Jens Richter

Der Falschmünzer (Western)

Es war anfangs Niemanden in unserer Stadt aufgefallen, dass unser ehemaliger Hufschmied O'Harris klammheimlich die größte Geldfälscherwerkstatt im Westen der Vereinigten Staaten aufgebaut hatte.
Dabei ging der Mann auch ziemlich gewieft vor.
Zuerst ließ er eine riesige Produktionshalle nebst Verwaltungs- und Gesindegebäude errichten.
Als zweiten Schritt ließ er metallverarbeitende Spindelpressen anliefern und einbringen.
Zu guter Letzt Holzbottiche und seltsam anmutende Apparaturen.
Irgendwann zogen Arbeiter aus China und Mexiko in die Gesindegebäude ein.
Das Anwesen wurde durch vier schwerbewaffnete Relvolverschwinger bewacht, die Nichts und Niemanden ins Objekt hineinließen.
Auf die Anfrage der Bevölkerung, was O'Harris in seinem Unternehmen produzierte, antwortete er lapidar, "Metallwaren für jedermanns Gebrauch".
Über den Tag ließ er auffallend die Frachtwagen mit Metallartikeln beladen, aber ab der abendlichen Dämmerung erfolgten alle Transporte geräusch- und lautlos, unter äußerster Diskretion.
Wie schon geschrieben, scherte sich niemand um O'Harris Treiben.
Einmal hätte es jemanden auffallen müssen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, als vom Planwagen eines Zulieferers ein Sack mit 100 Metallscheiben von der Größe einer Eindollarmünze heruntergefallen war.
Der Bürger, der diesen Sack fand, gab ihn treu und brav bei O'Harris ab.
Unser Marshal besuchte zu jener Zeit, da sich die Geschichte zutrug, Amerikanisch-Wahnsdorf, eine Siedlung deutscher Zuwanderer unweit von Springfield, sodass sich Johnny Wagner und ich, seine beiden Hilfssheriffs um das kriminelle Pack in der Stadt kümmerten.
Lieber Leser es sei Dir versichert, dass wir zu zweit alle Hände voll zu tun hatten.
Wir saßen mittags im Office bei einem Pott Kaffee, besprachen die dringlichsten Aufgaben, als die beiden Summerfields vom gleichnamigen Bankhaus eintraten.
Ihre Gemüter waren sichtlich erhitzt.
Irgendwas hatte die Banker aufgewühlt.
Sie grüßten nur kurz und legten mehrere Dollarmünzen auf den Tisch.
"Meine Herren, fällt ihnen etwas an den Münzen auf?", fragte der Ältere von ihnen.
Wir nahmen jeder eine Münze zur Hand, betrachten sie von beiden Seiten und antworteten fast gleichzeitig, "Nein".
"So will ich sie aufklären. Diese Eindollarmünzen, genannt Flowing Hair sind lupenreine Fälschungen. Auf den ersten Blick ist das so gut wie nicht zu erkennen."
"Stimmt", murmelte Johnny heiter, "jetzt wo sie es sagen."
"Und woran haben sie es dann erkannt?", fragte ich.
"Das ist eine Fälschung der ersten in den Vereinigten Staaten herausgegebenen Silbermünzen mit Miss Liberty auf der Kopfseite. Diese Münzen werden schon seit sieben Jahrzehnten nicht mehr geprägt. Zweitens ist das Material Neusilber, eine minderwertige Kupfer-Nickel-Zink-Legierung. Die Münzen wurden nach dem Prägen mit Silber beschichtet, so dass der Betrug den Leuten gar nicht auffällt."
"Mister Summerfield wie können wir ihnen jetzt helfen?", unterbrach Johnny den Banker.
"Wir vermuten, dass die Falschmünzer hier oder ganz in der Nähe der Stadt ihre Werkstatt haben. Unser Bankhaus hat bisher um die 60.000 Münzen aus dem Verkehr gezogen, die in sämtlichen Filialen unserer Bank im gesamten Umland sichergestellt wurden. Sie müssen sich das so vorstellen, dass im Abstand von je einem Tagesritt um Kansas City entfernt, die Häufigkeit der aufgefundenen Münzen abnimmt. Das ist für uns ein klares Indiz."
"Haben sie einen konkreten Verdacht?", fragte Johnny.
