Michael Hoffmeister

H7 - Kontakt

Unser Generationenraumschiff, die H7, ist nicht gebaut worden für lange Reisezeiten interstellarer Flüge. Sie ist Ausdruck der Hoffnung, daher das große H im Namen. Die letzten Jahrzehnte auf unserer Erde wurden immer fürchterlicher, steigende Temperaturen und Meeres-spiegel verbunden mit stetig schlimmer werdenden Unwettern und Trockenzeiten führten zuerst zum Trinkwassermangel und Hungerskatastrophen und letztlich zu andauernden Kämpfen um höher gelegenes, fruchtbares Land, um Nahrung, um Wasser; Milliarden von Toten. Solange wir nicht wissen, ob sich ein neues Gleichgewicht auf der Erde eingestellt hat, ist vielleicht noch Schlimmeres zu befürchten. Nach dem Massensterben wurde in einer großen Anstrengung die H7 als siebte angetriebene Raumstation gebaut; sie soll versuchen, kleine möglichst autarke Raumstationen auf einigen Planeten und Monden unseres Sonnensystems zu entwickeln und zu errichten, um neue Räume für uns zu schaffen, für unser Überleben. Da eine Rückkehr zur Erde nicht vorgesehen ist, ist die H7 darauf ausgelegt, viele Generationen zu überdauern.

 

Es hat sechs Raumstationen vorher gebraucht. Nicht, dass die ersten Sechs technisch versagten, es waren immer wir Menschen selbst. Mal sprengte ein religiöser Fanatiker ein Loch in die Außenhülle, mal war es ein Sicherheits-beamter bei der Bekämpfung eines Aufstandes von Plünderern, mal ein völlig psychisch Durchgeknallter, ob aus sich heraus oder aufgrund der Einsamkeit unter all den Menschen der Raumstation selbst.

 

Natürlich lernten wir hinzu, der mehrfach modulare Aufbau der H7 ist nur ein Punkt der daraus geänderten Schiffskonstruktion. Dennoch gibt es viele Probleme, die immer noch gelöst werden müssen. Die Strahlung im All kann nicht völlig abgeschirmt werden, daher haben wir hier eine verkürzte Lebenserwartung; aber auch das hat Niemanden auf der Erde abschrecken können, sich um einen Platz auf der H7 zu bewerben, sind doch die Lebensumstände auf der Erde für so Viele unerträglich geworden, besonders für die Älteren, welche noch die "gute alte Zeit" erlebt haben.

 

Um einen der begehrten 30.000 Plätze zu erlangen war neben einem Höchstalter von 40 Jahren auch die Gesundheitsklasse 1a oder 1b erforderlich, was innerhalb von Paaren oder Familien schnell zu einem Problem wurde, wie auch bei mir. Meine Frau war 1b, ich dagegen nur 2b wegen Kleinigkeiten wie Cholesterin usw., dennoch war es für mich damit unmöglich; genau umgekehrt war es bei meinem Freund Freddy, dessen Frau nicht die 1b erreichte. Da beide aber nicht die Erde verlassen wollten, weil ihre Kinder im Gegensatz zu unseren noch ihre Hilfe brauchten, tauschten wir die Gesundheitsprofile über einen Helfer aus, so dass ich mit meiner Frau Drenn unsere beiden Plätze erhielt. Diese gängige Praxis des Schummelns wurde stillschweigend toleriert, warum habe ich nie verstanden. Der Abschied von unseren Kindern war erschreckend einfach; sie wollten auf der Erde bleiben, da sie auch nicht die Schönheit der früheren Erde kannten. Allen wurde ein pers&ou ml;nliches Verabschieden untersagt, was das Hochkommen der Gefühle unterdrückte und es so für alle deutlich einfacher machte. Was uns bleibt ist die interstellare Kommunikation mit den Kindern, eingeschränkt, aber sie ist da. Wir wollen unsere neuen Aufgaben wahrnehmen, und so vielleicht auch für unsere Kinder ein neues Zuhause ermöglichen.

 

Für interstellarer Flüge ist die H7 nicht gebaut, vielmehr verkehrt sie zwischen Kometen und Asteroiden, um sich derer einzuverleiben, vorher in entsprechend kleinere Teilstücke zerlegt. Aus den Brocken werden zunächst alle brauchbaren Elemente und Verbindungen geerntet, der Rest geht zum Antrieb, ein Teil der Masse wird in Energie umgewandelt, welcher den anderen Teil nach und nach zerkleinert und dann beschleunigt durch unseren Raketenantrieb herausschießt, um uns durch den Rückstoß anzutreiben sowie der H7 die lebens-notwendige Energie zu liefern. Wir beschleunigen so mit 9-10 m/s2 und haben damit die uns gewohnte Schwerkraft. Wir werden nach einigen Tagen so schnell, dass wir immer wieder unsere Schleifen fliegen, um die Geschwindigkeit nach einer 180°-Drehung wieder mit einem G abzubremsen. Die sogenannte Schleife erinnert eher an einer 2, alle anderen Flugmanöver kommen nicht in Betracht, eben auch kein Slingshot um andere Planeten mit deutlich stärken Beschleunigungen oder Ver-zögerungen.

 

Wichtiger als für uns ist das eine G für unseren Wald, unser Feld und unseren Acker, welche für Luftreinigung und Nahrungsproduktion unverzichtbar sind. Nachdem sich unsere erste Euphorie auf der H7 gelegt hat ist ein eher langweiliger Alltag eingekehrt. Teilweise sogar trist, denn unsere Fenster sind nur große Bildschirme, eine Sicherheitsmaßnahme aus den menschlichen Fehl-verhalten auf den ersten H-Generationenschiffen. Immer wieder drehen Mitreisende durch, bekommen den sogenannten Raumkoller, Singles deutlich öfter, daher werden auch seit langem die sogenannten Freundes-Abende veranstaltet und die Sport- und Freizeitangebote laufend angepriesen und abwechslungsreich modifiziert, damit der Medizintrakt nicht überläuft.

 

Vor zwei Wochen erst ist eine Frau mittleren Alters ohne ersichtlichen Grund im Kino durchgedreht und hat um sich gebissen, natürlich war der Sicherheitsdienst schnell vor Ort, aber allen saß der Schreck tief in den Knochen. Eigentlich kann sich jeder in seiner kleinen Wohnbox aus einem unüberschaubarem Angebot Filme ansehen, doch hat sich das Kino gut etabliert, vielleicht liegt es am guten Service mit Snacks und kleinen, natürlich alkoholfreien Drinks, oder es sind die Gemeinschaftserlebnisse wie Mitfiebern, auch wenn man einen Zwischenfall wie den vor zwei Wochen dabei riskiert.

 

So frisst sich die H7 uns von Komet zu Asteroid zum nächsten Felsen, die Entwicklung von Außenstationen auf unseren Nachbarplaneten und einigen Monden kommt dagegen nicht gut voran, wir sind von den gewollten autarken Einheiten immer noch weit entfernt, trotz unseres großen Forschungs- und Entwicklungs-Moduls mit guter personeller Ausstattung.

 

Heute Mittag hatten wir wieder einmal eine Schleusen-Übung. Der mehrfach modulare Aufbau unser H7 verschließt schiffsweit alle Schleusen bei einem Druckabfall. Wer dabei in der Schleuse steht, wird vom Druckabfall in das entsprechende Modul gezogen, wer aber 10 Meter davor steht, kann von der sich schließenden Schleuse zerquetscht werden, jeder in diesem Bereich muss sich also schnell auf die Schleuse zubewegen um diese noch halbgeöffnet passieren zu können, während sich weiter Entfernte gegen den Sog stemmen müssen. Natürlich bleibt keine Zeit zum Nachdenken, es muss instinktiv gehandelt werden, daher die öden Wiederholungen solcher Übungen.

 

Das anschließende Mittagessen danach kommt mir immer wie eine Belohnung für die Mühen der Übung vor. Wie immer gab es Gemüse und algenbasierendes, gewürztes Formfleisch, heute aber auch etwas "echtes" Fleisch, eine Mangelware, da wir das Labor-Fleisch aus tierischen Stammzellen züchten müssen.

 

Anschließend bin ich wieder zu unseren Shuttles, Wartung, Komponenten updaten, Beschädigungen prüfen und ggf. reparieren oder austauschen, halt die üblichen Mechatroniker-Routinearbeiten, wenn ich und die anderen Piloten nicht fliegen. Die Flugeinsätze sind in der Regel die Untersuchungen an Asteroiden, Kometen usw., prüfen auf Rohstoffe und Verwertung der Masse, Zerlegung in Teilbrocken falls nötig sowie das anschließende Abschleppen zur H7. Letztes Jahr hatte ich ausnahmsweise einen Rettungsflug, als die Steuerdüsen eines anderen Shuttles versagten und ich Abschleppdienst hatte. Sonst ist es sehr ruhig, keine Spur von Aliens oder irgendetwas Interessantem. Meine Frau ist Ärztin bzw. Botanikerin, je nach Situation wird sie entsprechend eingesetzt. Viele hier müssen sich mit 2 Berufen auskennen, damit uns kein Notfall überraschen kann, Redundanz.

