Angie Pfeiffer

Märchen für Erwachsene: Wer küsst schon gerne einen Frosch

Prinzessin Pimpinella stöckelte über den Schlosshof, in der Hand ihre goldene Spindel. Wie das Ding in der Sonne glitzerte! Einfach genial. Stopp, was war das? Pimpinella lauschte. Lautes, hastiges Hufgetrappel? Unglaublich! Es war verboten, im Schlosshof schneller als im Schritttempo zu reiten. Sie erwog die Wachen rufen, als der Übeltäter im Schweinsgalopp um die Ecke preschte. Es war ein gutaussehender Mann auf einem Schimmel. Kurz bevor er sie über den Haufen reiten konnte, zügelte er sein Pferd, sprang elegant ab und machte einen formvollendeten Diener. „Verzeihung, Prinzessin. Es handelt sich um einen Notfall. Prinz Guido von Witt und Hohenstein schwebt in großer Gefahr. Ich bin Heinrich, sein Kammerdiener.“
Ein Diener also! Pimpinella rümpfte das niedliche Näschen. „Folge mir in den Thronsaal, vielleicht hat mein Vater einen Moment Zeit“, flötete sie.

Im Thronsaal war der König gerade dabei zu regieren, trotzdem hörte er sich Heinrichs Geschichte an.
Er sei zusammen mit Prinzen Guido auf einem Jagdausflug gewesen, erzählte der Kammerdiener. Vom Weg abgekommen stießen sie im tiefen Wald auf ein Häuschen, das ganz und gar aus Lebkuchen gebaut war. Als der Prinz, der einen süßen Zahn habe, sich ein Stück vom Dach abbrach und daran knabberte, öffnete sich die Tür. Ein sehr unschönes Weib forderte Herrn und Diener auf hereinzukommen, denn es habe gerade etwas Gutes gekocht. Wie zum Beweis umschmeichelten die delikatesten Essensdüfte die beiden hungrigen Männer. Im Knusperhäuschen war der Tisch bereits gedeckt.
„Für drei Personen, das hätte mich stutzig machen müssen!“
„Nun erzählt weiter“, der König hatte das Regieren eingestellt, die Geschichte war einfach zu spannend. Auch Pimpinella war ganz Ohr.
„Wir setzten uns also an den gedeckten Tisch und schlugen uns den Bauch voll. Der Wein floss in Strömen, die Flaschen schienen niemals leer zu werden. Plötzlich kam mir das Weib gar nicht mehr hässlich vor. Prinz Guido machte ihr sogar schlüpfrige Komplimente. Dann bin ich eingeschlafen. Als ich aufwachte, lag ich in einem Käfig, umgeben von menschlichen Knochen. Prinz Guido saß in dem Käfig nebenan und hielt sich den Kopf.“
„Das ist unglaublich! Einen Prinzen in einen Käfig zu sperren …“, der König schlug mit der geballten Faust auf die Lehne seines Thrones.
Heinrich erzählte weiter: Nach einiger Zeit wäre die Hexe, denn um eine solche handelte es sich bei dem Weib, in den Raum geschlurft. Sie habe sich die Mittelfinger der Gefangenen durch die Gitterstäbe reichen lassen und diese gründlich betastet. Dann habe sie den Prinzen aus dem Käfig gelassen. „Mit dir habe ich noch was vor, Burschi“, kicherte sie. „Der da ist fett genug für einen guten Braten. Vielleicht gebe ich dir ein Flügelchen ab, mein Prinzchen!“ Sie schmiegte sich an ihn. „Küsse mich heiß und feucht. Ich will wieder einmal einen Mann haben.“
