Klaus Mattes

Ideen&Sex 1/7 - Sind wir frei von eigener Verantwortung?

 

In deinem Leben begegnen dir gewisse Konstellationen, weil du von deinem Charakter, deiner Herkunft, deiner sozialen Lage eine Disposition dazu mitbringst. Es fallen aber auch Überraschungen über dich her, die du mit nichts verursacht haben kannst, die allerdings Auswirkungen auf dein Schicksal haben. Die wunderbarste Person der Welt, die du für den Rest deiner Tage heiratest. Oder ein Lieferwagen, der, bei dir ist Grün, dich auf einem Zebrastreifen, um die Ecke biegend, frontal auf seine Hörner nimmt. Du wirst und bleibst Rollstuhlfahrer. In solchen Fällen sprechen wir von Zufall.

Friedrich Dürrenmatt erzählt an einer Stelle, wie er auf der Fahrt mit seinem Straßenkreuzer fast eines frühen Todes gestorben wäre. Er fuhr eine gewisse Strecke immer am gleichen Tag in der Woche und zur selben Zeit. Er zählt uns auf, wie viele Umstände und von ihm ganz spontan gefasste Entschlüsse (ich aß noch einen Wurstwecken, weil ich Lust hatte) zusammen kamen, bis er an diesem einen Tag zwei Stunden später als sonst an die kritische Stelle gelangt. Dieses Mal ist die Straße gesperrt. Vor zwei Stunden ist hier ein Tanklaster explodiert. Es hat Tote gegeben.

Aus solchen Ereignissen leitet ein Mensch wie Dürrenmatt seine Theorie von der Absurdität des menschlichen Lebens ab. Kein Gott hat uns in der Hand, sondern der blinde Zufall. Er tötet heute dich, übermorgen tötet er mich.

In so einer Welt wird der Aspekt der Schuld gleich viel schwächer. Aber die religiösen, die abergläubischen, die stark von sich und ihrem Glück überzeugten Menschen sehen das anders. Ich schaff das schon, ich kann das, mir passiert schon nichts, Gott ist auf meiner Seite. Hast du so eine Haltung erst mal in dir, wirst du alle Beobachtungen sammeln und aufbewahren, die dir Recht geben. Und du wirst anfangen, das Pech der Minderbemittelten für ihre eigene Schuld zu erkennen. Wenn sie – oder jedenfalls ihre Vorfahren so tüchtig gewesen wären wie meine, dann wären sie heute auch Milliardäre mit eigener Wachmannschaft gegen Terroristen.

Wer immer jemals einen Krieg gewollt hat, hat gewusst, Gott ist mit ihm. Nein, ich muss nicht über die Deutschen im Ersten Weltkrieg reden, es tun mir auch die Islamisten und es tut mir der Hindu-Nationalismus in Indien, der alle paar Jahre seine Massaker an der Muslimbevölkerung ausbrütet. Gott ist allemal mit denen, die da ausziehen zum Morden. Klar, der Patriarch von Moskau hat es Putin gesagt. Er hat ihm gesagt, die Russen sind so ein friedliches Volk, dass sie noch nie in ihrer langen Geschichte ein anderes Volk oder Land überfallen oder angegriffen haben.

Jeder von uns hat zu jeder Sekunde seines Daseins aber auch ein paar private Dispositionen, die die Mehrheit jener Menschen, unter denen er lebt, so nicht teilen. Von Wolfgang Ambros hat es einst den Song „Ein jeder ist eine Minderheit“ gegeben. Setzen wir hier mal, dass du, im Gegensatz zu anderen, sexuell vom Anblick schlanker 14-jähriger Jungen angesprochen wirst. Und setzen wir, dass du, um wirklich was gegen den CO2-Anteil des Straßenverkehrs zu tun, dein Auto abgeschafft und ein Jahresabo der Busbetriebe gekauft hast. Stellen wir uns vor, es ist halb zwei Uhr nachmittags und du fährst ab Busbahnhof Pforzheim in Richtung Nordschwarzwald. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du den dich erotisch ansprechenden Menschenschlag auf einmal öfter in deiner Nähe siehst als früher, als du mit deinem Privat-Pkw unterwegs warst. Wenn wir aber annehmen, dass du ein heterosexueller Mann bist, der sich vor allem für Frauen in etwa seines eigenen Alters interessierst, dann siehst du zwar viele Menschen in diesem Bus, aber eigentlich ja eher lästige als erfreuliche.