 

Wenn ich an meine geliebten Science-Fiction Filme denke, so ist wohl der größte Abstrich in der Realität der private Wohnblock, welcher aus einem Container besteht. Jeder Wohnblock ist baugleich, hat die Steuerungs- und Versorgungsanschlüsse an den gleichen Stellen wie auch die Verriegelungs-Mechanismen zu Nachbar-Wohn-blöcken. Im Wohnblock ist ein kleiner WC- und Duschbereich für die kombinierte Wasser- und Schall-Dusche abgetrennt, daneben findet sich ein Kühlfach für kleine Mahlzeiten, gegessen wird in der Haupt-Mensa. Blickfang sonst ist das große Bett, bei Singles gibt es ein kleineres Bett. Der Rest des Containers ist der Kleiderschrank. Das große Fenster über dem Bett ist auch hier ein Monitor für Filme oder als PC oder Kommunikations-Terminal. Der übergroße Briefkasten neben dem Eingang dient der Ablage gereinigter Kleidung und Wäsche, Post gibt es natürlich nicht.

 

Es traf uns völlig unvorbereitet. Schiffsweiter gelber Alarm. Wieder eine Übung, nein, es war völlig anders als sonst und alle spürten es. Ich bekam etliche Anfragen von Freunden auf mein mobiles Handgerät, alle wollten wissen, was denn los sei, ich wusste es ja selbst nicht. Ohne noch mit Drenn sprechen zu können musste ich sofort zur Hangarbucht in ein Shuttle, Copilot aufnehmen, das Shuttle startklar machen und weitere Anweisungen abwarten. Noch bevor wir startklar waren meldete sich die Flugkontrolle der H7 auf dem Shuttlemonitor. Mit zitternder Stimme sagte der Captain: "Wir haben ein Schiff auf unseren Anzeigen, undeutlich und flimmernd. Keine Ahnung, was das ist, aber es kann nicht von der Erde sein, auch kein alter Satellit oder eine alte Sonde. Vermutlich also Extraterristen. Also jetzt erst einmal durchatmen." Dann fuhr er fort: "Wir sind ja unbewaffnet, die einzigen Waffen sind eure zur Sprengung der Asteroiden. Falls dieses Sch iff, wenn wir näher dran sind, bewaffnet ist und auf uns feuern sollte, brauche ich alle 4 Shuttles um uns herum für eine Gefecht. Bereitet euch vor, in ca. 3 Stunden erreichen wir das fremde Schiff, kein Wort zu niemanden, das ist ein Befehl!"

 

Das ist natürlich zermürbend, 3 Stunden warten zu müssen, man stellt sich jede erdenkliche Situation vor und weiß doch, dass man einfach unvorbereitet ist. Wir waren und sind kein Kriegsschiff, die H7 hat nicht einmal ein einfaches Geschütz, wir sind einfache Felsenfresser. Der Richtfunk zur Erde dauert zu lang, aber wir bzw. unsere aktuelle Flugkontrolle (Brücken- Crew) sind auch nicht weisungsgebunden sondern müssen alle Entscheidungen selbst treffen. Wie mag sich Drenn fühlen, ohne zu wissen was gerade passiert und ohne die Möglichkeit mich zu erreichen (Sperre durch die Flugkontrolle) ? Auch wenn wir solche Situationen schon durchdacht und besprochen haben, ist die Realität grausam. Ich verdränge die Gedanken an meine Frau, einzig wichtig und richtig ist nun, dass jeder perfekt funktioniert, nur so haben wir die Chance bestehen zu können. Angst, Zweifel oder Selbstmitleid sind der sichere Weg in den Tod für alle auf der H7.

 

Auf der Hauptbrücke ist die aktuelle Schicht der Flugkontrolle im Gegensatz zu uns Shuttlepiloten im Dauerstress. Nachdem der Kurs auf den extrapolierten Ren­dez­vous-Punkt mit dem fremden Schiff gesetzt wurde, versucht unser Funker auf allen möglichen Frequenzen das fremde Schiff zu erreichen, daneben versuchen wir zusätzlich Morse-Codes mittels Laser zu übermitteln, um unsere friedliche Absicht darzustellen und zu versuchen etwas in Erfahrung bringen zu können. Commandant Revers befiehlt dem Wartungsteam sich auf Trennungen unserer Module vorzubereiten, die Versorgungsleitungen mit frischer Luft, Trink- und Abwasser werden vorsorglich getrennt. Über die Steuerungsleitungen werden noch Mitteilungen an alle Monitore versendet, um eine Panik zu vermeiden, aber gleichzeitig über die getroffenen Entscheidungen zu unterrichten, als Ursache wird jedoch eine eventuell zu streifende Raum-Anomalie vorgegeben. Natürlich weiß jeder, dass be i einer Trennung der Module jedes Modul nur eine begrenzte Lebensdauer bietet, innerhalb derer möglichst alle Module durch die Antriebsmodule und die Shuttles wieder zusammengefügt werden müssen. Wir sind auch nicht redundant, fehlt nach einem solchen Manöver ein oder mehrere wichtige Module, können wir hoffentlich ausreichend improvisieren. Unser alter Pilot Gander meldet sich gerade jetzt mit dem Verdacht, dass wir vom Ren­dez­vous-Kurs abgewichen sind. Ungläubig schauen ihn alle an, Captain Revers schreit Richtung Leitstelle, worauf sie denn noch warten anstatt unseren Kurs zu überprüfen.

 

Das ungläubige Staunen über den Verdacht von Gander kann man allerdings keinem vorwerfen, sind wir doch der Hilfe unserer Bordcomputer permanent ausgesetzt, und diese enttäuschen uns nicht, daher ist die Vermutung von Fehlfunktionen wie Kursabweichungen sehr unwahr-scheinlich und gerade in diesem Moment, so uns ein Erstkontakt oder ein Kampf oder was auch immer bevor steht, eigentlich schon fast unmöglich. Die Leitstelle jedoch bestätigt den Verdacht, berechnet die erforderliche Kurskorrektur und schickt diese direkt zu Ganders Terminal, welcher die Korrektur bestätigt. Aktuell weiß keiner, wie es zu dieser Kursabweichung kommen konnte und was das für unseren weiteren Kurs und alle anderen Systeme bedeuten könnte. Natürlich wird es im nach hinein eine genaue Untersuchung dieses Vorfalls mit Hilfe der Aufzeichnungen geben, aber jetzt sind erst einmal alle ratlos. Revers hat sich wieder gefangen und ruft die gesamte Flugkontrolle/Br&uu ml;ckencrew dazu auf, alle 5 Minuten Systemchecks zu machen, um weitere eventuell auftretende Fehlfunktionen frühzeitig erkennen und beheben zu können.

 

Auch wird jetzt ein Schleifen-Flugmanöver erforderlich zum Abbremsen der H7. Durch den zu fliegenden Halbkreis, eingeleitet mittels der kleinen Schubdüsen, fliegen wir anschließend scheinbar genau vom Zielort weg mit weiterhin einem G, in Wahrheit werden wir aufgrund unserer hohen Raumgeschwindigkeit weiterhin auf das Ziel geschleudert und unsere Beschleunigung vom Ziel weg verlangsamt unsere relative Annäherungsgeschwindigkeit, im Schiff selbst behalten wir ein G bei und merken von dem Flugmanöver meist nichts. Entscheidend ist es aber für die Shuttles, die bald los müssen. Sobald ich mein Shuttle von der H7 löse, fliege ich mit genau der dann aktuellen Geschwindigkeit der H7 auf die Zielkoordinaten zu, ich muss also mittels Umkehrschub die gleiche Verzögerung wie die der H7 erreichen, wenn ich an deren Seite verbleiben will. Anstelle einer Schwerelosigkeit habe ich ein G aber als Bremswirkung, wie gut dass es Anschnallgurte gibt und kei ne losen Teile in den Cockpits. Mit den kleinen Treibstoff-Vorräten der Shuttles können sich diese daher erst sehr spät von der H7 trennen, ggf. müssen wir ja auch noch einzelne Module einfangen usw., also weiter Ruhe bewahren und abwarten. In den 3 Stunden unseres Bremsmanövers bis zum Ren­dez­vouspunkt sind wir weit davon entfernt, unsere Geschwindigkeit auf Null zu reduzieren, uns ist einzig ein sichtbarer Vorbeiflug möglich, welche Konsequenzen sich daraus für das fremde Schiff ergeben bleibt nur abzuwarten.