"Um ehrlich zu sein nicht. Aber nehmen sie bitte mal die Produktionsstätte von O'Harris unter die Lupe. Dorthin wird Silber angeliefert, welches mittels galvanischer Verfahren auf Metalle aufgebracht werden könnte. Außerdem hat unsere hiesige Bankfiliale den Kauf derartiger Apparaturen und Rohstoffe mitfinanziert."
Ich schlug den Summerfields vor, sich in der Öffentlichkeit erst einmal still zu verhalten, keinerlei Kommentare abzugeben und keine unabgestimmten Eigeninitiativen.
Wir würden O'Harris Treiben beobachten und bei Bestätigung des Verdachtes zuschlagen.
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Diese zwei gelackten Banker hatten uns beim genaueren Hinsehen eine zusätzliche Aufgabe aufs Auge gedrückt.
Wir hatten keine Ahnung wie wir in dieser turbulenten Stadt die Lage im Blick behalten sollten.
Zu allem Übel bestand nun noch der dringende Verdacht, dass Falschmünzer ihr Unwesen trieben.
Irgendwie machte sich im Office das Gefühl breit, als wenn wir einen Sechser in der Lotterie gewonnen hätten.
Direkt beschatten konnten wir O'Harris nicht.
Dazu fehlten uns mindestens zwei zusätzliche Männer.
Wir mussten entweder Detektive für die Überwachungsmaßnahmen anheuern oder bei Cornel Jefferson anklopfen.
Letzteres dürfte am Ehesten machbar sein.
Also machte sich Johnny auf die Achse und schaffte es tatsächlich, dass der Cornel uns drei zuverlässige Männer abstellte.
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Auf der gegenüber liegenden Straßenseite von O'Harris Liegenschaft wohnte die attraktive Witwe Mary Lou Harms.
Ihr gefallener Ehemann war zu Lebzeiten Sergeant auf Seiten der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg.
Er kam während eines Scharmützels in den letzten Kriegstagen ums Leben.
Seither verdiente Mary Lou ihr tägliches Brot als Näherin.
Es sollte auf diese Art nicht auffallen, wenn wir in ihrem Haus als Beobachtungsposten Stellung bezogen.
Nachdem ich Miss Harms über unser Vorhaben aufgeklärt hatte, willigte sie schließlich ein.
Genau wusste ich es natürlich nicht, es war eher so eine Vermutung von mir, aber vielleicht erhoffte sie sich bei dieser Aktion die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, um erneut einen Mann fürs Leben zu finden.
Sie war Anfang 30, sodass ihr für eine Familienplanung allmählich die Zeit davonlief.
Jeffersons Männer erhielten für ihren Einsatz zivile Kleidung.
Einer als Cowboy, der zweite als Zimmermann, der dritte als Buchhalter, also ein Spiegelbild des ansässigen Bürgertums.
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Unsere Beschattungsmaßnahmen dauerten bereits den zweiten Monat an.
Dabei mussten wir schwer auf der Hut sein, nicht aufzufallen.
O'Harris hatte vier extrem harte Relvolverschwinger angeheuert, die seine Liegenschaft bestreiften und ihrem Boss den Rücken freihielten.
Bis dato stand fest, dass jede zweite Woche am Montag das Steamboat, von Saint Louis herkommend, am Anleger festmachte, welches ein Fracht für O'Harris an Bord transportierte.
Kurze Zeit später stanzten die Pressen im Inneren der Produktionsstätte Tag und Nacht.
Wir erhofften an die Arbeiter heranzukommen, aber das erwies sich als Luftnummer.
Die Worker lebten in Gemeinschaftsunterkünften im Gelände der Liegenschaft.
Über diese an Informationen zu gelangen schien unmöglich, da sie von den wachsamen Augen der Relvolvermänner streng beobachtet wurden.
Dazu kam die Sprachbarriere, da diese Leute zumeist untereinander blieben und dem Amerikanischen kaum mächtig waren.
Zweimal bekamen wir mit wie je ein Relvolvermann des Nachts mit schweren Packtaschen beladen ausritt, um Tage später wieder aufzutauchen.
Oder eine Kutsche der Frachtgesellschaft wurde in der Dämmerung beladen.
