Burckhardt Fischer

the lamb

Vor einigen Jahren, etlichen, war ich sehr befreundet mit IM, diese klapperdürr, zierlich, zart, jedoch mit großem Geiste versehen. Wir liebten es, rhetorisch die Klingen zu kreuzen, meint also: die Zungen, sozusagen, und wir waren uns herzlich zugetan, sahen uns häufig. Welche Rolle ihr Freund spielte, eher im Hintergrund, hat sich mir nie erschlossen, denn auch, wenn ich sie in ihrer Wohnung besuchte, Danckelmannstraße, 4. Hinterhof, man roch das Heu und den warmen Odem der Kühe aus dem Stall des anschließenden Nachbargrundstücks, die dort produzierten Vorzugsmilch inmitten der Großstadt, je höher man die Treppen stieg, desto doller dieser Geruch, was ich liebte, hatte ich doch lange überlegt, auch Bauer zu werden, auch dann war dieser Gefährte selten zugegen, und wenn, dann lächelte er linkisch und verschwand in der Tiefe des Raumes.

Eines Tages nun, nach vielen Versuchen, hatte IM ihre Fahrprüfung bestanden und bestand darauf, zu meinem Erstaunen, dieses Ereignis mit MIR zu feiern und mich zu diesem Zwecke abzuholen, mit dem Gefährt, einem ältlichen Käfer, das ihr Freund und sie sich doch gemeinsam hielten, seit langem schon – dass die Fahrerlaubnis so schwer zu erringen, war ja nicht unbedingt abzusehen, zu damaligen Zeiten. Nun war es aber spät geworden an nämlichen Abend, anderweitiger Verpflichtungen wegen, und so beschlossen wir, da die Zeit, da zu speisen eigentlich bereits verstrichen, uns lediglich ein kleines Besäufnis zu gönnen und wandten uns dem Steve Club zu, Krumme Straße, Berlin, wo Live music geboten wurde und mancher Star seine Karriere begann. Die Krumme Straße verdient diesen Namen, denn wiewohl nicht lang, vollführt sie einen scharfen Knick, dann entlang dem Bahndamm, den S-Bahngleisen. In dieser Kurve war der Steve Club gelegen und zu unserem Erstaunen direkt vor seinem Eingang ein Parkplatz frei, was wir zuvor noch niemals erlebt, in dieser Gegend.

Die Parklücke war recht groß, trotzdem, man kann ja nie wissen, bei der ersten eigenen Fahrt, stieg ich aus, um meiner Freundin zu winken, ihr durch Handzeichen zu bedeuten, wieviel Platz jeweils noch zur Verfügung stehe, und krachend legte sie den Gang ein, fuhr nahezu vorschriftsmäßig das Bögelchen rückwärts, um dann, mit immer noch reichlich Abstand zum Hintermann, jedoch leider nicht vollständig gerade gezogen, noch schräg stehend, nicht parallel zu Straße und Bürgersteig, lieber erst einmal ein Stückchen vorwärts zu fahren, sicherheitshalber. Krachend ward neuerlich der Gang gefunden, und mit laut jaulendem Motor, viel zu viel Gas gegeben, wie es eben Fahranfängern zueigen, ließ sie die Kupplung kommen, umklammerte das Lenkrad fest.

Der Wagen machte einen gewaltigen Satz zurück, hoppelnd, springend, die Bordsteinkante nicht achtend, solchermaßen aber am dahinter parkenden Wagen vorbei – war wohl doch der falsche Gang gewesen. Mit lautem Krachen landete der Wagen an einem Laternenpfahl, die Stoßstange hinten eingebeult, der Motor erstarb, Schweigen legte sich in die Nacht. Bevor ich meinen in stummem Schrei geöffneten Mund jetzt schließen konnte, wiederum durch die Nase zu atmen, ordnungsgemäß – nur die contenance bewahren, die Elevin nicht noch weiter verstören – schepperte es direkt vor meinem Gesicht, das dem Auto zugewandt, seitlich hatte ich gestanden, des Einwinkens wegen, war also dieser helle, gleichwohl klirrende Klang, da also landete auf dem Dach des Käfers, genau mittenmang, der gläserne Leuchtenkörper jener Lampe, an deren Mast wir gestoßen, mitsamt ihrem blechernen, emaillierten Schirm, beides in erstaunlicher Größe so von Angesicht zu Angesicht, verglichen wenigstens mit dem Eindruck, den man gewann, gewonnen hätte, wären sie in angestammter Höhe verblieben. War es eine typische Sechziger Jahre Leuchte gewesen, damals häufig gebraucht, mit Tulpenförmigen Opal-Glaskörper und eben dem ausladenden Deckel obendrauf, der Mast aber, an dem wir hingen, aus Schleuderbeton. Dem war nichts geschehen.

Ich wartete auf das mir unvermeidlich erscheinende Platzen, Zerspringen des Glases, bei einem Sturz aus solcher Höhe. Jenes Gebinde aber, nunmehr auf dem Autodach, stand dort aufrecht, als wäre es dort angeschraubt, in nämlicher Position, wackelte nicht ein bisschen. Schlotternd stieg sie aus, meine Freundin, aus ihrem Gefährt, das nun auf solch wundersame Weise verschönt, wenn eben auch rückwärtig etwas eingebeult, und zusammen betrachteten wir das Wunder, diesen unverhofften, nicht erbetenen Zuwachs.

Behutsam nahm ich sie auf, das Glas mitsamt dem Schirm – musste man den Kopf schief legen an der Krempe vorbei, um die Lampe zu tragen, und bettete sie am Fuße des Mastes, wenn auch dem Wagen abgekehrt. Wiederum aufrechtstehend, dass man sie vielleicht wieder hinaufschaffen könne, wenn die zuständige Behörde das Fehlen bemerkte.     
Derweil nutzte IM – nur nicht nachlassen, nicht aufgeben – diese gottgegebene Parklücke, parkte ordnungsgemäß, mit krachenden Gängen und jaulendem Motor recht ordentlich ein und wir ersäuften den Abend, den Schrecken.
Ihr Freund hat dann die verbeulte Stoßstange mit einem Lächeln quittiert, später. Am Dache des Autos sah man fast nichts.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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