In beiden Fällen würde es dir kein Stück weiter helfen, mit einem Zeugen Jehovas ein Missionsgespräch über die Frage zu führen, ob Gott mit Hilfe der Homosexuellen die Krankheit Aids über die Erde ausbreitet, um die Menschen früher zu sich ins Paradies herüber zu holen. (Also die wenigen, die das nach Ansicht dieser Sekte verdient haben, der Rest landet im Feuer.)

Meines Erachtens wird bei jedem von uns die abschüssige Reise der Flipper-Kugel unseres Daseins ständig von beidem beeinflusst und gelenkt: von den äußeren Zufällen wie von den inneren Anlagen. (Aber eben nicht von Gott, meiner Meinung nach.) Und nur ganz selten durch ausschließlich Eines von beiden. Wir sind oft ein wenig mitschuldig an unserem Unglück, aber höchst selten wirklich „nur selbst“. Es bleibt ein Lotteriespiel und man kann es nicht vorausberechnen. Selbst die Algorithmen der KI können es nicht. Nicht für konkrete Einzelmenschen. Die Algorithmen schaffen das gut für große Merkmals-Gruppen. Man wird, wenn man untersucht, wann die Verehrer 14-jähriger Jungen zu Tode kommen und wann die von 35-jährigen Frauen zu signifikant unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Davon bin ich überzeugt. Dasselbe gilt für die Sterbedaten von Milliardären und Bürgergeldempfängern.

Letztere leben viel länger, weil Geld letztlich nur unglücklich macht.

Angenommen, ich sterbe an Krebs.

In meiner Nachbarschaft ist 40 Jahre lang Blei oder Asbest produziert worden. Die Krebsraten sind bis heute, obwohl das Werk schon seit Jahren geschlossen ist, signifikant höher als anderswo in meinem Bundesland. Aber ich habe außerdem 30 Jahre lang Zigaretten geraucht, jeden Tag eine ganze Packung. Jetzt argumentieren die Öffentlichkeitsabteilungen der Industrie: „Wir sind nicht dafür verantwortlich. Er hat sich mit seinen Zigaretten selber umgebracht.“

Wie allerdings wäre es, wenn ich mich zwar nicht wegen dem Tabak umgebracht hätte, Nikotin alleine hätte das Risiko einer Krebserkrankung zwar erhöht, aber mein individueller Krebs wäre doch nicht ausgebrochen, hätte ich nicht die ganze Zeit neben dem Bleiwerk gelebt. Das hat mein Immunsystem geschwächt und erst dann konnte der Krebs von den Zigaretten mich packen!

Ist jetzt irgendwer an irgendwas schuld?

Oder handelt es sich um eine unselige Verkettung von Umständen, Zufällen, die keiner hat vorhersehen können. In unserer Zeitung stand immer nur etwas von den Risiken des Rauchens. Niemals hat in dieser Lokalzeitung irgendwas Böses über unser Bleiwerk gestanden, von dem auch viele Leute gelebt haben und auch leben haben müssen!

Niemals sind sämtliche Werte, die man als Mensch so hat, auf einmal und im gleichen Umsatz zu verwirklichen. Wir mussten lernen, dass mehr Sicherheit mehr Unfreiheit mit sich bringt.

Wenn sämtliche Besucher in einem großen Fußballstadion keine Getränkedosen, Flaschen und offenen Getränke hinein bringen dürfen, steigert das meine persönliche Sicherheit vor Anschlägen mit Säure, Brandsätzen und Flüssigsprengstoffen. Es wird Zehntausenden auch ihre Freiheit, was gegen den Durst im heißen, sommerlichen Stadion zu tun, nehmen. Nicht mal mehr Thermosflaschen mit eisgekühltem Caffè Latte sind erlaubt! Je mehr Angst vor Einwanderern und Terroristen ich habe, desto mehr Maßnahmen und Schritte werde ich zu unser aller Sicherheit verlangen.

