Karl Wiener

Die Frauenkirche zu Dresden

 

Das Jahr 1944 näherte sich seinem Ende und der Krieg kam immer näher. Die deutsche Wehrmacht hinterließ auf ihrem Rückzug verbrannte Erde. Sie sprengte Industrieanlagen, jagte Brücken in die Luft und zerstörte hinter sich die gesamte Infrastruktur. Die alliierten Truppen überschritten schließlich die deutschen Grenzen. Täglich überflogen große Bomberverbände die Stadt. Zu dieser Zeit suchten die Menschen nicht mehr im Luftschutzkeller Zuflucht. Allzu viele waren unter den zusammenstürzenden Häusern begraben worden oder sind im Rauch der brennenden Gebäude erstickt. Bei Fliegeralarm flüchteten sie aus der Stadt oder standen auf der Straße und blickten gebannt zum Himmel. Der Angriff konnte schließlich auch ihnen gelten.

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 wurden große Teile der Stadt Dresden zerstört. Auf einer Fläche von fast 50 Quadratkilometern blieb kein Gebäude verschont. Phosphorbomben entfachten einen Feuersturm, der Gegenstände aus der brennenden Stadt bis zu 100 km weit trug. In der Stadt hatten viele tausende Menschen aus den deutschen Ostgebieten auf der Flucht vor dem näher rückenden Krieg Zuflucht gesucht. Man sprach von 35 tausend verbrannten, erstickten oder von den Trümmern erschlagenen Menschen.

Wenige Tage nach dem schrecklichen Luftangriff war ich mit dem Fahrrad in den Randgebieten der zerstörten Stadt unterwegs als die Sirenen einen erneuten Luftangriff ankündigten. Gleich anderen suchte ich mich durch eilige Flucht aus dem Stadtgebiet in Sicherheit zu bringen und fuhr so schnell ich konnte. Neben mir bemühte sich eine junge Frau, Schritt zu halten. Sie beklagte sich über die Grausamkeit angloamerikanischer Luftangriffe. Ich hielt ihr entgegen, daß zuerst deutsche Bomben das englische Coventry zerstört hätten und die deutsche Luftwaffe laut deutscher Propaganda ganz England „coventrisieren“ sollte. Das habe ich genau so wenig vergessen, wie die bange Ungewißheit der Bombennächte, in denen deutsche Städte zu Staub zerfielen.

Die Frauenkirche im Zentrum der Stadt Dresden war ein architektonisches Kleinod mit einer der größten freitragenden Kuppeln seiner Zeit. Durch die Hitzeeinwirkung war das Bauwerk den aus der Kuppel resultierenden Belastungen nicht mehr gewachsen und fiel am Tage nach dem Angriff in sich zusammen. Ein gewaltiger Trümmerhaufen zeugte auch nach dem weitgehenden Wiederaufbau der Stadt als Mahnmal noch jahrzehntelang von Krieg und Vernichtung.

An jedem Jahrestag des Angriffs, also in der Nacht vom 13. zum 14. Februar, läuteten die Glocken aller Dresdner Kirchen und die Einwohner der Stadt zogen in Scharen zum Ort des Mahnmals. Niemand mußte dazu aufgefordert werden. Es wurden auch keine Gedenkreden gehalten. Viele zündeten Kerzen an und man gedachte still der Zerstörung Dresdens und der vielen Toten.

Im Laufe der Zeit hat sich der Charakter dieses bis dahin stillen Gedenkens grundlegend verändert. Es verkam zu einer Demonstration politisch verbrämter Interessen. Als ich zum letzten Mal dort war, marschierte eine Kolonne junger Männer auf. Der Leiter des Trupps trug an einem über die Schulter laufenden Gurt ein Megaphon, mit dem er seine Leute dirigierte. An anderer Stelle eilten Polizisten im Laufschritt über den Platz und kreisten eine Gruppe junger Leute ein, die sich augenscheinlich gegen den Nazitrupp engagierten. 

Inzwischen ist die Frauenkirche wieder aufgebaut. Das Mahnmal ist verschwunden. Das nahegelegene „Café an der Frauenkirche“ ist in „Café Edelweiß“ umbenannt worden. Daß die Frauenkirche angesichts dieses Sakrilegs zum „Jodeldom“ erklärt werden sollte, ist ein Gerücht. Wenn in der Nacht zum 14. Februar die Glocken läuten, trete ich jetzt vor die Haustür und gedenke still der Opfer der Bombennacht.

 

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