Regen, Kälte, Alltagsgrau, Einsamkeit … Die tödliche Diagnose … Zu spät, keine Heilung möglich.
Erst nur ein Gedanke, dann war sie sich sicher: Sie musste weg. Eine Hütte mitten im Wald, mit einer kleinen Veranda und Aussicht auf einen breiten Fluss, mehr brauchte sie nicht.Sie würde verschwinden, ohne jemanden in Kenntnis zu setzen. Wieso auch? Es hatte nur einen Menschen gegeben, der ihr wichtig war. Aber der hatte sie verlassen. In manchen Nächten spürte sie seine Wärme neben sich. Wenn sie aufwachte schmeckte sie Bitterkeit, Enttäuschung. Keine Zeit zu verlieren, sie buchte einen Flug, hoffte auf ihr Glück, auch auf das Überleben.
Sie sitzt vor ihrer Hütte, versunken in die Betrachtung des Sonnenuntergangs. Das Holz der Veranda fühlt sich unter ihren Handflächen warm und lebendig an. Während die Sonne den Fluss blutrot färbte, die Hitze des Tages allmählich erlischt, träumt sie vor sich hin. Wenn er jetzt nur neben ihr sitzen könnte … aneinander wärmen, wenn die Nacht kommt. Doch er ist nicht da, niemals wieder wird sie ihn spüren. Vor Kummer schließt sie die Augen.
„Hallo“, sagt plötzlich jemand hinter ihr.
Sie dreht sich um, hat ihn nicht kommen hören. Vielleicht hat ihn eine Harpyie hier abgesetzt. Das würde zu der unwirklichen Situation passen, zum Dämmerlicht, das ihn umhüllt. Er ist noch ein Kind. Aber diese Augen, nachtschwarz, jung und uralt zugleich.
Lange steht er vor ihr, betrachtet sie still. Ist ihr fremd und doch vertraut.
„Es ist so weit“, nur ein Raunen.
„Was meinst du?“, fragt sie.
„Ich hole dich ab. Du stirbst.“
„Unsinn, es geht mir gut. Verschwinde.“ Ungeduldig wedelt sie mit der Hand.
„Schau.“ Der Junge weist auf das gegenüberliegende Ufer.
Sie steht auf, tritt an den Rand der Veranda. Versucht in der Dämmerung zu erkennen, was er meint. „Was soll das, es ist irgendein Baum.“
„Nein, nicht irgendein Baum. Er ist uralt, krank, kämpft noch um sein Leben, aber gehört nicht mehr hier her. Genauso wie du.“
Sie fühlt, wie die Kraft rasch aus ihrem Körper strömt. „Wer bist du“, flüstert sie, sieht ihm direkt in die Augen. „Er ist so alt wie die Jahrtausende, die seit Anbeginn des Lebens vergangen sind“, denkt sie.
„Du weißt, wer ich bin.“
„Ja, ich weiß es.“
Der Junge nickt zufrieden. „Gib mir die Hand. Es ist Zeit. Dein Liebster wartet auf dich.“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2024.
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