Jens Schriwer

Der dunkel Elf - Das Erbe des Esiel

Dies ist das erste Kapitel einer Story, die ich gerade schreibe. Auf e-stories ist es auch mein Debüt, was Prosa angeht. Viel Spass beim Lesen! Jens

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Kapitel I: Tagebücher

[i]28. Tag des siebten Monats, 1067 bf:
2. Nachtrag:

Ich sah, wie das Leben des hohen Engels Esiel endete… und mein eigenes Abenteuer begann. Allein die Tatsache, dass ich heute zum dritten Mal etwas hier notiere, zeigt mir, dass schon zuviel für einen einzigen Tag geschehen ist! Ich kann noch immer nicht alles verstehen, was ich heute erlebt und erfahren habe.
Hat der Engel mir wirklich seine Pflichten übertragen? Wenn das wahr ist: Setzte er soviel Vertrauen in mich oder war es Verzweifelung?! Bin ich nun wahrlich mein eigener Schutzengel?

Ich muss mehr über Esiel erfahren, um zu verstehen, was mit mir geschieht! Der Engel und sein Schicksal sind der Schüssel zu meiner Situation, aber wo soll ich suchen?

Ich fasse hier noch einmal zusammen, was ich weiß. Möglicherweise sehen ich dann etwas, das meinem Verständnis noch verschlossen ist.
Der Engel Esiel wurde von anderen Engeln als „Abtrünniger“ und „Verräter des Himmels“ bezichtigt, bevor sie ihn töteten. Kurz zuvor übertrug er mir seine Pflichten und eine seltsame Macht, die ich weder kontrollieren, noch verstehen kann. Ich hatte das überaus zweifelhafte Vergnügen von eben diesen Engeln gejagt und beinahe selbst getötet zu werden. Und schlussendlich bin ich gleichzeitig auf der Flucht und auf der Suche.

Ich fliehe vor jenen, die ich vor kurzem noch als die reinsten und rechtschaffensten Wesen angesehen habe, obgleich ich ihre Existenz mehr als bezweifelte. Ich folge den Pfaden eines gefallenen Engels, der seine Pflichten als mein Schutzengel vernachlässigt hatte. Und ich befinde mich jenseits der bekannten Welt.[/i]

Er schlug sein Tagebuch zu. Diese Passage hatte er damals am Anfang seines Abenteuers geschrieben - im irrigen Glauben, dass er schon den größten Teil einer seltsamen Reise hinter sich hatte. Jetzt wusste er, dass es lediglich der Beginn einer unglaublichen Reise gewesen war. Das war vor drei Jahren gewesen.
Einiges hatte sich seit dieser Zeit geändert - die Feststellungen, die er am Ende jenes Tages getroffen hatte, bedurften nun einer Korrektur.
Er war nicht länger auf der Flucht vor den Schutzengeln, sondern auf der Jagd. Er hatte einsehen müssen, dass er ihnen niemals auf Dauer entkommen konnte und so hatte er vor eineinhalb Jahren beschlossen, ihnen entgegenzutreten.
Dem Pfad seines einstigen Schutzengels Esiel war er bis hierher gefolgt, das Schicksal hatte ihm keine Ausnahme erlaubt und er war zu eben jenem verhassten Wesen geworden, dass ihn dereinst verraten hatte - einem Abtrünnigen des Himmels.
Der Ort, an dem er sich nun befand - sofern man dies noch als „Ort“ bezeichnen konnte -, war eine Blase zwischen den Dimensionen, ein Zufluchtshafen, den Esiel sich einst schuf, um sich vor seinen Brüdern zu verstecken. Er wusste nicht, ob seine Augen ihm überhaupt zutreffende Informationen über die Gestaltung dieses Raumes lieferten oder ob sie aufgaben und es seiner Fantasie überließen, ein Bild zu formen. Wenn dem so war, so stellte er sich diesen Raum als das innere einer Wolke vor. Weiße Nebel schwebten umher und der Boden gab nach ohne wirklich elastisch zu sein. Es befand sich keine Einrichtung oder sonstige Ausstattung hier - kurz: Hier gab es nichts - sofern ein „hier“ existierte!

