Uwe Fuchs

Irrgarten und Verlies

"Von Außerhalb" / Teil 2

INHALT: Nach seinem Breakdown versucht Hauke, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er macht sich tatsächlich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz, findet auch neuen Anschluss in Schönhagen. Aber weshalb hadert er so mit der Entscheidung gegen die Schule und für die Arbeitswelt? Und diese merkwürdige innere Leere
 weshalb will die partout nicht verschwinden? Wie schon im ersten Teil des Buches erlebt Hauke eine Achterbahn der Gefühle, einen permanenten Wechsel zwischen Himmelhoch-jauchzend und Zu-Tode-betrübt. Wohin wird ihn das am Ende führen? 




Das stilisierte, leuchtend rote „A“ war weithin zu sehen. Eigentlich hatten wir bald Mittag, aber durch das Zwielicht wirkte alles wie frühmorgens. Nebelschwaden zogen durch die Luft, ab und zu ertönten die Rufe einer Krähe. Seit Wochen schon Wochen hielt dieses komische, nichtssagende Wetter jetzt an: Milde Temperaturen, grauer, dämmriger Himmel, ständig Regen, manchmal tagelang. Bloß schneien tat es nie, überhaupt war von Winter nicht das Geringste zu spüren, dabei hatten wir schon Ende Februar. In ein paar Wochen war Frühlingsanfang, kurz darauf Sommerzeitumstellung, kaum zu glauben.

Was einen da drinnen wohl erwartete? Spulten sie bloß ihr Standardprogramm ab oder gaben sie sich ein bisschen Mühe? Versuchten sie den Menschen zu verstehen, den sie vor sich hatten? Wendeten sie irgendein Verfahren an, eine Technik – irgendein Wunderding, mit dem sie herausfinden konnten, was man eigentlich machen wollte?

Mit Jürgen über solche Themen zu quatschen brachte nicht viel, da kamen immer bloß Sätze wie „finde was Sicheres, das ist das Wichtigste“, „nimm was, wo du morgen nicht wieder gefeuert wirst“ und so weiter. Aber reichte das? Immerhin würde, was man sich jetzt aussuchte, später fast den ganzen Tag dauern. Was, wenn es keinen Bock brachte? Acht Stunden Langeweile – allein der Gedanke war purer Horror. Da ging es doch um mehr als bloß um Sicherheit oder Moneten. Es musste Spaß bringen, zu einem passen, zu den eigenen Fähigkeiten und Talenten.

Bloß – was waren mein Fähigkeiten und Talente? Was konnte ich, was traute ich mir zu, was „erfüllte“ mich? Dieses Wort, vorher bloß in Büchern gelesen, wurde nun plötzlich sehr wichtig, sehr relevant. Trotz des schleimigen Klangs schien es exakt das rüberzubringen, was ich meinte. Leider hatte ich null Plan, was mich „erfüllte“. Weder war ich handwerklich begabt noch wollte ich anderen Leuten irgendwelche Sachen aufschwatzen, wie Henri. Meine künstlerischen Gaben gingen gegen null, und der Gedanke, was „Soziales“ zu machen, also irgendwas mit Kindern, Alten, Behinderten oder Gestörten, ließ mich schaudern. Hoffentlich hatten sie eine Art Persönlichkeitstest in petto, für die ganze harten Fälle. Ansonsten konnte ich eigentlich gleich umdrehen und nach Schönhagen zurückfahren.

Meine Güte, wenn man sich das Gebäude anschaute – schmuckloser ging es ja wohl kaum, dazu stand der Würfel noch in diesem tristen Gewerbegebiet… das ließ eigentlich nichts Gutes erahnen. Hoffentlich täuschte ich mich! Es wäre so wichtig gewesen, endlich mal mit jemandem zu labern, der Ahnung hatte und einem helfen konnte, die Spur wiederzufinden. Oder besser: überhaupt eine zu finden. Die ganzen Jahre hatte ich mich mehr oder weniger allein durchgeschlagen. Ich wollte nicht mehr draußen stehen, sondern endlich mal dazugehören, Teil von etwas sein. Nur wovon? Und wie? Das würden sie mir da drinnen hoffentlich gleich verklickern.

Die Eingangstür zu öffnen glich einer Kraftübung – mindestens 100 Kilo wog das Teil. Sollten auf diese Weise gleich ein paar Leute aussortiert werden, die Gebrechlichen ebenso wie die Unentschlossenen? Drinnen schlug mir ein chemischer Geruch nach neuer Auslegeware entgegen, unter den Sohlen meiner Turnschuhe knisterte es beim Gehen vernehmlich. Nirgends liefen Menschen herum, lähmende Stille klebte in der Luft. Die riesige Infotafel im Foyer war über und über bedeckt mit seltsamen Bezeichnungen und kryptischen Kürzeln: „A17 Leistungsabteilung“, „C27 Kurzarbeitergeld“, „U05 Arbeitsvermittlung“ und so weiter. Endlich fand ich, wonach ich suchte: „D31 Berufsberatung“.

Im Fahrstuhl wurde mein mulmiges Gefühl noch mulmiger. Lieber wieder abhauen? Noch ging das, noch wusste keine Sau von meinem Vorhaben, weder Muttern noch Klaus, und schon gar nicht die Plaudertasche Henri. Die Einladung zum heutigen Termin hatte ich rechtzeitig aus dem Briefkasten gefischt, bevor jemand aus der lieben Familie sie fand.

Der Fahrstuhl hielt, die Tür glitt mit einem 'Pling' zurück. Von der Decke hing ein Schild herab mit einer großen „3“ – dritte Etage. Zu spät, jetzt würden die Dinge ihren Lauf nehmen…

Vor mir lag ein Flur, endlos und genauso leergefegt wie das Foyer im Erdgeschoss. Noch immer knisterte es unaufhörlich unter meinen Sohlen – zeigte sich da irgendwie die Aufregung? War ich elektrisch geladen? Bode, unser alter Mathe- und Physikpauker, hätte das bestimmt erklären können. Der wusste garantiert irgendeine passende Formel, um das Phänomen zu beschreiben. So schlau wie dieser Typ hätte man sein müssen, dann würde man jetzt garantiert nicht hier rumschleichen…

Ich zog die Einladungskarte heraus: Raum 27, das musste da vorn sein. In diesem Moment sprang die Digitalanzeige an der Wand auf 11:15 – ich war auf die Minute pünktlich.

Zaghaft pochte ich an der kieselgrauen Zimmertür – keine Reaktion. Nächster Versuch, diesmal energischer – prompt kam von drinnen ein lautes „Ja!“. Ich drückte die Klinke aus rotem Kunststoff herunter und betrat ein völlig vernebeltes Büro. Der Aschenbecher auf dem Schreibtisch lief über, den Typen auf der anderen Seite erkannte man vor Qualm fast nicht. Eigentlich fast wie in meinem Zimmer, aber hier wirkte es völlig deplatziert. Immerhin ließ sich das Namensschild neben der Schreibtischlampe entziffern: „Herr Krause – Berufsberatung“. Na denn!

Herr Krause hätte glatt ein Kumpel vom Langen Udo sein können: ähnliches Alter, grau-melierte Haare, verwaschene Jeans. Dazu eine John-Lennon-Brille, wie viele Alt-Hippies sie trugen, mit runden Gläsern und goldener Metallfassung. Sofort ins Auge fiel seine derb schlechte Haltung: krummer Rücken, hängende Schultern, Plauze – der bewegte sich anscheinend gar nicht mehr! Undeutlich kam mir ein 100-Meter-Sprint in den Sinn, letztes Jahr im Sportunterricht. Ob ich später auch so ausgesehen hätte wie dieser Typ, wenn ich weiterhin so lahm geblieben wär?

„Setzen Sie sich.“ Der Alt-Hippie wies auf die andere Seite des Schreibtischs. Zwischen seinen nikotingelben Fingern glomm bereits die nächste Fluppe.

An dieses komische „Sie“ konnte ich mich einfach nicht gewöhnen. Begonnen hatte es in der Oberstufe: Plötzlich sprachen alle Lehrer uns so an, selbst die, die man noch aus der Mittelstufe kannte, zum Beispiel unser alter Chemie-Pauker.

„Okay, Berufsberatung“, begann Herr Krause. „Was hatten Sie sich denn vorgestellt? In welche Richtung soll 's gehen?“

Häh? Ich hatte eigentlich gedacht, das käme erst später. Nachdem ich erzählt hatte, wer ich war, womit ich mir die Zeit vertrieb und dergleichen. Mit diesen Informationen packte er zunächst eine Wundertüte voll großartiger Berufsvorschläge, die mir den Mund wässrig machten. Und erst danach würde ich loslegen. Nee, anscheinend funktionierte es genau umgekehrt: Ich sollte sagen, was ich machen wollte. Bloß – wozu war ich dann überhaupt hier?

„Äh, vielleicht was Kaufmännisches?“, druckste ich herum, leicht gefrustet über den unguten Start. 'Kaufmännisch' – das war bisher meine einzige Begegnung mit der Arbeitswelt gewesen, über Jürgen. Und Bernd, beim Einsammeln der Tombola-Preise. Aber was genau die da eigentlich taten im Hohenecker Großmarkt, konnte ich mir wenig bis gar nicht vorstellen. Bloß die Worte von Jürgen waren mir im Ohr geblieben: 'Man arbeitet sich nicht tot' und 'Am Monatsende gibt’s Geld'.

Mein Verdacht mit dem Bewegungsmangel bestätigte sich dann noch: Als Herr Krause ein paar Broschüren für mich holen wollte, erhob er sich nicht etwa, sondern rollerte allen Ernstes auf seinem Bürostuhl rückwärts zum entsprechenden Schrank. Dessen obere Regale waren, soweit ich es im Nebel erkannte, so gut wie leer – na ja, er hätte womöglich aufstehen müssen, um an die dortigen Sachen zu kommen.

Als ich die Räucherstube von Büro verließ, verließ, brannte ein Gefühl herber Enttäuschung in meiner Magengrube. So viel hatte ich mir erhofft von diesem Gespräch, aber außer den besagten Broschüren, von Herrn Krause unter großen Mühen aus dem Schrank gekramt, nahm ich nichts mit.

