Burckhardt Fischer

Drei Hochzeiten

Ich habe es nicht so weit gebracht. Bin nicht so weit gekommen.
Zu Anfang habe ich immer das Laufen gekriegt, wenn eine Tusse etwas von mir wollte, oder ein entsprechender Verdacht entstand, entstehen konnte. Das hat sich später gegeben. Aber es war da auch keine.

Natürlich geht das auch nicht, Heiraten, als Alt-Achtundsechziger-Mitläufer. Freie Liebe und so. Entscheidend ist das, was man tut! Nicht das, was im Scheine steht. Hat aber auch nicht funktioniert, nicht so richtig: als wir uns verständigt hatten, in unserer Kommunewohnung alle Türen offen zu lassen, immer, alles Doppeltüren in schöner großzügiger Flucht, da zog unsere Mietvertrags-Scheineheähnliche Begleiterin ein, ohne die wir die Wohnung nicht bekommen hätten, klappte alle unsere Türen wieder zu und wollte Heiraten.
Erstaunlicherweise erwies sie sich, eine Pfarrerstochter, letzten Endes als die Lockerste von allen und hat uns um den Finger gewickelt, alle. Aber geheiratet hat sie dann zu Hause in Norwegen, und als ihr Mann sie abholte aus der Klinik, nach der Geburt des dritten Kindes, hat er ihr im Taxi, auf der Fahrt, eröffnet, dass er schwul sei, und ist ausgestiegen.

Als Achtundsechziger lebt man die Anarchie. Ähem, man liebt sie. Ein bißchen. Solange sie einem nicht zu nahe kommt eben. Wie bei den heiratswütigen Bräuten, siehe oben. Jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinem Vermögen. Ich bin nicht reich.

Und da ich in diesen Verhältnissen groß geworden, hatte ich nicht viele Erfahrungen damit, mit dem Heiraten. Noch heute grübele ich darüber, warum ausgerechnet da, bei diesen Hochzeiten, den wenigen, an denen ich partizipierte, Anarchie herrschte, ausbrach, sich anschlich in bürgerlichem Gewande, um die mühsam entwickelten Arrangements unter sich zu begraben, die Fete zu schmeißen, Bräute und Schwiegermütter in Tränen aufzulösen.
An mir kann es nicht gelegen haben, meine ich, eigentlich nicht.

Ich habe nichts getan.

I.
Es war die erste Vermählung, bei der ich in kleinem Kreis zugegen, da heiratete mein politischer Gegner. Mit Rückenwind, die Braut war schwanger, Cellistin, die ging wie ein Dromedar, mit weit ausgreifendem Schritt, den Rücken kerzengerade, was komisch aussah mit kugelrundem Bauch.

Ich hatte gerade die Wahlen verloren gegen ihn, knapp, und aufgrund eines Betruges, aber ich konnte ihm nicht gram sein, achtete ihn vielmehr wegen seiner Überzeugungen, seiner Reden und Taten, und freute mich so wirklich, als ich zu dem Kreis derer geladen wurde, die aus unserem Studentenwohnheim aufbrach Richtung Standesamt, studentisch gewandet alle, so, wie ich noch heute mich kleide mangels Geschick und Knatter, nur die Braut trug ein ambitioniertes Kleid Gold-Lamettafarben, das über ihrem Bauch schrecklich spannte und daher verrutscht aussah, irgendwie, obwohl eigentlich chic.

Am Standesamt hatte sich die Zeremonie verzögert für die Paare, die bereits früher terminiert, und so scharrten wir im Sande vor dem Amte, kickten mit einer Konservenbüchse, tuschelten, argwöhnisch beäugt von den Bürgerlichen, die ringsherum heirateten oder etwas beitrugen – es herrschte Krieg damals mit den Studenten.

Schließlich wurden wir herein gerufen. Eine große, mürrische, Standesbeamtin hub an zu ihrer Rede, sagte dem Bräutigam von seinen Pflichten, für die Familie zu sorgen, und der Frau: Kinder Küche, Kirche, eben zeitgemäß. Wir kicherten. Die Beamtin erbat sich Ruhe, und predigte weiter von einer Gesellschaft, die unsere nicht, nicht mehr. Bei besonders schönen Formulierungen wurde gelacht.
Es war unglückseligerweise der Bräutigam, dem ein besonders drastischer Pruster entfuhr, sicherlich der Anspannung geschuldet, eben, wer heiratet schon gern, und die Beamtin schaute auf, strafend, klappte das Buch vernehmlich zu, aus dem sie vorgetragen und erklärte: „Nun gut, ich sehe meine Ausführungen sind hier nicht erwünscht. Kommen wir zum
Akt!“

Als das Gelächter sich gelegt hatte, wurden wir des Raumes verwiesen, unverheiratet allesamt, und mussten vor dem Amte warten, bis sich zwischen den Paaren eine Lücke auftat, die reichte, einen neuen Anlauf zu wagen.
Alle schwiegen, vorsichtshalber, selig grinsend ob des Streiches, wenn auch unfreiwillig, aber eben anarchisch gegenüber dem Amte sozusagen, ein wenig, und so ward es schnell vollbracht. Nur die Braut streichelte indignierend die Wölbung ihres Kleides, etwas, denn natürlich war es politisch nicht opportun: HEIRATEN !