Er sah sich um, obwohl er wusste, dass es wenig Sinn hatte. Seine gewohnten Bewegungsabläufe waren einfach zu stark um sich dagegen zu wehren.
Allerdings schien es nicht umsonst gewesen zu sein - was ihn sehr verwunderte - möglicherweise war es auch nur so, dass sich dieser Gegenstand in sein Bewusstsein drängte.
Die Nebel lichteten sich nicht und dennoch gaben sie die Sicht auf ein kleines rechteckiges Objekt frei. Er schritt näher heran - oder holte es aus den Tiefen dieser immateriellen Dimension!
Er kam immer mehr zu dem Schluss, dass sich diese Welt als eine Art Gedankenwelt darstellte. Dinge bestanden lediglich aus der Idee ihrer Existenz und sein Körper stellte die äußere Begrenzung dar. Eine Frage drängte sich in seine Gedanken, verließ sie aber bevor er dazu kam sie wahrzunehmen - stattdessen hielt er das Objekt in seinen Händen.
Es handelte sich um ein kleines Buch ohne Aufschrift. Der Einband war grau-grün und aus einem Material, das er nicht kannte. Er schlug die erste Seite auf - ein Tagebuch.
Das Datum war nicht mehr zu erkennen; die Worte, die dort geschrieben standen sehr wohl und er wusste sofort, wessen Tagebuch dies war.

„Esiel!“ entfuhr es ihm flüsternd. Dann las er.

Jetzt da ich die Pfade eines gewöhnlichen Engels verlasse, halte ich es für angebracht ein Tagebuch zu führen, so wie manch Sterblicher es zu tun pflegt.

[i][b]Es ist die Pflicht eines jeden Engels, zu dienen![/b] So lautet das erste Gesetz des Himmels. Und so ist es seit dem Anbeginn der Zeit. Ich habe dieses Gesetz niemals übertreten, stets den Völkern und meinem Gott gedient - dennoch beschuldigen sie mich des Verrats!
Ich suchte lediglich in anderen Welten nach Wissen ohne jedoch meine Pflichten zu vernachlässigen. Ich nahm mich dieses jungen Elfen Sifhien an, der auf der Suche nach einer neuen, besseren Welt war. Ich kümmerte mich um ihn, mehr noch… ich lehrte ihn die Geheimnisse dieser unserer Welt! Er wurde nahm mein Geschenk an, er schuf Willen und Einigkeit unter den fremden Völkern und er führte sie in dieses Land des Friedens.
Dennoch beschuldigen sie mich den Himmel verraten zu haben! Es sei mir verboten den fremden Völkern Wissen zu bringen, so sagten sie.
Es sei mir verboten, sie in dieses Land zu führen, um in Frieden zu leben!
Es sei mir verboten, ihr Schicksal zum besseren zu wenden!
Ich kenne kein solches Gebot, entgegnete ich ihnen.

Ich habe niemanden verraten! Ich habe gedient, also bin ich es, der verraten wurde! Diesem Gott kann und will ich nicht länger dienen. Dieser Himmel ist unheilig!
Sie sind sich nicht einmal bewusst, dass ich so ihr sterbendes Reich gerettet habe. Diese Welt war beinahe tot, ich erlaubte ihr eine Wiedergeburt!

Ich will die himmlischen Reiche von Askaream verlassen und nie mehr zurückkehren! Ich werde bei den Völkern leben, die mein Wissen respektieren; die dankbar sind für das Geschenk des Friedens, das ihnen ihr neues Land gegeben hat.[/i]

Er sah auf. Und er konnte kaum glauben, was er soeben gelesen hatte. Natürlich kannte er die Geschichte Elessias, doch dieser Teil war ihm - und auch wohl jedem anderen - nicht bekannt gewesen.
Der Himmel war gegen die neuen Völker gewesen! Der Engel Esiel war der Führer des Bunds von Ephime gewesen und er hatte Sifhien diese Welt gezeigt. Der „Abtrünnige“ war ein Märtyrer gewesen!

Eine Seite fiel aus dem Tagebuch und segelte langsam in die weißen Nebel, drohte fast zu verschwinden. Er griff danach und faltete das Stück Papier auseinander. Er stutzte; das war keine Seite aus Esiels Tagebuch.
Seine Verwirrung legt sich als er erkannte, um was es sich dabei handelte.
Es war ein Gedanke seines Unterbewusstseins! Diese spezielle Umgebung hatte es ihm erlaubt auf diese Weise Gestalt anzunehmen, anstatt, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre, leise wieder zu verschwinden ohne jemals wirklich gedacht zu werden.
Er las, was sein Unterbewusstsein ihm mit diesem unförmigen Fetzen geistigen Papiers mitzuteilen versuchte:

[b]Willst du diese Worte so glauben, wie sie jener Engel niederschrieb, du Dummkopf? Er hat dich im Stich gelassen, vergiss das ja nicht! Glaubst du wirklich, dass das alles war, was er getan hat. Wenn man es genau betrachtet, haben die Schutzengel ihn dafür wohl kaum so lange gejagt und schließlich sogar getötet, oder?[/b]

Fast hätte er den Worten des Engels geglaubt und er erschrak, wie naiv er doch geworden war. Das kleinste bisschen an Wahrheit oder eine riesige Lüge - damit begnügte er sich, nur weil er seit drei langen Jahren danach suchte?