Es waren „Blätter zur Berufskunde“, wie ich im Fahrstuhl abwärts feststellte, dazu ein Ratgeber mit „Tipps zur erfolgreichen Bewerbung“ und ein Formular für einen „Antrag auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)“, was immer das sein sollte. Im Bus nach Schönhagen kämpfte ich mich durch die Berufsbeschreibungen, versuchte zu verstehen, was ein Groß- und Außenhandelskaufmann, ein Industriekaufmann oder ein Speditionskaufmann eigentlich so trieben. Irgendwas mit Einkaufen und Verkaufen und Preise kalkulieren und so. Auch von „Buchführung“ war die Rede, worunter ich mir nicht viel vorstellen konnte. Aber ehrlich gesagt: Wirklich spannend klang das alles nicht. Und mit so drögem Zeugs schlug Jürgen sich herum, acht lange Stunden jeden Tag, fünf mal die Woche?

Und noch etwas fiel mir auf: Was wir in der Schule lernten, hatte anscheinend nicht das Geringste mit dem Arbeitsleben zu tun; es gab schlicht keine Überschneidungen. Ich würde eine völlig fremde Welt betreten, eine Welt, auf die ich null vorbereitet war. Konnte das gutgehen?

Nur – welche Möglichkeiten blieben mir? Sollte ich doch mit der Schule weitermachen, das Jahr wiederholen? Vielleicht auf dem Schmöllner Gymnasium, nach dem Motto: Neue Anstalt, neues Glück? Am KBZ hatte ich ja schon mal einen Reset hingelegt, vor ewigen Zeiten beim Wechsel in die Parallelklasse. Aber damals war Hinsetzen und Pauken angesagt gewesen, und ob ich das noch mal hinbekam, bezweifelte ich mittlerweile stark. Und selbst wenn: Diese Variante hätte in jedem Fall bedeutet, weitere drei Jahre auf das Geld anderer angewiesen zu sein. Meine Güte, ich war mittlerweile 18, wie lange sollte die ganze Veranstaltung denn noch dauern? Und wenn es doch wieder schiefging, womit zu rechnen war?

Nein, es wurde Zeit, endlich auf eigenen Beinen zu stehen. Ich musste einen Schlussstrich ziehen, und wenn 's noch so weh tat. Es gab einfach keine andere Möglichkeit mehr, Ende der Diskussion.

 

***

 

Abends stattete ich Ole einen Besuch ab. Wie Bernd hatte er die komplette Dachetage für sich, inklusive eigenem Bad. Ich erzählte von meinem heutigen, enttäuschenden Erlebnis in Eckhorst. „Hör auf!“, schimpfte er und winkte ab. „Den Laden kannst Du vergessen. Alles Trantüten.“ Er lernte ebenfalls schon, irgendwas mit Elektronik. Anschließend wollte er ein „duales Studium“ machen und war dann eine Art Ingenieur oder so.

Wobei wir kaum über seinen Job redeten – bei Ole gab es wichtigere Themen. Seit seiner Party sahen wir uns häufiger. Irgendwie mochte ich ihn, trotz seiner coolen Tour, den ständigen Sprüchen. Damit hielt er die Leute auf Abstand, so viel hatte ich bereits gecheckt. Man kam nie richtig an ihn ran, wusste eigentlich gar nicht, wie er wirklich tickte. Aber die Themen, die er anschnitt, die Antworten, die er auf Fragen oder Bemerkungen gab – es machte einfach Spaß. Meistens quatschten wir über Allgemeines, die Gesellschaft, die Hausbesetzer-Szene oder den Polizeistaat, die wachsenden Umweltprobleme, den Treibhauseffekt. Manchmal ging es auch um Historisches, die Nazis oder die deutsche Teilung. Oder wir laberten über Bücher, Klassiker wie Hesses „Steppenwolf“, den „Fänger im Roggen“ und sogar den „Werther“ von Goethe.

Letzterer war im Herbst in meinem Deutsch-Grundkurs verhackstückt worden. Das Reclam-Heftchen hatte ich mir seinerzeit zwar gekauft, aber nicht gelesen, aus Mangel an Bock. In der Klausur war ich trotzdem mit fünf Punkten davongekommen, dank des Standard-Geschwallers, das man immer irgendwie anbringen konnte. Während der Weihnachtsferien hatte ich dann, weshalb auch immer, das gelbe Bändchen doch zur Hand genommen – und mich prompt festgelesen. Werthers Begeisterung für die Natur, seine ausgedehnten Wanderungen, sein Schwelgen in Impressionen, die tiefen Gefühle für Lotte und das Festhalten an seiner Liebe zu ihr, obwohl es aussichtslos war, wegen des Standesunterschieds – das alles hatte mich völlig umgehauen! Die altmodische Sprache war völlig egal gewesen. Vielleicht hatte gerade sie dem Ganzen sogar etwas Besonderes verliehen, etwas Ungewöhnliches. Irre jedenfalls, dass ein so altes Buch noch immer diese Wirkung haben konnte!

Spaßeshalber hatte ich mir dann die Aufzeichnungen aus dem Deutschkurs noch mal angeschaut – und war doppelt froh über meinen damaligen Boykott: All dieses Analytische, Kopflastige, Staubtrockene – was hatte das mit Werthers Erleben zu tun, den Eindrücken während seiner Wanderungen, der Intensität seiner seiner Gefühle. Überhaupt: Wie sollte man in einer blutleeren Veranstaltung namens Penne überhaupt reden über etwas wie Verliebtsein, Sinnlichkeit, Berührt-sein, Ergriffenheit, generell Emotionen? Schule und ich waren wirklich Lichtjahre voneinander entfernt. Gründlich verleidet hätten die mir das Buch.

Mit Ole dagegen konnte man auch über solche Themen problemlos quatschen. Wir laberten einfach drauf los, ließen unseren Gedanken und Assoziationen freien Lauf, trotzdem wurde es nie peinlich und klischeehaft. Okay, so gut wie nie. Manchmal glitten wir doch in Plattitüden ab, wurden ein bisschen sentimental. Aber weshalb nicht? Was war schlimm daran? Weshalb war das in der Schule so absolut tabu, ein Sakrileg geradezu? Ich verstand es einfach nicht.

Ein Glück, dass ich im Januar auf Oles Party gegangen war, anstatt meinem Fluchtinstinkt nachzugeben. Aber es war ein harter innerer Kampf gewesen, ein bisschen wie kalter Entzug. Schon Wochen vorher hatte ich regelrechte Angstattacken bekommen; am Nachmittag des großen Ereignisses hatte ich mir dann ernsthaft im frisch eröffneten Neuschönhagener Edeka einen Flachmann gekauft. An der Kasse glotzten die Leute mich an, als läge ein Packen Koks auf dem Band, aber das ignorierte ich tapfer – hier kannte mich eh keine Sau. Vorm Losfahren hatte ich mir dann fröhlich einen gezwitschert.

Trotzdem hatte ich auf der Party gelitten, zumindest die erste Stunde. So viele Menschen auf einem Haufen – es war geradezu bedrohlich gewesen. Dabei kannte ich die meisten eigentlich von früher: Alex und Micha, ebenso Bernd und Heiner. Schohl hatte seine Freundin mitgebracht, Franziska, ziemlich attraktiv. Alle saßen auf Matratzen, wie bei Micha im Keller oder bei Bernd.

Kristina war noch schöner geworden, ihre Haut noch dunkler, ihre Augen noch schwärzer und intensiver glänzend im Lichtschein. Als sie mich entdeckte, ging ein Lächeln über ihr Gesicht, das bei mir einen mittleren Gefühlsorkan auslöste. Sie kam dann wirklich und wahrhaftig rüber, fragte, wie es mir ging, was ich trieb. Sie selbst hatte im letzten Sommer die Schule abgebrochen, machte seitdem eine Friseurinnenausbildung. Vom Gymnasium zur Haarschneiderin – für mich klang das nach Abstieg, aber sie sah es völlig entspannt. „Sobald ich fertig bin, hau ich hier ab in die Stadt, mach was mit Medien.“

Als ich mich dazu durchrang, von meinen eigenen Jobplänen zu berichten, wirkte sie skeptisch: „Kann ich mir bei dir nicht vorstellen, ehrlich gesagt.“ Da war sie nicht die Einzige. Während des Quatschens rückte sie immer näher heran, wischte mir manchmal über den Arm, wie um das Gesagte zu unterstreichen. Eigentlich ihre typische Art, und trotzdem wurde mir bei diesen Berührungen noch schwummriger als eh schon.

Von da an war das Eis gebrochen, ich kam jetzt fast automatisch in die Gespräche rein, die sich ringsum entwickelten.

Silkes optische Wandlung zum Filmstar hatte sich noch weiter fortgesetzt. Früher war sie ja immer Kristinas „kleine Schwester“ gewesen, aber mittlerweile schien sie, obwohl erst 15, manchmal fast die Ältere. Den ganzen Abend über wurde sie regelrecht belagert von heimlichen oder offenen Verehrern, Jürgen konnte einem fast leid tun. Aber neben dieser neuen, schönen Silke wirkt er tatsächlich etwas deplatziert, ein bisschen wie der ältere, spießige Bruder oder der langweilige Papa.

Aber man sah auch viele unbekannte Gesichter, meist Leute von Oles alter Schule, dem Schmöllner Gymnasium. Sie wirkten fremd auf mich, wie aus besseren Kreisen, klüger, selbstbewusster, mit deutlich weiterem Horizont, als ich es kannte. Immer wieder wurde über Reisen in ferne Länder gequatscht, einige hatten bereits im Ausland gelebt, Austauschjahre in den USA oder Großbritannien absolviert. Aus einer Ecke hörte man amerikanisches Englisch, eine Gastschülerin aus Kanada gehörte zu dem Grüppchen, das dort zusammensaß. Ein Typ sah südländisch aus, sprach aber akzentfreies Deutsch und wirkte überhaupt super-intelligent. Sein Vater stammte, wie ich später erfuhr, aus dem arabischen Teil von Israel und war wohl eine internationale Koryphäe der Medizin. Ob das auf dem Schmöllner Gymnasium so das gängige Niveau war? Vielleicht ganz gut, dass ich nicht dorthin, sondern ans vergleichsweise provinzielle, biedere Wilhelm-Gymnasium gekommen war, das passte definitiv besser zu mir…

Einen Typen, Ralf, fand ich besonders interessant. Er war irgendwas zwischen Punk und Öko: Kurzes Haar, schwarze, enge Klamotten, aber zugleich Zauselbart plus John-Lennon-Brille. Von der Art her wirkte er wie die moderne Version eines Sozialarbeiters, hätte glatt in der Alten Mühle anfangen können. Tatsächlich kam man superleicht ins Gespräch mit ihm, und seine Zugänglichkeit wirkte null gespielt. Dafür waren seine Kommentare zu politischen Themen umso ätzender und fieser – hier passte die Punk-Frisur wie die Faust aufs Auge. Mir imponierte diese seltsame Mischung. Ob das auch ein Weg für mich sein konnte? Ich wollte ja unbedingt neu anfangen, aber die Richtung war mir noch immer unklar. Ob man Ralf mal ein bisschen im Auge behalten, sich an ihm orientieren sollte? Sehr günstig jedenfalls, dass er ebenfalls in Neuschönhagen wohnte…

Übrigens arbeitete er im Hohenecker Großmarkt, wie Jürgen, lernte dort ebenfalls Industriekaufmann, allerdings schon im zweiten Jahr. Die beiden verstanden sich aber wohl nicht allzu gut – kein Wunder, schon ihre äußere Erscheinung hätte kaum unterschiedlicher sein können.

