Uwe Fuchs

Labyrinth ins Dunkel (Von Außerhalb II)

INHALT: Nach seinem Breakdown versucht Hauke, wieder ins Gleis zu bekommen. Er findet neuen Anschluss in Schönhagen und macht sich wie vorgenommen - auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Aber weshalb hadert er so mit seiner Entscheidung gegen die Schule und für die Arbeitswelt? Und diese merkwürdige innere Leere  weshalb will die partout nicht verschwinden, trotz der vielen neuen Eindrücke? Wie schon im ersten Teil des Buches erlebt Hauke eine Achterbahnfahrt der Gefühle, einen permanenten Wechsel zwischen Himmelhoch-jauchzend und Zu-Tode-betrübt. Wohin wird ihn das am Ende führen? 


 

Das stilisierte, leuchtend rote „A“ war weithin zu sehen. Eigentlich hatten wir bald Mittag, aber das Zwielicht ließ es wie frühmorgens aussehen. Seit Wochen hielt dieses komische Wetter schon an: dämmriger Himmel, Plusgrade, manchmal sogar zweistellig, dazu ständig Regen. Schneien tat es bei diesen Temperaturen natürlich nie, überhaupt war von Winter nicht das Geringste zu spüren, dabei hatten wir schon Ende Februar. In ein paar Wochen war Frühlingsanfang, kurz darauf Sommerzeitumstellung, kaum zu glauben.

Was einen da drinnen wohl erwartete? Spulten sie bloß ihr Standardprogramm ab oder gaben sie sich ein bisschen Mühe? Versuchten sie den Menschen zu verstehen, den sie vor sich hatten? Wendeten sie ein spezielles Verfahren an, eine besondere Technik, irgendein Wunderding, mit dem sie herausfanden, wohin die Reise gehen sollte?

Mit Jürgen über dieses Thema zu reden brachte nicht viel, da kamen immer bloß Sätze wie „finde was, wo du morgen nicht wieder gefeuert wirst“ oder „Sicherheit ist das Wichtigste“ und so weiter. Aber reichte das? Waren das wirklich die Punkte, auf die es ankam? Was, wenn die ganze Chose keinen Bock brachte? Wenn man sich bloß langweilte? Allein der Gedanke war purer Horror. Bei so einer Entscheidung ging es ja wohl um mehr als nur Sicherheit oder Moneten. Es musste Spaß bringen, zu einem passen, zu den eigenen Fähigkeiten und Talenten.

Bloß – was waren mein Fähigkeiten und Talente? Was konnte ich, was traute ich mir zu, was „erfüllte“ mich? Dieses Wort, vorher bloß in Büchern gelesen, wurde nun plötzlich sehr wichtig, sehr relevant. Trotz des schleimigen Klangs schien es die Sache doch auf den Punkt zu bringen. Leider hatte ich null Plan, was mich „erfüllte“. Weder war ich handwerklich begabt noch wollte ich anderen Leuten irgendwelche Sachen aufschwatzen, wie Henri. Meine künstlerischen Gaben gingen gegen null, und der Gedanke, was „Soziales“ zu machen, also irgendwas mit Kindern, Alten, Behinderten oder Gestörten, ließ mich schaudern. Hoffentlich hatten sie eine Art Persönlichkeitstest in petto, für die ganze harten Fälle. Ansonsten konnte ich eigentlich gleich umdrehen und nach Schönhagen zurückfahren.

Meine Güte, wenn man sich das Gebäude anschaute – schmuckloser ging es ja wohl kaum, dazu stand der Würfel noch in diesem tristen Gewerbegebiet… das ließ eigentlich nichts Gutes erahnen. Hoffentlich täuschte ich mich! Es wäre so wichtig gewesen, endlich mal mit jemandem zu reden, der einem helfen konnte, die Spur wiederzufinden. Oder besser: überhaupt eine zu finden. Die ganzen Jahre hatte ich einfach alles laufen lassen, mich im Fall des Falles allein durchgeboxt. Aber eigentlich wollte ich das nicht mehr: draußen stehen, isoliert sein, sich fremd fühlen. Ich wollte endlich mal dazugehören, Teil von etwas sein. Nur wovon? Und wie erreichte man das? Das würden sie mir da drinnen hoffentlich gleich verklickern. Und genau deshalb war dieser Termin so verdammt wichtig, mein ganzes Leben konnte sich dadurch drehen.

Die Eingangstür aufzuziehen glich einer Kraftübung – das Teil wog mindestens 100 Kilo. Sollten auf diese Weise gleich ein paar Leute aussortiert werden, zum Beispiel die Unentschlossenen? Drinnen schlug mir ein Geruch nach Kunststoff und Putzmitteln entgegen. Nirgends Menschen, lähmende Stille klebte in der Luft. Die riesige Infotafel im Foyer war über und über bedeckt mit seltsamen Bezeichnungen und kryptischen Kürzeln: „A17 Leistungsabteilung“, „C27 Kurzarbeitergeld“, „U05 Arbeitsvermittlung“ und so weiter. Endlich fand ich, wonach ich suchte: „D31 Berufsberatung“.

Im Fahrstuhl wurde mein ungutes Gefühl noch schlimmer. Ausgerechnet hier, in dieser staubtrockenen Behörde, sollten Träume Wirklichkeit werden, sich die Weichen in eine bessere Zukunft stellen? Das erschien mir plötzlich mehr als unwahrscheinlich. Lieber wieder abhauen? Noch konnte ich, noch wusste keine Sau von meinem Vorhaben, weder Muttern noch Klaus, und schon gar nicht die Plaudertasche Henri. Das Einladungsschreiben zum heutigen Termin hatte ich rechtzeitig aus dem Kasten gefischt, bevor jemand aus der lieben Familie es fand.

Der Fahrstuhl hielt, die Tür glitt mit einem 'Pling' zurück. Von der Decke hing ein Schild mit einer großen „3“ herab – dritte Etage. Okay, zu spät. Jetzt mussten die Dinge ihren Lauf nehmen…

Vor mir lag ein Flur, endlos und genauso leergefegt wie das Foyer im Erdgeschoss. Beim Gehen knisterte es unaufhörlich unter meinen Turnschuhen, wahrscheinlich von dem fiesen Kunststoff-Teppich. Oder hing es mit der Anspannung zusammen? War ich dadurch besonders stark elektrisch geladen? Bode, unser alter Mathe- und Physikpauker, hätte garantiert irgendeine Formel gewusst, um das Phänomen zu beschreiben. Wäre man doch so schlau wie dieser Typ gewesen, dann hätte man jetzt ganz sicher nicht hier herumschleichen müssen…

Ich zog die Einladung heraus: Raum 27, das musste da vorn sein. In diesem Moment sprang die Digitalanzeige an der Wand auf 11:00 – ich war pünktlich wie die Maurer.

Zaghaft pochte ich an die kieselgraue Tür – keine Reaktion. Nächster Versuch, diesmal energischer – prompt kam von drinnen ein lautes „Ja!“. Die rote Kunststoff-Klinke bog sich beim Runterdrücken gefährlich durch. Man dachte ernsthaft, sie würde abbrechen, was sie zum Glück nicht tat. Die Tür sprang auf – und ich trat in ein völlig vernebeltes Büro. Der Aschenbecher auf dem Schreibtisch lief über, den Typen auf der anderen Seite erkannte man vor Qualm fast nicht. Eigentlich fast wie in meinem Zimmer, aber hier wirkte es völlig deplatziert. Immerhin konnte man das Namensschild neben der Schreibtischlampe lesen: „Herr Asmussen – Berufsberatung“. Na denn!

Dieser Herr Asmussen hätte glatt ein Kumpel vom Langen Udo sein können: ähnliches Alter, grau-melierte Haare, verwaschene Jeans. Dazu eine John-Lennon-Brille, wie viele Alt-Hippies sie trugen, mit runden Gläsern und goldener Metallfassung. Sofort ins Auge fiel seine derb schlechte Haltung: krummer Rücken, hängende Schultern, Plauze – der bewegte sich anscheinend gar nicht mehr! Undeutlich kam mir ein 100-Meter-Sprint in den Sinn, letztes Jahr im Sportunterricht. Ob ich später auch so ausgesehen hätte wie dieser Typ, wenn ich weiterhin so lahm geblieben wäre?

„Setzen Sie sich.“ Der Alt-Hippie wies auf die andere Seite des Schreibtischs. Zwischen seinen nikotingelben Fingern glomm bereits die nächste Fluppe.

An dieses komische „Sie“ konnte ich mich einfach nicht gewöhnen. Begonnen hatte es in der Oberstufe: Plötzlich sprachen alle Lehrer uns so an, selbst die, die man noch aus der Mittelstufe kannte, zum Beispiel unser alter Chemie-Pauker.

„Okay, Berufsberatung“, begann Herr Asmussen. „Was hatten Sie sich denn vorgestellt? In welche Richtung soll 's gehen?“

Häh? Ich hatte eigentlich gedacht, das käme erst später. Nachdem ich erzählt hatte, wer ich war, womit ich mir die Zeit vertrieb und dergleichen. Mit diesen Informationen packte er zunächst eine Wundertüte voll großartiger Berufsvorschläge, die mir den Mund wässrig machten. Und erst danach würde ich loslegen. Nee, anscheinend funktionierte es genau umgekehrt: Ich sollte sagen, was ich machen wollte. Bloß – wozu war ich dann überhaupt hier?

„Äh, vielleicht was Kaufmännisches?“, druckste ich herum, leicht gefrustet über den unguten Start. 'Kaufmännisch' – das war bisher meine einzige Begegnung mit der Arbeitswelt gewesen, über Jürgen. Aber was genau die da eigentlich taten im Hohenecker Großmarkt, konnte ich mir wenig bis gar nicht vorstellen. Bloß Jürgens Worte waren mir im Ohr geblieben: 'Man arbeitet sich nicht tot' und 'Am Monatsende gibt’s Geld'.

Mein Verdacht mit dem Bewegungsmangel bestätigte sich dann noch: Als dieser Asmussen ein paar Broschüren für mich holen wollte,stand er nicht etwa auf, sondern rollerte allen Ernstes auf seinem Bürostuhl rückwärts zum entsprechenden Schrank. Dessen obere Regale waren, soweit ich es im Nebel erkannte, so gut wie leer – na ja, sonst hätte er sich womöglich erheben müssen.

Als ich die Räucherstube von Büro verließ, verließ, brannte ein Gefühl herber Enttäuschung in meiner Magengrube. So viel hatte ich mir erhofft von diesem Gespräch, aber außer den besagten Broschüren, von Herrn Asmussen unter großen Mühen aus dem Schrank gekramt, nahm ich nichts mit.