 

Wie erwartet meldet sich Captain Revers 10 Minuten vor dem Ren­dez­vous mit seinen letzten Anweisungen. "Shuttle-Piloten, jetzt wird es ernst, ihr seid ausgebildet und bereit, in 5 Minuten löst ihr euch von der H7. Shuttle 1 fliegt auf 90° zu unserem Geschwindigkeitsvektor neben uns bei gleicher Verzögerung im Abstand von 5km, Shuttle 2 ebenso bei 180°, 3 bei 270° und die 4 bei 360°. Ich will keine Kursabweichungen sehen. Die Zielautomatik der Asteroiden-Kanonen bleiben offline, würde eventuell als ein durch uns bevorstehenden Angriff gedeutet werden können. Sollten wir dagegen wider Erwarten beschossen werden, wird von den Shuttles mit freien Schussfeld sofort mit Zielautomatik gefeuert. Aufgrund der hohen Vorbeiflug- Geschwindigkeit wären vermutlich nur 2 Schüsse möglich. Falls die H7 einzelne Module abwirft sind diese umgehend einzusammeln und zurückzubringen. Hoffen wir auf Frieden, ansonsten Gute Jagd." Ich war angenehm überrascht, dass der dienst-habende Captain einen ruhigen Kopf bewahrt, vernünftige und beinahe militärische Kommandos ausgab und uns so auch alle zumindest etwas beruhigte. Der Countdown zum Lösen der Andock-Klammern am Schiff zeigte mir noch 2 Minuten, Kurs und Verzögerung hatte der Copilot bereits programmiert, die folgenden Aktionen werden daher vollautomatisch ablaufen. Noch einmal kurz Drenn vor mein inneres Auge, dann höchste Konzentration und los geht´s.

 

Anstelle der erwarteten Spiralflugbahn drehen wir uns um uns selbst, was durch unser startendes Triebwerk aber glücklicherweise gebremst wird. Dennoch schalte ich das Haupttriebwerk sofort aus und starte die kleineren Schubdüsen zur Stabilisierung, langsam kommen wir in eine ruhige Flugbahn, so dass ich erneut das Haupttriebwerk starte um die vorgegebene Flugbahn zu erreichen, was dann auch gelingt, aber es ist zu spät, gerade sind wir am Ren­dez­vous-Punkt vorbei geflogen; das fremde Schiff habe ich nicht sehen können, nur einen vorbeihuschenden Schatten, Schüsse habe ich zum Glück auch nicht wahrgenommen und von der H7 scheinen sich auch keine Module gelöst zu haben. Kurz drauf sehe ich auf meinem Monitor die Anweisung, wieder an die H7 anzudocken und in Bereitschaft zu bleiben, dieses Manöver gelingt ohne besondere Vorkommnisse. Mein guter alter Copilot hat zwischenzeitlich auch schon einen Fehler gefunden: die Andock-Klammern der H7 haben sich unterschiedlich geöffnet, daher kam also der Drall unseres Shuttles. Warum jedoch bei den Andock-Klammern solches Fehlverhalten auftrat bleibt ein Rätsel, beim Wieder-Andocken gab es keine Fehlfunktionen.

 

Die drei anderen Shuttle-Piloten und deren Copiloten sind auch in höchster Aufregung, alle reden gleichzeitig in unserem internen Kommunikations-Kanal. Ich muss sie erst einmal beruhigen und um einen Kurzbericht bitten, aber der Reihe nach. Wie sich herausstellte, versagte bei Shuttle 2 der Hauptantrieb, sie haben sich nur mit den kleinen Schubdüsen direkt neben die H7 platzieren können, was soviel Zeit in Anspruch nahm, dass auch sie nichts vom fremden Schiff mitbekommen haben und auch nicht hätten feuern können. Shuttle 3 hatte keine Fehlfunktionen, das fremde Schiff lag aber verborgen hinter dem Rumpf der H7, im Falle eines Kampfes hätte man nicht eingreifen können. Bei Shuttle 4 lösten sich die Andock-Klammern überhaupt nicht, der Einsatz der Asteroiden-Kanone im angedockten Zustand wäre kritisch und ist daher untersagt. Was verflucht nochmal ist hier gerade passiert ? Aber erst einmal muss ich die Shuttle-Crews erneut beruhigen u nd zur Disziplin aufrufen.

 

Nach weiteren 5 Minuten wird dann auch unsere Bereitschaft beendet mit dem Befehl, sich umgehend im Besprechungsraum der Brücke einzufinden. Dort eingetroffen müssen wir weitere 10 Minuten warten, bis dass Captain Nickmann erscheint. "Meine Herren, meine Ablöse von Captain Revers ist zwar erst in 2 Stunden, meine Brückencrew und ich wurden jedoch schon vorzeitig auf die Brücke gerufen. Revers ist noch beschäftigt, daher müssen sie vorerst mit mir Vorlieb nehmen. Wir haben das fremde Schiff passiert, es gab weder Kommunikation noch eine Aggression, zwischenzeitlich haben wir uns bereits weit entfernt. Wir konnten auf der Brücke ihre Schwierigkeiten mitverfolgen und ich bitte nun der Reihe nach um ihre persönliche Einschätzung, Shuttle 1 beginnt."

 

Ich wiederholte noch einmal die Geschehnisse, unterstützend flankiert von meinem Kopiloten, danach berichteten die anderen Shuttle-Piloten, ihre Unsicherheit hatte sich gelegt und war einer seltsam beruhigenden Disziplin gewichen. Nickmann bestätigte unsere Berichte mit der Wahrnehmung der Situation auf der Brücke, resümierte, dass jedes Shuttle durch eine nicht erklärbare technische Fehlfunktion die eigentliche Aufgabe nicht hat ausführen können. Eine Fehlfunktion sei ja vorstellbar, aber nicht dass jedes Shuttle in einer solch kritischen Situation ausfällt. Nickmann berichtete uns weiter, dass es auch auf der Brücke seit der Sichtung des fremden Schiffes immer wieder zu unerklärlichen Fehlfunktionen gekommen ist, angefangen von Kursabweichungen gab es bis zum Vorbeiflug immer wieder ein Versagen von Komponenten auf der Brücke. Erst nach dem Vorbeiflug scheinen die Fehlfunktionen beendet zu sein. Alles in allem bislang ein unver ständlicher und einzigartiger Vorfall.

 

Erste Analysen sind abgeschlossen, jedoch konnte in keinem Fall eine Erklärung gefunden werden. Gleichzeitig werden die Aufnahmen des fremden Schiffes untersucht. Hierzu gleich mehr. Neben dem beiden Brückencrews sind nur wir mit den Fakten vertraut, schiffsweit wurde zur Panikvermeidung verbreitet, dass wir nahe an einer Raum-Anomalie vorbeifliegen werden und ggf. mit einzelnen Schwierigkeiten zu rechnen sein könnte. Diese Falschmeldung soll zunächst noch aufrecht erhalten werden. Die Tür wurde geöffnet und langsam füllte sich der Besprechungsraum.

 

Nachdem Captain Revers erschienen war, gab er mit zittriger Stimme eine kurze Zusammenfassung für all jene Brückencrewmitglieder, welche nach uns hinzugekommen waren, um dann zur ersten Auswertung des fremden Schiffes zu kommen. Seine Stimme wurde noch zittriger mit der Aufforderung, die Bilder zu betrachten. Wir glaubten unseren Augen nicht zu trauen, wir sahen das Bild eines Vorgängers der H7, vielleicht die H5. Aber das konnte gar nicht sein, denn alle Vorgänger waren angeblich zerstört worden. Revers bestätigte, dass es sich um die H5 handelte, jedoch war der zerstörte Kern anscheinend wie auch immer repariert, und zwar mit Teilen aus der havarierten H3. An anderen Stellen will man Teile der H4 ausgemacht haben, das war jedoch nicht sicher. Noch seltsamer: die ursprünglich aufgefangene Signatur des "fremden" Schiffes war deutlich abweichend von den H-Generationenschiffen. Erneut wurde absolutes Stillschweigen befohlen und weitere Untersuchungen angeordnet. Wir Shuttle-Piloten hatten dabei das Glück, zunächst ein paar Stunden dienstfrei zu bekommen.

 

Ich bin so glücklich, Drenn wieder in meine Arme schließen zu können. Auch nach über 30 Jahren Ehe verbindet uns eine tiefe Zuneigung. Sie ist schon seit geraumer Zeit in unserem Wohnblock, mit dem leichten Raumanzug, denn sie hat wie viele Bereitschaftsdienst für den möglichen Ernstfall durch die angebliche Raum-Anomalie. Der Bereitschaftsdienst wird gerade zurückgestuft. Drenn ist nicht dumm, sie hat die Finte längst durchschaut und fragt mich, was wirklich los war. Ich erkläre, dass sie ja weiß, das ich jetzt noch nichts sagen kann, aber dass die Gefahr vorbei ist und wir wieder sicher sind. Gerade erscheint auf unserem Monitor der Hinweis, dass die Versorgungsleitungen wieder angeschlossen wurden und es zu einem Rauschen kommen kann durch die anschließenden Spülvorgänge der einzelnen Leitungen. Nennenswerte Schäden oder Fehlfunktionen hat es nicht gegeben, der normale Betrieb auf der H7 kehrt schnell wieder zurück.