Ein Thema, das an diesem Abend immer wieder aufkam, war der kürzliche Selbstmord eines Typen namens Knacke. Er war von einem der Türme des Ferienzentrums gesprungen, aus dem 32. Stock in die Tiefe. Die meisten hatten ihn wohl gekannt und wirkten noch immer ziemlich geschockt. Niemand hatte mit dieser Tat gerechnet, alle rangen um Erklärungen. Bei mir lösten die Gespräche über das Thema ein etwas zwiespältiges Gefühl aus: Ehrfurcht. Ich selbst dachte bloß über so was nach und kniff am Ende, aber da hatte es wirklich einer durchgezogen. Und krass: Mit seiner Aktion hatte er eine prägende Erinnerung hinterlassen, sich sozusagen verewigt. Man würde ihn nicht mehr vergessen. Das fand ich cool, dafür war ihm meine Bewunderung sicher.

Ich selbst hatte ja im letzten Herbst diese Medikamente gebunkert, mich auch informiert, was die Einnahme anging und so weiter. Aber war es mir wirklich ernst gewesen mit dem Abflug? Ging es mir beim Thema Selbstmord nicht eher um die Außenwirkung, die man damit ziemlich sicher erzielen konnte? Der Schock bei den anderen, ihre Fassungslosigkeit, vielleicht Trauer, dem Gefühl von Verlust – wie man am Beispiel dieses Knacke sehen konnte? Wenn ich mir das vorstellte mit mir selbst in der Hauptrolle, überkam mich jedes Mal ein Gefühl von Bedeutung. Bedeutung, die ich im realen Leben nie besessen hatte – und nie besitzen würde. Ein bisschen armselig war es ja schon, dieses Winseln nach Anerkennung, wenn man genauer darüber nachdachte…

Um kurz nach fünf stellte ich plötzlich fest, dass ich einer der letzten Gäste auf Oles Party war. Und noch immer fühlte ich mich äußerst klar im Kopf, vermutlich, weil ich nicht zu viel getrunken hatte, strikt bei Bier geblieben war. Als ich schließlich auf dem Drahtesel saß und bei sternenklarer Nacht gen Heimat fuhr, schien es mir, als hätte ich an diesem Abend den Sprung zurück geschafft. Ich war wieder auf der anderen Seite – endlich!

War es und dann doch wieder nicht so recht, wie ich bald merken sollte. Immer wieder kam die alte Angst hoch, packte mich diese kaum zu überwindende Unlust auf Gesellschaft – selbst, wenn es sich bloß um ein oder zwei Leute handelte. Plötzlich erschien mir meine Isolation sehr komfortabel, bedeutend angenehmer jedenfalls als der zu erwartende Stress während eines Treffens. Wenn ich mich dann doch aufraffte, musste ich die ganze Zeit gegen einen starken Sog ankämpfen, der mich in mein stilles, einsames Zimmerchen zurückzog.

Wirklich weg bekam ich dieses Gefühl nie, aber zumindest nahm es allmählich ab.

Eines aber blieb seit Oles Party immer gleich: Sobald ich mich endlich locker gemacht hatte, war es einfach bloß cool. Ich genoss die Nähe der anderen, manchmal war es fast wie ein Rausch – vor allem natürlich, wenn Mädchen dabei waren. Und der Gedanke, allein in Neuschönhagen dahinzudämmern, erschien mir auf einmal nur furchtbar.

 

***


Die Aufbruchstimmung setzte sich in der Schule fort. Jetzt, wo das Ende nahte, spielte ich wie befreit auf, konnte plötzlich super mit Leuten, die mich im ersten Halbjahr noch konsequent ignoriert hatten. Auf einmal war ich sichtbar geworden, mehr noch: gehörte zum inneren Zirkel, zum Kreis der wichtigen Personen im Oberstufenraum, um den sich die restlichen Leute wie Statisten gruppierten. Und das alles, ohne es bewusst darauf angelegt zu haben, wie von Geisterhand.

Wichtige Personen wie Beispiel Anna: Völlig entspannte laberte ich mit ihr von gleich zu gleich, als wäre sie eine alte Bekannte. Passé die Zeiten, da sie unerreichbar schien, ein zauberhaftes Wesen aus einer anderen Dimension. Okay, erleichternd kam hinzu, dass Anna mit ihrer jetzigen Frisur einfach nicht mehr so atemberaubend schön aussah wie früher. Die blöde Dauerwelle hatte sie zum Glück schnell wieder ad acta gelegt, sich stattdessen einen leicht emanzenhaften Kurzhaarschnitt verpassen lassen. Jetzt war die Veränderung nicht mehr krass und niederschmetternd, sondern bloß noch ernüchternd. Aber genau diese Ernüchterung machte alles leichter.

Auch zu Juliane, obwohl noch immer mit dem Idioten Olaf zusammen, war der Kontakt neu aufgelebt. Ebenso zur Politclique meiner alten Klasse, zu Martin, Christopher, Timo – komischerweise interessierten mich deren Diskussionen mittlerweile selbst: Wie konnte man zum Beispiel mithilfe des Marxismus dem Treibhauseffekt und der rücksichtslosen Naturausbeutung ein Ende setzen? Hitzige Debatten entbrannten zu solchen und ähnlichen Themen, unter den sirrenden Neonröhren des Oberstufenraums, in Wolken aus Zigarettenqualm. Zwar konnte ich mit meinen eigenen Beiträgen nie glänzen, aber es machte Spaß, den anderen Diskutanten zu lauschen, vor allem natürlich den richtig schlauen.

Meine krass veränderte Rolle in der Schule hing vielleicht auch mit dem neuen Outfit zusammen: Mittlerweile hatte ich tatsächlich den Stil von Ralf ein bisschen kopiert, mir enge Röhrenjeans und Chucks zugelegt. Bei letzteren war Muttern strikt dagegen gewesen, weil zu teuer, aber am Ende hatte ich mich durchgesetzt. Über dem T-Shirt trug ich nun ein schwarzes Sakko, mein ganzer Stolz. Klaus hatte es mir vermacht, und neben den Chucks zählte es zu den wenigen Kleidungsstücken, die ich wirklich liebte . Es sah einfach super-cool aus, und vor allem: Kaum jemand trug so was in unserer Öko-Penne. Die blöde Brille setzte ich bloß auf, wenn 's gar nicht anders ging, im Unterricht zum Beispiel. Und kürzlich hatte Kristina, die angehende Friseurin, meine eh schon recht kurzen Haare nachgeschärft, mir die Seiten anrasiert und ähnliches. Wenn ich jetzt zu Hause in den Spiegel glotzte, fand ich mich richtig stylish – zumindest in guten Momenten. Verglichen mit dem Vorjahr aber war der Eindruck auf alle Fälle so krass anders, dass ich es selbst kaum fassen konnte.

Den Unterricht hatte ich längst komplett abgeschrieben. Meine Konzentrationsschwächen ließen sich nicht mehr einfangen, das konnte ich vergessen. Und so hagelte es Fünfen und Sechsen am laufenden Meter, ohne Ende. Doose, mein Tutor, hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – wenn ihm das Desaster denn zu Ohren gekommen wäre.

Bisher war das aber offenbar noch nicht passiert, und so hatte ich meine Ruhe. Bis die Bombe platzte und das marode Gebäude endgültig zusammenbrach, wollte ich alles einfach bloß genießen. Das Leben genauso wie die Tatsache, dass die Pauker jetzt keine Macht mehr über mich hatten. Vorbei die Panik, wen sie wohl als nächstes rauspickten und grillten. Kein öffentliches Bloßstellen mehr an der Tafel, beim Präsentieren irgendwelcher Hausaufgaben, die man eh nicht gemacht hatte. Im Fall des Falles verweigerte ich den Gehorsam und blieb einfach sitzen. Manchmal schmissen sie mich ganz raus aus ihrem dämlichen Unterricht, aber scheiß drauf! Endlich ein bisschen Autonomie nach all den Jahren des ängstlichen Wegduckens!

Nur blöd, dass das leichte Leben, kaum dass es begonnen hatte, im Sommer schon wieder vorbei sein würde.

 

***

 

Die Gummierung des Briefumschlags hinterließ einen üblen Nachgeschmack auf der Zunge. Aber wenigstens war die letzte Bewerbung eingetütet. Für heute reichte es, nachher würde ich den Stapel zur Post bringen.

Es gab auch schon ein erstes Ergebnis: Vorstellungsgespräch nächste Woche, bei 'Iversen Landmaschinen', kurz ILM. Das Büro war hier in Schönhagen, in der Bahnhofstraße. Ich konnte also zu Fuß hingehen, musste nicht ewig lang mit der Schnecke von Bus durch die Gegend eiern.

Was man da wohl anzog? Hoffentlich nicht zu schick. Vielleicht irgendwas zwischen streng und locker, also Jeans und Sakko? Letzteres besaß ich ja seit neuestem. Andererseits: Bei so einem Gespräch musste man sicher total schleimen und seine Haut zu Markte tragen. Wollte ich wirklich das schöne Sakko für so etwas hergeben, es sozusagen beschmutzen? Alles in mir sträubte sich dagegen.

Am besten fragte ich Henri nach passenden Plünnen – er hatte bereits zwei solcher Gespräche hinter sich, war also gewissermaßen Profi. Und ich wusste ziemlich sicher, dass er weder Anzug noch Jackett besaß.