Es waren „Blätter zur Berufskunde“, wie ich im Fahrstuhl abwärts las, dazu ein Ratgeber mit „Tipps zur erfolgreichen Bewerbung“ und ein Formular für einen „Antrag auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)“, was immer das sein sollte. Im Bus nach Schönhagen kämpfte ich mich durch die Berufsbeschreibungen für den Groß- und Außenhandelskaufmann, den Industriekaufmann und auch den Speditionskaufmann. Was taten die so? Irgendwas mit Einkaufen und Verkaufen und Preise kalkulieren und so. Auch von „Buchführung“ war die Rede, worunter ich mir nicht viel vorstellen konnte. Aber besonders spannend klang das alles nicht, wenn ich ehrlich war.

Und noch etwas fiel mir auf: Was wir in der Schule lernten, hatte anscheinend nicht das Geringste mit dem Arbeitsleben zu tun; es gab schlicht keine Überschneidungen. Ich würde eine völlig fremde Welt betreten, eine Welt, auf die ich null vorbereitet war. Konnte das gutgehen?

Nur – welche Möglichkeiten blieben mir? Sollte ich doch mit der Schule weitermachen, das Jahr wiederholen? Vielleicht auf dem Schmöllner Gymnasium, nach dem Motto: neue Anstalt, neues Glück? Aber das hätte bedeutet: Hinsetzen und Pauken, ähnlich wie damals am KBZ. Dass ich das noch mal stemmen würde, glaubte ich nicht. Aber selbst wenn: In jedem Fall hätte ich weitere drei Jahre die Hand aufhalten müssen. Meine Fresse, mittlerweile war ich 18, wie lange sollte die ganze Veranstaltung denn noch dauern? Und wenn's wieder schiefging, womit zu rechnen war?

Nein, es wurde Zeit, endlich auf eigenen Beinen zu stehen. Ich musste einen Schlussstrich ziehen, auch wenn es weh tat. Es gab einfach keine andere Möglichkeit mehr, Ende der Diskussion.

 

***

 

Abends stattete ich Ole einen Besuch ab. Wie Bernd hatte er die komplette Dachetage für sich, inklusive eigenem Bad. Ich erzählte von meinem heutigen, enttäuschenden Erlebnis in Eckhorst. „Hör auf!“, schimpfte er und winkte ab. „Den Laden kannst Du vergessen. Alles Trantüten.“ Er lernte ebenfalls schon, irgendwas mit Elektronik. Anschließend wollte er ein „duales Studium“ machen und war dann eine Art Ingenieur, ähnlich wie der Lange Udo.

Wobei wir kaum über seinen Job redeten – bei Ole gab es wichtigere Themen. Seit seiner Party sahen wir uns häufiger. Irgendwie mochte ich ihn, trotz seiner coolen Tour, den ständigen Sprüchen. Mit denen hielt er die Leute auf Abstand, so viel hatte ich bereits gecheckt. Man kam nie richtig an ihn ran, wusste letztlich nicht, wie er wirklich tickte. Aber die Themen, die er anschnitt, die Fragen, die er stellte, die Antworten, die er selbst auf Fragen gab – es machte einfach Spaß. Meistens quatschten wir über Allgemeines, die Gesellschaft, die Hausbesetzer-Szene oder den Polizeistaat, die wachsenden Umweltprobleme, den Treibhauseffekt. Manchmal ging es auch um Historisches, die Nazis oder die deutsche Teilung. Oder wir laberten über Bücher, Klassiker wie Hesses „Steppenwolf“, den „Fänger im Roggen“ und sogar den „Werther“ von Goethe.

Letzterer war im Herbst in meinem Deutsch-Grundkurs verhackstückt worden. Das Reclam-Heftchen hatte ich mir seinerzeit zwar gekauft, aber nicht gelesen, aus akutem Mangel an Bock. Die Klausur war mit fünf Punkten trotzdem glimpflich ausgegangen, dank des Standard-Geschwallers, das auf alles passte. In den Weihnachtsferien hatte ich dann, weshalb auch immer, das gelbe Bändchen doch zur Hand genommen – und mich prompt festgelesen. Werthers Begeisterung für die Natur, seine ausgedehnten Wanderungen, sein Schwelgen in Impressionen, die tiefen Gefühle für Lotte und das Festhalten an seiner Liebe zu ihr, obwohl es aussichtslos war, wegen des Standesunterschieds – das alles hatte mich schlicht umgehauen! Die altmodische Sprache war völlig egal gewesen. Vielleicht hatte gerade sie dem Ganzen sogar etwas Besonderes verliehen, etwas Ungewöhnliches. Irre jedenfalls, dass ein derart altes Buch noch immer so eine Wirkung entfalten konnte! 

Spaßeshalber hatte ich mir anschließend die Aufzeichnungen aus dem Deutschkurs noch mal angeschaut – und war jetzt doppelt froh über meinen damaligen Boykott: Dieses ganze Analytische, Kopflastige, Staubtrockene – was hatte das mit Werther zu tun, seinen Eindrücken und Empfindungen beim Wandern, beim Erleben der Jahreszeiten, der Natur allgemein? Überhaupt – wie sollte man in dieser blutleeren Penne eigentlich über etwas reden wie Gefühle, Verliebtsein, Leidenschaft? Schule und ich waren wirklich Lichtjahre voneinander entfernt. Gründlich vermiest hätten die mir das Buch.

Zum Glück konnte man mit Ole super über solche Themen quatschen. Wir laberten einfach drauf los, ließen unseren Gedanken freien Lauf, trotzdem wurde es nie peinlich und klischeehaft. Okay, so gut wie nie; manchmal wurden wir doch etwas sentimental. Aber warum auch nicht? Was war schlimm daran? Weshalb war etwas wie Kitsch in der Schule so absolut tabu? Weshalb durfte man etwas nicht einfach bloß schön finden? Mir wollte das nicht in den Kopf. 

Ein Glück auch, dass ich im Januar auf Oles Party gegangen war, anstatt meinem Fluchtinstinkt nachzugeben. Aber es war ein harter Kampf gewesen, ein bisschen wie kalter Entzug. Schon Tage vorher hatte ich regelrechte Angstattacken bekommen. Am Nachmittag des großen Ereignisses hatte ich mir dann in Neuschönhagen ernsthaft im frisch eröffneten Edeka-Markt einen Flachmann gekauft. An der Kasse glotzten die Leute mich an, als läge ein Packen Koks auf dem Band, aber das ignorierte ich – hier kannte mich eh keine Sau. Vorm Losfahren hatte ich mir dann fröhlich einen gezwitschert.

Trotzdem war die erste Stunde auf der Party schlimm gewesen, ich hatte richtig gelitten. So viele Menschen auf einem Haufen… dabei kannte ich die meisten von früher: Micha, Alex, Bernd und Heiner. Alle saßen auf Matratzen, wie in Bernds Dachetage oder bei Micha im Keller.

Auch Schohl war gekommen und hatte seine Freundin mitgebracht, Franziska. Sie war eigentlich älteres Semester und früher in der Alten Mühle immer ziemlich aufgefallen: lange, schlanke Beine, freches Gesicht, dunkles Haar und fast schwarze Augen, ähnlich wie Kristina, schon damals sehr stylish, mit Ohrringen und Lippenstift. Einen wie Schohl hätte sie vermutlich als Jüngelchen abgetan, aber jetzt passten die beiden perfekt zusammen, der Altersunterschied fiel rein gar nicht mehr ins Auge.

Alex hatte sich ebenfalls erstaunlich gemacht: Die alte Kunstlederjacke war ausgetauscht gegen einen schwarzen, verdammt cool aussehenden Blouson, das Haar gegelt und stramm nach hinten gelegt. Dazu sah man am linken Ohrläppchen ein silbernes Kreuz baumeln. Der frühere Hänfling Alex erinnerte plötzlich eher an einen Popstar, den Sänger von Human League zum Beispiel. Auch Micha wirkte verändert: Zwar trug er sein Haar noch immer vorne kurz, hinten lang, aber zumindest wusch er sich die Zotteln inzwischen. Auch klamottentechnisch wirkte er jetzt ziemlich propper: helle Röhrenjeans mit breitem, schwarzen Gürtel, weißes Hemd, darüber eine teuer aussehende, schwarze Lederjacke mit Fellkragen.

Kristina war noch schöner geworden als früher, ihre Haut noch dunkler, ihre Augen noch schwärzer und glänzender. Als sie mich sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, das bei mir einen mittleren Gefühlsorkan auslöste. Sie kam und fragte, wie es mir ging, was ich trieb. Sie selbst hatte im letzten Sommer die Schule abgebrochen, machte seitdem eine Friseurinnenausbildung. Vom Gymnasium zur Haarschneiderin – für mich klang das nach Abstieg, aber sie sah es völlig entspannt. „Sobald ich damit fertig bin, hau ich ab in die Stadt und mach was mit Medien.“

Mühsam rang ich mich dazu durch, von meinen eigenen Jobplänen zu berichten. „Kann ich mir bei dir nicht vorstellen, ehrlich gesagt“, erwiderte sie skeptisch. Da ging es ihr ähnlich wie mir selbst. Während des Quatschens rückte sie immer näher heran, wischte mir manchmal über den Arm, wie um das Gesagte zu unterstreichen. Eigentlich ihre typische Art, trotzdem wurde mir bei diesen Berührungen immer ziemlich schwummrig. Von da an war das Eis gebrochen, ich kam jetzt fast automatisch in die Gespräche rein, die sich ringsum entwickelten.

Silkes optische Wandlung zum Filmstar hatte sich noch weiter fortgesetzt. Früher war sie ja immer Kristinas kleine Schwester gewesen, aber mittlerweile schien sie, obwohl erst 15, manchmal fast die Ältere. Den ganzen Abend über wurde sie regelrecht belagert von heimlichen oder offenen Verehrern. Jürgen konnte einem fast leid tun – aber neben dieser neuen, schönen Silke wirkt er tatsächlich etwas deplatziert, ein bisschen wie der ältere, spießige Bruder oder der langweilige Papa.

Aber man sah auch viele unbekannte Gesichter, meist Leute von Oles alter Schule, dem Schmöllner Gymnasium. Sie wirkten fremd auf mich, wie aus besseren Kreisen, klüger, selbstbewusster, mit deutlich weiterem Horizont, als ich es kannte. Immer wieder wurde über Reisen in ferne Länder gequatscht, einige hatten bereits im Ausland gelebt, Austauschjahre in den USA oder Großbritannien absolviert. Aus einer Ecke hörte man amerikanisches Englisch, eine Gastschülerin aus Kanada gehörte zu dem Grüppchen, das dort zusammensaß. Ein anderer Typ sah südländisch aus, sprach aber akzentfreies Deutsch und wirkte überhaupt super-intelligent. Sein Vater stammte, wie ich später erfuhr, aus dem arabischen Teil von Israel und war wohl eine internationale Koryphäe auf dem Gebiet der Medizin. Ob diese Leute auf dem Schmöllner Gymnasium das gängige Niveau waren? Vielleicht ganz gut, dass ich nicht dorthin, sondern ans vergleichsweise provinzielle, biedere Wilhelm-Gymnasium gekommen war, das passte definitiv besser zu mir…

Einen Typen, Ralf, fand ich besonders interessant. Er war irgendwas zwischen Punk und Öko: Kurzes Haar, schwarze, enge Klamotten, aber zugleich Zauselbart plus John-Lennon-Brille. Von der Art her wirkte er wie die moderne Version eines Sozialarbeiters, hätte glatt in der Alten Mühle anfangen können. Tatsächlich kam man superleicht mit ihm ins Gespräch, und seine Zugänglichkeit wirkte null gespielt. Dafür waren seine Kommentare zu politischen Themen umso ätzender und fieser – hier passte die Punk-Frisur wie die Faust aufs Auge. Mir imponierte diese seltsame Mischung. Ob das auch ein Weg für mich sein konnte? Ich wollte ja unbedingt neu anfangen, aber die Richtung war mir noch immer unklar. Vielleicht sollte man diesen Ralf ein bisschen im Auge behalten. Sehr günstig jedenfalls, dass er ebenfalls in Neuschönhagen wohnte.

