Angie Pfeiffer

Das Leben: Gelsenkirchener Barock - für meine Mama

Wie so oft sitze ich auf meinem Platz am Esstisch. Die Ellenbogen habe ich extrem provokant aufgestützt. „Lass das, sowas machen feine Damen nicht“, hast du immer gesagt.
„Wo ist hier ne feine Dame?“, mehr brauchte ich nicht zu sagen - schon hatte ein eine Ohrfeige weg. „Werd' mal nicht frech, Frollein. So lange du deine Beine unter meinen Tisch steckst …“ 
Das vertraute Gefühl von damals ist sofort wieder da. Enge, die Angst erdrückt zu werden: Weg hier, raus aus dem Mief der Bürgerlichkeit, welches das monströse Möbel vor mir repräsentiert. Gelsenkirchener Barock, das trifft es. Ein gewaltiger Küchentisch, natürlich massiv, wie du immer betont hast, mit Besteckschublade und Einsatz. Kurz nach der Währungsreform gekauft, „als es uns wieder besser ging“. Für 50 Mark, das war damals eine gewaltige Summe, jedenfalls für Papa und dich. „Dein Vater ist jeden Monat pünktlich zum Ersten ins Möbelgeschäft gegangen und hat die Rate bezahlt, immer fünf Mark!“
Vorsichtig streiche ich über die Tischkante. Hier wurde gegessen, Kaffee getrunken und der Sonntagskuchen verputzt. Schnittmuster breitetest du aus, um mir ein neues Kleid zu nähen, das furchtbar gekratzt hat. Nicht weniger wie die Wollsocken, die du abends beim Radio hören gestrickt hast. Hier hat Papa mit Onkel Franz und den Kumpels Skat gespielt. Achtzehn - zwanzig - zwei - null. Sie haben sich lautstark ausgereizt, die Karten so fest auf den Tisch geknallt, dass ich manchmal furchtbar erschrocken war.
Hier hast du ganz still gesessen, vor dich hin gestarrt, an dem Tag als ein Teil deines Lebens von dir ging. Ich fand dich nach Papas Beerdigung am Küchentisch sitzend. „Er ist nicht mehr da! Was soll jetzt aus mir werden“, hast du fassungslos gemurmelt. An diesem Tag war ich die Mutter und du meine Tochter. Ich habe dich gehalten, bin einfach still neben dir sitzen geblieben. Zusammen haben wir die Dämmerung heraufziehen sehen. Als es ganz dunkel war, bist du aufgestanden. „Ist schon gut, Angelina, ich werde ohne ihn auskommen müssen. Du kannst mir nicht helfen“, mit diesen Worten hast du mich weggeschickt und ich verstand, dass du allein sein wolltest.

Heute habe ich dich zum letzten Mal begleitet. Du hast niemals aufgegeben, doch zuletzt ist eine große Müdigkeit über dich gekommen. Du hattest genug gelebt, gekämpft, gelitten. So bist du gegangen, wohin auch immer. Es fiel dir nicht schwer, denn ohne Papa war dir das Leben nur halb so viel wert.
Ich stütze mich auf, es ist etwas mühsam aufzustehen, doch der Tisch hilft mir dabei, mich aufzurichten. Die Oberfläche fühlt sich glatt an, ist immer noch schön poliert. Kein Wunder, du hast sie immerzu gewienert. Warst so stolz auf das Möbel, denn es repräsentierte Wohlstand und ein geordnetes Leben nach einer langen dunklen Zeit.
Weißt du was, Mama, ich werde das gute Stück mitnehmen. Irgendwo bei mir zu Hause findet sich ein Platz für dein Lieblingsmöbel! Ich werde mich schon daran gewöhnen und irgendwann werde ich es vielleicht sogar mögen.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angie Pfeiffer).
Der Beitrag wurde von Angie Pfeiffer auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bild von Angie Pfeiffer

  Angie Pfeiffer als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein diabolischer Plan von Doris E. M. Bulenda



„Krachen, Scheppern und dann gewaltiger Lärm, als ein schwerer Gegenstand an die Wand geworfen wurde. Oh verdammt, die Verrückte spielte drüben in der Küche schon wieder ihr absolutes Lieblingsspiel – Geister vertreiben. Gleich würde sie hierher ins Wohnzimmer stürzen, wo ich versuchte, in Ruhe meine Hausaufgaben zu machen. Und dann würde sie mir wieder lang und breit erklären, welches Gespenst gerade versucht hatte, durch die Wand zu gehen und sie anzugreifen. Ich hasste sie! Ich hasste dieses Weib aus ganzem Herzen!“ Die 13-jährige Eva lebt in einer nach außen hin heilen, kleinbürgerlichen Familie. Hinter der geschlossenen Tür herrscht Tag für Tag eine Hölle aus psychischer und physischer Gewalt durch die psychopathische Mutter und den egomanischen Vater. Verzweifelt versucht sie, sich daraus zu befreien. Vergebens - bis ihr ein altes Buch in die Hände fällt. Als letzten Ausweg beschwört sie daraus einen Teufel. Er bietet ihr seine Hilfe an. Aber sein Preis ist hoch...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angie Pfeiffer

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die lieben Kleinen: Das Mutter - Sohn Gespräch oder Sex mit 13 von Angie Pfeiffer (Humor)
Der Stiefvater von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)
Brennende Tränen - Teil V von Sandra Lenz (Liebesgeschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen