Istvan Hidy

Die Illusion der Rationalität

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer Wand. Eine solide, glatte Wand. Und nun versuchen Sie, diese Wand mit einem überzeugenden Argument zu durchbrechen. Klingt absurd? Willkommen in der Welt der Rationalität!

Falls Sie der irrigen Annahme erlegen sind, Ihre Mitmenschen seien rationale Wesen, dann herzlichen Glückwunsch! Sie gehören zu einer seltenen Spezies, die glauben, mit Logik und klaren Argumenten in den Köpfen anderer etwas bewegen zu können. Ein löblicher Versuch, der Ihnen allerdings eines garantieren wird: den Verlust des eigenen Verstandes.

Nehmen wir an, Sie haben Geld an der Börse investiert. Vertrauen Sie darauf, dass die anderen Investoren genauso rational vorgehen wie Sie. Denn natürlich spiegelt der Börsenkurs stets den wahren Wert eines Unternehmens wider, oder? Völlig logisch! Damit verpassen Sie allerdings jedes Schnäppchen, wenn mal wieder Panik ausbricht. Und Blasen? Die erkennen Sie erst, wenn sie platzen – so wie Ihr Traum vom rationalen Markt.

Als Politikerin oder Politiker wollen Sie scheitern? Kein Problem! Verlassen Sie sich einfach darauf, dass die Wähler Ihre hohen IQ und brillanten Ideen zu schätzen wissen. Garantiert wird Ihr viel dümmerer Konkurrent die Wahl gewinnen, nur weil er sympathisch lächelt und abgedroschene Floskeln von sich gibt. Warum? Weil Rationalität eben das ist, was wir uns gerne einreden, wenn wir verlieren.

Bei der nächsten Geschäftsverhandlung setzen Sie alles auf die rationalen Inhalte des Vertrags. Fragen Sie niemals nach der Frau, den Kindern oder den Hobbys Ihres Partners. Konzentrieren Sie sich ausschließlich auf die trockenen Zahlen und Fakten. Ihre Geschäftspartner werden begeistert sein – nicht! Sie werden scheitern, weil Sie den irrationalen, aber entscheidenden menschlichen Faktor ignoriert haben.

Und nun zur lebenswichtigsten Entscheidung von allen: der Partnerwahl. Glauben Sie ernsthaft, dass Sie Ihren Lebenspartner auf Grundlage rationaler Kriterien auswählen? Kompatible Persönlichkeitsmerkmale, ähnliche Lebensziele, gemeinsame Hobbys – alles wunderbar. Doch die Realität sieht anders aus. Sie werden sich verlieben, weil Ihr Unterbewusstsein Sie dazu drängt, und all Ihre sorgfältig ausgearbeiteten Kriterien werden dabei in den Hintergrund treten. Die Chemie muss einfach stimmen, sagt man. Und das ist nichts anderes als ein euphemistischer Ausdruck für pure Irrationalität.

Am tragischsten jedoch wird Ihr Scheitern sein, wenn Sie selbst an Ihre Rationalität glauben. Ihre Verblendung wird Sie blind machen für die Tatsache, dass Sie sich ständig selbst überschätzen und unangenehme Aufgaben verschieben. Und das natürlich mit den besten „rationalen“ Gründen.

Die leise Stimme der Vernunft erinnert uns daran: Ökonomen bauten einst auf das Idealbild des rationalen Menschen. Doch diese Annahme führte zu zahlreichen nutzlosen Vorhersagen. Erst als die Psychologie ins Spiel kam, erkannten wir, dass Menschen selten rational handeln. Überraschung! Menschen agieren nicht nach logischen Prinzipien. Die Vorhersagbarkeit ihres Verhaltens ist komplizierter als gedacht.

Falls Sie nicht von Natur aus ein exquisites Feingefühl für Menschen haben, dann lesen Sie ein Lehrbuch der Sozialpsychologie. Vier Wochen Nonstop-Lesen werden Sie reich belohnen: Sie verstehen endlich, warum Menschen sich so irrational verhalten. Und das wird Ihnen beruflich und privat nützen. Eine psychologische Firewall gegen Manipulation wird aufgebaut, und Sie werden die Taktiken Ihrer Gegenspieler frühzeitig erkennen.

Denken Sie daran: Menschen agieren oft wie Anwälte – die Haltung ist bereits eingenommen, die Argumente werden nachträglich zurechtgelegt. Werden Sie sich dieser irrationalen Voreingenommenheit bewusst und begegnen Sie Ihren Instinkten mit Skepsis. Je früher Sie akzeptieren, dass Menschen nicht rational sind – einschließlich Sie selbst –, desto besser werden Sie mit ihnen und sich selbst umgehen. Denn es ist vernünftig, die Unvernunft zu akzeptieren.

Traurig ist es nur, damit wir dabei weder planen noch rechnen können!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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