Henri ging mittlerweile in die 10. Klasse, im Sommer standen seine Prüfungen zur Mittleren Reife an. Letztere hatte ich längst, und zwar ohne irgendwas dafür zu tun, einfach mit dem Ende der Mittelstufe im letzten Sommer. Er dagegen durfte sich jetzt richtig abrackern. Ein total ungerechtes System eigentlich, aber irgendwie auch typisch deutsch – halt Klassengesellschaft.

Dafür wurden sie in der Realschule systematisch auf die Lehrstellensuche vorbereitet: Es gab Bewerbungstrainings, Berufsberatungen, Betriebspraktika, alles betreut von den Lehrern. Als Henri mir davon erzählte, war dieses Gefühl wieder da: eine andere Welt. Auf dem Gymnasium konnte man von solcher Unterstützung bloß träumen – schließlich waren wir zu Höherem bestimmt, Maloche hatte uns nicht zu interessieren. Dass Typen wie Vogt oder Wahlstedt mich betreuten und anleiteten auf meinem Weg ins Arbeitsleben – allein die Vorstellung war total absurd, schlicht zum Wiehern.

Henri bewarb sich für zwei unterschiedliche Jobs: Einmal als Industriekaufmann, wie ich, und dann in seinem Traumberuf als KFZ-Mechaniker. Für ihn war es selbstverständlich, demnächst zu schaffen, halt der normale Lauf der Dinge. Hartmann und Piet hatten es in der Nordstadt damals genauso gesehen.

Für mich fühlte sich der Gedanke, bald knüppeln zu müssen, völlig fremd an. Tatsächlich war es ja eine Kehrtwende um 180 Grad, ein Sprung ins Ungewisse. Nichts von dem, was bisher mein Leben ausgemacht hatte, würde ab August noch gelten – es war wirklich heftig. Vor allem eines lag mir schwer auf der Seele: Wie sollte man neben einem Job, der acht lange Stunden dauerte, noch Zeit finden fürs Rumhängen mit anderen, fürs Quatschen, Diskutieren, Lesen, Faulenzen und überhaupt alle angenehmen Sachen? Bisher war das kein Problem, dank der Schule. Aber in der Maloche?

Wenn jemand mich gefragt hätte, was ich mir wirklich wünschte, wäre die Antwort simpel gewesen: gar nichts tun. In den Tag hineinleben, bloß das machen, worauf man Bock hatte. Aber mit solchen Gedanken brauchte man Muttern gar nicht zu kommen, die hätte sich eher in die Luft gesprengt, als mir so ein „Lotterleben“ zu finanzieren. Völlig auf die Barrikaden gegangen wäre die. In der Nordstadt hatte sie immer lautstark geschimpft über Leute, die nicht arbeiteten, das waren für sie alles Penner und Gammler gewesen.

Und stimmte das nicht sogar, jedenfalls ein bisschen? Rumhängen, Nichtstun – im ersten Moment klang das verlockend, zugegeben, aber auf Dauer? Irgendwann bekam man den Arsch nicht mehr hoch, das hatte ich in der Nordstadt selbst oft genug gesehen, bei den Alkis und Pennern, aber auch bei einigen Kumpels. Und ich wurde ja ebenfalls immer lahmer. Seit Jahren schon nahm ich mir vor, neben der Schule zu jobben, wie Henri oder früher Piet und Hartmann. Nicht einmal die Prinzessin Silke war sich zu schade dafür, Zeitungen auszutragen, den „Schönhagener Boten“. Sie hatte mir sogar angeboten, den Job zu übernehmen, wenn sie im Sommer mit ihrer eigenen Ausbildung anfing. Und was tat ich? Lehnte das Angebot ab, weil es zu anstrengend klang: Bei jedem Wetter raus, den Leuten ihre Zeitung bringen, dazu überall die Köter in den Vorgärten, die einem an die Hacken wollten – schönen Dank! Zwar bereute ich meine Bocklosigkeit inzwischen, aber zu spät: den Job hatte sich längst jemand anders gesichert. Kurz und gut: Ich bekam es einfach nicht gebacken. Und das, obwohl ich ständig pleite war und die Hand aufhielt, mich durchs Leben schnorrte. Nee, allmählich musste ich mal in Wallung kommen! Mich endlich unabhängig machen vom Geld anderer – vor allem von Mutterns.

Auch dass es Zeit wurde, den Muff des altehrwürdigen Wilhelm-Gymnasiums hinter sich zu lassen, war klarer als je zuvor: Dort nervte alles bloß noch, sogar Themen, die mich eigentlich interessierten, wie Geschichte oder Literatur. Weiter in dieser Anstalt auszuharren ergab keinen Sinn mehr. Das wäre bloß ein Sich-Klammern ans Alte, Bekannte gewesen, und das kam nicht infrage.

Die Zeit der Ausflüchte war als passé. Jetzt hieß es: in den sauren Apfel beißen, Bewerbungen schreiben. Also schrieb ich. Und hielt mich dabei stur an die „Tipps zur erfolgreichen Ausbildungsplatzsuche“, die mir Herr Krause mitgegeben hatte, der Berufsberater und Bürostuhlfahrer. Leierte das immer gleiche, nur namentlich angepasste Anschreiben runter, in dem ich versicherte, unbedingt diesen und keinen anderen Job auf der Welt machen zu wollen. Für den Lebenslauf hätte im Grunde eine Fotokopie genügt, aber nein, er musste natürlich handgeschrieben sein. Mir kam das Prozedere unnötig bürokratisch und aufgebauscht vor, nach dem Motto: Sollen sie sich mal schön abrackern mit ihren Bewerbungen, die Lehrlinge in spe, zeigen, dass sie wirklich wollen. War das ein Vorgeschmack auf das Leben, das mich nach den Sommerferien erwartete? Wollten sie einen schon im Vorfeld zermürben, damit wir nachher brav unseren Stiefel abrissen?

Auch ein Abschlusszeugnis durfte nicht fehlen – hierfür musste mein Giftblatt aus der Zehnten herhalten. Nicht im Traum hatte ich damals geahnt, wie wichtig dieser Wisch einst werden würde, sozusagen meine Eintrittskarte ins nächste Lebenskapitel. Ohne die hätte ich das ganze Projekt getrost beerdigen können.

Wenn ich gar nicht weiterwusste, fragte ich Henri: welches Papierformat man für die Anschreiben nahm, ob die Umschläge gefüttert sein mussten, welche Marken auf die Briefe kamen – es gab immer wieder neue Probleme und Hindernisse. Welch ein Glück, mit einen Bruder gesegnet zu sein, der das entsprechende Wissen besaß. Was taten wohl andere Gymmis in derselben Situation, aber ohne meine wertvolle Quelle? Das mochte ich mir gar nicht ausmalen.

Notgedrungen hatte ich Henri als einzigen in meine Pläne eingeweiht – hoffentlich hielt er dicht, bis alles unter Dach und Fach war. Ich wollte die Leute vor vollendete Tatsachen stellen, sie sozusagen mundtot machen. Vorher würden sie garantiert blöde Fragen stellen, von wegen, ob ich mir wirklich sicher war mit meinem Vorhaben. Das hätte mich wohl wieder schwankend gemacht – dabei war mir die Entscheidung eh schon so schwer gefallen.

Wenn die Zweifel zu sehr an mir nagten, versuchte ich an die Kohle zu denken, die bald regelmäßig sprudeln würde. Nie wieder schnorren müssen, sagte ich mir. Endlich frei sein – wenigstens in Gelddingen! Und abends hatte man nach der Maloche seine Ruhe, konnte die Beine hochlegen, musste sich nicht noch mit Hausaufgaben und dergleichen rumplagen. Klarer Schnitt – was wollte man mehr?

Dann musste es doch irgendwie zu ertragen sein.

 

***

 

Ich fuhr nach Schönhagen, wollte Jürgen besuchen, wie so oft in letzter Zeit. Gerade war es zur Abwechslung mal trocken, aber nachher auf der Rückfahrt würde es vermutlich wieder schütten wie aus Eimern. Keine Ahnung, wie oft ich in diesem Winter schon pudelnass geworden war, weil mich ein Guss erwischt hatte.

Dieser Winter, der keiner war. Inzwischen hatten wir März, und noch immer null Schnee, keine einzige Flocke. Stattdessen andauernd diese milde, feuchte Witterung. Im Januar war das Thermometer sogar auf über 10 Grad geklettert – ich konnte mich nicht erinnern, das schon mal erlebt zu haben.

Der Treibhauseffekt, eindeutig. Es ging los. Bode hatte letztes Jahr im Physikunterricht darüber berichtet. Der Typ war zwar glühender Atomkraft-Verfechter, meinte, das wäre die Rundum-Sorglos-Lösung für unsere Energieprobleme, und ließ keine Gelegenheit aus, sich verächtlich über die Gegner zu äußern, die angeblich jeden Fortschritt blockierten mit ihrer Zukunftsangst. Aber als einer der ganz wenigen beschäftigte er sich auch mit Treibhauseffekt und Klimaerwärmung und wurde nicht müde, davor zu warnen. Nicht bloß bei uns in der Penne, sondern wohl auch in irgendwelchen wissenschaftlichen Publikationen.

Obwohl die Schule ansonsten nur noch ätzte, hatte dieses Thema mich sofort gepackt. Seit den Wanderungen im letzten Jahr war ich irgendwie aufmerksamer geworden, was die Natur betraf, wacher. Es machte mich fertig, wie wir mit unseren Lebensgrundlagen umgingen, so rücksichtslos, auf kompletten Raubbau ausgelegt. Wo sollte das enden?

