Klaus Mattes

CRINCH: Die Tütenesserin

 

Seit Jahren bereite ich meine grundlegende Studie vor. „Die Tütenesserin“. Um sofort einen Einblick in die Problemstellung zu eröffnen: Wir sitzen in einem Zug, einem stehenden, in einem Bahnhof. Uns gegenüber lässt sich eine junge Reisende nieder. Sie hält eine blau-gelbe Papiertüte in ihrer Hand. Auf der Tüte steht „Yorma“. Die Papiertüte raschelt leider, wenn das Material bewegt oder geknittert wird. Ein nahezu harmloses Geräuschchen, möchte man meinen. Doch auch ein leider nicht so bald endendes.

Die junge Dame verschlingt ihr Teilchen, respektive ihre käseüberbackene Laugenpizzafocaccia nicht auf einen Haps. Wie im Wald, wo die wilden Kerle wohnen. Sie knuspert und knäuelt ganz vorsichtig. Wie ein Vögelchen. Es ist wahrscheinlich wieder mal viel, viel zu viel. Zu schwer für den kleinen, sonst immer nur an Gemüse gewöhnten Magen. Minutenlanges, kurz unterbrochenes, dann wieder fortgesetztes Geraschel und Geprassel. Was außer uns aber wohl keinem auffällt. Ausgerechnet wir sind hier in diesem Zugwaggon. Dieser eine Frauenfeind, von denen es sonst natürlich überall welche gibt, aber jetzt eben nicht hier, ausnahmsweise.

Die Tütenesserin zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigentliche Papiertüte nie anknabbert. Nicht das kleinste Stückchen beißt sie von ihr ab. Sie beißt haarscharf neben der Oberkante des Papiers vorbei. Von uns herüber gesehen könnte es allerdings auch Papier sein, was sie da soeben gemümmelt hat. So angehört hat es sich nämlich. Als tieferen Hinter- und Beweggrund hinter solchen Vorgängen vermuten wir, dass ihre Fingerchen niemals einen Millimeter dieser köstlichen Speise berühren dürfen, vom Papier darf aber auch wieder nichts fehlen, damit sie es, schön knautschen, am Ende immer noch zerknüllen kann. Sehr entscheidend ist aber wohl auch, dass neugierig übergriffige Zuschauer nie genug vom gegessenen Teil erblicken, um je entscheiden zu können, für was sie sich hier entschieden hat.

Wie mag das alles noch enden, fragt der Betrachter sich. Gewiss wird sie die schmierigen Finger nicht ablecken und einen fetten Papierball formen und ihn aus dem Fenster schleudern. Eben deshalb mahlzeitet sie so sachte, damit diese kleinen Finger nicht fettig, klebrig oder mehlig werden. Oder dass am Ende bakterieninfizierte Wagenschmiere vom Fenstergriff durch die feinsten Poren und Kanülen ihrer Haut dränge! Doch halt, was ereignet sich gerade? Die Tütenesserin bricht ein kleines Stück vom Rand der Backspezerei und topft es sich tief in die aufgesperrte Gurgel. Wie die allerletzte Rose von San Antonio!

Bei erneutem Überdenken des Gesehenen und vor allem des überhörten Papiergeknispels gelangen wir zum Schluss, dass all diese Rituale vor allem geeignet waren, sich eine wohlige, sichere, heimatliche Stimmung des „Ich esse hier jetzt mal was“, eine magische Ich-Reich-Zone zu erschaffen. Auch hatte sie sich, etwas irrig, eingeredet, mittels des Volumens der Tüte all diese unvermeidlich von der Backware abraspelnden und taumelnden Schuppen, Borken, Flocken, Körner und Kristalle im biologisch abbaubaren Papiermantel einfangen und dem Kreislauf der Natur zurückgeben zu können.

Momentan wickelt die Tütenesserin, unter enormen Rascheln und Knattern, wie von einem Überlandexpress der siebziger Jahre, die halb abgebissene Topfentasche zurück ins blaugelbe Verlies und schließt dieses in einen Rucksack ein, den sie, taktisch geschickt, auf den anderen Platz neben sich abgestellt hatte, damit ihr niemand zu nah auf die schöne Pelle rücken konnte. Wer das Leben einer Frau geführt hat, hat solche Eventualitäten und Schliche immer im Sinn.

Während der typische Mann, bevor er mit Essen überhaupt anfängt, die Yorma-Tüte zerdrückt und lieblos zur wartenden Bananenschale in den kippbaren Abfallkübel gestopft hätte. Sollte das, wegen viel zu viel tierischem Käse und Schinken im Inneren, überladene Croissant seinen Magen dann aber doch überfordern, könnte dieser Mann es nicht mehr in seine Papiertüte tun und fürs späte, zweite Abendbrot nach Hause nehmen. Er müsste es, entgegen seines Völlegefühls, restlos auffressen wie die wilden Kerle im Wald. Man befindet sich hier im öffentlich überwachten Raum, mit diesen blauen Kameraaugen, man wirft Lebensmittel heute nicht mehr in den Müll!

Tütenessen erweist sich zuletzt als eine hohe Kunst der Vorausschau auf die vorstellbaren Eventualitäten, wie sie so aber nur den Frauen wirklich gegeben ist.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Klaus Mattes

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Auf der Flucht vor Göttern und Dämonen von Doris E. M. Bulenda



Was tut eine menschliche Kampfsportmeisterin, wenn sie sich mit einem Dämonen-Hochlord angelegt hat? Sie flieht in letzter Sekunde im Maul einer gigantischen Weltenschlange aus der Dämonenwelt. Von der Schlange wird sie auf eine verborgene Welt gebracht, auf der aber vor ihr schon andere Bewohner gestrandet sind: eine Horde wilder, ungezügelter Mutanten-Krieger aus der Zukunft der Erde und ein arroganter, selbstverliebter, arbeitsscheuer Schnösel von einem Halbgott. Der hat eine Revolution in seinem Götter-Pantheon angezettelt und ist zweiter Sieger geworden. Natürlich setzt sein Götterherrscher Doranath jetzt alles daran, ihn in die Finger zu bekommen. Die Jagd ist eröffnet – und die Notgemeinschaft, die sich mühsam zusammenraufen muss, ist gemeinsam auf der Flucht vor Göttern und Dämonen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Mensch kontra Mensch" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ich bin der Fall, sie ist mein Chef / 6490 von Klaus Mattes (Satire)
Kollektive Einsamkeit? von Christa Astl (Mensch kontra Mensch)
Alle Jahre wieder... von Silvia Pommerening (Weihnachten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen