Angie Pfeiffer

Die Telefonnummer vom lieben Gott

Verwirrt schaute Mario sich um, er war einen Moment abgedriftet. Kein Wunder, denn die Liturgie zog sich in die Länge. Doch der Ellenbogen seines kleinen Mädchens, schmerzhaft in seine Seite gebohrt, hatte ihn zurück in die Wirklichkeit geholt. „Wirklich, Papa, du hast geschnarcht. Wie peinlich …“, wisperte sie vorwurfsvoll. Er grinste schuldbewusst.
Nicola sprach inzwischen auf Augenhöhe mit ihm, was kein Wunder war, denn mit dem heutigen Tag hatte sie den großen Schritt in Richtung Erwachsenwerden getan, die allgemeine Hochschulreife erreicht. Wie würde es weiter gehen? Der nächste Schritt könnte ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen. Mario seufzte, was ihm einen weiteren vorwurfsvollen Blick einbrachte. So wandte er sich, als vorbildlicher Vater, wieder der Kanzel zu und versuchte, sich auf die salbungsvolle Stimme des Priesters zu konzentrieren. Doch er konnte der Predigt einfach nicht folgen. Wieder ließ er den Blick schweifen, schielte nach oben, sah die eingemeißelten Zahlen im Schlussstein des Kirchengewölbes und erinnerte sich:

Es war erst gestern, da saß er an fast der gleichen Stelle in dieser Kirche. Eine winzige Kinderhand hatte sich vertrauensvoll und auch ein wenig schutzsuchend in die Seine gestohlen. Mit der anderen Hand hielt sein kleines Mädchen krampfhaft die Schultüte umklammert. Rundherum zappelten die I-Dötze auf den altehrwürdigen Kirchenbänken hin und her, während besorgte Eltern versuchen, dem aufgeregten Gehampel Herr zu werden. Allein seine Kleine, so kam es ihm jedenfalls vor, benahm sich vorbildlich, saß brav, wenn auch etwas verkrampft, neben ihm. Langsam legte sich die Unruhe, denn der Organist trat mächtig in die Pedale und erstickte so jedwedes Kindergeschnatter. Die Kleine entspannte sich sichtlich, ließ den Blick schweifen, schaute fasziniert zur Gewölbedecke hinauf und das immer wieder. Mario, verwundert über ihr Interesse an mittelalterlicher Baukunst, folgte ihrem Blick.
Verschwörerisch stupste seine Tochter ihn an. „Du kannst das auch sehen, nicht wahr, Papa!“
„Ja was denn?“, flüsterte er zurück.
Sie wies mit dem Kinn in Richtung Decke.
„1-7-4-9“, mühsam entzifferte sie die Jahreszahl auf dem Schlussstein und zog ihren ganz eigenen Schluss: „Ganz da oben steht die Telefonnummer vom lieben Gott!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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