Istvan Hidy

Auf Sand gebaute Wüstenträume

Im Herzen der Arabischen Wüste, weit entfernt von jeglicher Normalität, erhebt sich das Hirngespinst eines Märchenreiches – die futuristische Stadt Neom, zwischen Fortschritt und Skepsis. Getauft mit einem Namen, der so viel bedeutet wie „neue Zukunft“, und ins Leben gerufen von einem Prinzen, der fest daran glaubt, dass man nur genug Milliarden Dollar in den Sand setzen muss, um daraus eine Oase des Luxus sprießen zu lassen. Hier, inmitten der Trockenheit und Hitze Saudi-Arabiens, träumt man von einer Sonderwirtschaftszone, die futuristischer ist als jedes Science-Fiction-Epos.

Die Konzepte für Neom sind wirklich atemberaubend: fliegende Autos, roboterhaftes Servicepersonal und eine Stadtstruktur, die sämtliche Annehmlichkeiten innerhalb von fünf Minuten erreichbar macht. Doch es sind nicht nur die visionären Ideen, die Aufmerksamkeit erregen. Das Projekt hat neben seiner technischen Raffinesse auch hinsichtlich Methodik und Folgen für Lebensqualität und Umwelt für Diskussionen gesorgt.

Stellen Sie sich vor: Eine geplante Stadt namens Al-Khat, lang wie eine Autobahn und schmal wie ein Lineal. 170 Kilometer in die Länge gezogen, aber nur 200 Meter breit – als hätte man eine gigantische Linie auf die Landkarte gezeichnet und beschlossen, dort 9 Millionen Menschen hineinzupressen. Gigantische Hochhäuser schießen in den Himmel, denn der Platz am Boden ist ja so knapp. Keine Straßen, keine Autos, keine Emissionen – einfach perfekt! Wie könnte man das auch anders bewerkstelligen in einer Welt, die zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben wird und 95 Prozent ihrer Fläche als Naturland bewahrt? Da kann man schon mal ins Schwärmen geraten.

Die Entwickler haben darüber hinaus eine weitere Region vorgestellt, die unter dem Namen Zardun einen Wildtierpark, umgeben von Hotels, umfassen soll. Die kühne Vision einer wiederbelebten Natur und Fauna aus früheren Zeiten illustriert den innovativen Geist des Projekts.

Saudi-Arabien investiert in einem noch nie dagewesenen Ausmaß in den Tourismus. Aus diesem Grund plant das Land die Gründung einer neuen Fluggesellschaft, die mit internationalen Fluggesellschaften konkurrieren soll. Auch ein gigantischer neuer Flughafen ist geplant. Am Roten Meer entsteht ein Luxus-Resort mit Wasserlandebahn.

Der Tourismus wird als ein wesentlicher Teil des wirtschaftlichen Diversifizierungsplans des Königreiches angesehen. Die nationale Tourismusstrategie zielt darauf ab, das Land in ein Reiseziel von Weltrang zu verwandeln. Die saudische Regierung tätigt erhebliche Investitionen, um rasch eine florierende Tourismusindustrie aufzubauen. Bis zum Jahr 2030 sollen jährlich 100 Millionen Besucher das Land besuchen – ein hochgestecktes Ziel.

Auch ein neuer Flughafen von atemberaubender Größenordnung ist geplant. Auf einer Fläche von 57 Quadratkilometern soll eine Stadt rund um den neuen Airport entstehen, mit Lagerkapazitäten, Gewerbegebieten, Wohnkomplexen und Freizeiteinrichtungen.

Aber auch auf dem Wasser soll es etwas Besonderes geben: In Zusammenarbeit mit der hochwertigen Hotelkette Aman wird Cruise Saudi die „Aman at Sea“ vorstellen, eine 183 Meter lange Superyacht mit 47 Suiten und einer Reihe außergewöhnlicher Annehmlichkeiten, darunter ein Spa im Aman-Stil mit einem japanischen Garten, Restaurants mit Sterne-Qualität und ein Beach Club an Bord.

Doch bitte, lassen Sie sich nicht von der Glitzeroberfläche täuschen. Dieser Zukunftstraum ist auch ein Alptraum der gigantischen Investitions- und Unterhaltskosten. Wir sprechen hier nicht von Millionen oder Milliarden, sondern von Billionen! Die bescheidenen Schätzungen beginnen bei 500 Milliarden Dollar und enden irgendwo jenseits der 1,5 Billionen Dollar. Wer soll das bezahlen? Saudi-Arabiens Staatskasse, die trotz all ihrer Ölmilliarden konstant ein Loch aufweist? Oder vielleicht doch die mystischen ausländischen Investoren, die bislang noch nicht vom Himmel gefallen sind?

Und dann sind da noch die ökologischen Prinzipien, die man in dieser glanzvollen Vision gerne ignoriert. Je weiter sich der Mensch von der Natur entfernt, desto mehr Energie muss er aufwenden, um die Gesetze der Natur zu überwinden. Neom, die Megastadt in der Wüste, wird ein energiehungriger Moloch sein, dessen laufende Unterhalts-, Verschleiß- und Reparaturkosten astronomisch sind. Und was passiert, wenn der Glanz verblasst, die Gebäude altern und die Infrastruktur zu rosten beginnt? Die Recyclingskosten werden gigantisch sein – eine Rechnung, die irgendwann unweigerlich fällig wird.

Und dann die größte Ironie: Warum sollen Millionen von Menschen in eine Wüste gelockt werden, die nicht einmal genügend Trinkwasser bietet? Auf unserer Mutter Erde gibt es genügend natürlich schöne Flecken, wo ohne vergleichbaren gigantischen Aufwand – wenn auch nicht alles am gleichen Ort – ein erfülltes und nachhaltigeres Leben möglich wäre.

Aber warum träumt der Mensch vom Paradies in der Wüste? Warum träumen einige von kilometerlangen Stränden, Skigebieten in den Bergen und dem milden Klima, das im Vergleich zu anderen Golfstaaten fast wie eine Fata Morgana erscheint? Ist es nur ein Freizeitpark im größeren Maßstab oder ein Lebensziel für Reiche? Nein! Es ist eine Geschäftsidee! Die saudischen Prinzen träumen davon, dass Neom 40 Prozent der Welt innerhalb von sechs Flugstunden erreichbar ist – als ob das die Reisenden anlocken würde, die sich in Scharen auf den Weg nach Neom machen.

Neom ist ein Traum, ein teurer Traum, der vielleicht nie mehr als eine Fata Morgana bleiben wird. Ein paradiesisches Wüstenschloss, das so unrealistisch ist, dass man sich fragt: Muss es wirklich sein? Warum und wofür? Die Erde und ihre ökologischen Prinzipien werden sich nicht beeindrucken lassen von einem Projekt, das mehr nach einem gigantischen, auf Sand gebauten Wüstentraum als nach einer realistischen Zukunftsvision klingt. Die Bedenken beschränken sich nicht nur auf die Lebensqualität der zukünftigen Bewohner, sondern beziehen sich auch auf Nachhaltigkeit und traditionelle menschliche Aspekte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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