Bis zur Zehnten war er ebenfalls aufs Schmöllner Gymnasium gegangen, aber inzwischen lernte er Industriekaufmann im Hohenecker Großmarkt, wie Jürgen. Allerdings war er schon im zweiten Ausbildungsjahr. Die beiden verstanden sich wohl nicht allzu gut – kein Wunder, schon ihre äußere Erscheinung hätte kaum unterschiedlicher sein können.

Ein Thema, das an diesem Abend immer wieder aufkam, war der kürzliche Selbstmord eines Typen namens Krause. Er war von einem der Türme des Ferienzentrums gesprungen, aus dem 32. Stock in die Tiefe. Die meisten hatten ihn wohl gekannt und wirkten noch immer ziemlich geschockt. Niemand hatte mit dieser Tat gerechnet, alle rangen um Erklärungen.

Bei mir lösten diese Gespräche ein etwas zwiespältiges Gefühl aus: Ehrfurcht. Da hatte es wirklich einer durchgezogen, während ich bloß darüber nachdachte und schließlich kniff. Dieser Krause hatte sich mit seiner Aktion sozusagen verewigt, ins allgemeine Bewusstsein eingebrannt – obwohl er gar nicht mehr existierte. Alle Leute sprachen jetzt über ihn, man würde ihn niemals mehr vergessen. 

Ich selbst hatte ja im letzten Herbst diese Medikamente gebunkert, mich auch informiert, was die Einnahme anging und so weiter. Aber war es mir wirklich ernst gewesen mit dem Abflug? Ging es mir beim Thema Selbstmord nicht eher um die Außenwirkung, die man damit erzielen konnte? Der Schock bei den anderen, ihre Fassungslosigkeit, dem Gefühl von Verlust – wie man jetzt bei diesem Krause sehen konnte? Eigentlich hing ich viel zu sehr am Leben, um es vorzeitig zu beenden, das ahnte ich. Aber wenn ich mir so ein Suizid-Drama vorstellte, mit mir selbst in der Hauptrolle, überkam mich jedes Mal ein Gefühl von Wichtigkeit. Wichtigkeit, wie ich sie im realen Leben nie besessen hatte und nie besitzen würde. Ein bisschen armselig war es ja schon, dieses Winseln nach Aufmerksamkeit, das konnte ich innerlich nicht verhehlen… 

Um kurz nach fünf stellte ich plötzlich fest, dass ich einer der letzten Gäste auf Oles Party war. Und noch immer fühlte ich mich äußerst klar im Kopf, vermutlich, weil ich nicht zu viel getrunken hatte, strikt bei Bier geblieben war. Als ich schließlich auf dem Drahtesel saß und bei sternenklarer Nacht gen Heimat fuhr, schien es mir, als hätte ich an diesem Abend den Sprung zurück geschafft. Ich war wieder auf der anderen Seite – endlich!

War es und dann doch wieder nicht so recht, wie ich bald merken sollte. Immer wieder kam die alte Angst hoch, packte mich diese kaum zu überwindende Unlust auf Gesellschaft – selbst, wenn es sich bloß um ein oder zwei Leute handelte. Plötzlich erschien mir meine Isolation sehr komfortabel, bedeutend angenehmer jedenfalls als der zu erwartende Stress während eines Treffens. Wenn ich mich dann doch aufraffte, musste ich die ganze Zeit gegen einen starken Sog ankämpfen, der mich in mein stilles, einsames Zimmerchen zurückzog.

Wirklich weg bekam ich dieses Gefühl nie, aber zumindest nahm es allmählich ab.

Eines aber blieb seit Oles Party immer gleich: Sobald ich mich endlich locker gemacht hatte, war es einfach bloß cool. Ich genoss die Nähe der anderen, manchmal war es fast wie ein Rausch – vor allem natürlich, wenn Mädchen dabei waren. Und der Gedanke, jetzt allein in Neuschönhagen dahinzudämmern, erschien mir dann nur furchtbar.

 

***

 

Die Aufbruchstimmung setzte sich in der Schule fort. Jetzt, wo das Ende nahte, spielte ich wie befreit auf, konnte plötzlich super mit Leuten, die mich im ersten Halbjahr noch konsequent ignoriert hatten. Auf einmal war ich sichtbar geworden, mehr noch: gehörte zum inneren Zirkel, zum Kreis der wichtigen Personen im Oberstufenraum, um den sich die restlichen Leute wie Statisten gruppierten. Und das alles, ohne es bewusst darauf angelegt zu haben, wie von Geisterhand.

Wichtige Personen wie Beispiel Anna: Völlig entspannte laberte ich mit ihr von gleich zu gleich, als wäre sie eine alte Bekannte. Passé die Zeiten, da sie unerreichbar schien, ein zauberhaftes Wesen aus einer anderen Dimension. Okay, erleichternd kam hinzu, dass Anna mit ihrer jetzigen Frisur einfach nicht mehr so atemberaubend schön aussah wie früher. Die blöde Dauerwelle hatte sie zum Glück schnell wieder ad acta gelegt, sich stattdessen einen leicht emanzenhaften Kurzhaarschnitt verpassen lassen. Jetzt war die Veränderung nicht mehr krass und niederschmetternd, sondern bloß noch ernüchternd. Aber genau diese Ernüchterung machte alles leichter.

Auch zu Juliane, obwohl noch immer mit dem Idioten Olaf zusammen, war der Kontakt neu aufgelebt. Ebenso zur Politclique meiner alten Klasse, zu Martin, Christopher, Timo – komischerweise interessierten mich deren Diskussionen mittlerweile selbst: Wie konnte man zum Beispiel mithilfe des Marxismus dem Treibhauseffekt und der rücksichtslosen Naturausbeutung ein Ende setzen? Hitzige Debatten entbrannten zu solchen und ähnlichen Themen, unter den sirrenden Neonröhren des Oberstufenraums, in Wolken aus Zigarettenqualm. Zwar konnte ich bloß selten mit eigenen Beiträgen glänzen, aber es machte Spaß, den anderen Diskutanten zu lauschen, vor allem natürlich den richtig schlauen.

Meine krass veränderte Rolle in der Schule hing vielleicht auch mit dem neuen Outfit zusammen: Mittlerweile hatte ich tatsächlich den Stil von Ralf ein bisschen kopiert, mir enge Röhrenjeans und Chucks zugelegt. Bei letzteren war Muttern strikt dagegen gewesen, weil zu teuer, aber am Ende hatte ich mich durchgesetzt. Über dem T-Shirt trug ich nun ein schwarzes Sakko, mein ganzer Stolz. Klaus hatte es mir vermacht. Das Teil sah einfach supercool aus, und das Beste war: Kaum jemand in unserer Öko-Penne trug so etwas. Die blöde Brille setzte ich bloß auf, wenn 's gar nicht anders ging, im Unterricht zum Beispiel. Und kürzlich hatte Kristina, die angehende Friseurin, meine eh schon recht kurzen Haare nachgeschärft, mir die Seiten anrasiert und ähnliches. Wenn ich jetzt zu Hause in den Spiegel glotzte, fand ich mich richtig stylish – zumindest in guten Momenten. Verglichen mit dem Vorjahr aber war der Eindruck auf alle Fälle so krass anders, dass ich es selbst kaum fassen konnte.

Den Unterricht hatte ich längst komplett abgeschrieben. Meine Konzentrationsschwächen ließen sich nicht mehr einfangen, das konnte ich vergessen. Und so hagelte es Fünfen und Sechsen am laufenden Meter, ohne Ende. Doose, mein Tutor, hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – wenn ihm das Desaster denn zu Ohren gekommen wäre.

Bisher war das aber offenbar noch nicht passiert, und so hatte ich meine Ruhe. Bis die Bombe platzte und das marode Gebäude endgültig zusammenbrach, wollte ich alles einfach bloß genießen. Das Leben genauso wie die Tatsache, dass die Pauker jetzt keine Macht mehr über mich hatten. Vorbei die Panik, wen sie wohl als nächstes rauspickten und grillten. Kein öffentliches Bloßstellen mehr an der Tafel, beim Präsentieren irgendwelcher Hausaufgaben, die man eh nicht gemacht hatte. Im Fall des Falles verweigerte ich den Gehorsam und blieb einfach sitzen. Manchmal schmissen sie mich ganz raus aus ihrem dämlichen Unterricht, aber scheiß drauf! Endlich ein bisschen Autonomie nach all den Jahren des ängstlichen Wegduckens!

Nur blöd, dass das leichte Leben, kaum dass es begonnen hatte, im Sommer schon wieder vorbei sein würde.

 

***

 

Die Gummierung des Briefumschlags hinterließ einen üblen Nachgeschmack auf der Zunge. Aber wenigstens war die letzte Bewerbung eingetütet. Für heute reichte es, nachher würde ich den Stapel zur Post bringen.

Es gab auch schon ein erstes Ergebnis: Vorstellungsgespräch nächste Woche, bei 'Iversen Landmaschinen', kurz ILM. Das Büro war hier in Schönhagen, in der Bahnhofstraße. Ich konnte also zu Fuß hingehen, musste nicht ewig lang mit der Schnecke von Bus durch die Gegend eiern.

Was man da wohl anzog? Hoffentlich nicht zu schick. Am besten irgendwas zwischen streng und locker, also Jeans und Sakko. Das besaß ich ja seit neuestem. Andererseits: Bei so einem Gespräch musste man sicher total schleimen und seine Haut zu Markte tragen. Wollte ich wirklich das schöne Sakko für so etwas hergeben, es sozusagen beschmutzen? Alles in mir sträubte sich dagegen.

Am besten fragte ich Henri nach passenden Plünnen – er hatte bereits zwei solcher Gespräche hinter sich, war also gewissermaßen Profi. Und ich wusste ziemlich sicher, dass er weder Anzug noch Jackett besaß.

Henri ging mittlerweile in die 10. Klasse, im Sommer standen seine Prüfungen zur Mittleren Reife an. Letztere hatte ich längst, und zwar ohne irgendwas dafür zu tun, einfach mit dem Ende der Mittelstufe im letzten Sommer. Er dagegen durfte sich jetzt richtig abrackern. Ein total ungerechtes System eigentlich, aber irgendwie auch typisch deutsch – halt Klassengesellschaft.