Johnny heftete sich einer Kutsche an die "Fersen", die nach Topeka unterwegs war.
Immerhin bestätigte sich dadurch der Anfangsverdacht der Summerfields, dass das Falschgeld jeweils im Abstand von Tagesetappen unter die Leute gebracht wurde.
Zumeist ging ein prall gefüllter Ledersack in den Poststationen oder Stores an den Fahrstraßen über den Ladentisch.
O'Harris hatte also ein Netzwerk mit einigen Abnehmern aufgebaut.
Gerade die Inhaber dieser Gebrauchtwarengeschäfte brachten die Münzen unter die Leute, da sie zum Beispiel den Trappern ihre Pelze und Häute abkauften.
Aber auch der Steamboatführer hing mit in der Geschichte drin wie sich später herausstellte.
So gelangten die falschen Silberdollar bis hinauf ins Gebiet um Sioux County.
Wir mussten schleunigst, um weiteren Schaden abzuwenden, alsbald die Angelegenheit beenden.
Unser Plan war es, weitestgehend gleichzeitig alle Köpfe dieses kriminellen Netzwerkes hinter Gitter zu bringen.
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Für den Fall, dass es hart auf hart kommt, hatte uns Cornel Jefferson in einem verbindlichen Gespräch bereits Unterstützung zugesichert.
Heute wurde es tatsächlich ernst.
Für den Nachmittag wurde der Zugriff bei O'Harris geplant.
Eine Patrouille der Army von 12 Mann sollte in die Stadt reiten und das Anwesen umstellen.
Dass das Militär durch die Stadt patroullierte, war hier in Kansas City keine Besonderheit.
Ein, zwei Mal wöchentlich kam das vor.
Als es dann Nachmittag war und die Armypatrouille heran geritten kam, traten wir auf die Straße.
Mit Jeffersons Soldaten in Zivilkleidung, der 12köpfigen Patrouille, Johnny und mir, sollte das angedachte Unterfangen im Normalfall gelingen.
Ich gab Sergeant Lafitte, welcher der Patrouille voran ritt das vereinbarte Handzeichen.
Die Männer schwärmten auf sein Kommando hin aus, saßen ab und bezogen hinter Häuserecken oder Mauern Stellung.
Der Zugriff konnte beginnen.
Johnny und ich zogen unsere Colts, traten an den Haupteingang der Produktionsstätte und hämmerten gegen die Tür.
"O'Harris, im Namen des Gesetzes, öffnen sie die Tür.", rief Johnny. "Ergeben sie sich und treten sie ohne Waffen mit erhobenen Händen heraus."
Statt dem Befehl des Sheriffs nachzukommen, wurden die Scheiben von Innen eingeschlagen und wir erhielten einige Ladungen Blei zur Antwort.
Verdammt!
Johnny erwischte es.
Getroffen fiel er zu Boden.
Ich warf mich instinktiv ebenfalls in den Straßenstaub.
Glück gehabt!
Doch ich durfte Johnny jetzt nicht hängen lassen.
Irgendwie musste ich ihn aus dem Schussfeld holen.
Vorsichtig kroch ich zu dem verletzten Partner.
Johnny stöhnte vor Schmerz.
Ein, zwei Scharfschützen gaben mir Feuerschutz.
Ich zerrte Johnny Stück für Stück aus dem Gefahrenbereich, hinter eine Häuserecke in Sicherheit.
Er war zwischenzeitlich ohne Bewusstsein.
Mit meinem Halstuch stopfte ich die blutende Wunde dürftig ab.
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Die Lage hatte sich also schlagartig geändert.
Mit Vernunft war bei O'Harris nichts zu bewerkstelligen.
Es ärgerte mich ungemein, dass es immer wieder auf die harte Tour sein musste.
So wie sich die Situation im Augenblick entwickelt hatte, lief es darauf hinaus, O'Harris und seine Relvolverschwinger mürbe zu kochen.
Dass sie freiwillig ihre sichere Deckung aufgaben, bezweifelte ich momentan.
Auf unserer Seite sah es ähnlich aus.
Wenn wir eine Attacke beginnen, liefen wir Gefahr wie Hasen abgeknallt zu werden.
Darauf hatte keiner der Beteiligten Lust.
Drei Soldaten transportierten Johnny zur Krankenstation.