Prinz Guido war in Panik geraten. Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Annäherungsversuche des Weibes, was dieses wild machte. Es öffnete auch Heinrichs Käfig. „Dann eben du, Dickerchen. Los, jetzt lege ich dich flach!“ Aber auch Heinrich wollte nicht. Er drückte sich zitternd in eine Ecke.
Plötzlich packte die Hexe den Prinzen am Kragen und schüttelte ihn wie einen Hund. „Erst erzählst du mir, dass ich geil aussehe und jetzt willst du nicht? Das wirst du mir büßen!“ Sie murmelte unverständliches Zeug. Mit einem grellen Blitz verwandelte sich Prinz Guido in einen Frosch. An dieser Stelle sackte Heinrich in sich zusammen. „Mein Prinz wurde verhext und was tat ich?“
„Ja was denn“, fragte der König gespannt.
„Was denn“, echote Pimpinella.
Heinrich liefen die Tränen über das Gesicht. „Ich lief weg“, murmelte er. „Ließ meinen Guido in Stich, sprang aufs Pferd und gab ihm die Sporen. Noch immer höre ich die Worte der Hexe: Du sollst als ein Frosch leben und Fliegen fressen, bis die wahre Liebe dich erhört und dir die Küsse schenkt, die du mir nicht geben willst.  Bitte helft mir. Ich muss Prinz Guido finden, ehe er gefressen wird. In diesem Jahr brüten ungewöhnlich viele Störche in der Umgebung.“
„Natürlich helfe ich dir, schließlich handelt es sich um einen Prinzen.“ Der König musterte seine Tochter. „Was meinst du, Pimpinella, würdest du den Prinzen Guido heiraten wollen? Die von Witt und Hohenstein haben Geld wie Heu.“
Pimpinella zögerte. „Ist der Prinz gutaussehend?“, fragte sie.
Heinrichs Blick verklärte sich. „Mein Prinz ist ein schöner, kluger, gebildeter Mann, der alle anderen in den Schatten stellt. Seine Umgangsformen sind exzellent. Er würde sich einer Jungfrau niemals auf ungebührliche Weise nähern.“
„Ähm … Jungfrau …“, murmelte Pimpinella.
Der König unterbrach sie hastig. „Reden wir nicht darüber. Wir werden den Prinzen finden. Du kannst uns sicher den Weg zur Hütte zeigen.“
Das Knusperhaus war schnell gefunden. Es war leer, obwohl im Backofen eine Flamme loderte. Ein Geschwisterpaar, das sich in der Nähe herumdrückte, konnte keine genaue Auskunft geben, wo die Hexe abgeblieben war. Auch der prinzliche Frosch blieb trotz gründlicher Suche unauffindbar. So ritt Heinrich schließlich zurück ins Königreich Witt und Hohenstein, um die furchtbare Nachricht zu überbringen. Der König verschob die Hochzeitspläne für seine Tochter bis auf weiteres, schließlich war sie noch jung.