Leider schien diese Frage ansonsten keine Sau zu jucken, wie man unter anderem beim Thema Verkehr sehen konnte: Alle wollten sich spätestens mit der Volljährigkeit einen motorisierten Untersatz zulegen oder besaßen schon einen. Bernd zum Beispiel kurvte nur noch auf seiner frisch erworbenen Kawasaki durch die Gegend. Ole sah man in der Regel hinterm Steuer seines grünen Golfs – ein Geschenk der Eltern zum 18. Geburtstag. Er war sich der Umweltproblematik zwar bewusst, vertraute aber als Technikfreak und baldiger Ingenieur darauf, dass der Fortschritt schon Lösungen finden würde. „Bis dahin ist die Welt garantiert nicht untergegangen“, versicherte er immer. Ralf war da eher skeptisch, aber das hielt ihn trotzdem nicht vom Besuch der Fahrschule ab. Er wollte endlich mit dem Auto zur Arbeit fahren, anstatt mit dem Fahrrad, wie jetzt. Zwar gab es zwischen Neuschönhagen und Hoheneck einen durchgehenden Radweg, aber nicht mehr länger Wind und Wetter ausgesetzt sein hatte für Ralf eine deutlich höhere Priorität als alle Treibhauseffekte dieses Universums. Außerdem hielt er die Gefahren durch Kernkraftwerke oder Atomrüstung für viel dringlicher. „Immerhin fahr ich nicht ganz in die Stadt, wie der da“, verteidigte er sich und zeigte auf Ole. Na gut, das stimmte. Henri hatte seinen Platz in der Fahrschule ebenfalls schon gebucht. Bei ihm als zukünftigem KFZ-Mechaniker konnte man das sogar nachvollziehen. Mittlerweile lungerte er oft auf dem Parkplatz von Benthien rum, dem Gebrauchtwagenhändler in der Bahnhofstraße. Garantiert hielt schon Ausschau nach dem ersten Schlitten. Auch Jürgen, der mittlerweile die Führerscheinprüfung bestanden hatte, war längst heiß aufs eigene Gefährt. Aber ihm brauchte man mit Themen wie Umweltverschmutzung oder Treibhauseffekt eh nicht zu kommen; sofort ging dann das Geschimpfe über „Ökotypen“ los, die uns alles wegnehmen, Deutschland angeblich wieder zum Agrarland machen wollten.

Kurz gesagt: PS-Besoffenheit an allen Fronten. Niemand im Bekanntenkreis konnte sich ein Leben ohne eigenen Motor vorstellen. Da fragte man sich schon, wie das noch werden sollte mit dem Umweltzerstörung und Treibhauseffekt…

Inzwischen hatte ich Schönhagen erreicht. Hinter der Bahnhofstraße begann unsere alte Siedlung. Ich bog in den Achterkamp und nach kurzem Stück in die Kleiststraße. Am Ende jedes Reihenhausblocks ging hier ein Fußweg von der Straße ab und führte zu den Türen der einzelnen Häuser, immer entlang der nachbarlichen Gärten. Der Weg zum Haus der Engels kam als letztes, kurz vor der Eichendorffstraße, in der wir gewohnt hatten und in der Stützers und Rönnfelds nach wie vor lebten.

Wie üblich ließ ich das Rad an der Straße, schloss es am gewohnten Laternenpfahl fest. Der kurze Marsch bis zu Jürgens Haustür war jedes Mal ein Eintauchen in die Vergangenheit: Auf der rechten Wegseite kam erst unsere alte Terrasse, dann die der Stützers. Der Rönnfeldsche Garten schließlich lag schon gegenüber dem Haus der Engels. Jürgens Eltern saßen um diese Zeit meistens in der Küche beim Abendbrot – so auch heute. Jürgen selbst aß mittags immer in der Firmenkantine. Ich klingelte, kurz darauf hörte man das vertraute Poltern auf der Treppe. Das Licht im Vorflur flammte auf, Jürgen öffnete die Tür: „Moin!“

Wir stiegen die enge Treppe hoch. Wenn man Jürgens Zimmer betrat, fühlte man sich sofort an eine typisch deutsche Wohnstube erinnert: Da war die Schrankwand mit beleuchteter Vitrine, in der Gläser und eine gut gefüllte Hausbar bereitstanden. Es gab eine Sofa-Landschaft ähnlich der von Henri sowie den unvermeidlichen Couchtisch mit Seitenkurbel zur Höhenverstellung. Alle Sitzmöbel waren zum klobigen Farbfernseher hin ausgerichtet, der wie ein Zimmeraltar unterm Fenster prangte – Jürgen hatte sich das Teil kürzlich von seinem Lehrlingsgehalt zugelegt. Selbstverständlich war der Kasten eingeschaltet, in Erwartung der „heute“-Sendung, die Jürgen grundsätzlich schaute. Momentan liefen aber noch die Mainzelmännchen durchs Bild.

Über dem Sofa hing ein Werbeposter des Bundesgrenzschutzes. Jürgen plante, sich dort für zehn Jahre zu verpflichten, als Alternative zum Wehrdienst. Man munkelte, dass er sich in Wahrheit bloß vor der Grundausbildung drücken wollte, aber er behauptete, die müsse man beim BGS auch machen. Reichlich seltsam, sich den korpulenten, eher behäbigen Jürgen beim Robben durch Schlamm und Klettern über Stacheldrahtzäune vorzustellen…

Für Ralf und Ole war 's klare Sache, dass man verweigern musste. Mich interessierte das ganze Thema nicht die Bohne. Obwohl dieser komische Wisch mit dem komplizierten Namen „Wehrerfassungsbescheid“ natürlich auch bei mir eingetrudelt war, kurz vor meinem 18. Geburtstag im letzten Herbst.

Verglichen mit „coolen“ Typen wie Ole oder Ralf war Jürgen eindeutig der totale Spießer. Und doch zog es mich immer wieder zu ihm. Ich empfand etwas wie Dankbarkeit ihm gegenüber, denn er war es ja gewesen, der mich letztes Jahr rausgeholt hatte aus der Isolation. Und dann gab es diesen merkwürdigen Gleichklang zwischen uns, ein stilles Verstehen. Bei Jürgen traute ich mich, bestimmte Sachen anzusprechen. Zum Beispiel meine Sehnsucht nach einer anderen, besseren Gesellschaft, in der es etwas wie Gemeinschaft gab, einen allgemeinen Sinn für das große Ganze. In der nicht alle bloß ihren privaten Angelegenheiten nachgingen, ihren eigenen, persönlichen Vorteil suchten. Jürgen verstand das, er dachte ähnlich.

Auch lebte in seiner Gegenwart die Stimmung ein bisschen wieder auf, die ich während meiner Wanderungen im letzten Jahr zelebriert hatte, dieses Gefühl, es müsse noch mehr geben als das, was wir „Realität“ nannten. Irgendeine höhere Ebene, Dimension, was auch immer. Es fiel mir wahnsinnig schwer, in Worte zu fassen, was genau ich meinte. Zum einen, weil 's kaum greifbar war, sich verflüchtigte, sobald man es genauer zu fassen versuchte. Und auch, weil es mir ein bisschen peinlich war. Aber mit Jürgen konnte ich in guten Momenten – und nach ein paar Gläsern Cola-Rum aus seiner Hausbar – über solche Sachen super quatschen. Ich merkte dann immer, dass mit dem Ende der Isolation auch verlorengegangen war, eine Art Offenheit gegenüber sich selbst, den eigenen Stimmungen und Gefühlen. Das Vermögen, sich total einzulassen auf seine Sehnsüchte, Wünsche und Träume. Auch diese Feinfühligkeit, das sensible Wahrnehmen der vielen, einander überlappenden Sinneseindrücke während meiner Wanderungen, der Farben und Gerüche, des Lichts, der Geräusche – all das war jetzt fort, hatte einer Ernüchterung Platz gemacht, die sich – bei aller Erleichterung, nicht mehr so allein zu sein – auch etwas schal anfühlte.

Für Ole und Ralf zählten bloß harte Fakten. Gemeinschaftsgefühl, höhere Realitäten oder Dimensionen – mit so was brauchte man ihnen gar nicht zu kommen, das war für sie Hirngrütze, verstrahltes Hippie-Zeugs. Und stimmte es nicht? Gemeinschaft, ein großes Ganzes – was sollte das sein? Wann hatte es so was jemals gegeben? Beim Führer? Beim Kaiser? Im Sozialismus? Was für ein Quatsch! Vom Kopf her wusste ich es ja. Eigentlich lag ich mit Ole und Ralf mittlerweile viel mehr auf einer Wellenlänge als mit Jürgen. Ich hätte mich wohl nur noch an sie halten und den Kontakt mit Jürgen auf ein Minimum beschränken sollen. Das wäre auch der beste Schutz gewesen, nicht wieder so abzudriften wie letztes Jahr. Diese Gefahr war keineswegs gebannt, das spürte ich. Es gab ihn nach wie vor, diesen inneren Sog, ich musste höllisch aufpassen, nicht wieder dort hineinzugeraten und von Neuem zu versacken, komplett in einer Parallelwelt zu leben, ohne Kontakt zur Wirklichkeit.

Ja, es wäre wohl das Beste gewesen, sich auf Ole und und Ralf zu konzentrieren. Aber so cool ich die beiden auch fand – in ihrer Gesellschaft war mir immer, als müsste ich einen wichtigen Teil von mir verstecken. Und irgendwann würde er sich vielleicht mal ganz verflüchtigen, dieser Teil, auf Nimmerwiedersehen verschwinden in einem großen Schwarzen Loch – dieser Gedanke war ziemlich beängstigend. Weshalb tat ich mich bloß so schwer mit dem, was allgemein als Wirklichkeit bezeichnet wurde? Weshalb empfand ich die oft als so reduziert und blutleer – obwohl ich mittlerweile viel Spaß hatte? Auch die Schule spiegelte diese Leere wider – dort zählte ausschließlich Kopf, Vernunft, Distanz. Was berührend war, musste verschwiegen werden, Gefühle galten als minderwertig, kindisch. So gesehen kein Wunder, dass ich dort komplett den Anschluss ans Geschehen verloren hatte.

„Platz dich“, meinte Jürgen und ließ sich in den Sessel neben dem Sofa fallen. Auf dem Tisch stand eine Kanne auf einem Stövchen bereit, es duftete nach Räucherstäbchen und aromatisiertem Tee. Den tranken wir seit Neuestem immer, wenn wir uns trafen. Am liebsten mochte ich Wildkirsche mit Zucker. Sehr viel Zucker – wenigstens drei Esslöffel pro Tasse. Auf der Fensterbank flackerten paar Kerzen. Die rote Lampe war übrigens seit einiger Zeit verschwunden.

