Horst Radmacher

Kleopatra kam bis Mittenwald

Der Juli des Jahres 46 v. Chr. war, wenn man den Schriften Ciceros glauben kann, einer der heißesten Sommermonate des antiken Roms seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Für privilegierte Bürger des Reichs sowie deren Gäste kein unlösbares Problem, denn für diese gab es verschiedene Arten der Erfrischung in luftigen Atriumhäusern. So hatte die ägyptische Herrscherin Kleopatra, Caesars Gast in dessen Villa, seinerzeit dort eine prachtvolle Hofhaltung etabliert, in der sie ihre luxuriösen Bankette veranstaltete; es fehlte an nichts. Dann, als die Hitze schier unerträglich wurde, verlegte sie ihre Feste näher ans Wasser. Die Badelandschaft im Garten der Villa erfrischte nicht mehr genügend und so wurden die Feste ganz auf das Wasser verlegt, auf den nahen Fluss Tiber, auf einen Ponton. Hier wehte mitunter ein lauer Wind vom gegenüberliegenden Ufer des Tibers, da wo sich heute der Stadtteil Trastevere befindet. Und dieser Windhauch brachte nicht nur frische Luft auf die andere Uferseite, sondern mitunter auch undefinierbare Gerüche, teils unangenehm, teils exotisch verlockend. Diese Witterungen kamen aus den Quartieren der gewöhnlichen Leute, den Plebejern, herübergeweht.

So gebildet und wissbegierig die ägyptische Königin auch war, sie hatte keinerlei Kenntnisse vom Leben des gemeinen Volkes; schon gar nicht von denen aus einer Großstadt wie Rom. Kleopatras Heimat war eher von großen Palästen und Tempelanlagen sowie Dörfern der Fellachen entlang des Nilufers geprägt. Hier in Rom litt sie nicht nur unter der Hitze, sondern zunehmend auch unter Langeweile. Ihr Gastgeber und Geliebter, Julius Caesar, war wieder einmal auf Achse, um aufmüpfige Gallier zur Räson zu bringen. Es war mehr als ein Gerücht, dass dieser umtriebige Feldherr sich nicht nur aufs Militärische beschränkte. Seine Eroberungszüge waren häufig auch auf die Weiblichkeit fremder Länder gerichtet. Und in Rom? Kleopatra allein zu Haus. Getrieben von solch einer Stimmungslage, begab sich Kleopatra, getarnt durch unscheinbare, einfache Kleidung, neugierig ins Menschengewimmel jenseits des Flusses. Und schon nach kurzer Zeit bereitete ihr der Ausflug großes Vergnügen. Diese Exkursion wird in späteren Chroniken als 'Ambulate de Cleopatra' beschrieben. Doch der kurzweilige Zeitvertreib, ein lustbetontes Schlendern in fremdartiger Umgebung, wurde bald getrübt. Die ortsunkundige Herrscherin inkognita verirrte sich in dem chaotischen Trubel der Altstadt. Obwohl der Landessprache mächtig, war sie bald mit ihrem Latein am Ende, als sie Passanten nach dem Weg fragte. Deren Sprache, eine spezielle Mundart des Vulgärlateins, war ihr fremd.

So war es großes Glück, auf eine Frau mittleren Alters, Gaia Hostilia, zu treffen, die rudimentäre Kenntnisse der ägyptischen sowie der griechischen Sprache besaß. Erworben hatte sie diese als Bedienstete einer römischen Frauenabordnung auf einer Reise auf dem Landweg nach Ägypten. Jetzt in ihrem Haus, einfach aber sauber eingerichtet und mit Wasserversorgung versehen, verbrachten die beiden Frauen einen unterhaltsamen Nachmittag. Ohne Zweifel, die Königin lernte mehr von Hostilia als diese von der königlichen Hoheit. Vor allem von ihrem Beruf als 'Femina Latrina', Klofrau. Als solche war Hostilia für die Fäkalienentsorgung der höheren Damen verantwortlich gewesen; die niederen gingen zur Verrichtung, genau wie die Männer, ins Gebüsch. Und dann der Clou: Für derartige Reisen gab es ein mobiles Klosett auf Rädern, von Pferden gezogen - im Prinzip ein Vorläufer des heutigen Dixi-Klos. Dieser Erfindung war es dann auch geschuldet, dass Kleopatra eine längere Reise in den Sinn kam; Herr Caesar möge sich ruhig weiter in Gallien amüsieren. Bislang hatte die empfindsame Hoheit vom Nil oft vor längeren Reisen auf dem Landwege zurückgeschreckt, allein aus hygienischen Gründen. Aber so zu reisen, das hätte Stil. Und wenn schon eine Reise, dann nichts wie raus dem stickigen Großstadtgetümmel Roms, hinein in kühlere Gefilde. Der Majordomus im Hause des Cäsaren sollte die Reise organisieren. Der gute Mann kippte fast aus den Sandalen, als er davon erfuhr. Aber Befehl ist Befehl.

Die auf Reisen Erfahrene Gaia Hostilia unterbreitete der Königin einen famosen Vorschlag. Sie schilderte ihr in den schönsten Bildern ein Land, in dem es auch in dieser Jahreszeit klimatisch angenehm wäre, und wo es selbst im Sommer Schnee geben würde, nämlich auf den Bergen dort. Über den neuen Handelsweg, die Via Raetia, die von Rom über die Alpen nach Augusta Vindelicum, dem heutigen Augsburg führt, sollte es gehen. Auf dem Weg dorthin kommt man durch eine Gegend voller landschaftlichem Zauber, vor allem für jene verlockend, die aus brütender Hitze kommen. Und das alles auf höchstmöglichem Komfortstandard, inklusive einer mobilen Toilette mit fachlicher Betreuung. Kleopatra war begeistert. Noch im Spätsommer desselben Jahres brachen sie auf. Die römische 'Femina Latrina' hatte nicht zu viel versprochen; es wurde für die Herrscherin Ägyptens ein unvergessliches Erlebnis. Einige Tagesmärsche vor Augsburg dann ein Stopp nahe der heutigen Stadt Mittenwald. Und hier endet die Geschichte.

Erst Jahrhunderte später, im Jahre 1913 n. Chr., gab es neue, aufsehenerregende Erkenntnisse. Der Geschichtsforscher Dr. Alois Feuchtwangen entdeckte bei Ausgrabungen im Raum Mittenwald Erstaunliches. So fand er Relikte eines Gefährts, das zu einem toilettenartigen Gerüst rekonstruiert werden konnte. In unmittelbarer Nähe stießen die Forscher auf Überbleibsel eines Lederbeutels mit einigen altägyptischen Münzen darin. Die Prägung der Geldstücke zeigte eindeutig Königin Kleopatra. Diese Fundstücke mussten in Zusammenhang mit den Tonscherben stehen, die direkt neben dem Klo gefunden wurden. Auf denen war der Schriftzug 'Fem... Latr...' gerade noch zu entziffern. Wortfetzen schriftlicher Begleitdokumente zu einer Expedition aus jener Zeit wiesen auf eine Reise Kleopatras von Rom nach Augsburg hin. Dort ist jedoch zu keiner Zeit ein Anhaltspunkt gefunden worden, der einen Aufenthalt der ägyptische Königin in Augsburg belegen könnte. Der Experte für römische Geschichte hatte keinen Zweifel: Kleopatra kam bis Mittenwald.

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