 

Ich habe mich wieder auf den Weg zur Brücke gemacht, um dort zu helfen. Viele sind dort völlig überfordert, bis hinauf zu den Captains. Schon einige beruhigende Worte können so manchen etwas beruhigen und auf die stupide Ablaufdisziplin bringen, welche für weitere Beruhigung sorgt. Eigentlich eine Aufgabe der Vorgesetzten. Es hat mich schon öfters erschreckt, welchen Lücken an Professionalität ans Tageslicht traten, aber ich muss mich wie immer zurück halten, darf nicht im Rampenlicht stehen; sonst schauen alle genauer auf mich und entdecken mein schäbiges Geheimnis, dass ich nicht Freddy bin, keine 1b-Eignung habe und geschummelt habe.

 

Als ich Eintraf und den nun zuständigen Captain Nickmann meine Hilfe anbot, musste dieser kurz überlegen, bedankte sich herzlich da ich auch einer der Wenigen war, welche über die Geschehnisse informiert war. Seine Crew hatte zwar die völlig erschöpfte Revers-Crew abgelöst, einige seiner Mannschaft waren aber offensichtlich derart überfordert dass er diese nach Hause geschickt hatte und die verbliebenen mussten nun auch deren Aufgaben übernehmen. Als Pilot und einer der Älteren auf der Brücke habe ich hinreichend Erfahrung für die normalen Routinen auf der Brücke, auch wenn gleichzeitig aus Sicherheitsgründen immer noch alle Systeme regelmäßig auf Fehlfunktionen geprüft werden. Ich gehe langsam von Station zu Station, gehe jedem kurz zur Hand und versuche zu beruhigen, als mich Nickmann bittet, mich im Besprechungsraum bei den Recherche-Teams zu informieren, ob es schon Neuigkeiten gibt, um ihn auf dem L aufenden zu halten. Ich lege ihm zur Beruhigung kurz meine Hand auf den Unterarm, sage "Ay, Captain" und verschwinde in den Besprechungsraum.

 

Auch hier mangelt es für mich an Professionalität. Die beiden Gruppen sind zwar um Analyse und Aufklärung bemüht, aufgrund der Absurdität der Ereignisse werden aber immer wieder von dem Einen oder Anderen vorschnelle wilde Spekulationen über Aliens aller Art als Verantwortliche beschworen. Mit erhobener Stimme beginne ich: "Captain Nickmann schickt mich, um hier nach dem Rechten zu sehen und mir ein Bild zu machen, also erst einmal Ruhe bitte. Welche Dinge können verifiziert werden, welche Fakten haben wir damit insgesamt, fangen wir langsam und der Reihe nach damit an." Ich hatte sie eingeschüchtert, vom Rang her zwar niedriger aber vom Captain her beauftragt nach dem Rechten zu sehen war zwar maßlos übertrieben, hatte aber seine Wirkung nicht verfehlt. All diese schlauen Menschen, welche sich diesem Über-Rätsel nähern sollten, schienen ihr jämmerliches Versagen zu spüren, was ihre Nervosität und Unsicherheit noch verstärkte. Dabei sollten doch gerade sie damit umgehen können.

 

Auch wenn ich kein Physiker bin, so empfand ich gerade dieses Fachgebiet als immer mehr ins Metaphysische abgleitende Disziplin. Schon sehr früh fand man den Welle-Teilchen-Dualismus, dann die Raumzeit mit all ihren Windungen und Verzerrungen bei schneller Bewegung oder nahe großer Massen oder Anhäufungen von Zeit. Effekte wie Quantenverschränkungen wurden Normalität, ohne das nachvollziehbare Erklärungen gefunden werden konnte, so stelle ich es mir im Mittelalter und früher vor, nur ohne mich heute mit übernatürlichen Erklärungen zufrieden stellen zu können.

 

Trotz der vielen Ausfälle unterschiedlicher Systeme hatten wir brauchbare Aufzeichnungen über den Kontakt mit dem "fremden" Schiff. Auch wenn es scheinbar kein extraterristisches Schiff war, so tauglich war die Bezeichnung "fremd". Seitens der Bilder war es definitiv ein H- Generationenschiff, tatsächlich mit Hilfe von Komponenten anderer Hs geflickt, doch nach genauerer Analyse stellte sich heraus, dass diese Flickstellen nur stümperhaft waren und gar nicht funktionieren konnten bzw. nicht atmosphärendicht gegen das All sein konnten.

 

Je mehr man zu erkennen kam desto unglaubwürdiger, ja unmöglicher schienen die Erkenntnisse zu werden. Gleiches gilt für die anderen Sensordaten. Trotz laufendem Antriebs fehlten die normalen, messbaren Schallemissionen. Trotz scheinbarer Funktionsfähigkeit des Schiffes wurden selbst die automatischen Antworten auf unsere Funkanfragen nicht abgesetzt. Licht und Wärmestrahlung konnten teils gemessen werden und dann wieder fehlte jede Spur davon, als sei das Schiff einerseits da und dann auch wieder nicht da, aber eher gleichzeitig als nacheinander. Nun, wie soll man das als Fakten werden und wie soll man darauf aufbauen, um mögliche Theorien oder Erklärungen zu entwickeln ?

 

Genau damit konnten die Meisten hier nicht gut umgehen, waren so etwas nicht gewohnt, was sowohl unseren Denkmustern als auch den bekannten physikalischen Gesetzen derart widersprach. "Es ist nicht an der Zeit, jetzt darüber zu spekulieren, wie ein offenbar falsch montiertes H-Schiff fliegen oder funktionieren kann, wer das überhaupt gebaut hat und ob das jetzt noch an Bord ist usw. Zunächst müssen alle Ergebnisse nochmals geprüft werden und weiter untersucht werden, bitte keine Spekulationen in welche Richtung auch immer, professionelle Analyse bleibt weiter angesagt ! Ich setze den Captain in Kenntnis."

 

Gesagt getan. Anschließend schlug ich vor, in 2 oder 3 Stunden eine weitere Schleife einzuleiten mit dem Ziel eines weiteren Ren­dez­vous mit dem fremden Schiff, Kurs und Geschwindigkeit der anderen H kennen wir, eine direkte Bedrohung schien ja nicht vorzuliegen, wenn wir wieder einen Vorbeiflug machten wären einzelne Systemausfälle besser zu untersuchen bzw. zu verkraften und wir würden mit einer sehr viel langsameren Geschwindigkeit vorbeifliegen, könnten deutlich mehr Sensordaten sammeln, auch den Raum um das Schiff untersuchen, vielleicht ging von diesem Schiff sogar tatsächlich eine Raum-Anomalie aus, wir können mit unserem begrenzten Wissen aktuell nichts ausschließen. Wohl aber könnte es eine Chance sein, völlig Neues zu erfahren, etwas Wichtiges zu lernen, unseren Horizont zu erweitern.

 

Nickmann brauchte erst einmal ein paar Minuten, die ihm aber nicht halfen, so dass er entschied, sich mit den Captains der anderen Schichten zu beraten. Ich teilte ihm noch mit, dass ich die anderen Shuttle-Piloten wieder in Bereitschaft versetze, ein Kurz-Wartung mit ausgiebigem System-Checks machen lasse und die Shuttles volltanken lasse. Auch müsse schnellstens geprüft werden, ob das Verbot des Einsatzes der Shuttle-Kometen-Kanonen aufgehoben werden kann, wenn die Shuttles noch an der H7 angedockt sind.

 

Nickmann bestätigte, gab mir so faktisch hierzu die Autorisation, denn letztlich war ich nur ein weiterer Shuttle-Pilot und nicht der Vorgesetzte meiner Kollegen. Es dauerte noch eine ganz Stunde, bis dass sich die 4 Captains darauf einigten und die entsprechenden Befehle zum neuen Schleifen-Manöver für den neuen Ren­dez­vous-Punkt gaben. Wir hatten die Katze auf unseren Brücken-Anzeigen, weiterhin undeutlich und flimmernd, gleichzeitig anwesend und nicht anwesend. Gander hatte das fremde Schiff auf den Namen Katze getauft, frei nach Schrödingers Katze, und so langsam setzte sich diese Bezeichnung durch, hatten es die Brückencrews übernommen.

