aber nicht in der Ferne, sondern er sitzt in der Wohnung unter mir. Vermutlich am Fenster. Wartend.

Warte ich auch? Auf die Eingebung? Auf den Kreativschub, der meine Finger über die Tasten tanzen lässt? Ich habe den Klang der alten Schreibmaschine im Ohr. Zeilenende. Ping. Ratsch. Nächste Zeile. Das waren noch Zeiten. Nur mit meinen dünnen Fingern hatte ich immer Angst, zwischen die Tasten zu geraten, wenn ich zu schnell tippte. Die moderne Tastatur ist weniger gefährlich.

Oh, speichern nicht vergessen. Doch meine Geschichte hat noch keinen Titel. Ich speichere unter dem Dateinamen Titel. Ob ich die vorhandene Datei ersetzen will? Lieber nicht. Vielleicht verbirgt sich dahinter noch eine gute Geschichte. Also Titel1. Gespeichert.

Seite 1 von 1. 296 Wörter. 1883 Zeichen (mit Leerzeichen). Fast 300 Leerzeichen. Der Hund ist verstummt. Der Fernseher nur ein Hintergrundgeräusch. Ich habe gerade wieder einen Satz ohne Verb geschrieben. Ein Satz ohne Prädikat ist kein vollständiger Satz. Doch ich schreibe eine Kurzgeschichte, da darf ich das. Stichwort Stilmittel. Schöner Titel. Merke ich mir vor.

Über das Schreiben schreiben ist wie Lernen lernen. Und schon markiert mir die Rechtschreibprüfung die Wort-Wiederholung. Das kommt davon, wenn man schlauer ist als das Schreibprogramm. Oder es sich einbildet. Auf jeden Fall hilft diese Selbstreflexion nicht nur bei der Anzahl der Zeichen.

Werbung. Gleich kommen Nachrichten. Ich glaube, mein Fuß ist eingeschlafen. Wenn ich das noch mit Fotos untermale, könnte ich tolle Posts auf Social Media landen. Null spektakulär, interessiert niemanden und erhält doch Likes von unbekannten Freunden. Vom Politiker zum Influencer.

Seite 2 von 2. Zwar gerade erst angefangen, aber klingt nach Erfolg. Fehlt nur noch der Titel. Bald sind die 500 Wörter erreicht. Eine gute Kurzgeschichte misst man aber nicht an Worten, nicht an Zeilen und Seiten. Eine gute Kurzgeschichte kann auch lang sein, fast ein kurzer Roman. Sie kann auch kurz sein. Sehr kurz. Wenige Zeilen können mehr aussagen als Tausende von leeren Worten.

Daher höre ich jetzt auf. 501 Wörter. Der Zeiger blinkt noch, steht aber nicht mehr so alleine da, klagt mich nicht mehr an.

Nur einen Titel habe ich nicht gefunden.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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