Ein Jahr später:

Die Mittagssonne glitzerte am wolkenlosen Himmel. Prinzessin Pimpinella joggte durch den Schlossgarten. Ein Blick auf ihre Apple Watch zeigte ihr, dass sie bereits zwölftausend Schritte gelaufen war. Am Brunnen, der sich in einer versteckten Ecke des Gartens befand, hielt sie an und beschloss, ein Päuschen einzulegen. Aber zunächst ein paar Dehnübungen. Erst der Einbeinstand, dann der Tandemgang und die gedrehte Flankendehnung. Dabei geschah das Unglück: Pimpinella hatte aus lieber Gewohnheit ihre goldene Spindel dabei. Damit sie beim Joggen nicht störte, hatte sie sie in ihre Gesäßtasche gesteckt. Während der der Flankendehnung rutsche die Spindel aus der Tasche und mit einem lauten ‚Plopp‘ mitten in den Brunnen.
„Kacke“, rief Pimpinella unbeherrscht. Dann fiel ihr ein, dass ihr Vater ziemlich sauer sein würde, weil sie die Spindel brauchte, um bei Bedarf Stroh zu Gold zu spinnen. „Verdammtverdammverdammt!“, heulte sie.
„Wer flucht hier so hundsgemein?“, quakte es neben ihr.
Pimpinella erschrak und wischte sich die Nase an ihrem Rocksaum ab.
„Pfui Spinne, hast du kein Taschentuch?“ Der Frosch schüttelte sich.
„Stell dich nicht so an oder hast du vielleicht ein Taschentuch dabei?“, raunzte Pimpinella ihn an. „Hol mir lieber die goldene Spindel wieder, du dämlicher Frosch. Ich schenke dir dafür mein tolles neues Eßbesteck, das ist auch aus Gold.“
Der Frosch musterte sie spöttisch. „Was meinst du soll ich mit deinem Besteck anfangen, du dumme Pute. Ich fange die Beute mit meiner Zunge.“ Zur Demonstration ließ er seine Zunge vorschnellen und fing geschickt eine fette Spinne. „Wenn ich in diesen stinkenden Brunnen tauchen soll, dann musst du mir schon was Besseres bieten.“
„Mein goldener Teller dazu?“
„Nö!“
„Meine kuschelige, seidene Bettdecke?“
Der Frosch stutze. „Gute Idee. Aber deine Decke allein reicht mir nicht. Ich will in deinem Bett schlafen und zwar mit dir zusammen. Einmal wieder kuscheln … und wenn es mit einem Mädchen ist.“
„So etwas nennt man Erpressung. Aber gut, hol mir meine Spindel, dann nehme ich dich mit ins Schloss und du kannst in Gottes Namen mit mir im Bett schlafen. Aber nur eine Nacht!"
„Gebongt!“ Mit einem lauten Platsch sprang der Frosch ins Wasser und tauchte wenig später mit der Spindel im Maul wieder auf. „Das war anstrengend, jetzt nimm mich auf den Arm und trage mich ins Schloss“, quakte er außer Atem.
„Erst gibst du mir die Spindel!“ Doch kaum hielt Pimpinella ihr Arbeitsgerät in Händen, machte sich schnellstens aus dem Staub.
„Hey, das ist gemein, du hast es versprochen“, hörte sie den Frosch quaken.

Im Schloss angekommen blieb ihr kaum Zeit, denn das abendliche Diner wartete bereits auf sie. Kaum hatte sie sich an die Tafel gesetzt, da klopfte es laut am Tor. Wenig später hastete ein Diener in den Saal. „Draußen sitzt ein streitlustiger Frosch, der klopft ans Tor und quakt dabei ständig. Königstochter, Jüngste, lass mich ein.“
Der König musterte seine Tochter verärgert. „Hast du mir etwas zu sagen, Pimpinella?“
„Nun ja, Papa, da war heute ein Frosch im Garten, der hat mir ... äh ... geholfen. Und stell dir bloß mal vor, er will als Gegenleistung dafür in meinem Bett schlafen!“
„Was genau hat er für dich getan?“
„Ich habe die Spindel im Brunnen verloren, du weißt schon, die aus Gold, die mit der ich Stroh ...“
„Schweig still“, donnerte der König. „Du wirst noch alle unsere Familiengeheimnisse herausposaunen. Die Spindel ist ein Erbstück und befindet sich schon seit Jahrhunderten in unserer Familie. Du weißt genau, dass du sie nicht immer bei dir tragen sollst. Sie gehört in die Schatzkammer!“
„Aber sie glitzert so schön!“
„Papperlapapp! Es fehlt noch, dass er, dessen Namen man nicht nennen darf - und nebenbei bemerkt, dessen Namen ich völlig vergessen habe - hier aufläuft und unqualifizierte Forderungen stellt. Er wollte schon einmal ein Kind dieses Hauses adoptieren.“
Pimpinella schob schmollend die Unterlippe vor. „Jedenfalls ist das Vieh total glitschig und seine Haut sieht ganz pockig aus!“
„Das ist egal, hinein mit ihm“, befahl der König. „Es wird Zeit, dass du lernst, zu deinem Wort zu stehen. Wenn du es dem Frosch versprochen hast, dann nimmst du ihn auch mit in dein Bett und keine Widerrede!“