Auf dem Rückweg aus dem Biergarten, wo die Feier begossen, habe ich mir den Fuß gebrochen.

 

II.
In besagtem Heim lebte O., ein langer Lulatsch, rote Haare, schneller Bürstenhaarschnitt, der mit meinem Bruder befreundet, aus mir unerfindlichen Gründen. Da ich der Bruder eben, ward ich in diese Freundschaft einbezogen, und wagte nicht Nein zu sagen, wieder einmal.

Er hatte eine Freundin gefunden, lang wie er, eine Bohnenstange, und noch heute ist mir unerfindlich, wie sich beide in den schmalen Betten des Heimes zurecht fanden, die an Länge nicht reichten, und an Breite nicht, schon gar nicht, und trotzdem turtelten sie monatelang, nächtens, des Morgens in der Küche mit einem seligen Lächeln, bis zur Heirat eben.
Ich ward zum Trauzeugen auserkoren, neben meinem Bruder, und in Ermangelung einer ständigen Begleiterin ward mir eine Freundin der Braut beigestellt, damit es auch zwei Zeuginnen gebe, neben der Frau meines Bruders eben, und in einem unbeobachteten Augenblick küsste sie mich heftig, der ich die Situation, die nicht meine war, mit Albernheit zu überspielen suchte, und so war ich auf der Flucht, wieder, unerwartet, auch noch.

Die Feier fand statt im hohen Norden, wir waren gefangen dort, einquartiert im Hause der Eltern, deren Mißbilligung sogleich geäußert wurde meiner zu langen Haare wegen,
wiewohl sie gemäßigt waren in Anbetracht der Feier, und ich ward in einen Anzug gepreßt. Aus der Peinlichkeit rettete mich nur kurzzeitig der Entsetzensschrei der Mutter, die in ihrem Kühlschrank die Schachtel mit der Antibabypille entdeckt, die neu war damals, und: Kind, das ziemt sich nicht! Unter meinem Dache! Ab da wurde ich noch argwöhnischer beäugt, der langen Haare wegen, und mit der küssenden Jungfer, ob ich ihrer Tochter die Schachtel nicht untergeschoben, denn sie kannte solches nicht von Ihrem Kind. Die Schwester der Braut aber, kurz, drall, lachte sich scheckig. Sie durfte, musste ja auch nicht Jungfer sein.

Die Verheiratung im Amte ward schnell erledigt, sachlich hinter uns gebracht. Es folgte der Gang zur Kirche. S. in weißem Gewande, mit Schleier, trotz Pille, alle feierlich gekleidet. Der Vorgang ward besprochen, dass, nach einem Chorale, Braut und Bräutigam jeder sein Gesangbuch reichen sollte nach hinten, zum Trauzeugen, meinem Bruder und mir, die dahinter saßen in zweiter Reihe mit ihren Jungfern, damit das Paar die Hände frei habe zum Tausch der Ringe. Unter der Empore, im Hintergrund, gluckste die Schwester.

Als der Choral geendet, wurden die Hochzeiter zum Pfarrer gerufen, auf dass die Ehe geschlossen würde. S. und O. erhoben sich, meinem Bruder ward das Gesangbuch der Braut gereicht, ich trat vor, um das Buch des Bräutigams zu empfangen, doch dieser mit rotem Kopfe schon, achtete mich nicht, wandte sich nach links, nach rechts, das Buch in den Händen drehend, dieweil ihm seine Frau, die künftige, in die Rippen stieß. Dies riss ihn aus seinen Gedanken, er suchte sich des Buches zu entledigen, fand aber, wiewohl davor stehend den Stuhl nicht, nicht einmal diesen, sondern brachte es zur Erde, zum Boden der Kirche, legte es dort ab. Ein beträchtlicher Weg, an seiner Länge gemessen.

Dieweil alles wartete, auf ihn, seine Regung, entschloß er sich zu bücken, eben um das Buch zum Boden zu bringen, behielt jedoch die Knie gerade, durchgedrückt, unbewegt, klappte seinen Körper zusammen wie ein Taschenmesser, beugte den Oberkörper nach unten, um mit spitzen Fingern, ausgestreckten Armen, gerade bis zum Boden zu reichen, das Buch dort abzulegen, wie bei einer absonderlichen Gymnastik, dieweil das Blut in seinem Kopfe das Gesicht seinen Haaren anglich, in der Farbe.