Dafür wurden sie in der Realschule systematisch auf die Lehrstellensuche vorbereitet: Es gab Bewerbungstrainings, Berufsberatungen, Betriebspraktika, alles betreut von den Lehrern. Als Henri mir davon erzählte, war dieses Gefühl wieder da: eine andere Welt. Auf dem Gymnasium konnte man von solcher Unterstützung bloß träumen – schließlich waren wir zu Höherem bestimmt, Maloche hatte uns nicht zu interessieren. Dass Typen wie Vogt oder Wahlstedt mich betreuten und anleiteten auf meinem Weg ins Arbeitsleben – allein die Vorstellung war total absurd, schlicht zum Wiehern.

Henri bewarb sich für zwei unterschiedliche Jobs: Einmal als Industriekaufmann, wie ich, und dann in seinem Traumberuf als KFZ-Mechaniker. Für ihn war es selbstverständlich, demnächst zu schaffen, halt der normale Lauf der Dinge. Hartmann und Piet hatten es in der Nordstadt damals genauso gesehen.

Für mich fühlte sich der Gedanke, bald knüppeln zu müssen, völlig fremd an. Tatsächlich war es ja eine Kehrtwende um 180 Grad, ein Sprung ins Ungewisse. Nichts von dem, was bisher mein Leben ausgemacht hatte, würde ab August noch gelten – es war wirklich heftig. Vor allem eines lag mir auf der Seele: Wie sollte man neben einem Job noch Zeit finden fürs Rumhängen mit anderen, fürs Quatschen, Diskutieren, Lesen, Faulenzen und überhaupt alle coolen Sachen? Die erforderten Zeit, viel Zeit. Bisher war das kein Problem, dank der Schule. Aber in der Maloche?

Wenn jemand mich gefragt hätte, was ich mir wirklich wünschte, wäre die Antwort simpel gewesen: gar nichts tun. In den Tag hineinleben, bloß das machen, worauf man Bock hatte. Aber Muttern brauchte man mit solchen Einfällen gar nicht zu kommen, die hätte sich eher in die Luft gesprengt, als mir so ein „Lotterleben“ zu finanzieren. Völlig auf die Barrikaden gegangen wäre die. In der Nordstadt hatte sie immer lautstark geschimpft über Leute, die nicht arbeiteten, Penner und Gammler waren das für sie gewesen.

Und stimmte es nicht, jedenfalls ein bisschen? Rumhängen, Nichtstun – im ersten Moment klang das verlockend, aber auf Dauer? Irgendwann bekam man den Arsch gar nicht mehr hoch, das hatte ich in der Nordstadt oft genug gesehen, bei den Alkis und Pennern, aber auch bei einigen Kumpels. Und ich wurde ja selbst immer lahmer. Schon seit Jahren nahm ich mir beispielsweise vor, neben der Schule zu jobben, wie Henri oder früher Piet und Hartmann. Nicht mal die Prinzessin Silke war sich zu schade, Zeitungen auszutragen, den „Schönhagener Boten“. Sie hatte mir sogar angeboten, den Job zu übernehmen, wenn sie im Sommer mit ihrer eigenen Ausbildung anfing. Und was hatte ich gemacht? Ihr Angebot abgelehnt, weil es zu anstrengend klang: Bei jedem Wetter raus, den Leuten ihre Zeitung bringen, dazu überall die Köter in den Vorgärten – schönen Dank! Dabei wären die Mäuse dringend notwendig gewesen bei meiner Dauerpleite. Jetzt hatte sich natürlich jemand anders den Job gesichert. Kurz und gut: Ich bekam es einfach nicht gebacken, hielt ständig nur die Hand auf, schnorrte mich durchs Leben. Nee, allmählich musste ich ernsthaft mal in Wallung kommen. Mich endlich unabhängig machen vom Geld anderer – vor allem von Mutterns!

Auch dass es Zeit wurde, den Muff des altehrwürdigen Wilhelm-Gymnasiums hinter sich zu lassen, war klarer als je zuvor: Dort nervte alles nur noch, selbst Sachen, die mich eigentlich interessierten, wie Geschichte oder Literatur. Weiter in dieser Anstalt auszuharren ergab überhaupt keinen Sinn mehr, es wäre bloß ein Sich-Klammern ans Alte, Bekannte gewesen – und das kam nicht infrage.

Die Zeit der Ausflüchte war als passé. Jetzt hieß es: in den sauren Apfel beißen, Bewerbungen schreiben. Also schrieb ich. Und hielt mich dabei stur an die „Tipps zur erfolgreichen Ausbildungsplatzsuche“, die mir Herr Asmussen mitgegeben hatte, der Berufsberater und Bürostuhlfahrer. Leierte das immer gleiche, nur namentlich angepasste Anschreiben runter, in dem ich versicherte, unbedingt diesen und keinen anderen Job auf der Welt machen zu wollen. Für den Lebenslauf hätte im Grunde eine Fotokopie genügt, aber nein, er musste natürlich handgeschrieben sein. Mir kam das Prozedere unnötig bürokratisch und aufgebauscht vor, nach dem Motto: Sollen sie sich mal schön abrackern mit ihren Bewerbungen, die Lehrlinge in spe, zeigen, dass sie wirklich wollen. War das ein Vorgeschmack auf das Leben, das mich nach den Sommerferien erwartete? Wollten sie einen schon im Vorfeld zermürben, damit wir nachher brav unseren Stiefel abrissen?

Auch ein Abschlusszeugnis durfte nicht fehlen – hierfür musste mein Giftblatt aus der Zehnten herhalten. Nicht im Traum hatte ich damals geahnt, wie wichtig dieser Wisch einst werden würde, sozusagen meine Eintrittskarte ins nächste Lebenskapitel. Ohne die hätte ich das ganze Projekt getrost beerdigen können.

Falls ich gar nicht weiterwusste, fragte ich Henri: welches Papierformat man für die Anschreiben nahm, ob die Umschläge gefüttert sein mussten, welche Marken auf die Briefe kamen – es gab immer wieder neue Probleme und Hindernisse. Welch ein Glück, mit einen Bruder gesegnet zu sein, der das entsprechende Wissen besaß. Was taten wohl andere Gymmis in derselben Situation, aber ohne meine wertvolle Quelle? Das mochte ich mir gar nicht ausmalen.

Notgedrungen hatte ich Henri als einzigen in meine Pläne eingeweiht – hoffentlich hielt er dicht, bis alles unter Dach und Fach war. Ich wollte die Leute vor vollendete Tatsachen stellen, sie sozusagen mundtot machen. Vorher würden sie garantiert blöde Fragen stellen, von wegen, ob ich mir wirklich sicher war mit meinem Vorhaben. Das hätte mich wohl wieder schwankend gemacht – dabei war die Entscheidung schwer genug gewesen.

Wurden die inneren Zweifel zu groß, versuchte ich an die Kohle zu denken, die bald regelmäßig sprudeln würde. Nie wieder schnorren müssen, sagte ich mir. Endlich frei sein – wenigstens was die Moneten anging. Und abends hatte man nach der Maloche seine Ruhe, konnte die Beine hochlegen, musste sich nicht noch mit Hausaufgaben rumplagen, wie jetzt. Klarer Schnitt – was wollte man mehr?

Dann musste es doch irgendwie zu ertragen sein.

 

***

 

Ich fuhr nach Schönhagen, wollte Jürgen besuchen, wie so oft in letzter Zeit. Wie meistens blies der Gegenwind so heftig, dass ich gefühlt kaum von der Stelle kam. Einen Vorteil hatte die Windrichtung aber: Heute abend würden die Böen von hinten kommen und mich regelrecht nach Hause tragen. Immerhin regnete es gerade nicht. Zum Sturm auch noch ein kräftiger Schauer war wirklich die perfekte Mischung – wie oft ich in diesem Winter schon pudelnass geworden war, konnte ich gar nicht mehr zählen. Mal gucken, ob ich heute abend auch so viel Glück hatte. 

Dieser Winter, der keiner war. Inzwischen hatten wir März, und noch immer null Schnee, keine einzige Flocke. Stattdessen einen Sturm nach dem anderen, teils heftige Orkane, bei denen es nur so pfiff, dazu immer krasse Wechsel zwischen Sonne und heftigsten Regenschauern. Und das alles bei permanenten Plusgraden – im Januar war das Thermometer an einigen Tagen sogar auf über 10 Grad geklettert. Ich konnte mich nicht erinnern, so etwas zu Jahresbeginn schon mal erlebt zu haben.

Der Treibhauseffekt, eindeutig. Es ging los. Bode hatte letztes Jahr im Physikunterricht darüber berichtet. Der Typ war zwar glühender Atomkraft-Verfechter, meinte, das wäre die Rundum-Sorglos-Lösung für unsere Energieprobleme, und ließ keine Gelegenheit aus, sich verächtlich über die Gegner zu äußern, die angeblich jeden Fortschritt blockierten mit ihrer Zukunftsangst. Aber als einer der ganz wenigen beschäftigte er sich auch mit Treibhauseffekt und Klimaerwärmung und wurde nicht müde, davor zu warnen. Nicht bloß bei uns in der Penne, sondern wohl auch in irgendwelchen wissenschaftlichen Publikationen.

Obwohl die Schule ansonsten nur noch ätzte, hatte dieses Thema mich sofort gepackt. Seit den Wanderungen im letzten Jahr war ich irgendwie aufmerksamer geworden, was die Natur betraf, wacher. Es machte mich fertig, wie wir mit unseren Lebensgrundlagen umgingen, so rücksichtslos, auf kompletten Raubbau ausgelegt. Wo sollte das enden?

Leider schien diese Frage ansonsten niemanden zu kratzen, wie man zum Beispiel beim Thema Verkehr sehen konnte: Alle wollten sich unbedingt einen motorisierten Untersatz zulegen oder besaßen schon einen. Bernd zum Beispiel kurvte nur noch auf seiner frisch erworbenen Kawasaki durch die Gegend. Ole sah man ausschließlich hinterm Steuer seines grünen Golfs – ein Geschenk der Eltern zum 18. Geburtstag. Er war sich der Umweltproblematik zwar bewusst, vertraute aber als Technikfreak und baldiger Ingenieur darauf, dass der Fortschritt schon Lösungen finden würde. „Bis dahin ist die Welt garantiert nicht untergegangen“, versicherte er immer. Ralf war da eher skeptisch, aber das hielt ihn trotzdem nicht vom Besuch der Fahrschule ab. Er wollte endlich mit dem Auto zur Arbeit fahren, anstatt mit dem Fahrrad, wie jetzt. Zwar gab es zwischen Neuschönhagen und Hoheneck einen durchgehenden Radweg, aber nicht länger dem Wetter ausgesetzt sein hatte für Ralf eine deutlich höhere Priorität als alle Treibhauseffekte dieses Universums: „Ständig durch Regen und Wind – nein danke! “ Außerdem hielt er die Gefahren durch Kernkraftwerke oder Atomrüstung sowieso für viel dringlicher. Henri hatte seinen Platz in der Fahrschule ebenfalls schon gebucht. Bei ihm als zukünftigem KFZ-Mechaniker war das allerdings nachvollziehbar. Mittlerweile lungerte er oft auf dem Parkplatz von Benthien rum, dem Gebrauchtwagenhändler in der Bahnhofstraße. Garantiert hielt schon Ausschau nach dem ersten Schlitten. Auch Jürgen, der mittlerweile die Führerscheinprüfung bestanden hatte, war längst heiß aufs eigene Gefährt. Aber ihm brauchte man mit Themen wie Umweltverschmutzung oder Treibhauseffekt eh nicht zu kommen; sofort ging dann das Geschimpfe über „Ökotypen“ los, die uns alles wegnehmen, Deutschland angeblich wieder zum Agrarland machen wollten.