„Silke lässt dich grüßen.“ Jürgen trank einen Schluck Tee. „Eigentlich wär sie auch gern gekommen, aber ihre Mutter zickt mal wieder rum. Die Alte ist wirklich ein Drachen.“

Mein Herz machte seit einiger Zeit immer einen Sprung, wenn der Name 'Silke' fiel. Lange Zeit war sie für mich ja bloß eine kindliche, leicht schnippische Prinzessin gewesen. Ihr Äußeres hatte sich seitdem zwar kaum verändert, aber durch das Make-up, das Silke mittlerweile – sehr gekonnt – benutzte, kamen ihre Gesichtszüge anders zur Geltung, erwachsener, selbstbewusster, auch glaubhafter. Als gäbe es halt wirklich Prinzessinnen, und ja: Sie konnten sehr schön sein, so schön wie Silke halt. Abgesehen von diesem Glamour-Faktor war aber noch etwas anderes, Grundsätzlicheres an Silke, das ich so früher nicht empfunden hatte: eine unerklärliche Faszination, ein efast sogartige Anziehung. Immer wieder betrachtete ich Silke heimlich, wenn wir uns bei Jürgen zum Teetrinken trafen, und versuchte dieses mysteriöse, nicht greifbare Element zu finden, das mir derart den Kopf verdrehte. Waren es die großen, sanften Augen, deren Farbe nicht genau zu erkennen war, irgendetwas zwischen Grau und Blau? Oder die langen Wimpern, die einen sehr reizvollen Rahmen um ebendiese Augen bildeten und durch die Wimperntusche jetzt richtig zur Geltung kamen? War es die Nase, deren Spitze – wie bei Kristina – ein bisschen nach oben zeigte? Konnten es die kräftigen Schneidezähne sein, die auftauchten, sobald Silke den Mund etwas öffnete – ebenfalls ein Detail, das sie mit Kristina gemeinsam hatte? Mich rührte auch dieser Sattel von Sommersprossen an, der das Gesicht um die Nase herum bedeckte. Ihr Haar, früher „straßenköterblond“, wie Silke es nannte, zeigte inzwischen einen leichten Rotton – vermutlich half sie da ein bisschen nach, und tatsächlich verfehlte es seine Wirkung nicht.

Aber letztlich gelang es mir nie, das eine, entscheidende Merkmal zu identifizieren.

Trotzdem: Noch so ein Thema, bei dem ich mit Ole und Ralf nicht konform ging. Sie fanden Silke schlicht bieder, perfekt geeignet für den Spießer Jürgen. Genau genommen war ich zwiegespalten: Einerseits fand ich, dass sie recht hatten. Andererseits konnte ich mich Silkes Ausstrahlung nicht entziehen. Und wollte es auch gar nicht.

Dabei war es mir anfangs überhaupt nicht recht gewesen, dass sie manchmal dazukam, wenn Jürgen und ich uns trafen. Sie hatte ihn doch die ganze Woche für sich, reichte das nicht? Wollte sie mich rausekeln? Aber allmählich entspannte ich mich. Silke schien überhaupt keine Probleme mit mir zu haben; den Eindruck, sie wolle mich loswerden, konnte ich bald überhaupt nicht mehr nachvollziehen, er kam mir sogar fies vor, wie eine Unterstellung. Im Gegenteil hatte ich nun eher das Gefühl, als käme sie gern, wenn ich da war. Inzwischen konnte ich mit ihr ähnlich gut und problemlos quatschen wie mit Jürgen. Manchmal sogar besser.

Als ich an diesem Abend gegen halb elf mein Rad vom Laternenpfahl losschloss und nach Neuschönhagen zurückfuhr, regnete es tatsächlich wieder – so ein Mist! Auch die ständige Dunkelheit nervte allmählich. Zum Glück fing demnächst die Sommerzeit an, dann blieb es wenigstens auf der Hinfahrt hell.

 

***

 

Mein erstes Vorstellungsgespräch! Ich saß im Foyer bei ILM und hatte weiche Knie. Komisch: So oft war ich an diesem Gebäude vorbeigekommen, hatte die Glasfront gesehen und den Tresen, der sich dahinter abzeichnete, ebenso die vielen blitzblanken Traktoren und Geräte auf dem Ausstellungsgelände neben der Straße – und doch war ich nie auf die Idee gekommen, vielleicht mal darüber nachzudenken, was es mit diesem Laden auf sich hatte. Irgendeine Firma eben, wie man sie zuhauf sah. Aber weshalb existierten die eigentlich alle? Wozu dienten sie?

Leider wusste ich das im Falle ILM noch immer nicht so genau. Sie verkauften Trecker an Bauern, hatte Henri mir erzählt. So was Ähnliches wie ein Autohaus also? Außerdem stellten sie irgendwelche landwirtschaftlichen Maschinen her. Hinter dem Frontgebäude lagen Produktionshallen, die man aber von der Straße aus kaum sehen konnte. Und was lernte man da drinnen, wenn man die Ausbildung als Industriekaufmann machte? Was tat man dort den lieben, langen Tag? Vielleicht hätte ich mich doch gründlicher informieren sollen vor dem heutigen Termin.

Immerhin hatte ich die „Blätter zur Berufskunde“ von Herrn Krause gelesen, dem Kettenraucher bei der Berufsberatung. Vielmehr: Ich hatte versucht, die Dinger zu lesen, aber viel hängen geblieben war leider nicht. Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus – so lief es bei mir inzwischen mit allem, was nach Lernen roch, nach Information, Wissen. Ich kam nicht gegen die staubtrockenen, gähnend langweiligen Texte an; irgendeine innere Sperre weigerte sich, wegzugehen. Und jetzt hatte ich mal wieder keinen blassen Schimmer, was gleich abgehen würde. Notfalls musste ich halt rumlabern. Würde schon irgendwie werden, die ganze Chose.

Der Kragen zwackte – seit Ewigkeiten hatte ich kein Hemd angehabt. Darüber trug ich ein Sweatshirt – und sah jetzt aus wie ein Popper aus der Benetton-Werbung. Nix wie raus aus diesen Plünnen, sobald ich wieder nach Hause kam. Hoffentlich traf ich auf dem Rückweg keine Bekannten. Aber zum Glück wurde es bereits dunkel, es bestand also realistische Hoffnung, sich unbemerkt zurückschleichen zu können, wenn das Ding hier vorüber war.

„Herr Jansen, kommen Sie?“, drang plötzlich eine Stimme an mein Ohr. Ich schrak hoch – wieder mal hatte ich mich nicht angesprochen gefühlt. „Herr Jansen“ und „Sie“ – das passte so gar nicht zu mir, fühlte sich völlig fremd an.

Wir durchquerten einen dunkel getäfelten Flur, ähnlich denen im Hohenecker Großmarkt. Und wie damals fand ich die Atmosphäre von Arbeit und Betriebsamkeit wieder ziemlich einschüchternd. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, entschlossen und zielstrebig zu wirken, aber jetzt stolperte ich völlig verplant hinter der Empfangsdame her. Bis sie schließlich an einer geöffneten Tür stehenblieb und mir bedeutete, hineinzugehen. „Iversen – Geschäftsführung“ las ich beim Eintreten auf dem Schild neben dem Türrahmen.

Ein klobiger, dunkelbrauner Schreibtisch zog alle Blicke auf sich. Den Typen dahinter bemerkte man erst beim zweiten Hinsehen: ein etwas zu groß geratenes Jüngelchen mit Pickeln, Segelohren und dicker Hornbrille. Der Haarschnitt ließ an Schwarzweiß-Filme aus den 40ern denken oder an Otto Waalkes, wenn er den Pfarrer mimte: pomadisiert und streng nach hinten gekämmt. 'CDU-Landvolk', war mein erster Gedanke – darüber hatte ich neulich bei Jürgen einen Bericht im TV gesehen, anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl. Meine Güte, wenn die hier alle so waren, dann Mahlzeit!

„Iversen“, begrüßte mich der Typ und fuhr fort, in einem Haufen DINA4-Zetteln auf dem Schreibtisch zu blättern – es war meine Bewerbung! Als er das Zeugnis herauszog und stirnrunzelnd überflog, wurde mir leicht flau. Im Geiste sah ich all die Vieren und wenigen Dreien vor mir, die dort standen. Ob man das Ding für die nächsten Bewerbungen ein bisschen frisieren sollte? Oder war so was strafbar?

„Erzählen Sie mal“, begann das Jüngelchen, „was interessiert Sie an Landmaschinen?“ Obwohl eigentlich eine Frage, hatte der Satz etwas Aufforderndes, fast Befehlendes. Es war ein bisschen komisch, den Milchbubi in diesem Tonfall reden zu hören. Erst nach einer Weile kapierte ich, was er gesagt hatte: Interesse an Landmaschinen? Ich? Aber dann riss ich mich zusammen und begann zu schwallern, von Mähdreschern als Wunder der Technik und dergleichen.

„Was stellen Sie sich denn vor, was hier so passiert?“, unterbrach er meinen Redefluss. „Was machen wir den ganzen Tag?“

Meine Fresse, woher sollte ich das wissen? Ich hatte eigentlich gedacht, das würde er mir jetzt dramatisch eröffnen. Wieder leierte ich mir notgedrungen irgendwelches Zeugs aus der Nase, an das ich mich beim Rausgehen schon nicht mehr erinnerte. Vielleicht auch nicht erinnern wollte.

„Haben Sie denn Spaß daran, Sachen zu verkaufen? Ich mein, so eine Landmaschine ist ja kein Sack Kartoffeln. Die ist richtig teuer, da muss man die Leute schon zu ihrem Glück zwingen. Können Sie sich das vorstellen? Sind Sie der Typ für so etwas?“

Henri und seine Kumpels kamen mir in den Sinn, allesamt Dealer-Naturen, die ständig irgendwas vertickten, Preise verhandelten, neue Ware auftaten. Beim Gedanken, mit solchen Typen in einen Topf geschmissen zu werden, zog sich alles in mir zusammen. Aber es half nichts: Jetzt musste ich das miese Spiel mitspielen, andernfalls hätte ich mich bis auf die Knochen blamiert. Lebhaft nickte ich und bejahte die Frage: Klar konnte ich verhandeln, da lebte ich richtig auf, und ein guter Deal war wie ein Sieg. Ich konnte förmlich sehen, wie sich über mir die Balken bogen von der Lügerei. Na, Augen zu und durch, Hauptsache, das hier ging schnell vorbei.

Wieder hörte der Typ sich meinen Sermon nicht bis zum Ende an: „Schon mal selbst eine Landmaschine gesteuert?“, unterbrach er. „Einen Traktor oder einen Mähdrescher?“ Das musste ich leider verneinen – wie kam der auf so eine dämliche Frage?