„So, jetzt hast du alles, was du wolltest, du ekeliges grünes Monster. Mach es dir ruhig in meinem Bett bequem, ich schlafe lieber auf Teppich, als mit dir zusammen.“ Würdevoll legte sich Pimpinella auf den dicken Teppich, der vor ihrem Himmelbett lag. „Aber ich komme nicht ins Bett, es ist zu hoch“, quengelte der Frosch. „Du musst mich hochheben, sonst sage ich es dem König.“
„Das ist doch ...“ Pimpinella nahm den Frosch auf, um ihn auf ihr Bett zu setzen.
Er schaute ihr tief in die Augen. „Würdest du mich vielleicht küssen“, wisperte er. „Nur ein Gutenachtkuss ...“ Weiter kam er nicht, denn die Prinzessin schmetterte ihn mit aller Kraft gegen die Wand, wo er wie tot liegen blieb.
„Mist, jetzt ist er hin! Vater wird sauer sein!“ Pimpinella beugte sich verzweifelt über den Frosch, zu ihrer Freude atmete er noch. „Heinrich“, murmelte er, während die Prinzessin ihn aufhob und vorsichtig in ihr Bett legte.
„Heinrich … Heinrich“, plötzlich dämmerte es Pimpinella. Da war doch was …
Ohne zu zögern schickte sie einen vertrauenswürdigen Ritter los, um den Diener Heinrich so schnell wie möglich herzuschaffen.

„Er von mir verlangt, dass ich ihn küsse, da habe ich ihn in einem Reflex von mir weggeschubst. Er ist unglücklich vor die Wand gefallen. Seitdem liegt schläft er.“ Heinrich war so schnell wie möglich gekommen. Pimpinella erklärte ihm die Lage, während er sich tief über den röchelnden Froschprinzen beugte. Sanft strich er ihm über den Kopf. „Mein Prinz“, mit diesen Worten hauchte er Guido einen Kuss auf das Froschmaul, worauf der grüne Körper anfing zu glitzern, der Frosch die Augen öffnete und Heinrich in die Augen sah.  „Meine wahre Liebe“, wisperte er und aus dem Frosch wurde wieder Prinz Guido.

Ein paar Wochen später:
„Liebe Pimpinella, endlich kann ich dir danken, dass du mich von dem üblen Fluch der Hexe befreit hast. Ohne dich hätte ich meine wahre Liebe niemals gefunden.“ Prinz Guido drückte Pimpinella dankbar die Hand. Er hatte sie zu einem Besuch in sein Reich eingeladen.
Der König erhob keine Einwände gegen diese Reise. „Bei ihm bist du in guten Händen, mein Kind. Der Prinz ist keine Gefahr für deine … ähm … Jungfräulichkeit, obwohl ich nicht weiß, wie es in diesem Königreich mit der Thronfolge weiter gehen soll“, fügte er nachdenklich hinzu.
Nun rollte die Kutsche dem Königreich von Witt und Hohenstein entgegen. Heinrich saß, wie es sich für einen Diener gehörte, auf dem Rücksitz. Plötzlich klirrte, klapperte und knirschte es. „Heinrich, ich glaube wir haben einen Platten, lass mal lieber anhalten“, rief der Prinz aus.
„Nein, mein Guido, mir ist gerade ein Stein vom Herzen gefallen“, war die Antwort. „Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass du meine tiefe Liebe erwiderst.“
„Heinrich, my Love, setzt dich zwischen uns.“ Prinz Guido rückte ein wenig zur Seite. Pimpinella schaute verblüfft von einem zum anderen. „Ist schon gut, ich setzte mich freiwillig auf die Rückbank. Hier vorne wird es zu warm.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wärmen sie sich noch heute aneinander…

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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