 

Es war Abend geworden. Natürlich gab es weder Tages- noch Jahreszeiten, aber es hatte sich so auf der H7 durchgesetzt. Wie soll man einen Geburtstag feiern, einmal die Woche einen Ruhetag einlegen, oder all die anderen Kleinigkeiten, wir brauchen einfach diese Zeiteinteilung. Abends, nach getaner Arbeit, war es unser Ritual, noch einmal eine Kleinigkeit essen zu gehen, uns eine Flasche Weinersatz mitzunehmen und einen Film im Wohncontainer anzusehen oder wieder einmal über die Kinder zu sprechen. Für Drenn war die Vorstellung, dass wir auch für unsere Kinder eine neue Heimat suchten oder auch zu erschaffen suchten, nicht so tröstlich, sie vermisste alle sehr und nahm weiterhin jede Möglichkeit der Kommunikation wahr, wogegen ich jeder zweiten Kommunikation fernblieb, nicht nur weil es mir als zu viel erschien, sondern ich hatte auch das Gefühl, dass Drenn gerne einmal allein mit Jedem sprach.

 

Beim Essen sprach ich an, dass wir die angebliche Raum-Anomalie in wenigen Stunden noch einmal untersuchen müssten und ich wieder Bereitschaft hätte, sie sich aber kein Sorgen zu machen bräuchte, vermutlich gibt es nicht einmal einen Hinweis, geschweige ein erneuter Gelber Alarm.

 

Zu meinem Unmut erinnerte Drenn mich an meinem morgigen Arzt-Termin. Hannibal, so mein Kosenamen für den Schiffs-Psychiater, musste ich alle 3 Wochen aufsuchen, um mir ins Hirn sehen zu lassen, einige Test zu machen und kranke Fragen beantworten zu müssen. Es ging darum, dem Raumkoller vorzubeugen, wobei Raumkoller nur der laienhafte Sammelausdruck der Besatzung für diverse psychische Erkrankungen war, die hier im All immer wieder auftraten. Je nach Beurteilung von Hannibal und seinen Lecters war der Abstand zwischen den Untersuchungen auch für die H7-Besatzungs-Mitglieder unterschiedlich, Drenn brauchte nur alle 4 Wochen zur Untersuchung, womit sie mich gerne und oft aufzog.

 

Der Weinersatz war wie immer lecker, an den Geschmack oder die Wirkung echten Weines konnte ich mich schon lange nicht mehr erinnern, lag Jahrzehnte zurück. Bei auf der Erde schwindenden Anbaumöglichkeiten für Nahrungsmittel wurden Genussmittel wie Wein als erstes substituiert, dann gab es kaum noch Kräuter und Gewürze, alles musste nach und nach Platz machen für Grundnahrungsmittel, trotz der vielen Treibhäuser, Hydroponik- Anlagen usw., welche dann trotzdem nicht ausreichten. Menschen begannen Felder zu plündern und alles Unreife zu verzehren, sie erkrankten schwer und stahlen dabei uns anderen die dort angebaute Nahrung, trotz drakonischer Bestrafungen und Wachdienste verschlimmerte sich die Situation nur immer weiter.

 

Irgendwann wurden Menschen getötet, damit sie die unreife Nahrung nicht plünderten, was natürlich keine Abschreckung hatte. Viele zogen sich zum Verhungern in eine ruhige Ecke zurück, andere versuchten es mit plündern, oder wollten vielleicht nur lieber schnell mit wenig Qualen erschossen werden. Nahrung war fast unbezahlbar geworden, wer keine Beziehungen hatte war praktisch nicht überlebensfähig. Der sich dauernd verschlechternden Wasserqualität dagegen konnte man sich nicht entziehen, auch nicht durch Beziehungen. Eigentlich waren alle krank, es gab nur Abstufungen, und hieran starben die meisten Menschen damals. Kein Arzt und kein Krankenhaus konnten helfen, viele provisorisch gebastelten Filter halfen nicht, das so dringend benötigte Wasser wurde unser größter Feind. Keiner wusste, warum manche Menschen durch das Wasser weniger krank wurden und Andere sehr schnell starben.

 

Das Rechtssystem kam so wie alle staatlichen und sonstigen Stellen zum Erliegen, es gab nur noch viele kleine Gruppen, welche sich untereinander schützten gegen alle anderen Menschen. Plünderungen oder andere kriminelle Gruppen gab es nur zu Anfang, diese ging sich schnell selbst gegenseitig an den Kragen. Und alle waren zunehmend geschwächt, unterernährt, dehydriert, später lethargisch. Ich hatte damals einen geheimen Erdbunker für meine Nahrungsmittel, welcher glücklicherweise nie entdeckt wurde, nicht einmal unsere Kinder wussten davon, dass hatte mir auch Drenn damals versprechen müssen. Sie sah aber schnell, dass unsere kleine Familie eben immer ein Stückchen Kartoffel oder was auch immer mehr im Magen hatten als all die Anderen, und das macht dann den Unterschied. Über meine streng getrennten Eigen-Urin-Filteranlagen wollte keiner wirklich Bescheid wissen. Die Beimischung von Wasser, Geruchs- und Geschmacksstoffen machten es auc h nicht wirklich besser, aber das eine Glas jeden Tag half dann doch, nur nicht in dem Augenblick wenn man es zu sich nimmt. Letztlich war das große Massensterben auch gleichzeitig unsere eigentliche Rettung.

 

Die wenigen Ressourcen sind am Ende für ganz Wenige völlig ausreichend, schneller als gedacht begann eine Genesung, wurde eine Ordnung wieder hergestellt. Alles kommt so anders als man sich es vorstellt. Auch wenn die Sterblichkeit immer noch hoch war, so wusste doch jeder, dass der Tod des Einen weitere Nahrungsmittel für den Anderen darstellt und meist eine Erlösung für den Verstorbenen war. Wie nach einem Startschuss für ein Rennen begann auf allen Ebenen eine schnelle Erholung, die sich seiner Erfolge bewusst immer schneller voranschritt. Selbst die weiter uns heimsuchenden Dürren und die Unwetter verloren an Schrecken, war man doch wiedererstarkt, gesundet, hatte so viel Schrecken und Grausamkeit vor allem am eigenen Leib erfahren, besser gesagt durchleben müssen, aber letztlich dann hat man es überwinden können. So komprimiert verliert die gesamte Katastrophe an allem, was sie eigentlich ausgemacht hat, und ich bzw. wir sind ja einige der ganz ganz wenigen, welche überlebt haben, haben es folglich offensichtlich am Einfachsten von allen gehabt. Immer wieder hänge ich manchmal für Stunden in diesem Teil der Vergangenheit fest, Drenn weckt mich dann immer daraus. Ich weiß nicht, warum das bei mir so ist, oder warum es bei Drenn eben nicht so ist. Letztlich verändert man dadurch die Erinnerungen, teils so und teils so, gut ist es wohl für nichts, auch wenn Hannibal dass als Bewältigung deutet und andere positive Mechaniken herein dichtet. Nein, ich habe nur einmal mehr eine halbe Stunde Zeit vergeudet.

 

Ich massiere Drenn noch ein wenig die Arme. Trotz Vitamine und andere Nahrungsergänzungen bekommt sie immer wieder Krämpfe in den Armen, auch unser medizinischer Arzt hat bisher keine Lösung finden können. Ob meine Laien-Massage wirklich hilft oder einfach nur die Fürsorge, egal, auch so ein kleines Ritual vor dem schlafen gehen. Fr mich wird es eher ein Power-Nap, denn in etwas mehr als 2 Stunden kommen wir wieder zur Katze.

 

Weit gefehlt, nach 8 Stunden werden wir beide wach, Drenns Wecker summt ihren ausgesuchten Song und wird dabei immer lauter, sie muss in einer Stunde ihre Schicht beginnen. Ich kontaktiere meinen Kopiloten Thomas, der mich kurz informiert: ca. 1,5 Stunden vor dem Rendezvous verschwand die Katze von den Brücken-Terminal und tauchte nie wieder auf. Die Shuttles wurden daher nicht benötigt, wir nicht in den Dienst gerufen. Später am Rendezvous-Punkt wurde nichts ungewöhnliches entdeckt, weder Katze noch Raum-Anomalie oder ein Hinweis auf irgend etwas. Auch hat es im Vorfeld keinerlei Systemausfälle auf der Brücke gegeben. Warum oder wie die Katze verschwunden ist, nur ein weiteres Rätsel. Bis auf die beiden Gruppen, welche sich weiter an der Auswertung des ersten Kontaktes mit der Katze beschäftigen, befindet sich die H7 wieder im normalen Betrieb, eine weitere Schleife zu den nächsten erfolgversprechenden Kometen ist vollzogen. So abrupt wie der Kontakt begann, so unvermittelt endete er erst einmal hier. Eine wirkliche Hoffnung in die Ergebnisse unserer Analysen habe ich jedenfalls nicht. Und eine Ausrede für Hannibal auch nicht, also los geht´s.