Er grinste: „ Na ja, Trecker fahren – das macht man auch nicht mal eben so. Außer man kommt vielleicht aus der Landwirtschaft, aber das dürfte bei Ihnen nicht der Fall sein?“

Nee, ganz bestimmt nicht. Mittlerweile saß ich dort wie auf glühenden Kohlen – hoffentlich war seine Fragestunde bald zu Ende!

„Unsere Kundschaft ist ja sehr konservativ“, fuhr Iversen fort. „Will sagen: Ihren Bart müssten Sie sich schon wegnehmen, wenn Sie hier arbeiten wollen.“

Bart? Welchen Bart? Redete er von dem Flaum, der seit einiger Zeit unter meiner Nase spross? Daran sollte sich ernsthaft jemand stören? Und was sollte ich – mich rasieren? Extra für die Arbeit? Piepte der noch richtig? Aber es half nichts, wieder musste ich meinen Ärger runterschlucken und brav nicken – es war nur noch zum Kotzen.

Und er war noch nicht fertig: Nun begann er tatsächlich den Arbeitsalltag zu schildern, erzählte von Material, das eingekauft werden musste, Verhandlungen mit Zulieferern, Recherchen nach Rohstoffen und „Vorprodukten auf den Weltmärkten, Preiskalkulationen – es klang heftig. So gar nicht nach der übersichtlichen Schönhagener Welt. Das war der Job eines Industriekaufmanns? Mensch, ich hatte gedacht, dieses „Kaufmännische“ wäre eine entspannte Sache. Hatte Jürgen doch gesagt. „Entspannt“ – das klang für mich nach Akten wegsortieren, Zahlen in Tabellen eintragen, Rumlabern am Telefon. Lauter unkomplizierte Sachen, genau richtig für Leute, die ihre Ruhe haben wollten. Von wegen!

Als ich endlich wieder auf der Straße stand, fühlte ich mich wie gerädert. Ziemlich in die Hose gegangen war es, mein erstes Vorstellungsgespräch. Die Lehrstelle bei ILM konnte ich schon mal in den Wind schießen; im Leben würden die mich nicht nehmen.

Aber was, wenn doch? Wenn ich bald jeden Morgen hierher musste, fünf Tage die Woche, von montags bis freitags? Und vor Beginn der Erntezeit sogar samstags, wie Iversen eben noch erwähnt hatte, wohl um mir die Sache endgültig madig zu machen.

Auf einmal kam mir das ILM-Gebäude wie ein riesiger Fleischwolf vor, der einen täglich durch die Mangel drehte, immer wieder aufs Neue. Ich sah zu, dass ich wegkam. Ob ich je wieder so sorglos wie bisher durch die Bahnhofstraße würde latschen können?

 

***

 

Wieder ein Selbstmord! Diesmal in der Schule, sogar in meinem Jahrgang. Ein Typ namens Jens Kramer. Viel wusste ich nicht über ihn, eigentlich bloß, dass er wie ein Rabe bei Selçuk geklaut hatte, dem Kiosk in der Nähe unserer Penne. Der wurde jede Pause von hungrigen Schülern geflutet, die sich Naschkram kauften, Klatschbrötchen, Stullen. Auch Juliane und ich waren früher immer dort hingegangen, allerdings nicht zum Einkaufen, sondern zum Rauchen. Der Kiosk war einer der Orte, an denen ziemlich sicher nie Lehrer auftauchten. Wobei er auch außerhalb des Schulgeländes lag, das man offiziell nicht verlassen durfte.

Klauen bei Selçuk – unter den Schülern war das eine Art Sport, ein Wettstreit nach dem Motto 'Wer trägt am meisten aus dem Laden raus?'. Die Selçuks, ein türkisches Gastarbeiterpaar kurz vor der Rente, waren mit der Situation hoffnungslos überfordert und hatten längst kapituliert. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die Schüler, die sicher alle nicht aus armen Verhältnissen stammten, ihnen die Bude leer räumten, bloß aus Spaß. Eigentlich ziemlich daneben, das Ganze.

Jens hatte den zweifelhaften Titel des Oberklauers inne gehabt. Bis irgendwann Erkan ihn erwischte, der älteste Sohn, der seinen Eltern manchmal im Laden half. Erst gab 's wohl erst ein paar saftige Ohrfeigen, dann wurden die Bullen verständigt. Als mir die Story zu Ohren kam, konnte ich, ehrlich gesagt, eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen.

Jetzt gab es also keinen Jens mehr. Weshalb er wohl Schluss gemacht hatte? Und wie? Es war schwer, an Infos zu kommen, erst recht, wenn man nicht zum näheren Bekanntenkreis gehörte. Aber ich wollte auch nicht penetrant recherchieren und nachbohren, das hätte merkwürdig ausgesehen. Und so wichtig war es auch wieder nicht.

Eine Gedenkfeier in der Aula wurde angesetzt, an der alle teilzunehmen hatten. Es gab salbungsvolle Reden, auch Tränen flossen – es war wie im Film.

Passenderweise lief im Fernsehen gerade die Serie „Tod eines Schülers“. Jeder schaute sie, tags darauf gab es immer lebhafte Diskussionen im Oberstufenraum. Ich fand den Streifen eher dröge. In jeder Folge ging der Plot von vorn los, aus einer jeweils anderen Sicht: der seiner Mitschüler, der Lehrer, seiner Kumpels, der Freundin, der Eltern und so weiter. Grundsätzlich ja keine schlechte Idee, wenn alles authentischer gewesen wäre, näher dran an echten, lebenden Menschen, nicht so hölzern und pädagogisch.

Krass auch der Grund, weshalb der Typ sich schließlich das Leben nahm: Weil der Leistungsdruck in der Schule zu groß wurde, er auch die „Erwartungshaltung“ der anderen, seiner Eltern und Freunde, nicht mehr erfüllen konnte! Und wegen so was warf einer sich vor den Zug? Das kam mir völlig unglaubhaft und konstruiert vor.

Anscheinend kannten die Macher solcher Serien die Welt, in der wir lebten, überhaupt nicht. Es war ähnlich wie bei den Paukern in der Schule. Für letztere war der Steifen wohl auch gedacht. Jede Wette, dass der Sender Stapel von Arbeitsmaterialien für den Deutschunterricht bereithielt. Es sollten Gespräche geführt werden wie beim „Werther“, Pseudo-Diskussionen, an deren Ende der allwissende Lehrer die „richtige“ Lösung aus dem Hut zauberte. Und schließlich die Klausur, für die man dann die üblichen Satzhülsen runterleierte – gähn!

Ich hatte zuerst gehofft, dass man sich in der Figur des Schülers vielleicht wiedererkannte. Dass einem Fragen beantwortet wurden, zum Beispiel, woran es lag, wenn man einfach keine Hoffnung spürte, keinen Sinn. Wenn alles leer erschien und man sich fremd vorkam, komplett fehl am Platze. Aber Wiedererkennen oder gar Identifikation, mit einer Figur, einer Handlung – das war einfach nicht vorgesehen, weder in der Schule noch in „pädagogisch wertvollen“ Filmen und Serien. Kritische Distanz hieß das Gebot, Nähe verboten, Gefühle pfui.

Ganz ehrlich: Wer außer Robotern sollte damit etwas anfangen?

 

***

 

Auf meine Bewerbungen gab es mehr Resonanz als erwartet: Ich musste nach Schmölln, zum Einstellungstest bei Hoffmann & Co, einem bekannten Hersteller für Caravans und Wohnmobile. Das Logo hatte ich tatsächlich schon häufiger gesehen, in der TV-Werbung und auch auf Wohnwagen, am Schönhagener Strand oder auf dem Campingplatz hinterm Ferienzentrum. „Eine Top-Adresse“, meinte Henri neidisch – er hatte sich natürlich auch dort beworben. Ich konnte meinen Stolz nicht verhehlen: Schon die zweite Einladung, während er bisher in die Röhre guckte. Wenn das so weiterging, sollte es doch wohl ein Kinderspiel sein, diese dämliche Lehrstelle zu finden!

Was bei so einem Test wohl abging? Henri meinte, dafür gäbe es Bücher, ich solle mir am besten eins besorgen, schnellstmöglich. Aber für so was war ich zu faul, mal wieder. Es würde schon irgendwie klappen.

Jedenfalls erschien mir so ein Test, wie immer der aussah, allemal besser als ein Vorstellungsgespräch, unpersönlicher, allgemeiner. Dünnpfiff wie bei ILM, dass man unbedingt Sachen verticken wollte, musste man sich da bestimmt nicht aus der Nase leiern. Wer konnte schon ernsthaft Bock haben, Wohnwagen zu verkaufen, bitteschön? Ich selbst plante ja nicht mal, Führerschein zu machen. Wozu? Um mir einen Stinker zuzulegen und tatkräftig zum Treibhauseffekt beizutragen? Und ein Wohnwagen hinten dran machte die Sache garantiert nicht besser.

Weshalb bewarb man sich dann überhaupt bei einer Firma wie Hoffmann & Co? Aber so viel hatte ich längst kapiert: Wenn man bloß Unternehmen berücksichtigte, die was einigermaßen Interessantes zu bieten hatten – falls es so was überhaupt gab –, würde man nie eine Lehrstelle finden. Kategorien wie „interessant“ oder „erfüllend“ waren das Letzte, was bei der Jobsuche zählte.

Ein Test also – prima! Als ich in Schmölln aus dem Bus stieg und zu Fuß weiterlief, wurde mir trotzdem leicht unwohl: Wirklich ätzend, so gar nicht zu wissen, was einen gleich erwartete. Hätte ich bloß Henris Rat befolgt und dieses blöde Buch gekauft!