Kurz gesagt: PS-Besoffenheit an allen Fronten. Niemand im Bekanntenkreis konnte sich ein Leben ohne eigenen Motor vorstellen. Da fragte man sich schon, wie das noch werden sollte mit Umweltzerstörung und Treibhauseffekt…

Inzwischen hatte ich Schönhagen erreicht. Hinter der Bahnhofstraße begann unsere alte Siedlung. Ich bog in den Achterkamp und nach kurzem Stück in die Brentanostraße. Die Häuserzeilen standen hier quer zur Straße. Am Ende jedes Block zweigte ein Fußweg ab und führte zu den einzelnen Haustüren, während auf der anderen Seite die Gärten des Nachbarblocks lagen. Der Abzweig zum Haus der Engels war der letzte, dahinter kam schon die Eichendorffstraße, in der wir früher gewohnt hatten. 

Wie üblich schloss ich das Rad am Laternenpfahl direkt neben dem Weg fest. Der kurze Gang zu Jürgens Haustür war immer ein Eintauchen in die Vergangenheit: Zunächst kam rechter Hand unsere alte Terrasse, dann die der Stützers. Der Rönnfeldsche Garten schließlich lag schon fast gegenüber dem Haus der Engels. 

Jürgens Eltern saßen um diese Zeit meist unten in der Küche beim Abendbrot – so auch heute. Er selbst aß mittags lieber in der Firmenkantine. Ich klingelte, kurz darauf hörte man das vertraute Poltern auf der Treppe. Im Vorflur flammte Licht auf, die Tür öffnete sich: „Moin!“, grüßte Jürgen. Dann stiegen wir im Gänsemarsch die enge Treppe hoch. Sein Zimmer erinnerte sehr an eine typisch deutsche Wohnstube: Da war die Schrankwand mit beleuchteter Vitrine, in der Gläser und eine gut gefüllte Hausbar bereitstanden. Es gab eine Sitzlandschaft ähnlich der von Henri, bestehend aus zwei Sofas, dem üblichen höhenverstellbaren Couchtisch und einem Sessel mit Armlehnen, den man sofort als Jürgens Stammplatz identifizierte – was tatsächlich stimmte. Alles im Raum war ausgerichtet zum klobigen Farbfernseher, der wie ein Zimmeraltar in der Ecke neben dem Fenster thronte. „Mit Stereoton“, hatte Jürgen nach dem Kauf verkündet und stolz auf den Kasten geklopft. Selbstverständlich lief der gerade, in Erwartung der „heute“-Sendung, die Jürgen grundsätzlich schaute. Noch aber tobten die Mainzelmännchen durchs Bild. 

Über dem Sofa hing ein Werbeposter des Bundesgrenzschutzes. Jürgen plante, sich dort für zehn Jahre zu verpflichten, als Alternative zum Wehrdienst. Man munkelte, dass er sich bloß vor der Grundausbildung drücken wollte, aber die müsse man beim BGS auch machen, behauptete Jürgen. Reichlich seltsam, sich den korpulenten, eher behäbigen Jürgen beim Robben durch Schlamm und Klettern über Stacheldrahtzäune vorzustellen…

Für Ralf und Ole war 's klare Sache, dass man verweigern musste. Mich dagegen interessierte das ganze Thema nicht die Bohne. Obwohl dieser komische Wisch mit dem komplizierten Namen „Wehrerfassungsbescheid“ natürlich auch bei mir eingetrudelt war, kurz vor meinem 18. Geburtstag im letzten Herbst.

Jürgen war, verglichen mit „coolen“ Typen wie Ole oder Ralf, eigentlich der totale Spießer, trotzdem kam ich immer wieder hierher. Ich empfand Jürgen gegenüber etwas wie Dankbarkeit, denn immerhin war er es gewesen, der mich letztes Jahr rausgeholt hatte aus der Isolation. Außerdem war Jürgen der Einzige, bei dem ich mich traute, bestimmte Sachen anzusprechen. Zum Beispiel meine Sehnsucht nach einer anderen, besseren Gesellschaft, in der es etwas wie Gemeinschaft gab, einen allgemeinen Sinn für das große Ganze. In der nicht alle bloß ihren privaten Angelegenheiten nachgingen, ihren eigenen, persönlichen Vorteil suchten. Jürgen verstand das, er dachte ähnlich.

Auch konnte ich in seiner Gegenwart noch immer dieses Gefühl spüren, das ich während der Wanderungen im letzten Jahr gehabt hatte, diese Hoffnung, es möge mehr geben als das, was wir „Realität“ nannten. Irgendeine höhere Ebene, Dimension, was auch immer. Es fiel mir wahnsinnig schwer, in Worte zu fassen, was genau ich meinte. Zum einen, weil 's kaum greifbar war, sich verflüchtigte, sobald man genauer hinsah. Und auch, weil es mir ein bisschen peinlich war, darüber zu sprechen. Aber mit Jürgen konnte ich in guten Momenten – und nach ein paar Gläsern Cola-Rum aus seiner Hausbar – super quatschen über solche Sachen.

Mir wurde dann jedes Mal bewusst, dass mit dem Ende der Isolation auch etwas verlorengegangen war. Die Offenheit, sich total einzulassen auf Sehnsüchte, Wünsche, Träume. Das Vermögen, die vielen unterschiedlichen, einander überlappenden Sinneseindrücke wahrzunehmen, die zum Beispiel beim Wandern auf einen einströmten: Farben und Gerüche, Licht, Geräusche. All das schien auf einmal wie abgeschnitten, hatte einer Ernüchterung Platz gemacht, die sich – bei aller Erleichterung, nicht mehr isoliert zu sein – auch etwas schal anfühlte.

Ole und Ralf waren völlig andere Kaliber; für sie zählten bloß harte Fakten. Gemeinschaftsgefühl, höhere Realitäten oder Dimensionen – mit so was brauchte man Leuten wie ihnen gar nicht zu kommen, für sie war das bloß Hirngrütze, verstrahltes Hippie-Zeugs. Und stimmte es nicht? Gemeinschaft, ein großes Ganzes – was sollte das sein? Wann hatte es so was jemals gegeben? Beim Kaiser? Beim Führer? Im Sozialismus? Was für ein Quatsch – vom Kopf her wusste ich es ja! Eigentlich lag ich mit Ole und Ralf längst viel eher auf einer Wellenlänge als mit Jürgen. Ich hätte mich besser nur noch an sie halten und den Kontakt mit Jürgen auf ein Minimum beschränken sollen. Das wäre auch der beste Schutz gewesen, nicht wieder so abzudriften wie letztes Jahr. Diese Gefahr war keineswegs gebannt, das spürte ich. Es gab ihn nach wie vor, diesen inneren Sog in eine Parallelwelt, ich musste höllisch aufpassen, nicht wieder hineinzugeraten und ein weiteres Mal den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren.

Aber so cool ich Ole und Ralf auch fand – in ihrer Gesellschaft war mir immer, als müsse ich einen Teil von mir verstecken. Was, wenn er sich irgendwann mal ganz verflüchtigte, dieser wichtige Teil, auf Nimmerwiedersehen in einem großen Schwarzen Loch verschwand? Dieser Gedanke war dann doch ziemlich beängstigend. Also pendelte ich sozusagen zwischen zwei Extremen hin und her: Jürgen auf der einen, Ole und Ralf auf der anderen Seite. Es war schon reichlich seltsam…

Weshalb tat ich mich nur so schwer mit dem, was allgemein als „die Wirklichkeit“ bezeichnet wurde? Weshalb empfand ich die oft als so einengend, so blutleer? Vor allem in der Schule spiegelte sich dieses Gefühl wider – dort zählten ausschließlich Kopf, Vernunft, Distanz. Was berührend war, musste verschwiegen werden, Gefühle galten als minderwertig, kindisch. Die Penne reduzierte einen aufs rein Rationale, ich aber wollte beides, Verstand und Gefühl; das Eine kam für mich kam ohne das Andere schlicht nicht infrage. So gesehen eigentlich kein Wunder, dass ich in der lieben Anstalt komplett den Anschluss verloren hatte.

„Platz dich“, meinte Jürgen und ließ sich in den Ohrensessel fallen – sein Stammplatz. Ein Duft nach Räucherstäbchen stieg mir in die Nase, auf dem Couchtisch standen Stövchen und Kanne längst bereit. Seit neuestem waren wir unter die Teetrinker gegangen, natürlich aromatisiert: Wildkirsche hieß unser Favorit. Für mich mit Zucker – sehr viel Zucker, um genau zu sein, wenigstens drei Esslöffel pro Tasse. Auf der Fensterbank flackerten ein paar Kerzen, die rote Lampe war seit einiger Zeit verschwunden.

„Silke lässt dich grüßen.“ Jürgen nippte vorsichtig an seinem Tee. „Eigentlich wär sie auch gern gekommen, aber ihre Mutter zickt mal wieder rum. Die Alte ist wirklich ein Drachen.“

Mein Herz machte seit einiger Zeit immer einen Sprung, wenn der Name 'Silke' fiel. Früher war sie für mich immer die kindliche, leicht schnippische Prinzessin gewesen, aber die Zeiten hatten sich ziemlich geändert. Das Make-up, das Silke mittlerweile benutzte, sehr gekonnt benutzte, ließ ihre Gesichtszüge vollkommen anders zur Geltung kommen, erwachsener, selbstbewusster, auch glaubwürdiger. Fast so, als gäbe es wirklich Prinzessinnen, und ja: Sie konnten wunderschön sein, wie man an Silke sehen konnte. Auf einmal übte sie eine unerklärliche Faszination auf mich aus, eine , fast sogartige Anziehung. Immer wieder betrachtete ich Silke heimlich, wenn wir uns bei Jürgen zum Teetrinken trafen, und versuchte dieses mysteriöse, nicht greifbare Element zu finden, das mir derart den Kopf verdrehte. Waren es die großen, sanften Augen, deren Farbe nicht genau zu erkennen war, irgendetwas zwischen Grau und Blau? Oder die langen Wimpern, die einen faszinierenden Rahmen um ebendiese Augen bildeten und durch die Wimperntusche erst richtig zur Geltung kamen? War es die Nase, deren Spitze – wie bei Kristina – ein bisschen nach oben zeigte? Konnten es die kräftigen Schneidezähne sein, die auftauchten, sobald Silke den Mund etwas öffnete – ebenfalls ein Detail, das sie mit Kristina gemeinsam hatte? Mich rührte auch dieser Sattel von Sommersprossen an, der das Gesicht um die Nase herum bedeckte. Ihr Haar, früher „straßenköterblond“, wie Silke es nannte, zeigte inzwischen einen leichten Rotton – vermutlich half sie da ein bisschen nach, und tatsächlich verfehlte es seine Wirkung nicht. Aber letztlich gelang es mir nie, das eine, entscheidende Merkmal zu identifizieren.