Er gab den Papierfetzen frei und er verschwand als er seine Hand verließ. Dieser Ort würde ihm wohl nichts weiter bringen. Die Frage war nur, wohin er nun gehen sollte. Bis jetzt war er der Spur des Engels Esiel gefolgt, die allerdings hier endete.
Das Beste wäre jemanden zu suchen, der ihm mehr erzählen könnte. Die Engel kamen nicht in Frage, schließlich jagten sie ihn immer noch, oder er sie.
Doch welches Wesen mochte alt genug sein sich dessen zu entsinnen und zivilisiert genug sich mit ihm zu unterhalten. Die Dämonen?

Konnte er es wagen in die Reiche von Nimuruor, die Heimat der Dämonen, einzudringen? Als Engeljäger könnte er dort geradezu berühmt sein! Ob sie allerdings bemerkten wer er war, bevor sie ihn töteten, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls waren die Dämonen, so wenig man auch über sie wusste - seit mehreren tausend Jahren haben sie nicht in die Geschichte Elessias eingegriffen - nicht für ihre Gastfreundschaft bekannt. Die Tatsache, dass gar keine Berichte über sie existieren, ist auch nicht unbedingt beruhigend. Aber hatte er eine Wahl?
Diese Frage hatte er sich schon so oft stellen müssen, in letzter Zeit war es fast zur Gewohnheit geworden sie mit „Nein“ zu beantworten.

Nun, die Dämonenreiche zu betreten sollten eigentlich kein Problem darstellen. Er hatte über die Jahre gelernt, auch die Fähigkeiten eines Schutzengels zu benutzen. Es sind nicht nur die Pflichten, die einen Engel ausmachen, auch seine Macht ist durchaus beträchtlich - auch diese hatte ihm der sterbende Esiel übertragen. Was im Anfang allerdings zu einigen Schwierigkeiten geführt hatte, als er diese Kräfte noch nicht kontrollieren konnte.

Er entsann sich an ein Ereignis, dass ihn immer an die schreckliche Macht erinnern sollte. Fast automatisch holte er sein Tagebuch hervor und blätterte die entsprechende Seite auf. Wie oft hatte er diese Worte gelesen? Er wusste es nicht mehr!
Immer wieder hatte er sich vergewissern müssen, dass wirklich er es gewesen war, der diese Kraft besaß. Und immer wieder bestätigten jene Worte, die er damals aufschrieb, dass es wirklich so gewesen und auch noch immer war.
Er musste sie jetzt nicht mehr lesen, er kannte sie schon lange auswendig!

[i]1. Tag des achten Monats, 1067 bf.:

Bin ich verflucht? Warum nur muss ich dieses Schicksal tragen? Wie kann ich etwas gegen meinen Willen nur so sehr wollen? Ich wollte mich doch nur selbst schützen, aber ich wollte niemanden töten. Ich habe sie alle gezählt, es waren siebenunddreißig!

Diese Macht Esiels, ich wollte sie nicht und jetzt will ich sie erst recht nicht mehr! Er hatte mich im Stich gelassen und dann auch noch mit diesem Fluch belegt. Welch ein Schutzengel war er eigentlich?

Aber dieses Gefühl! In diesem Moment spürte ich die Macht, ich war berauscht von ihr und ich dachte an nichts anderes. Dieser Engel hätte mich töten müssen, doch er tat es nicht oder er konnte es nicht.
Er hob sein Schwert, als ich wehrlos auf dem Boden lag. Er ließ es auf mich niederfahren, doch die Klinge hatte ihr Ziel niemals erreicht. Ich spürte plötzlich diese fremde Macht und ich gab ihr nach. Licht umhüllte mich und dann war nichts mehr. Weiße Leere umgab mich und absolute Stille. Dann war gar nichts mehr!

Als ich erwachte, war alles um mich herum zerstört. Reglose Körper umgaben mich, dieses kleine Dorf war ausgelöscht worden - durch Esiels Fluch! Selbst im Tod schadet er noch.
Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll![/i]

Er war so verwirrt gewesen nach diesem Ereignis. Die geschriebenen Worte, die vor seinem geistigen Auge erschienen, waren in zitternder Schrift geschrieben und konfus über das Blatt verteilt. Ein genaues Abbild dieses Durcheinanders hielt er aufgeschlagen in seiner Hand.
Noch andere Fragmente der Erinnerung kamen zu diesem Eintrag hinzu.
Nach diesem Ereignis war er zwei Wochen umhergeirrt ohne etwas zu Essen oder sich auszuruhen. Er hatte nicht nur einmal mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Irgendwann war er zu dem Schloss gekommen, dass selbst das nichts nützen würde.

Er erwacht aus seinen Erinnerungen. Noch immer umgaben ihn die weißen Wolken von Esiels Versteck. Nun aber musste er es verlassen und die dämonischen Reiche von Nimuruor aufsuchen. Er hoffte inständig, dass er von dort auch zurückkehren würde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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