Aurelia Bogner

Tod dem Drachen

In einem längst vergessenen Land lebte einst eine wunderschöne Prinzessin. Ihre Schönheit und Güte wurden von den Dorfbewohnern so bewundert, dass sie sich freiwillig vor ihr verneigten, wann immer sie ihr begegneten. Der künftigen Regentin des Landes. Allerdings war sie nur selten außerhalb des Palastes zu sehen, denn ihr Großvater, der König, fürchtete sich vor Feinden, die der Prinzessin, Emilia genannt, etwas antun könnten.

Vor allem aber fürchtete er die Drachen, die einst Ernten vernichteten, Häuser verbrannten und Kinder verschlangen. Damals zog Emilias Vater in den Krieg und die Drachen kehrten nicht zurück. Doch er tat es auch nicht. Danach hieß es, die Drachen seien für immer verschwunden, aber noch heute gibt es Gerüchte unter den Bauern, dass die Drachen zurückkehren werden, um zu beenden, was sie begonnen haben.

Doch Emilia glaubte nicht an diese Geistergeschichten.

Und so floh sie eines Tages aus dem Schloss. Es gelang ihr, die Wachen zu überlisten, über die Mauern zu klettern und dem Palast zu entfliehen.

Als sie nun auf freiem Feld stand, das weiche Gras ihre nackten Füße streichelte und die Sonne auf ihren Rücken brannte, sog sie die frische, salzige Landluft ein, als wäre es das erste Mal. Sie ging durch das hübsche Dorf und lächelte freundlich, wenn sie jemanden traf. Die Dorfbewohner waren erstaunt, die Prinzessin ohne Begleitung zu sehen, lächelten aber stets zurück.

Als Emilia schon stundenlang unterwegs war und die Sonne vom Himmel zu fallen drohte, entdeckte sie plötzlich einen großen schwarzen Wald.

In diesem Wald schien sich kein Leben zu regen, und jedes Licht, das ihn zu durchdringen drohte, wurde von einer scheinbar unsichtbaren Wand aufgehalten.

Emilia wusste, dass es besser war, umzukehren, aber etwas unbegreiflich Unbeschreibliches zog sie in den Wald hinein und etwas zog sie tiefer rein, bis die Äste über ihr den Himmel verdeckten, die Erde unter ihr ihre Füße frösteln ließ und die Bäume neben ihr jedes Geräusch verschluckten, so dass Emilia ihren eigenen Herzschlag hören konnte.

Bis neben ihr eine tiefdunkle Stimme ertönte und ein grelles rotes Licht erschien. Zuerst sah Emilia nur die Umrisse einer Gestalt, doch von Sekunde zu Sekunde wurde das Bild klarer. Sie sah zwei große Hörner aus dem roten Licht ragen und gleichzeitig zwei Hufe, auf denen das Wesen stand. „So“, begann das Wesen zu sprechen, mit einer Stimme, die so tief war, dass allein dieses Wort die Erde zum Beben bringen konnte. „Was macht eine Prinzessin ohne Schutz und ganz allein in meinem Wald?“ Emilia setzte zu einer Erklärung an, doch außer einem unverständlichen Gebrabbel brachte sie nichts hervor. Das Wesen hingegen amüsierte sich köstlich über Emilias Unfähigkeit, einen Satz zu bilden. „Ist das alles, was du kannst?“ „Ich wollte gerade gehen“, zitterte Emilias Stimme. Doch in dem Moment, in dem sie sich umdrehte, stand das Wesen plötzlich direkt vor ihr und schnitt ihr den Weg ab. „Warum so eilig?“ Emilia antwortete nicht und ihr Zittern wurde stärker. „Hast du Angst vor mir?“ Auch jetzt wagte sie nicht zu antworten. „Nicht vor mir solltest du Angst haben. Es sind deine Nächsten. Weißt du denn nicht, was diese ach so guten Menschen mit jemandem machen, der anders ist? Ich will nicht zu viel verraten, aber Verbannung und gesellschaftliche Ächtung stehen ganz oben auf der Liste, und selbst der König könnte einen Freund wegen körperlicher Besonderheiten und einer dunklen Gabe, die er nie gewollt hat, in einen Wald wie diesen sperren.“

Das Wesen blickte nun leicht schräg zu Boden und wirkte sogar ein wenig traurig, als es Folgendes sagte: „Ich glaube, er würde nicht einmal davor zurückschrecken, seiner eigenen Enkelin etwas Vergleichbares anzutun.“ Seine Miene verfinsterte sich wieder und er starrte Emilia mit seinen stechend roten Augen direkt an. „Aber ich würde es gerne sehen.“ Und mit einer einzigen Handbewegung entfachte das Wesen einen gewaltigen Sturm, der Emilia vollständig einhüllte. Der Wald wich langsam zurück, ein heller Blitz erschien am Horizont und alles wurde schwarz.