Noch so ein Thema, bei dem ich mit Ole und Ralf nicht konform ging; Die beiden fanden Silke total bieder, halt perfekt geeignet für den Spießer Jürgen. Genau genommen war ich zwiegespalten: Einerseits fand ich, dass sie recht hatten, andererseits konnte ich mich Silkes Ausstrahlung partout nicht entziehen.

Dabei hatte ich sie zuerst gar nicht dabeihaben wollen, wenn Jürgen und ich uns trafen. Sie sah ihn doch den gesamten Rest der Woche, langte das denn nicht? Wollte sie mich auf diese Weise gar rausekeln? Aber längst hatte ich mich entspannt: Silke schien überhaupt keine Probleme mit mir zu haben; den Eindruck, sie wolle mich loswerden, konnte ich inzwischen rein gar nicht mehr nachvollziehen, er kam mir jetzt sogar fies vor, wie eine Unterstellung. Mittlerweile konnte ich mit ihr ähnlich gut und problemlos quatschen wie mit Jürgen. Manchmal sogar besser.

Als ich an diesem Abend gegen halb elf mein Rad vom Laternenpfahl losschloss und nach Neuschönhagen zurückfuhr, regnete es tatsächlich wieder – so ein Mist! Auch die ständige Dunkelheit nervte allmählich. Zum Glück fing demnächst die Sommerzeit an. 

 

***

 

Mein erstes Vorstellungsgespräch! Ich saß im Foyer bei ILM und hatte weiche Knie. Komisch: So oft war ich an diesem Gebäude vorbeigekommen, hatte die Glasfront gesehen und den Tresen, der sich dahinter abzeichnete, ebenso die vielen blitzblanken Traktoren und Geräte auf dem Ausstellungsgelände neben der Straße – und hatte trotzdem nie drüber nachgedacht, was es mit dem Laden wohl auf sich hatte. Irgendeine Firma eben, wie man sie zuhauf sah. Aber weshalb existierten die eigentlich alle? Was machten sie dort?

Leider wusste ich das im Falle ILM noch immer nicht so genau. Sie verkauften Trecker an Bauern, hatte Henri mir erzählt. So was Ähnliches wie ein Autohaus also? Außerdem stellten sie irgendwelche landwirtschaftlichen Maschinen her. Hinter dem Frontgebäude lagen Produktionshallen, die man aber von der Straße aus kaum sehen konnte. Und was lernte man da drinnen, wenn man die Ausbildung als Industriekaufmann machte? Womit verbrachte man seinen Tag? Vielleicht hätte ich mich doch gründlicher informieren sollen vor dem heutigen Termin.

Immerhin hatte ich die blöden „Blätter zur Berufskunde“ von Herrn Asmussen gelesen. Oder besser: Ich hatte es versucht. Viel hängen geblieben war blöderweise nicht. Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus – so lief es bei mir inzwischen mit allem, was nach Lernen roch, nach Wissen. Ich kam nicht an gegen die staubtrockenen, gähnend langweiligen Texte; irgendeine innere Sperre ging dann zu. Und jetzt hatte ich mal wieder keinen blassen Schimmer, was gleich passieren würde. Notfalls musste ich halt rumlabern. Würde schon irgendwie werden, die ganze Chose.

Der Kragen zwackte – seit Ewigkeiten hatte ich kein Hemd angehabt. Darüber trug ich ein Sweatshirt – und sah jetzt aus wie ein Popper aus der Benetton-Werbung. Nix wie raus aus diesen Plünnen, sobald ich wieder nach Hause kam. Hoffentlich traf ich auf dem Rückweg keine Bekannten. Aber es wurde glücklicherweise schon dunkel, deshalb bestand Hoffnung, dass man sich heimlich zurückschleichen konnte, wenn das Ding hier vorbei war.

„Herr Jansen, kommen Sie?“, hörte ich plötzlich eine Stimme und schrak hoch – wieder mal hatte ich mich nicht angesprochen gefühlt. „Herr Jansen“ und dieses „Sie“ – das passte einfach nicht, fühlte sich völlig fremd an.

Wir durchquerten einen dunkel getäfelten Flur, ähnlich dem im Hohenecker Großmarkt. Und wie damals fand ich die Atmosphäre von Arbeit und Betriebsamkeit wieder ziemlich einschüchternd. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, zielstrebig zu wirken, aber jetzt stolperte ich völlig verplant hinter der Empfangsdame her. Bis sie schließlich an einer geöffneten Tür stehenblieb und mir bedeutete, hineinzugehen. „Iversen – Geschäftsführung“ las ich beim Eintreten auf dem Schild neben dem Türrahmen.

Ein klobiger, dunkelbrauner Schreibtisch zog alle Blicke auf sich. Den Typen dahinter bemerkte man erst beim zweiten Hinsehen: ein etwas zu groß geratenes Jüngelchen mit Pickeln, Segelohren und dicker Hornbrille. Der Haarschnitt ließ an Schwarzweiß-Filme aus den 40ern denken oder an Otto Waalkes, wenn er den Pfarrer mimte: pomadisiert und streng nach hinten gekämmt. 'CDU-Landvolk', war mein erster Gedanke – darüber hatte ich neulich bei Jürgen einen Bericht im TV gesehen, anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl. Meine Güte, wenn die hier alle so waren, dann Mahlzeit!

„Iversen“, begrüßte mich der Typ und fuhr fort, in einem Haufen DINA4-Zetteln auf dem Schreibtisch zu blättern – es war meine Bewerbung! Als er das Zeugnis herauszog und stirnrunzelnd überflog, wurde mir leicht flau. Im Geiste sah ich all die Vieren und wenigen Dreien vor mir, die dort standen. Ob man das Ding für die nächsten Bewerbungen ein bisschen frisieren sollte? Oder war so was strafbar?

„Erzählen Sie mal“, begann das Jüngelchen, „was interessiert Sie an Landmaschinen?“ Obwohl eigentlich eine Frage, hatte der Satz etwas Aufforderndes, fast Befehlendes. Es war ein bisschen komisch, den Milchbubi in diesem Tonfall reden zu hören. Erst nach einer Weile kapierte ich, was er gesagt hatte: Interesse an Landmaschinen? Ich? Aber dann riss ich mich zusammen und begann zu schwallern, von Mähdreschern als Wunder der Technik und dergleichen.

„Was stellen Sie sich denn vor, was hier so passiert?“, unterbrach er meinen Redefluss. „Was machen wir den ganzen Tag?“

Meine Fresse, woher sollte ich das wissen? Ich hatte eigentlich gedacht, das würde er mir jetzt verklickern. Wieder zog ich mir notgedrungen irgendwelches Zeugs aus der Nase, an das ich mich beim Rausgehen schon nicht mehr erinnerte. Vielleicht auch nicht erinnern wollte.

„Haben Sie denn Spaß daran, Sachen zu verkaufen? Ich mein, so eine Landmaschine ist ja kein Sack Kartoffeln. Die sind richtig teuer, da muss man die Leute schon zu ihrem Glück zwingen. Können Sie sich das vorstellen? Sind Sie dafür der Typ?“

Henri und seine Kumpels kamen mir in den Sinn, allesamt Dealer-Naturen, die ständig irgendwas vertickten, Preise aushandelten, neue Ware auftaten – und in mir zog sich alles zusammen beim Gedanken, mit denen in einen Topf geworfen zu werden. Aber es half nichts: Ich musste das miese Spiel jetzt mitspielen, andernfalls hätte ich mich bis auf die Knochen blamiert. Lebhaft nickte ich und bejahte die Frage: Klar konnte ich verhandeln, da lebte ich richtig auf, und ein guter Deal war wie ein Sieg. Ich konnte förmlich sehen, wie sich über mir die Balken bogen von der Lügerei. Na, Augen zu und durch, Hauptsache, das hier ging schnell vorbei.

Wieder hörte der Typ sich meinen Sermon nicht bis zum Ende an: „Schon mal selbst eine Landmaschine gesteuert?“, unterbrach er. „Einen Traktor oder einen Mähdrescher?“ Das musste ich leider verneinen – wie kam der auf so eine dämliche Frage?

Er grinste: „ Na ja, Trecker fahren – das macht man auch nicht mal eben so. Außer man kommt vielleicht aus der Landwirtschaft, aber das dürfte bei Ihnen nicht der Fall sein?“

Nee, ganz bestimmt nicht. Mittlerweile saß ich dort wie auf glühenden Kohlen – hoffentlich war seine Fragestunde bald zu Ende!

„Unsere Kundschaft ist ja sehr konservativ“, fuhr Iversen fort. „Will sagen: Ihren Bart müssten Sie sich schon wegnehmen, wenn Sie hier arbeiten wollen.“

Bart? Welchen Bart? Redete er von dem Flaum, der seit einiger Zeit unter meiner Nase spross? Daran sollte sich ernsthaft jemand stören? Und was sollte ich – mich rasieren? Extra für die Arbeit? Piepte der noch richtig? Aber es half nichts, wieder musste ich meinen Ärger runterschlucken und brav nicken – es war nur noch zum Kotzen.

Herr Iversen war noch nicht fertig: Er begann jetzt tatsächlich den Arbeitsalltag zu schildern, erzählte von Material, das eingekauft werden musste, Verhandlungen mit Zulieferern, Recherchen nach Rohstoffen und „Vorprodukten auf den Weltmärkten, Preiskalkulationen. Das war der Job eines Industriekaufmanns? Es klang heftig, so gar nicht nach der übersichtlichen Schönhagener Welt. Und ich hatte gedacht, dieses „Kaufmännische“ wäre was Entspanntes. Hatte Jürgen doch erzählt. „Entspannt“ – für mich klang das nach Akten sortieren, Zahlen in Tabellen eintragen, Rumlabern am Telefon. Lauter unkomplizierte Sachen, genau richtig für Leute, die ihre Ruhe haben wollten. Von wegen!

Als ich endlich wieder auf der Straße stand, fühlte ich mich wie gerädert. Ziemlich in die Hose gegangen war es, mein erstes Vorstellungsgespräch. Die Lehrstelle bei ILM konnte ich schon mal in den Wind schießen; im Leben würden die mich nicht nehmen.

Aber was, wenn doch? Wenn ich bald jeden Morgen hierher musste, fünf Tage die Woche, von montags bis freitags? Und vor Beginn der Erntezeit sogar samstags, wie Iversen eben noch erwähnt hatte, wohl um mir die Sache endgültig madig zu machen.