Diese Vorstellung, vor aller Augen, ward so angestrengt, so lange, in das gespannte Schweigen der Gemeinde hinein, dass das plötzliche Lachen der Schwester reichte als Funken, um alle Ordnung in brüllendem Gelächter zu ersäufen. O. stand mit rotem Kopfe, mit Brausen setzte ein die Orgel, übertönte den Lärm, und wir waren der heiligen Stätte verwiesen, der Ungebührlichkeit halber, dieweil die Braut mit ihrem Täschchen, in Weiß, den Bräutigam schlug, heftig rudernd, und dann ihre Schwester, zwischen den Grabsteinen vor der Kirche.

Da war ich schon unterwegs zum Bahnhofe, und ward nicht mehr geladen.

 

III.
Man hat es mit mir noch einmal probiert, anderweitig. Mit dem Bräutigam war ich befreundet, mit der Braut auch, und obwohl es ein seltsames Pärchen, ein jeder seine Last tragend, versprach es eine lustige Feier zu werden, auf dem Dorfe, da sie die Gastwirtstochter war.
Es war tatsächlich alles vom Feinsten, es wurden keine Ansprüche gestellt, etwas zu bezeugen, Bücher zu halten, Sonstiges, und der Gasthof quoll über vor guter Laune, ringsherum.

In der Gesellschaft war auch des Bräutigams Bruder, den ich nicht kannte bislang, mit Frau und Kindern. Wir verstanden uns prächtig, auf Anhieb, und tranken und lästerten über das bürgerliche Pack, und sieh, sagt er, was dabei herauskommt, und zeigte auf seine Kinder, die ich mochte, auf Anhieb. Doch eh ich hätte wankelmütig werden können ob dieser Argumente, dieser Fakten, zur Tat hätte schreiten können mit einer Jungfer vielleicht, die auch zugegen, und ich ward betrunken schon und mutig, griff mich die Mutter meines Freundes, die schon lange verwitwet, erzählte mir von den Vorzügen ihrer Jungen, des Heiratenden zumal, dieweil der andere eher unzuverlässig, seinen Gaben nicht gemäß, so daß sie gehalten sei, die Frauen zu unterstützen Ihrer Söhne, die eine zumindest, die ihr Enkel geschenkt, bei der anderen sei es noch nicht gewiß, nur Wirtstochter eben. Ich entkam, auf der Suche nach Stoff, nur kurzzeitig.

Die Mutter ergriff meine Hand, zeigte auf die Argumente, die Kinder, und dass es Schlafenszeit sei, und die Schwiegertochter heim müsse ins Hotel, das eine Strecke entfernt sei, zu weit zu Laufen. Dieses ward so bestimmt, dass kein Widerstand möglich, und im Sitzen, hinter dem Steuer, sah man mein Schwanken nicht. Ich fuhr.
Die Strecke war nicht weit, einfach zu Laufen. Ich lieferte sie ab, die Frau, die Kinder, wendete und fuhr zurück zum Gasthofe. In der letzten Kurve, vor der Einfahrt schon, kam mir ein Moped entgegen, der Fahrer hatte die Füße auf die Stange gesetzt, guckte mit aufgerissenen Augen, fuhr. Warum habe ich nur angehalten, den Kühler des Wagens auf der Kreuzung schon.
Es war genügend Platz, auszuweichen. Ein kleiner Schlenker nur.

Der Mann auf dem Moped jedoch, er bekam die Füße nicht vom Lenker, das Gerät nicht bewegt, schaute mich an mit seinen aufgerissenen Augen, fuhr, ungebremst, die Pedale des Krads streifte die Stoßstange meines Wagens, ganz leicht nur, kein Ruck zu verspüren, und mein Gegner dreht sich, in die Luft gehoben, um seine eigene Achse, längs, wie quer, drehte sich über die Haube meines Wagens, an sein Moped geklammert, das aufheulte, drehte sich weiter, Mann und Krad, bis krachend die Fahrbahn erreicht, drehten sich weiter, kreiselnd, die Straße entlang, verschwanden unter einem entgegenkommenden Fahrzeug.

Wie man mir erzählte, hatte ich den Dorfdepp erwischt, dieser mache häufiger so Sachen. Und, wie es Deppen so geht, hat er, habe ich wenigstens Glück gehabt im Unglück: dass unter dem Wagen stecken blieb sein Krad. Hätte er es, schulbuchmäßig, von sich gestoßen als erstes, wäre seine Landung vielleicht nicht so glimpflich verlaufen, nur blaue Flecken eben.In der Kneipe war das Gelächter erstorben, als die Polizei von dannen zog.

Seit dem gehe ich nicht mehr zu Hochzeiten. So musst Du alleine heiraten, ohne mich.
Für Hatice. Viel Glück!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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