Christa Astl

Schulgeschichten

 

Ich war zwar früher ein äußerst schüchternes Kind und hätte mir eher die Zunge abgebissen als etwas Falsches gesagt, aber diese Zeit war lange vorbei. Im Gegenteil. Ich legte es jetzt geradezu an, die Toleranzgrenze gewisser Lehrer zu erproben. Freilich konnte ich es mir leisten, ich war eine gute Schülerin, und wenn ich mich mehr bemüht hätte, wäre ich sogar eine sehr gute gewesen. Aber das konnte und wollte ich meiner Banknachbarin, der Klassenbesten, nicht antun. Ich wusste ja, wie hart sie sich ihre Vorzugnoten verdiente, keinen Nachmittag, kein Wochenende hatte sie freie Zeit für irgendwelche Unternehmungen.

In der zweiten Klasse hatten wir eine Deutschprofessorin, ganz jung, frisch von der Uni, die zwar fleißig viele Hausübungen aufgab, diese aber nie kontrollierte. Klar, dass sie kaum noch jemand machte. Nach zwei Monaten jedoch wollte sie die Hefte einsammeln. Großes Schweigen. Wir konnten sie um eine kurze Frist bitten. Einige schrieben die Hausübungen doch noch, ich hätte gar nicht gewusst, was wir alles aufgehabt hatten, und ließ es bleiben. Großzügig gewährte sie uns noch einmal Aufschub. Ich blieb stur, weigerte mich. Also gab ich ein fast leeres Heft ab, zu fünft waren wir. Die Rache, oder Strafe, folgte in der nächsten Deutschstunde: der Reihe nach kamen wir fünf  zur Prüfung. Noch einmal gab es ein Nichtgenügend.

Das reichte, es war mir eine Lehre. In Deutsch, meinem Lieblingsfach, durfte so was nicht passieren! Ich verbrachte nun auch einige Nachmittage hinter den Büchern, versuchte meine Rückstände in den Heften aufzuholen. Mehrere Deutschstunden in Folge wurden wir fünf durch den Stoff des letzten Jahres gejagt. Da ich nun, mit etwas Fleiß und Konzentration wieder am Laufenden war, hatte ich bald meine „verdiente“ Ruhe. Die vier anderen aber wurden „gezwiebelt“, zwei Mädchen verließen daraufhin die Schule.

Ich war in der Abschlussklasse, als „die Lilo“ die Biologiestunden von ihrer Vorgängerin übernahm. Auch die Lilo war nicht mehr jung, ihre grauen Haare waren zwar blond gefärbt, doch nach einiger Zeit war das Grau nicht zu übersehen. Sonst war sie eine unauffällige Frau von ihrem Äußeren, trug mit Vorliebe Kleidung in Grau und Beige, im Wesen war sie eher ruhig, als Lehrerin geduldig mit uns geschwätzigen „Weibern“, auch als Prüferin angenehm. Wie uns ältere Jahrgänge schon mitgeteilt hatten, legte sie Wert auf Gesprochenes. Wer bei einer Prüfung herum stotterte, da konnte sie unangenehm werden und nahezu Löcher in den Bauch fragen. Wer munter drauflos redete, durfte mit einem Einer rechnen. Das wollte ich genau wissen.  
„Nur reden, dann ist sie zufrieden“.

Ich wollte mein Glück bei der Lilo versuchen, war nur einigermaßen vorbereitet. Die erste Frage kam, und ich antwortete, dem Rat der Älteren entsprechend. Ich wählte die Worte zu schönen langen Sätzen, die ich noch verlängerte, indem ich Wiederholungen einfloss, Sätze umdrehte, anders formulierte, aber im Inhalt nicht viel änderte, kurz gesagt, ich redete und redete, bis die Lilo abwinkte. Mit einem Sehr gut im Katalog und einem breiten Grinsen im Gesicht ging ich zurück auf meinen Platz. Die Bewunderung der Mitschülerinnen für mein Wissen oder besser gesagt meinen Mut steigerte mein Selbstbewusstsein ungemein.

 

 

ChA 01.06.24

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