Plötzlich wirkte das ILM-Gebäude wie ein riesiger Fleischwolf, der die Leute durch die Mangel drehte, jeden Tag aufs Neue. Eilig machte ich mich vom Acker. Würde ich je wieder so sorglos wie bisher durch die Bahnhofstraße latschen können?

 

***

 

Wieder ein Selbstmord! Diesmal in der Schule, sogar in meinem Jahrgang. Ein Typ namens Jens Kramer. Viel wusste ich nicht über ihn, eigentlich bloß, dass er wie ein Rabe bei Selçuk geklaut hatte, dem Kiosk in der Nähe unserer Penne. Der wurde jede Pause von hungrigen Schülern geflutet, die sich Naschkram kauften, Klatschbrötchen, Stullen. Auch Juliane und ich waren früher immer dort hingegangen, allerdings nicht zum Einkaufen, sondern zum Rauchen. Der Kiosk war einer der Orte, an denen ziemlich sicher nie Lehrer auftauchten. Wobei er auch außerhalb des Schulgeländes lag, das man offiziell nicht verlassen durfte.

Klauen bei Selçuk – unter den Schülern war das eine Art Sport, ein Wettstreit nach dem Motto 'Wer trägt am meisten aus dem Laden raus?'. Die Selçuks, ein türkisches Gastarbeiterpaar kurz vor der Rente, waren mit der Situation hoffnungslos überfordert und hatten längst kapituliert. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die Schüler, die sicher alle nicht aus armen Verhältnissen stammten, ihnen die Bude leer räumten, bloß aus Spaß. Eigentlich ziemlich daneben, das Ganze.

Jens hatte den zweifelhaften Titel des Oberklauers inne gehabt. Bis irgendwann Erkan ihn erwischte, der älteste Sohn, der seinen Eltern manchmal im Laden half. Erst gab 's wohl erst ein paar saftige Ohrfeigen, dann wurden die Bullen verständigt. Als mir die Story zu Ohren kam, konnte ich, ehrlich gesagt, eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen.

Jetzt gab es also keinen Jens mehr. Weshalb er wohl Schluss gemacht hatte? Und wie? Es war schwer, an Infos zu kommen, erst recht, wenn man nicht zum näheren Bekanntenkreis gehörte. Aber ich wollte auch nicht penetrant recherchieren und nachbohren, das hätte merkwürdig ausgesehen. Und so wichtig war es auch wieder nicht.

Eine Gedenkfeier in der Aula wurde angesetzt, an der alle teilzunehmen hatten. Es gab salbungsvolle Reden, auch Tränen flossen – es war wie im Film.

Passenderweise lief im Fernsehen gerade die Serie „Tod eines Schülers“. Jeder schaute sie, tags darauf gab es immer lebhafte Diskussionen im Oberstufenraum. Ich fand den Streifen eher dröge. In jeder Folge ging der Plot von vorn los, aus einer jeweils anderen Sicht: der seiner Mitschüler, der Lehrer, seiner Kumpels, der Freundin, der Eltern und so weiter. Grundsätzlich ja keine schlechte Idee, wenn alles authentischer gewesen wäre, näher dran an echten, lebenden Menschen, nicht so hölzern und pädagogisch.

Krass auch der Grund, weshalb der Typ sich schließlich das Leben nahm: Weil der Leistungsdruck in der Schule zu groß wurde, er auch die „Erwartungshaltung“ der anderen, seiner Eltern und Freunde, nicht mehr erfüllen konnte! Und wegen so was warf einer sich vor den Zug? Das kam mir völlig unglaubhaft und konstruiert vor.

Anscheinend kannten die Macher solcher Serien die Welt, in der wir lebten, überhaupt nicht. Es war ähnlich wie bei den Paukern in der Schule. Für letztere war der Steifen wohl auch gedacht. Jede Wette, dass der Sender Stapel von Arbeitsmaterialien für den Deutschunterricht bereithielt. Es sollten Gespräche geführt werden wie beim „Werther“, Pseudo-Diskussionen, an deren Ende der allwissende Lehrer die „richtige“ Lösung aus dem Hut zauberte. Und schließlich die Klausur, für die man dann die üblichen Satzhülsen runterleierte – gähn!

Ich hatte zuerst gehofft, dass man sich in der Figur des Schülers vielleicht wiedererkannte. Dass einem Fragen beantwortet wurden, zum Beispiel, woran es lag, wenn man einfach keine Hoffnung spürte, keinen Sinn. Wenn alles leer erschien und man sich fremd vorkam, komplett fehl am Platze. Aber Wiedererkennen oder gar Identifikation, mit einer Figur, einer Handlung – das war einfach nicht vorgesehen, weder in der Schule noch in „pädagogisch wertvollen“ Filmen und Serien. Kritische Distanz hieß das Gebot, Nähe verboten, Gefühle pfui.

Ganz ehrlich: Was sollte man damit anfangen?

 

***

 

Auf meine Bewerbungen gab es mehr Resonanz als erwartet: Ich musste nach Schmölln, zum Einstellungstest bei Hoffmann & Co, einem bekannten Hersteller für Caravans und Wohnmobile. Das Logo hatte ich tatsächlich schon häufiger gesehen, in der TV-Werbung und auch auf Wohnwagen, am Schönhagener Strand oder auf dem Campingplatz hinterm Ferienzentrum. „Eine Top-Adresse“, meinte Henri neidisch – er hatte sich natürlich auch dort beworben. Ich konnte meinen Stolz nicht verhehlen: Schon die zweite Einladung, während er bisher in die Röhre guckte. Wenn das so weiterging, sollte es doch wohl ein Kinderspiel sein, diese dämliche Lehrstelle zu finden!

Was bei so einem Test wohl abging? Henri meinte, dafür gäbe es Bücher, ich solle mir am besten eins besorgen, schnellstmöglich. Aber für so was war ich zu faul, mal wieder. Es würde schon irgendwie klappen.

Jedenfalls erschien mir so ein Test, wie immer der aussah, allemal besser als ein Vorstellungsgespräch, unpersönlicher, allgemeiner. Dünnpfiff wie bei ILM musste man sich da bestimmt nicht aus der Nase leiern. Wer konnte schon ernsthaft Bock haben, Wohnwagen zu verkaufen, bitteschön? Ich selbst plante ja nicht mal, Führerschein zu machen. Wozu? Um mir einen Stinker zuzulegen und tatkräftig zum Treibhauseffekt beizutragen? Und ein Wohnwagen hinten dran machte die Sache garantiert nicht besser.

Wozu bewarb man sich dann überhaupt bei einer Firma wie Hoffmann & Co? Aber so viel hatte ich längst kapiert: Wenn man sich bloß Unternehmen herauspickte, die interessant klangen – falls es das überhaupt gab –, würde man nie eine Lehrstelle finden. Man musste nehmen, was man kriegen konnte; Sachen wie „interessant“ oder „passend“ waren das Letzte, was bei der Jobsuche zählte. Ein Test also – prima, nichts lieber als das!

Als ich in Schmölln aus dem Bus stieg und zu Fuß weiterlief, wurde mir trotzdem leicht unwohl: Wirklich ätzend, so gar nicht zu wissen, was einen gleich erwartete. Hätte ich bloß Henris Rat befolgt und dieses blöde Buch gekauft! Das Firmengebäude wirkte unspektakulär: ein weißer, langgezogener Flachbau aus den 60ern, in dem man nicht das Hauptquartier eines weltbekannten Unternehmens vermutet hätte. Der Parkplatz davor dehnte sich wie die Landefläche eines gigantischen Raumschiffs – und war trotzdem völlig zugestellt mit Autos. Drinnen ein Tresen mit Empfangsdame, ähnlich wie bei ILM und dem Hohenecker Großmarkt. Neben einer Freitreppe ins Obergeschoss prangte ein großer Aufsteller: „Zum Test“. Nach dem Weg musste ich mich schon mal nicht erkundigen. Aber weshalb hatten sie so ein großes Schild aufgestellt? Extra für mich? Mein ungutes Gefühl wurde noch größer – irgendwas war hier komisch…

Man hörte Stimmengemurmel, und ja: Es kam eindeutig von oben. Ich zeigte der Tresendame meine Einladung und stieg die Stufen hoch. Oben traf mich fast der Schlag: Mindestens 40 Gestalten saßen dort an langen Tischreihen! Endlich fiel der Groschen: Ja, so ein Test war allgemeiner, unpersönlicher, aber man konnte auch mehr Personen durchschleusen und schauen, was am Ende übrig blieb. Und ich Idiot hatte bis eben ernsthaft geglaubt, der einzige Eingeladene zu sein…

Verdattert schlich ich zu einem der wenigen noch freien Plätze. Wir befanden uns in einer Art Wintergarten, zu drei Seiten ging der Blick auf einen begrünten Innenhof. Ein Typ baute sich gerade vorn auf, der nicht viel anders aussah als neulich mein Gegenüber bei ILM: Brille, brave Frisur, Anzug – war das die Standard-Kluft bei Jobs im „Kaufmännischen“? Immerhin diesmal ein fetter Schnauzer – im Fall des Falles würde mir also das Rasieren erspart bleiben.

„Zunächst mal Herzlich willkommen und danke für Ihr reges Interesse!“, begann der Typ. „Unser Haus dürfte Ihnen allen ein Begriff sein. Als einer der größten Hersteller von Caravans und Wohnmobilen sind wir ja bekannt und renommiert.“ Was wurde das jetzt für eine Selbstbeweihräucherung? Megapeinlich, so was!

Alle Bewerber bei Hoffmann & Co, erzählte uns der Autoverkäufer, müssten zunächst diesen Test absolvieren, erst danach begann die eigentliche Bewerberauswahl. Am Ende nahmen sie wohl bloß ein, zwei Leute. „Also, strengen Sie sich an“, meinte er grinsend.

Bewerberauswahl – dieses Wort ließ mich aufhorchen: Hieß das, man hatte die Lehrstelle anschließend noch nicht in der Tasche? Gab es danach dasselbe Prozedere wie bei ILM, dieses Ausfragen und Begutachten, die Fleischbeschau, das Zu-Markte-Tragen der eigenen Haut? Mensch, von wegen Esay Going! Aber es wäre ja auch zu schön gewesen…

Falls wirklich das Unmögliche passierte und ich nach diesem komischen Test noch mal vorgeladen wurde, musste ich unbedingt ein paar Infos über den Laden auftreiben. Bloß nicht wieder so planlos dasitzen wie bei ILM! 'Welchen Bezug haben Sie denn zu Wohnwagen, Herr Jansen?', hörte ich den Autoverkäufer bereits fragen. 'Wohnwagen und Wohnmobile – mein Ein und alles', antwortete der Typ, der aussah wie ich, und der Schleim lief ihm aus dem Maul…

Der Test selbst war ein Witz: Multiple Choice, sogar bei den Rechenaufgaben. Man war mehr am Vergleichen der Lösungsvorschläge als am Nachdenken. Die Fragen zum Allgemeinwissen klangen teilweise wie Satire – zum Beispiel sollte man die korrekte Buchstabenkombination für den amerikanischen Geheimdienst nennen: „BND“, „FBI“, „BGS“ oder „CIA“? Krass auch der Bereich Rechtschreibung: Bei einer Aufgabe hatte man die Wahl zwischen „Kleinvieh macht auch Mist“, „Kleinvieh macht auch Misst“ und „Kleinfieh macht auch Mist“ – konnte ernsthaft jemand Probleme mit so etwas haben?