 

Als Emilia nach einigen Minuten die Augen wieder öffnete, war der Wald verschwunden. Nur eine große schwarze Wolke war geblieben. Sie versuchte, sich wieder aufzurichten und zurück in den Palast zu flüchten. Die Luft brannte in ihren Lungen und ihre Muskeln fühlten sich so steif an, als würden sie jeden Moment reißen.

Als sie im Palast ankam, hatte der König bereits einen ganzen Suchtrupp losgeschickt, um Emilia zu finden. So ging sie langsam durch das Tor auf ihren Großvater zu. In ihrem Kopf überlegte sie, wie sie ihre Abwesenheit erklären könnte. Doch ihr fiel einfach nichts ein.

Als sie nur noch eine Armlänge von ihm entfernt war, begann sie ihren Satz: „Großvater...“ Der König drehte sich erschrocken zu ihr um. „Emilia? Bist du es wirklich? Wo warst du die letzten drei Tage?“ Stopp. Ihr stockte der Atem. Ein großer Kreisel drehte sich in ihrem Kopf. Drei Tage. Drei Tage war sie in dem dunklen Wald bei dem seltsamen Fremden gewesen. Drei Tage.

Am Abend wurde Emilia gebadet, und sie bekam etwas zu essen. Danach musste sie sich in ihr Gemach begeben. Der König befahl, dass fünf Soldaten ihr Zimmer bewachen sollten, damit die Prinzessin nicht wieder unbemerkt aus dem Palast fliehen konnte.

Wach lag sie in ihrem Bett und dachte über die seltsame Begegnung mit dem Fremden nach. Wer war er? Und was meinte er mit „Aber ich würde es gerne sehen“?

Als die Nacht hereinbrach, sollte sie die Antwort erfahren.

Denn sobald die Sonne hinter den Sternen verschwand, begannen Emilia lange Krallen zu wachsen. Sie wurde größer und größer. Grüne Schuppen bedeckten ihren ganzen Körper, ihre Zähne wurden scharf wie Dolche und ihre Zunge spaltete sich. Durch ihre zunehmende Größe und Kraft begann das Holz unter ihr zu knarren und brach schließlich. Sie stürzte drei Meter in die Tiefe, und selbst ihre neu gewachsenen Flügel konnten sie nicht halten.

Als sie auf dem Boden aufschlug, schlugen ihre Flügel wild durcheinander. Emilia war nicht in der Lage, sie zu kontrollieren, und sie zerschmetterten alles, was sich in ihrer Nähe befand, und verletzten jeden, der in ihrer Nähe stand.

Als sich Emilia nach dem Sturz wieder einigermaßen erholt hatte, versuchte sie sich aufzurichten und öffnete ihre nun mehr schwarzen Augen. Und in ihren schwarzen Augen spiegelten sich die Gesichter der Dorfbewohner, die sie anstarrten. Und in ihren Gesichtern spiegelte sich blankes Entsetzen.

Die Frauen, die sie einst anlächelten, verfluchten sie nun. Die Kinder, die sie einst zum Spielen aufforderten, weinten nun bei ihrem Anblick. Die Männer, die sie einst verzückt ansahen, starrten sie nun voll Zorn an.

Und als sie sich umdrehte, sah sie ihren Großvater, der sie nicht ansah, wie eine Enkelin. Der sie nicht ansah wie eine, die er einst geliebt hatte. Die er voller Hass und Angst anstarrte. Er rief die Soldaten. Schwer bewaffnet kamen sie.

„Tötet den Drachen!“, kam es laut und brüllend vom König. Da floh Emilia.

Sie rannte so schnell sie konnte, bis die Soldaten nicht mehr in Sichtweite waren. Bis die Dorfbewohner nicht mehr in Sichtweite waren. Bis ihr Großvater nicht mehr in Sichtweite war. Bis kein einziger Mensch mehr in Sichtweite war.

Jetzt war sie in der Wüste, im Exil.

Statt Schuhe spürte sie Sand unter ihren Krallen. Statt eines himmlischen Bettes hatte sie nun einen großen Felsbrocken, auf den sie sich legte. Statt einer Krone hatte sie grüne Schuppen auf dem Kopf. Statt Liebe fühlte sie Verzweiflung in ihrem Herzen. Und Trauer, wenn sie sich Nacht für Nacht in Erinnerung an die Vergangenheit in den Schlaf weinte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.

Es ist nämlich nicht so, dass die Kinder lesen grundsätzlich "doof" finden, sondern, dass die bisherigen Bücher ihnen zu langweilig sind. Es ist ihnen in der Regel zu wenig Abwechslung und Aktion drin und ihnen fehlt heute leider die Ausdauer für einen reinen "trockenen" Lesestoff.

Daher habe ich mir überlegt, wie ein Buch aussehen könnte, das gleichzeitig unterhält, spannend ist, Wissen vermittelt und mit dem die Kinder sich beschäftigen können.

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