Brigitte Waldner

Im Kinderferienschloss Heroldeck im Wald 1964

Ein Aufenthalt im kleinen Schloss,
den ich als Kind zur Erholung genießen sollte,
hoch über dem See, war weder schön,
noch habe ich mich erholt.
Ich kam dehydriert und verpilzt zurück.
Ich musste in ärztliche Behandlung.
Es war ein hübsches Schloss.
Das hat mir schon gefallen.

Es war wie ein Aufenthalt im Kinderknast,
bei mittelmäßiger Verpflegung,
und weggesperrter Bekleidung,
die wir pro Woche wechseln durften.
Wir wurden pro Woche geduscht,
die ganze Gruppe zugleich und nackt,
und baden im See durften wir nicht.
Wir sind zweimal in diesem Ferienmonat
zum See hinuntergegangen und durften ihn
vom Gehsteig auf der Straße aus ansehen.
Das nannte sich Kinder-Erholungs-Heim.
Sie haben mit uns weder für die Schule gelernt,
noch Sport betrieben. Nichts.
Ich habe ein Monat Schule versäumt im Juni 1964,
was die Oma mit mir in den großen Ferien nachlernen musste.

Wir wurden verwahrt.
Ich kann mich nicht mehr erinnern,
wie wir dort beschäftigt wurden.
Ich erinnere mich, wir wurden nicht beschäftigt.
Wir konnten machen, was wir wollten
und durften das Schloss und den dazugehörigen Garten nicht verlassen.
Es waren Spielsachen und Kinderbücher dort.
An die Schimpfe kann ich mich erinnern.
Sie sagten, ich sei verwöhnt,
das war ich zu keinem Zeitpunkt,
im Vergleich, was andere Eltern
ihren Kindern bieten konnten.
Ich wurde auf Erholung geschickt,
weil ich ein armes unterernährtes Einzelkind war,
das dazu noch vom Onkel geschlagen wurde.
Im Ferienschloss wurde ich nicht geschlagen.

Sie sind dort verbal viel zu grob mit den kleinen Kindern umgegangen.
Es gab ein Wassertrinkverbot. Wir bekamen ein Achtel Liter Saft
zum Mittagessen und zum Abendessen. Zum Frühstück nicht.
Beim Zähneputzen kontrollierten sie uns,
und wenn wir dabei heimlich Wasser tranken,
schimpften sie mit den Kindern und sagten, es sei kein Trinkwasser.
Beim Zähneputzen war unsere einzige Möglichkeit,
endlich Wasser zu trinken, verbotener Weise.
Das hat jedes Mädchen getan, morgens und abends.
Wir waren lauter Mädchen und ein Junge in meiner Gruppe.
Wir haben uns beim Mittagsschlaf heimlich abgesprochen,
wie wir beim Zähneputzen Wasser trinken,
dass sie uns nicht erwischen.
Die Gruppe umfasste einen ganzen Schlafsaal voller Kinder.
Bestraft wurden wir nicht, Schimpfe gab es.
Ich war diesen groben Umgangston nicht gewöhnt.
Mit den Kindern anderer Gruppen kamen wir nicht zusammen.
Ich sah sie manchmal vorbeigehen.

Wenn wir Briefe nach Hause schrieben,
dazu wurden wir pro Woche aufgefordert,
das war die einzige Beschäftigung, wo wir angeleitet wurden,
diktierten sie uns, was wir schreiben mussten,
wie gut es uns geht, dass wir kein Heimweh hatten.
Als ich meiner Mutter das später erzählte,
war sie enttäuscht. 

Wenn wir Karten erhielten,
die unsere Angehörigen uns sandten,
haben wir geweint, vor lauter Heimweh.
Fotos haben sie keine von uns gemacht.
Ich habe kein einziges Erinnerungsbild,
obwohl sie am Ende mit uns das tapfere Schneiderlein aufführten.
Das haben sie den Größeren einstudiert.
Ich war als Siebejährige in der Gruppe mit Fünfjährigen unterfordert.
5- bis 7-Jährige waren zu einer Gruppe zusammengefasst.
Wir haben ein Lied gesungen
und von der Aufführung nichts gesehen.
Wir wurden zum Lied reingeführt und danach weg.
Die Eltern waren eingeladen, zuzuschauen.
Meine Angehörigen kamen nicht, weil sie kein Auto hatten.
Es war 8 km von mir daheim entfernt.
Da waren Kinder aus ganz Österreich
und der Zuschauersaal war voll.
Ob das Eltern waren oder Leute aus der Umgebung,
weiß ich nicht.
Im Jahr darauf hätte ich Anspruch darauf gehabt,
erneut in ein Erholungsheim zu fahren.
Ich wäre gerne woanders hin gefahren;
meine Mutter hat mich nicht mehr angemeldet.
 
Ich habe in letzter Zeit eine Fernsehsendung gesehen,
wo Kandidatinnen in einer Talkshow erzählten,
dass sie als Kinder nach dem Krieg nach Spanien, Portugal
und in die Niederlande verschickt wurden,
und sie hatten so schöne Erinnerungen
an ihre Ferienaufenthalte und sogar Fotos.

Text und Foto: © Brigitte Waldner


Kommtar zum Text: Wir mussten dort eine ganze Woche immer die gleiche Bekleidung anziehen, auch Unterwäsche durften wir nur einmal pro Woche wechseln. Ich habe eine Betreuerin angesprochen und ihr gesagt, dass ich zu  Hause jeden Tag frische Bekleidung anziehe, ich will frische Bekleidung aus meinem Koffer, insbesondere Unterwäsche, sie soll sie mir geben. Dann hat sie zu mir gesagt, dass ich ein verwöhntes Kind sei. Sie hat mir nichts gegeben, obwohl ich einen großen Koffer voll dabei hatte. Die Folge war, dass ich nach dem Ferienaufenthalt zum Arzt musste, weil ich das nicht ausgehalten hatte, eine ganze Woche die Unterwäsche nicht zu wechseln und das 4 Wochen lang. Das haben die mit uns dort gemacht. Das wäre heute undenkbar. Das hat alle Mädchen in meiner Gruppe gestört, dass sie keine frische Bekleidung bekamen, insbesondere Unterwäsche. Dann haben wir, einige Ältere von uns, also Siebenjährige, unseren Betreuerinnen morgens die Unterwäsche gezeigt und gesagt, wir brauchen eine frische, aber es hat nichts genützt, wir wurden nur als verwöhnte Kinder abgetan. Wir mussten unsere Unterwäsche eine ganze Woche lang anziehen und so die gesamte Bekleidung. Nur die kleinen Kinder, die sich in die Hose machten, die wurden umgezogen. Das wäre eine gute Idee gewesen aus heutiger Sicht, aber auf diese kamen wir nicht. Das haben wir nicht durchschaut. Und wer weiß, was sie mit uns dann gemacht hätten.

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