 

Eine Woche später bekomme ich eine unerwartete Einladung vom Schiffskom1mandant, welcher ich natürlich folgen muss. Hickler ist für mich eher ein Geist, man sieht in fast nie, obschon er der oberste Befehlshaber und der Verantwortlichste aller als Schiffskommandant ist. Erwartet hätte ich eine Art Übervater für alle, grauhaarig seriös und souverän, immer anwesend von einer beruhigenden Aura umgeben. Als ich ihm in seinem Konferenzzimmer nun erstmalig wirklich nahe komme, wirkt er noch anders, intelligent und undurchschaubar, ja etwas geheimnisvoll.

 

Aber er kommt dann doch klar und deutlich rüber, als er sagt, es gehe hier um ein kleines zwangloses Gespräch unter Besatzungsmitgliedern. Nach seiner Durchsicht der Protokolle und Berichte zum Katzen-Kontakt sei von allen Verantwortlichen mein Verhalten ganz besonders gelobt worden, eine entsprechende Würdigung sei angemessen. Für ihn als Schiffskommandant sei dies auch ein Premiere, er müssen natürlich auch die künftigen Folgen im Blick haben. Zur Auswahl stünden diverse Arten der Würdigung, angefangen von Zahlungsmitteln über eine Auszeichnung mittels Medaille oder auch eine verantwortungsvollere Position in der Schiffshierarchie, denkbar sei aber auch etwas Anderes, deshalb wolle er vorab ganz inoffiziell meine Meinung und meine Wünsche in Erfahrung bringen. Nun, dass ist einfach, ich muss den Ball flach halten, eine Überprüfung meiner Person könnte meinen großen Makel, das damalige Schummeln, öffent lich machen und mich ruinieren, die Konsequenzen male ich mir nicht aus, könnte ich vermutlich nicht ertragen. Also antworte ich, dass ich keine Würdigung möchte, erstens stehe ich nicht auf so etwas und außerdem habe ich streng genommen nicht wirklich etwas wesentliches vollbracht, sondern nur meinen Job gemacht, eventuell etwas besser als erwartet, das war es aber auch schon. Nichts desto Trotz hat mich die Belobigung sehr stolz gemacht, ich bin zutiefst dankbar dafür, aber mehr möchte ich wirklich nicht. Wir dürfen nur unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, neue Welten für unsere Kinder zu finden oder herzustellen. Hickler überlegte kurz, grinste dann. Ob er es längst entdeckt hatte ?

 

Er erwiderte nur "OK, wie sie wollen. Eines noch, wo wir gerade so plaudern: Die Terra-Forming-Gruppe will in ein paar Monaten einen ersten Versuch machen, eine feste Station auf dem Mars zu installieren. Nicht so autark wie gewünscht, wir werden sie in regelmäßigen Abständen mit bestimmten Ressource versorgen müssen. Ich frage mich, wäre das etwas für sie oder sind sie eher auf der H7 zuhause ?" OK, er kannte mein Makel nicht, das war nun klar. Ich erwiderte daher kurz: "Meine Frau und ich haben das bereits besprochen, wir würden beides machen, aber eine feste Station vorziehen. "Gut, dachte ich mir, ich werde sie beide vormerken und über die Komm auf dem Laufenden halten. Danke nochmals für ihren Einsatz, schön Leute wie sie an Bord zu haben." Damit hatte ich mich nun zu verabschieden.

 

Reflektierend über das Gespräch bei Hickler war ich nicht überrascht, dass kein Wort über Ursachen oder Konsequenzen aus dem Katzen-Kontakt zu hören war. Miller war der Einzige, den ich aus den beiden eingesetzten Forscher-Teams zur Katze kannte, ich musste ihn kontaktieren. Da ich einer der wenigen Eingeweihten war, sprach er bereitwillig mit mir, wohl auch um meine Perspektive kennen zu lernen.

 

Beide Forscher-Teams hatten sich zwischenzeitlich untereinander ausgetauscht, was aber auch kaum Licht ins Dunkel brachte, folglich beschloss man als eine gemeinsame Gruppe weiter daran zu arbeiten. Die Analysen der Aufzeichnungen der Sensordaten wurde wiederholt, da vorher nichts übersehen worden war brachte dies auch keine Neuigkeiten. Damit versuchte man zunächst lediglich Fakten zusammen zu stellen, aber schon an diesem Punkt ging es nicht ohne erste Interpretationen: Grundlage waren also einerseits die seltsamen Fehlfunktionen der 4 Shuttles und den Fehlfunktionen auf der Brücke, offenbar Auswirkungen der Katze sowie andererseits der seltsame Zusammenbau aus H-Schiffen und das alternierende Sein und Nicht-Sein der Katze auf den Schiffs-Sensoren und dem Monitor. Als vermutlich wahrscheinlichste Schlussfolgerungen wurden sowohl irgendwelche Menschen als auch natürliche Raumphänomene ausgeschlossen sondern eine uns unbekannte Spezies vermutet, welche sich a ber völlig anders entwickelt hat und über völlig andere Möglichkeiten verfügt, die uns sehr fremd erscheinen. Feindlich waren sie ja nicht, interessiert an uns aber auch nicht.

 

Wenn ich an einem Ameisenhaufen vorbeigehe, interessiert der mich auch nur wenig, egal wie die Ameisen selbst darüber denken. Ein typisch menschlicher Denkfehler, hier ein gegenseitiges Interesse voraus zusetzen, vermutlich, weil man sich selbst eher als die weniger weit entwickelte Spezies sieht. Unterm Strich war das jedenfalls nicht das, was man sich von einem Erstkontakt mit einer anderen Spezies erwartet hat, falls es das überhaupt war, was überhaupt nicht sicher ist. Andere mögliche Ursachen oder Erklärungen wie eine Massenhypnose oder -illusion hatte die Gruppe verworfen. Dennoch mag es weitere, uns aktuell nicht vorstellbare Erklärungen geben. Miller sah mich nur fragend an, konnte aber in meinem Gesicht lesen, dass auch ich keine auch nur halbwegs plausible Vorstellung hatte, was uns da erfahren ist. Miller fuhr fort, dass man sich über die Veröffentlichung strittig war. Einerseits führt die Veröffentlichung dazu, dass sich d as ganze Schiff damit auseinandersetzt und eventuell neue Erklärungen für die Geschehnisse entwickelt werden könnten, andererseits könnte es auch zu einer schiffsweiten, lähmenden, tiefsitzenden Verunsicherung kommen. Vorerst wurde Stillschweigen vereinbart, die Debatte befindet sich noch im Fluss. Wir tranken noch einen illegalen, selbst destillierten Schnaps, den Miller in seiner Brusttaschen-Flasche mitgebracht hatte, tauschten uns über privates hier und auf der Erde aus, bevor wir uns verabschiedeten. Wir vereinbarten noch, gemeinsam mit unseren Frauen auszugehen, wie schon öfters geplant, was dann aber doch nie zustande kam. Man traf sich dennoch zufällig und hatte dann auch immer einen schönen Abend und Spaß zusammen, aber dabei blieb es auch. Warum aus solchen guten Bekannten keine Freunde wurden habe ich nie richtig nachvollziehen können.

 

Die folgenden Monate verliefen eigentlich ohne besondere Vorkommnisse, aber ich wurde von Hickler über einen kleinen Rückschlag bei der Terraforming- Gruppe informiert, der beabsichtigte erste Aufbau einer festen Station musste deshalb zurückgestellt werden. Und zugenommen habe ich, Drenn ist nicht begeistert. Schon immer hasste ich diese Sport-Einheiten, welche eigentlich schiffsweit vorgeschrieben sind. Auch wenn es eine große Auswahl an möglichen Betätigungen gab, so sagte mir keine zu und ich drückte mich oft, was nur dazu führte, dass es mir ein jedes Mal noch unangenehmer wurde.

 

Sowohl als Pilot als auch als Mechatroniker gab es dadurch keine Einschränkungen, aber sichtbar war die Gewichtszunahme doch und ich musste meine Kleidung auf die nächst höhere Größe anpassen. Zwischenzeitlich waren wir Großeltern geworden, wieder ein kleiner Tiefschlag für Drenn, den Kleinen nicht auf dem Arm halten zu können und so weit entfernt zu sein. Mich ließ es vergleichsweise unberührt, was ich aber nicht so zeige, die kleinen wohlgemeinten Lügen im Alltag, Männer fühlen eben doch anders als Frauen. Wie eingangs gesagt "Die folgenden Monate verliefen eigentlich ohne besondere Vorkommnisse".

 

Mittlerweile hatte sich die Wahrheit über den Katzen-Kontakt auf der H7 herumgesprochen, es gab weiterhin keine offizielle Verlautbarung hierzu, dennoch wusste es jeder. Anfangs gab es weitere unglaubliche Ausschmückungen der Ereignisse, welche überraschend schnell verebbten, wie ich denke gab es wohl mehrere "Lecks", so dass sich die wahre Geschichte durchsetzte. Nachdem dies geschehen war gab es wohl eine neue Einsicht der Führung und es folgte eine offizielle Entschuldigung und Erklärung, diesmal lückenlos ehrlich, was in mir eine kleine unsichtbare Beklemmung in der Brust beendete. Ich hatte nur ein Mini-Leck zu verantworten, ich hatte es Drenn gegenüber nicht lange verheimlichen können, sie schwor mir Stillschweigen zu bewahren und auch ich redete sonst nie mit einem Unbeteiligten darüber. Dennoch fragte ich mich selbst, was wäre in einem Fall schlimmer kommender Ereignisse. Würde ich bei einem kurz bevorstehenden Weltuntergang (ich weiß, etwas pathetisch) Drenn informieren oder ihr die Qual solchen Wissens so lange es geht ersparen ? Ich würde es wissen wollen, also wie verhält man sich korrekt oder womit kann ich selbst leben ? Vermutlich muss man manche Entscheidungen erst dann treffen, wenn die entsprechenden Umstände eintreten; so rede ich mich jedenfalls vorerst heraus.

 

Ich wurde wieder zum Brücken-Besprechungsraum gerufen, welcher sich schnell füllte. Diesmal war es der Stationsvorsteher, Schiffskommandant Hickler, der uns begrüßte. "Ich freue mich sie alle begrüßen zu dürfen, ich komme gleich zur Sache. Bevor ich über den Kommunikations- Kanal schiffsweit berichten werde, möchte ich sie informieren und instruieren. Es gab einen weiteren Katzen-Kontakt, ein pulsierendes Erscheinen eines fremden Schiffes, dieses Mal aber nur für ca. 5 Minuten, bevor es auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ganz offensichtlich erschien es nicht wegen uns, wir haben es einfach nur sehen können. Warum es kurz da war, was da passiert ist, ob es dieselbe Katze war oder nur die gleiche, wir werden auch diesmal keine Erklärung finden können. Offenbar müssen wir uns damit abfinden, ab und an Katzen im Raum antreffen zu können. Meine Bitte an sie alle ist, da sie als Erstes von unserer Schiffsbesatz ung darauf angesprochen werden, dass sie beruhigend auf jeden einwirken, es liegt an ihnen, wie diese Tatsache aufgenommen werden wird. Falls sie selbst noch Fragen haben, wenden sie sich an die hier anwesenden Captains der einzelnen Schichten. Vielen Dank jedem Einzelnen von ihnen", und damit endete sein Vortrag. Er nickte mir noch kurz im Vorbeigehen zu und damit verschwand Hickler auch schon wieder.

 

Zu meiner Überraschung freute ich mich über diese nun wohl andauernden Anwesenheit der Fremden, während manche im Besprechungsraum eher verwirrt, andere verängstigt oder bestürzt zu sein schienen. Eigentlich bin ich kein überzeugter Optimist, dennoch schwang für mich eher Positives in diesem neuen Fakt mit. Drenn konnte ich ich in diese freudige Überraschung nicht mit hineinziehen. Sie war immer schon ein Realist, glücklicherweise nicht besorgt oder gar verängstigt, eher etwas gleichgültig dem gegenüber. Als frisch gebackene Großmutter waren ihr die Belange eines gewöhnlichen Neugeborenen da deutlich wichtiger als ein Ereignis, welches die Zukunft unserer Spezies, eventuell sogar unserer Welt beeinflussen wird.

 

Die Ansprache von Hickler war geschickt geplant und erfüllte seinen Zweck, es gab keine Zwischenfälle und keine Veränderung der Stimmungslage innerhalb der H7; auch die offene ehrliche Berichterstattung tat seine beruhigende Wirkung und schaffte wieder Vertrauen.

 

Aber all das war nicht einmal der Anfang, es war nur ein Vorspiel und zeigte auf den Anfang, welcher ich werden sollte. Ich hatte einmal mehr Nachricht, mich im Brücken-Besprechungsraum einzufinden. Es war die Schicht von Captain Revers, der uns briefte. Es war nun der dritte Kontakt, wie schon zuvor erschien das pulsierende Sein und Nichtsein auf den Brückenterminals, mit einem großen Unterschied; der vorausberechnete Rendezvous-Punkt lag genau vor uns auf unserer aktuellen Flugbahn. Während wir uns im Verzögerungs-Flug befanden, war die Fortbewegung der Katze mal beschleunigt und mal verzögert, genau so uneinheitlich wie ihr pulsierendes Erscheinen und Verschwinden.

 

Es drängte sich als einzige Erklärung des Rendezvous-Punktes auf, dass tatsächlich ein Zusammentreffen mit uns von dem fremden Schiff gewünscht war. Wieder blieben nur wenige Stunden, wieder sollte über die Komm die gesamte H7 informiert werden und wir die Emotionen vorab beruhigen. Waren zuletzt schon bei der Nachricht über ein kurzes Auftauchen der Katze die Gemüter verängstigt, so stand vielen im Bewußtseins des unmittelbar bevorstehenden Kontaktes ein Entsetzen im Gesicht. Revers appellierte daran, dass der Kontakt unausweichlich war, anstatt beruhigende Worte zu finden setzte er auf Gehorsam und das Funktionieren jedes Einzelnen.

 

Schnell meldete sich Hickler zu Wort, er sah mir wohl meine freudige Erwartungshaltung an, konträr zum Rest der Brückencrew, nahm mich wohl daher beiseite als eine Art Mutmacher, sprach und schaffte es auch dieses Mal, alle wenigstens etwas zu beruhigen, denn letztlich galt was beim letzten Mal ausgeführt wurde auch dieses Mal: "Meine Bitte an sie alle ist, da sie als Erstes von unserer Schiffsbesatzung darauf angesprochen werden, dass sie beruhigend auf jeden einwirken, es liegt an ihnen, wie diese Tatsache aufgenommen werden wird." Ergänzend fügte er danach noch hinzu: wir werden unseren aktuellen Verzögerungsflug keinesfalls ändern, um auch die Katze nicht zu verunsichern. Wie verschlagen, dachte ich nur, so auch die Möglichkeit der Verunsicherung unseres Gegenübers darzustellen, deren angedeutete Angst soll unsere Angst im Zaum halten, wirklich clever der Mann. Während einige ängstlich zaudern wachsen andere im Ange sicht von Gefahr über sich selbst hinaus.

 

Dann wendete er seine Worte an die Crew und den Blick auf mich: "Nick soll für uns sprechen." Ich musste all mein emotionales Können aufbringen, um keine Mine zu verziehen und mich für das entgegengebrachte Vertrauen zu bedanken, in Wahrheit lief es mir kalt den Rücken herunter. Warum ich, ich bin weder dafür ausgebildet noch hatte ich je eine ähnliche Position inne, und war es nicht eher der Chef der H7, also Hickler selbst, dem diese Aufgabe zustand ?

 

Während mir Millionen von Gedanken durch den Kopf schossen bemerkte ich plötzlich, dass alle Anderen sich wieder beruhigt hatten, mit den Entscheidungen sehr zufrieden waren und gerade zu meiner Person nicht eine einzige Frage hatten, keinen Zweifel hegten, was mich fast noch mehr überraschte. Hickler beendete die Versammlung, verteilte kurz die einzelnen Aufgaben und bat mich ihn zu begleiten in sein Konferenz-Zimmer. Dort entschuldigte er sich bei mir, dass keine Zeit war, mich vorab zu briefen. "Sie sind doch weiter bereit, ihre Aufgaben für diese Station zu übernehmen?" "Sie meinen, eine ihrer Aufgaben. Warum ich, was glauben sie qualifiziert mich." Mehr wollte ich im Augenblick nicht fragen.

 

"Ich will ehrlich sein, ich agiere lieber nicht im Rampenlicht." OK, das deckt sich mit seinen seltenen Auftritten. "Warum sie, will ich dagegen nicht sagen, sie werden es wissen, wenn es soweit ist, nur soviel: Ich vertraue Ihnen und beim ersten Kontakt haben sie schon gezeigt, dass sie der Richtige sind." Etwas rätselhaft, auf jeden Fall ehrlich mir gegenüber, schafft Respekt und Vertrauen, obwohl er gleichzeitig Wesentliches verschweigt und das sogar offen zugibt. OK, damit kann ich leben. "Ich will vorher noch mit meiner Frau sprechen, danach bereite ich mich auf der Brücke vor."

 

Als ich in der Krankenstation erscheine, kommt mir Drenn schon aufgeregt entgegen. Sie war gerade in Vorbereitung für eine kleine OP, als der Stationsleiter ihr den Abbruch befahl und mitteilte, es gäbe etwas Wichtigeres, wie ihm vom Schiffskommandant Hickler befohlen worden sei, und er sei es nicht gewohnt, dass man ihm in seine Arbeit pfuscht oder herein befiehlt. Sie hatte ihren Spaß daran, dass Hickler ihn einmal pisackte, was doch sonst nur er so gut bei Untergebenen wie Drenn konnte. Aber worum ging es denn wohl und warum war Nick gekommen ?