Irgendwann bin ich rundum sicher, hocke allerdings in einem Gefängnis.

Auf eine ähnliche Weise müssen wir den Konflikt zwischen Freiheit und Gerechtigkeit zugeben.

Wer die Freiheit hat, die Milliarden seines Vaters per Erbschaft zu übernehmen und mittels steuerbegünstigter Finanzmarktgeschäfte um ein paar Milliarden zu vermehren, der erlebt eine andere Gerechtigkeit als derjenige, dessen beide Eltern von Minijobs oder Bürgergeld lebten und ihm keine einzige gescheite Nachhilfestunde gezahlt haben.

War es überhaupt die Schuld von irgendwem?

Nein, es war gottgewollt.

Wenn man weiß, dass die Welt scheitert, warum sollte man noch damit anfangen, irgendwas anders zu machen, als man immer schon gemacht hat? Wenn man glaubt, dass es sinnlos ist, wieso nicht noch mal kräftig auf die Kacke hauen?

Alte Seebären wie ich erinnern sich - vom Fernsehen her - noch an den Professor Hoimar von Ditfurth und seinen Sachbuch-Megaseller: „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ (1985). Hoimar von Ditfurth, der damals dieses TV-Wissenschaftsmagazin moderiert hat. Der Vater von dieser Grünen-Mitbegründerin Jutta Ditfurth, welche an sich zwar Recht hatte, aber schwer zu Nerven ging. (Ich habe Juttas Buch, ihre Abrechnung mit den Joschka-Grünen angefangen zu lesen, es irgendwann aber in den Müll geworfen. Ich sympathisiere mit dieser Frau, aber das Buch war schrecklich ressentimentbeladen.)

Das Apfelbäumchenbuch des Vaters habe ich nie gelesen.

Wir mögen hier aber davon ausgehen, dass Hoimar von Ditfurth, als er das schrieb, überzeugt war, dass es bereits zu spät war. Dass die Menschheit sich und ihren Planeten ausradiert. Er will dennoch noch einmal an sie appellieren, wie Henry Fonda an die Zwölf Geschworenen. Er will gegen die Vernichtung immer noch was tun. Aber wirklich glauben kann er daran nicht mehr. In der Zeit seit dem Buch sind wir einige Jahre lang viel optimistischer geworden. In den letzten Jahren sind wir wieder viel pessimistischer geworden.

Gerne wird uns in Foren wie diesem auch erzählt, dass es viel zu viele arme, ungebildete, darum irgendwie fanatische Menschen auf dem Globus gäbe, die aus diesen Gründen absichtlich zu viele Kinder hervorbringen, und dass wir darum die Natur kaputt machen, weil es die vielen Esser, Verbraucher und Ungebildeten gibt, die immer noch mehr werden. Dabei ist seit langem nachgewiesen, dass jeder von uns Reichen am jedem Tag das gemeinsame Ganze um ein Vielfaches mehr schädigt als die Einzelmenschen in den armen Ländern des Südens. Aber wir bekommen weniger Kinder! Ja, aber es ist ebenso erwiesen, dass überall, wo Wohlstand und Bildung zunehmen, die Reproduktionsraten - mit einer gewissen Zeitverzögerung - sinken. Es ist auch Fakt, dass Wohlstand und Bildung in den armen Ländern seit Jahrzehnten zunehmen. China und Indien sind die besten Beispiele dafür. Irgendwann haben wir angefangen uns zu fragen, ob wirklich unsere Entwicklungshilfe noch was für Indien (von dem wir unser Gas kaufen, damit die ihres billiger von Russland kaufen) und Peru zahlen soll?

Hätte Hoimar von Ditfurth das Bäumchen-Buch nie schreiben sollen? Die Welt ist noch immer da, samt Friedrich Merz, und das Bäumchen-Buch kauft und liest keiner, obwohl es mal so ein Bestseller gewesen ist. Hätte Hoimar von Ditfurth seine restlichen Jahre nicht zugleich amüsanter wie sogar sinnreicher zubringen können?

Was sagt uns Gott dazu?

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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