Das Firmengebäude wirkte unspektakulär: ein weißer, langgezogener Flachbau aus den 60ern, in dem man nicht das Hauptquartier eines weltweit bekannten Unternehmens vermutet hätte. Der Parkplatz davor dehnte sich wie die Landefläche eines gigantischen Raumschiffs – und war trotzdem völlig zugestellt mit Autos. Drinnen ein Tresen mit Empfangsdame, ähnlich wie bei ILM und dem Hohenecker Großmarkt. Neben einer Freitreppe ins Obergeschoss prangte ein großer Aufsteller: „Zum Test“. Nach dem Weg musste ich mich schon mal nicht erkundigen. Aber weshalb hatten sie so ein großes Schild aufgestellt? Mein ungutes Gefühl wurde noch größer – irgendwas war hier komisch…

Man hörte Stimmengemurmel, und ja: Es kam eindeutig von oben. Waren außer mir noch andere da? Ich zeigte der Tresendame meine Einladung und stieg die Stufen hoch. Oben traf mich fast der Schlag: Mindestens 40 Gestalten saßen dort an langen Tischreihen! Erst jetzt fiel bei mir allmählich der Groschen: Ja, ein Test war allgemeiner, unpersönlicher. Das hieß aber auch: Man konnte mehr Personen durchschleusen und schauen, was am Ende übrig blieb. Und ich Idiot hatte bis eben ernsthaft geglaubt, der einzige Eingeladene zu sein…

Verdattert schlich ich zu einem der wenigen noch freien Plätze. Wir befanden uns in einer Art Wintergarten, zu drei Seiten ging der Blick auf einen begrünten Innenhof. Ein Typ baute sich gerade vorn auf, der nicht viel anders aussah als neulich mein Gegenüber bei ILM: Brille, brave Frisur, Anzug – war das die Standard-Kluft bei Jobs im „Kaufmännischen“? Immerhin diesmal ein fetter Schnauzer – im Fall des Falles würde mir also das Rasieren erspart bleiben.

„Zunächst mal Herzlich willkommen und danke für Ihr reges Interesse!“, begann der Typ. „Unser Haus dürfte Ihnen allen ein Begriff sein. Als einer der größten Hersteller von Caravanen und Wohnmobilen sind wir ja bekannt und renommiert.“ Was wurde das jetzt für eine Selbstbeweihräucherung? Megapeinlich, so was!

Alle Bewerber bei Hoffmann & Co, erzählte uns der Autoverkäufer, müssten zunächst diesen Test absolvieren, erst danach begann die eigentliche Bewerberauswahl. Am Ende nahmen sie wohl bloß ein, zwei Leute. „Also, strengen Sie sich an“, meinte er grinsend.

Bewerberauswahl – dieses Wort ließ bei mir den nächsten Groschen fallen: Mit dem Test siebten sie aus, aber die Lehrstelle hatte man danach noch lange nicht in der Tasche. Dasselbe Prozedere wie bei ILM ging dann los, dieses Ausfragen und Begutachten, die Fleischbeschau, das Zu-Markte-Tragen der eigenen Haut. Von wegen Esay Going! Aber es wäre ja auch zu schön gewesen…

Falls wirklich das Unmögliche passierte und ich nach dem Test noch mal vorgeladen wurde, musste ich unbedingt ein paar Infos über den Laden auftreiben. Bloß nicht wieder so planlos dasitzen wie bei ILM! 'Welchen Bezug haben Sie denn zu Wohnwagen, Herr Jansen?', hörte ich den Autoverkäufer bereits fragen. 'Wohnwagen und Wohnmobile – mein Ein und alles', antwortete der Typ, der aussah wie ich, und der Schleim lief ihm aus dem Maul…

Der Test selbst war dann ein Witz: Multiple Choice, sogar bei den Rechenaufgaben. Man war mehr am Vergleichen der Lösungsvorschläge als am Nachdenken. Die Fragen zum Allgemeinwissen klangen teilweise wie Satire – zum Beispiel sollte man die korrekte Buchstabenkombination für den amerikanischen Geheimdienst nennen: „BND“, „FBI“, „BGS“ oder „CIA“? Krass auch der Bereich Rechtschreibung: Bei einer Aufgabe hatte man die Wahl zwischen „Kleinvieh macht auch Mist“, „Kleinvieh macht auch Misst“ und „Kleinfieh macht auch Mist“ – konnte ernsthaft jemand Probleme mit so etwas haben?

Obwohl – als ich einen Blick in die Runde warf, erschien mir das durchaus denkbar: Die meisten meiner Mitstreiter wirkten nicht besonders helle, offen gestanden. Zum ersten Mal seit der Entscheidung, die Schule zu schmeißen, beschlich mich ein ungutes Gefühl: Ob so eine Lehre wirklich das Richtige für mich war?

Aber – diese Frage stellte sich überhaupt nicht, denn so viel war klar: Es gab schlicht keine Alternative.

 

***


Nachmittags saß ich am Klappschreibtisch und paukte für die morgige Geschichtsklausur. Meine beiden Leistungskurse, Englisch und Geschichte, gehörten zu den raren Fächern, die noch Punkte brachten. Zwar bloß ein paar, aber die hatten meinen Notendurchschnitt knapp über die Ziellinie gehievt, sprich: über die 5-Punkte-Grenze. Ansonsten wäre es wohl schon im Januar zum Eklat gekommen, und sie hätten mich hochkant gefeuert aus ihrem tollen Wilhelm-Gymnasium. Dann wäre Essig gewesen mit der momentanen Ruhe und Gemütlichkeit. Die Leistungskurse verschafften mir also etwas wie eine Gnadenfrist. Da lohnte es schon, sich wenigstens vor den Klausuren hinzusetzen und den Stoff zu bimsen – auch wenn es brutal nervte.

Bei ausgeklapptem Schreibtisch konnte man sich kaum rühren, ohne irgendwo anzustoßen, so winzig war der Raum. Beim Einzug hatten sie meine Sachen kaum unterbekommen in diesem Schuhkarton von Zimmer. Aber eigentlich passte die Einrichtung eh nicht mehr zu mir, ich war längst zu alt für dieses Jugendzimmer in Kiefer-Furnier. Henri hatte den fälligen Tapetenwechsel längst vollzogen, sich nach dem Umzug seine schicke Wohnzimmer-Landschaft zugelegt. Wobei er auch das nötige Kleingeld besaß, durch seine ständige Werkelei für Klaus und andere. Ich dagegen war arm wie eine Kirchenmaus – woher hätte ich Kröten für neue Möbel nehmen sollen? | Aber vielleicht würde ich eh bald ausziehen und dieses ganze Zeugs rauswerfen. Wobei ich mir noch nicht recht vorstellen konnte, demnächst eine eigene Bude zu haben…

Gerade ärgerte ich mich mit Investiturstreit und Heinrichs Bußgang nach Canossa herum, als es klopfte und Klaus hereinkam. Er blieb an der Tür stehen und räusperte sich hörbar. Auch ohne hinzuschauen merkte man sofort, dass irgendwas los war. Mein Blick klebte plötzlich an der Schreibtischplatte; ich versuchte mich zu konzentrieren, was natürlich nicht klappte.

„Kann ich mal kurz mit dir reden, Hauke?“

Okay, jetzt kam irgendeine Ansage. Ich atmete durch und drehte mich zu ihm. Seine ernste, sogar leicht finstere Miene ließ nichts Gutes erahnen.

„Ich hab gehört, dass du die Schule abbrechen und ne Ausbildung anfangen willst.“

Henri – er hatte es ihnen doch erzählt, dieser Idiot!

„Und wenn?“ Am besten checkte ich erst mal ab, wie viel Klaus überhaupt wusste.

„Hast du dir das gut überlegt?“, fragte er, und seine Stimme wurde ziemlich eindringlich. „Ich glaube, du machst da wirklich einen Fehler.“

„Wieso?“, fragte ich treudoof zurück.

„Du solltest unbedingt Abitur machen. Berufsausbildung – das passt überhaupt nicht zu dir.“

Jetzt wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Art Gespräch zu führen, die ich mir eigentlich von der Berufsberatung erhofft hatte. Über meine Wünsche, Vorstellungen und so. Vielleicht auch darüber, was in der Schule so krass verkehrt lief. Weshalb es dort so gar nicht mehr funktionierte. Vielleicht gab es ja sogar – bei diesem Gedanken machte mein Herz einen kleinen Sprung – irgendeine coole Alternative

Ja, es wäre eine gute Gelegenheit gewesen. Aber nicht bei Klaus. Nicht mehr.

Seine Scheidung war ja mittlerweile durch, er durfte seine Kinder regelmäßig sehen. Der fünfjährige Sohn, Jan, wohnte sogar jedes zweite Wochenende bei uns. Alles lief im Grunde wie von ihm erhofft, und doch war Klaus nicht mehr der Alte. Ständig kam er blau nach Hause, weil er mal wieder mit Jimmy gezecht hatte, dem Hausmeister in der Nordstadt-Klinik. Auch ließ er sich immer derber von Muttern herumkommandieren, hatte ihr überhaupt nichts mehr entgegenzusetzen. Vor allem aber war ich sauer, dass er uns zu sich in den blöden Bungalow gelotst hatte, anstatt mit seinen paar Klamotten in unser altes Haus in Schönhagen einzuziehen. Seitdem hatte ich ein gestörtes Verhältnis zu ihm. Gar nichts würde ich dem Typen mehr anvertrauen.

„Ich weiß schon, was ich mache“, antwortete ich so entschlossen wie möglich und drehte mich demonstrativ wieder zum Schreibtisch. Aber eigentlich fühlte ich mich zum Heulen. Wie gut es getan hätte, endlich mal mit jemandem quatschen zu können. Jetzt stand dort tatsächlich einer, und schon wieder durfte man keine Unsicherheit zeigen, sich keine Blöße geben. Was, wenn möglicherweise doch ein Ausweg existierte aus dieser verfahrenen Situation, eine abgemilderte Lösung, irgendwas zwischen den beiden Extremen Maloche und Schule? Sah ganz so aus, als würde ich nie davon erfahren…

„Da kann man wohl nichts machen“, meinte Klaus. Ich hörte, dass er zögerte. Hoffte er, dass ich noch einlenken würde?

Mein Gott, hau endlich ab!, dachte ich und wünschte mir gleichzeitig das Gegenteil: Dass Klaus wieder wie früher wäre, dass es die letzten Monate nicht gegeben hätte. Dass man in der Schönhagener Küche zusammensaß, er auf der Holzbank, ich auf dem Stuhl gegenüber, wir uns ein Bier aufmachten und laberten, von Mann zu Mann.

Aber es ging nicht.

„Alles klar“, seufzte er. „Aber falls du falls du Unterstützung bei irgendwas brauchst, sag Bescheid, okay?“

Ich nickte und stierte aus dem Fenster. Als die Tür hinter mir zuklappte, hatte ich Tränen in den Augen.

 

***

 

Abends brachte ich zwei weitere Bewerbungen zum Briefkasten. Trotz des elend langen Büffelns hatte ich sie noch geschrieben – nach der Szene mit Klaus war sozusagen neuer Widerstand in mir aufgeflammt. Es musste einfach klappen mit dieser elenden Lehrstelle! Dann konnte ich bald von hier verduften, alles hinter mir lassen.

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