 

Wir setzten uns ins Krankenhaus-Cafe und ich erklärte ihr die Situation. Drenn war zwar verwundert über die Entscheidung aber vor allem sehr stolz, dass ihrem Mann diese Aufgabe zuteil wurde. Ihr brannten 100 Fragen auf der Zunge, was er denn sagen wolle, wie er eine gemeinsame Zukunft sehe, ob es für ihn gefährlich werden könne usw., die auch ich nicht beantworten konnte. Ich sagte nur, dass ich gar nicht so weit denke, dass ich mich eher frage, was in einer Kommunikation überhaupt möglich sein wird und ob ich in der Lage sein werde, korrekt zu verstehen, was mir gesagt wird. Aber nun drängt die Zeit, ich wollte sie auch nur noch kurz sprechen, bevor ich mich vorbereiten muss, wie auch immer und auf was auch immer vorbereiten.

 

Wir küssten uns kurz, Drenn wollte nicht direkt zurück sondern erst zur Ruhe finden, und ich machte mich auf den Weg zur Brücke in den leeren Besprechungsraum. Nun gut, womit muss ich rechnen? Keiner könnte mir eine solche Frage beantworten. Erstkontakt, auch dafür gibt es keine Ausbildung oder Handlungsempfehlung. Einiger-maßen klar ist, dass als Erstes unsere friedfertigen Absichten deutlich gemacht werden müssen. Auf einem Beistelltisch wären einige Getränke und Speisen gut, auch wenn mein Gegenüber diese eventuell nicht zu sich nehmen könnte, so wird doch unsere Absicht damit deutlich. Vor 100 Jahren hatte man der Voyager-Sonde eine goldene Schallplatte beigelegt mit sehr vielen Infos über uns Menschen, viele glauben heute dass es deutlich zu viele Interna über uns waren, man weiß ja nicht wer das einmal findet und welche Absichten diese Wesen haben.

Nein, dass alles geht mir zu weit, ich werde lediglich versuchen zu kommunizieren und unsere friedfertigen Absichten zu übermitteln. Das ist das Wichtigste und sollte fürs Erste auch reichen, vermutlich aber wird nicht einmal das richtig gelingen. Ich war weiter allein im Besprechungsraum, die anderen hatten mich ja mit Hickler weggehen sehen und dachten sich wohl, dass dieser mich schon instruieren würde, auch weil jeder selbst sich unsicher war, was angeraten wäre. Ich bestellte den besagten Beistelltisch samt Essen und Getränke, das war es dann mit meiner Vorbereitung.

 

Ich hing noch etwas in Gedanken, als ein Brückencrew-Mitglied herein kam und mir mitteilte, dass wir in ca. 15 Minuten am Rendezvous-Punkt ankommen und aufgrund unserer geringen Geschwindigkeit vermutlich 2-3 Minuten Kontakt halten könnten, ja nach Geschwindigkeitsvektor des fremden Schiffes. Es wäre also jetzt Zeit, auf die Brücke zu kommen und dort abzuwarten. Gesagt getan, ich stand in der Mitte der Brücke und alle sahen mich andächtig an. Auf Nachfrage von Captain Revers berichteten alle Stationen, dass ihre Sensoren ausgerichtet und bereit sind, der Laser die Morse-Zeichen mitteilt und der Funk auf allen Frequenzen unsere Grußbotschaft sendet.

 

Wie zu erwarten gab es auf allen Stationen immer wieder kurzfristige Ausfälle, die scheinbar üblichen Begleiterscheinungen. Der Beistelltisch wurde hereingefahren, schon versagte der Brückenlift. Manche, aber nicht alle Sensoren versagten und gingen wieder online, scheinbar im gleichen Puls wie das sich annähernde Schiff, welches sich viel zu schnell näherte. Ich begann langsam etwas zu hören, nein eher etwas zu fühlen, auch ein bisschen zu sehen, eigentlich alles zusammen, während die mich umgebende Brücke verblasste. Ich sah eine Art Gestalt, pulsierend, ohne Gliedmaßen aber grün schimmernd, langsam etwas deutlicher, aber weiterhin pulsierend anwesend und nicht anwesend.

 

Der Fremde, wenn es denn nur einer war, begann mit mir zu sprechen, aber ohne Worte zu äußern, nicht mit Sprache sondern eher wie durch Gefühle zu kommunizieren. Vielleicht war das Telepathie, aber das kannte ich leider nicht, vermutlich aber etwas darüber hinaus gehendes. Ich sagte und versuchte daran zu denken, dass wir hier in friedlicher Absicht seien und sie gerne kennen lernen wollten; gleichzeitig zweifelte ich daran verstanden zu werden. Mir war schummerig, ich sah Bilder und fühlte Kommunikation, die aber irgendwie eindeutig war. Und es war zu viel, als würden mehrere Dialoge gleichzeitig stattfinden. Dann wurde es etwas heller und wärmer, die mich umgebende Brücke samt Crew wurde langsam wieder sichtbar, der Kontakt war beendet. Revers sah zu mir rüber und sagte, dass das fremde Schiff einfach zu schnell war und in diesem Bruchteil einer Sekunde keine Verbindung etabliert werden konnte. Ich grinste ihn an und erwiderte, nein, al les OK, es hat funktioniert, wir haben uns ausgetauscht und ich habe sie kennen gelernt. Er und der Rest der Brückencrew sahen mich ungläubig an. Hickler und einige seiner Mitarbeiter und die anderen Captains kamen herein, ich hieß sie kurz willkommen und bat sie in den Konferenzraum, um sie zu unterrichten.

 

Die Fremden, also F, sind eine zutiefst gespaltene extraterristische Gesellschaft. Daraus entstehen permanent Konflikte teils erheblichen Ausmaßes, was aber nicht zu immer neuen Kriegen führte, sondern zu Abspaltungen, Abtrennungen, einem sich-verschließen und zurückziehen. Da wir nicht kommunizieren können, weiß ich nicht, wie die F oder ein einzelner F mir dieses Wissen mitteilen. Da ich nicht einfach Fragen kann, weiß ich auch nicht, welche Art von Katastrophe für die gesellschaftliche Spaltung verantwortlich war, oder ob es gar einen anderen Hintergrund hatte. Die F waren einfach so viel anders als alles, was man sich bisher über Extraterristen vorgestellt hat, was in Literatur oder in sonstigen Bereichen gedacht wurde, das es fast schon aussichtslos schien, überhaupt eine Kommunikation zu etablieren.

 

Was uns als dunkle Materie, besonders aber die dunkle Energie, bislang hartnäckig verborgen bleibt, ist deren Energiequelle und tägliche Realität, damit betreiben sie Energieversorgung und Raumfahrt, so wie wir mit den Erkenntnissen von Newton, Einstein, Hawking usw. unsere Energieversorgung und Raumfahrt betreiben. Ob man die F deshalb als weiter fortgeschritten bezeichnen muss oder nicht, kann ich nicht beurteilen, da die gesamte Entwicklung so anders ist und mit nichts von uns zu vergleichen ist.

 

Sozial hatten wir auch Katastrophen wie das Massensterben, was uns aber nicht in eine zutiefst gespaltene Gesellschaft geführt hat, sondern den Zusammenhalt der wenigen Überlebenden gefördert hat. Ich habe soviel gesehen und erlebt, mir kam es wie viele Stunden vor, aber es war nur der Bruchteil einer Sekunde.

Die F interessieren sich nicht für uns oder gar unsere Wünsche, auch nicht für andere Spezies, wobei ich nicht weiß ob sie Andere je getroffen haben. Sie waren mehr mit sich selbst beschäftigt, auf eine seltsame surreale Art.

Selbst meine versuchte Mitteilung unserer friedvollen Absicht schien für sie uninteressant zu sein, oder war es doch nur einer der F, mit dem ich kommuniziert habe. Nicht nur das Wie und Weshalb war nicht zu verstehen, sogar alles darüber hinausgehende konnte kaum erfasst noch verstanden werden. Vielleicht lag über unserer Kommunikation gleichzeitig eine weitere, höhere Art der Kommunikation, welche sich mir nicht erschlossen hatte, ich konnte es nicht sagen. Die einfachsten Fragen, was wollen sie, wie geht es weiter, wann treffen wir ihn oder sie wieder, waren ohne den Ansatz einer Antwort geblieben. War alles ein großer Reinfall und ich habe es vergeigt? Dass ich für uns sprechen sollte, woher wusste das F, kein Anderer auf unserem Schiff wurde kontaktiert.

 

Mit jedem Schritt nach vorne wissen wir mehr, aber haben auch mehr Fragen als zuvor. Der Kontakt hat nur für den Bruchteil einer Sekunde bestanden, dennoch dauerte meine Verbindung viele Stunden. Aber jetzt war der Kontakt vorbei. Wird es weitere Kontakte geben ? Mit mir ? Zwischen unseren Völkern ?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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