Er hatte einen glatten Schulterdurchschuss und einiges an Blut verloren.
Trotzdem hatte er großes Glück gehabt.
Ein Stück weiter und er würde die Engel singen hören.
Bei guter Pflege würde er in vier bis sechs Wochen wieder auf den Beinen sein.
Da er ausgefallen war, übernahm ich als Sheriff das Kommando.
"O'Harris", rief ich, "nehmen sie doch Vernunft an. Noch ist keiner tödlich verletzt wurden. Wenn sie jetzt aufgeben, sichere ich ihnen eine milde Strafe zu. Überlegen sie es sich in Gottes Namen. Bitte!"
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Irgendwann streckte jemand ein weißes Tuch, verknotet am Gewehrlauf durch das Fenster.
Dann öffnete sich die Tür.
Mit erhobenen Händen verließen die Relvolvermänner das Gebäude.
O'Harris war nicht dabei.
Irgendetwas stimmte hier nicht, verriet mir mein Bauchgefühl.
Und so kam es auch.
Sobald sie draußen auf der Straße standen, zogen sie ihre Colts und ballerten wild um sich.
Die Vier waren verdammt schnell.
Einige Soldaten wurden verletzt.
Lafitte und ich rissen zeitgleich die Relvolver aus dem Holster.
Ich erwischte zwei von ihnen.
Einer wurde von Sergeant Lafitte erledigt.
Der Vierte schnappte sich im Trubel einen Armeegaul und verschwand.
"Shit!", fluchte Lafitte.
Wir schossen dem Relvolvermann noch hinterher, aber der war viel zu schnell außerhalb der Reichweite unserer Waffen.
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Im Inneren der Produktionsstätte lag O'Harris auf den Dielen.
Er hatte einen mächtigen Faustschlag in sein Gesicht bekommen.
Mund und Nase waren blutig.
Er wollte sich auf Grund der ausweglosen Situation den Sheriffs ergeben, was die Relvolverhelden zu verhindern wussten.
Er stöhnte angefressen.
Als er uns kommen sah, rappelte er sich klagend auf.
Er hob die Hände.
"Im Namen des Sheriffs", sprach ich, "ich verhafte sie, Mister O'Harris wegen des Verdachtes der Geldfälscherei. Sie haben das Recht auf anwaltlichen Beistand."
Einer der Soldaten in Zivil schnürte ihm die Hände zusammen und führte ihn ins Office ab.
Damit war die Angelegenheit im Normalfall für uns beendet.
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Am nächsten Morgen kehrte unser Marshal Old Firegun und sein indianischer Freund Grauer Wolf von ihrem Ausritt heim.
Sie hatten einen Toten im Gepäck, der sich beim näheren Hinsehen als der vierte Relvolvermann entpuppte.
Den Typen hatte beim Davon reiten eine Kugel am Hals getroffen, wegen der er letztendlich verstorben war.
Die beiden Freunde hatten den Relvolvermann auf sein verwaistes Pferd gebunden, um ihn beim Undertaker abzuliefern.
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Nach weiteren Ermittlungen und Dank des umfassenden Geständnisses von O'Harris wurde der Fall aufgeklärt sowie das Netzwerk vollständig zerschlagen.
O'Harris bekam für seine Tat zehn Jahre Zuchthaus.
Die Mittäter: Pfandleiher, Postmänner, Ladeninhaber und Kuriere wurden je nach Schwere ihrer Beteiligung an der Tat zwischen zwei bis fünf Jahren Haft verurteilt.
Einige entgingen ihrer Strafe, indem sie sich bei der Army verpflichteten.
Nach meiner Kenntnis hatte es noch zwei ganze Jahre gedauert, ehe offiziell der letzte falsche Silberdollar aus dem Verkehr gezogen war.
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Mit Mary Lou Harms sollte ich Recht behalten.
Die attraktive Witwe hatte sich tatsächlich den als Cowboy verkleideten Soldaten geangelt.
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Unser Johnny überstand seine Verletzung ohne Folgeschäden.
Nach fünf Wochen Genesungszeit erschien er wieder pünktlich zum Dienst, als wäre nie etwas gewesen.

(C) Jens Richter im Juni 2024

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jens Richter).
Der Beitrag wurde von Jens Richter auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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