Obwohl – als ich einen Blick in die Runde warf, erschien mir das durchaus denkbar: Die meisten meiner Mitstreiter wirkten nicht besonders helle, offen gestanden. Zum ersten Mal seit der Entscheidung, die Schule zu schmeißen, beschlich mich ein ungutes Gefühl: Ob so eine Lehre wirklich das Richtige für mich war?

Aber – diese Frage stellte sich überhaupt nicht, denn so viel war klar: Es gab schlicht keine andere Möglichkeit!

 

***

 

Nachmittags saß ich am Klappschreibtisch und paukte für die morgige Geschichtsklausur. Meine beiden Leistungskurse, Englisch und Geschichte, gehörten zu den raren Fächern, die noch Punkte brachten. Zwar bloß ein paar, aber die hatten meinen Notendurchschnitt knapp über die Ziellinie gehievt, sprich: über die 5-Punkte-Grenze. Ansonsten wäre es wohl schon im Januar zum Eklat gekommen, und sie hätten mich hochkant gefeuert aus ihrem tollen Wilhelm-Gymnasium. Dann wäre Essig gewesen mit der momentanen Ruhe und Gemütlichkeit. Die Leistungskurse verschafften mir also etwas wie eine Gnadenfrist. Da lohnte es schon, sich wenigstens vor den Klausuren hinzusetzen und den Stoff zu bimsen – auch wenn es brutal nervte.

Bei ausgeklapptem Schreibtisch konnte man sich kaum rühren, ohne irgendwo anzustoßen, so winzig war der Raum. Sie hatten bei Einzug meine Sachen kaum unterbekommen in diesem Schuhkarton von Zimmer. Aber eigentlich passte die Einrichtung eh nicht mehr zu mir, ich war längst zu alt für dieses Jugendzimmer in Kiefer-Furnier. Henri hatte den fälligen Tapetenwechsel bereits vollzogen, sich nach dem Umzug seine schicke Wohnzimmer-Landschaft zugelegt. Wobei er auch das nötige Kleingeld besaß, durch seine Werkelei für Klaus und andere. Ich dagegen war arm wie eine Kirchenmaus – woher hätte ich Kröten für neue Möbel nehmen sollen? Aber vielleicht zog ich eh bald aus, bis dahin wollte ich noch warten mit der Neueinrichtung. Wobei ich mir nicht so recht vorstellen konnte, demnächst eine eigene Bude zu haben…

Gerade ärgerte ich mich mit Investiturstreit und Heinrichs Bußgang nach Canossa herum, als es klopfte und Klaus hereinkam. Er blieb an der Tür stehen und räusperte sich hörbar. Auch ohne hinzuschauen merkte man sofort, dass irgendwas los war. Mein Blick klebte plötzlich an der Schreibtischplatte; ich versuchte mich zu konzentrieren, was natürlich nicht klappte.

„Kann ich mal kurz mit dir reden, Hauke?“

Okay, jetzt kam irgendeine Ansage. Ich atmete durch und drehte mich zu ihm. Seine ernste, sogar leicht finstere Miene ließ nichts Gutes erahnen.

„Ich hab gehört, dass du die Schule abbrechen und ne Ausbildung anfangen willst.“

Henri – er hatte es ihnen doch erzählt, dieser Idiot!

„Und wenn?“ Am besten erst mal abchecken, wie viel Klaus überhaupt wusste.

„Hast du dir das gut überlegt?“, fragte er.

„Wieso?“, fragte ich treudoof zurück.

„Ich glaube, du machst da wirklich einen Fehler.“ Seine Stimme wurde nun ziemlich eindringlich. „Du solltest auf alle Fälle Abi machen. Berufsausbildung – das passt überhaupt nicht zu dir.“

Jetzt wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Art Gespräch zu führen, die ich mir eigentlich von der Berufsberatung erhofft hatte. Über meine Wünsche, Vorstellungen und so. Vielleicht auch darüber, was in der Schule so krass verkehrt lief. Weshalb es dort so gar nicht mehr funktionierte. Vielleicht gab es ja sogar – bei diesem Gedanken machte mein Herz einen kleinen Sprung – irgendeine coole Alternative…

Ja, es wäre eine gute Gelegenheit gewesen. Aber nicht bei Klaus. Nicht mehr.

Seine Scheidung war ja mittlerweile durch, er durfte seine Kinder regelmäßig sehen. Der fünfjährige Sohn, Jan, wohnte sogar jedes zweite Wochenende bei uns. Alles lief im Grunde wie von ihm erhofft, und doch war Klaus nicht mehr der Alte. Ständig kam er blau nach Hause, weil er mal wieder mit Jimmy gezecht hatte, dem Hausmeister in der Nordstadt-Klinik. Auch ließ er sich immer derber von Muttern herumkommandieren, hatte ihr überhaupt nichts mehr entgegenzusetzen. Vor allem aber war ich sauer, dass er uns zu sich in den blöden Bungalow gelotst hatte, anstatt mit seinen paar Klamotten in unser altes Haus in Schönhagen einzuziehen. Seitdem hatte ich ein gestörtes Verhältnis zu ihm. Gar nichts würde ich dem Typen mehr anvertrauen.

„Ich weiß schon, was ich tue“, antwortete ich so cool wie möglich und drehte mich wieder zum Schreibtisch. Aber eigentlich fühlte ich mich zum Heulen. Wie gut es getan hätte, endlich mal mit jemandem quatschen zu können. Jetzt stand dort tatsächlich einer, und schon wieder durfte man keine Unsicherheit zeigen, sich keine Blöße geben. Was, wenn möglicherweise doch ein Ausweg existierte aus dieser verfahrenen Situation, eine abgemilderte Lösung, irgendwas zwischen den beiden Extremen Maloche und Schule? Sah ganz so aus, als würde ich nie davon erfahren…

„Da kann man wohl nichts machen“, meinte Klaus. Ich hörte, dass er zögerte. Hoffte er, dass ich noch einlenken würde?

Meine Güte, hau endlich ab!, dachte ich und wünschte mir gleichzeitig das Gegenteil: Dass Klaus wieder wie früher wäre, dass es die letzten Monate nicht gegeben hätte. Dass man in der Schönhagener Küche zusammensaß, er auf der Holzbank, ich auf dem Stuhl gegenüber, wir uns ein Bier aufmachten und laberten, von Mann zu Mann.

Aber es ging nicht.

„Alles klar“, seufzte er. „Aber falls du falls du Unterstützung bei irgendwas brauchst, sag Bescheid, okay?“

Ich nickte und stierte aus dem Fenster. Als die Tür hinter mir zuklappte, hatte ich Tränen in den Augen.

 

***

 

Abends brachte ich zwei weitere Bewerbungen zum Briefkasten. Trotz des elend langen Büffelns hatte ich sie noch geschrieben – nach der Szene mit Klaus war sozusagen neuer Widerstand in mir aufgeflammt. Es musste einfach klappen mit dieser elenden Lehrstelle! Dann konnte ich bald von hier verduften, alles hinter mir lassen.

 

***

 

Jetzt gab's kein Halten mehr: Nach Klaus kam prompt Muttern angekrümelt und wollte wissen, was denn dran sei mit Schule schmeißen und Lehrstelle suchen. Ich erklärte ihr die Situation, versuchte dabei möglichst entschlossen zu wirken, als hätte ich's voll im Griff und alles wäre bloß eine Frage der Zeit. „Na, ob da wirklich was dabei rumkommt…“, grummelte sie skeptisch. Aber sie gab sich zufrieden mit meiner Antwort, verzog sich wieder. Kein Nachbohren, ob Arbeiten überhaupt zu mir passte und ähnliches, anders als bei Klaus. Vielleicht nicht das Schlechteste, dass unsere Angelegenheiten ihr wieder herzlich egal waren, so wie früher in der Nordstadt. Trotzdem: Henri und sein dämliches Gequassel!

Auch in der Schule kam es jetzt, wie es kommen musste: Doose wollte mich sprechen, mein Tutor. Die vielen Zero-Points-Klausuren waren am Ende wohl doch bei ihm aufgeschlagen. Als ich ins Tutorenzimmer kam, blätterte er gerade in meinem Studienbuch. „Hereinspaziert“, grüßte er und blinzelte mir durch die riesige, schlecht entspiegelte Elton-John-Brille entgegen. Er war ein hagerer, ziemlich nichtssagender Typ Anfang 30, in dessen schmalem Gesicht sich bei jeder Gelegenheit ein spitzbübisches Grinsen zeigte.

Als es zu Beginn der Oberstufe geheißen hatte, wir würden jetzt Tutoren anstelle von Klassenlehrern bekommen, fand ich das eigentlich gut: „Tutor“, das klang nach Betreuer oder Vertrauensperson, irgendwie persönlicher als ein „Klassenlehrer“. Dann landete ich in Dooses Tutorengruppe, und mein erster Gedanke war: Scheiße, ausgerechnet! Doose – von dem Typen konnte man nicht ernsthaft erwarten, dass er irgendwas tat, was über reine Verwaltung hinausging, sich beispielsweise für unsere Angelegenheiten zu interessieren. Gegen den war selbst der gleichgültige Wahlstedt ein Sozialarbeiter. Hinzu kam, dass ich bloß eine Doppelstunde Kunst pro Woche bei ihm hatte, sprich: Wir sahen uns so gut wie nie. Das heutige Gespräch war vermutlich ein reiner Pflichttermin, wegen meines derbe schlechten Notenspiegels. Der ideale Tutor wäre schätzungsweise Herr Bode gewesen, aber um den zu bekommen, hätte man Mathe und Physik als Leistungskurse wählen müssen, gemeinsam mit unseren Überfliegern Timo, Christopher und Martin – das perfekte Horrorszenario.

„Sie können sich denken, was anliegt, oder?“ Dooses Grinsen wurde noch breiter, seine Halbglatze reflektierte penetrant das Deckenlicht. Der Typ wirkte immer ein bisschen, als mache er sich über uns lustig. Und zu so jemandem sollte man Vertrauen aufbauen? Aber zum Glück musste ich inzwischen kein Geheimnis mehr aus meinen Zukunftsplänen machen, konnte gleich zurückballern: „Geh im Sommer eh ab.“ Gelangweilt schaute ich irgendwo hin.

„Okay.“ Kurzes Schweigen. Das abschätzige Grinsen war plötzlich aus seinem Gesicht verschwunden. „Und dann?“

„Ausbildung.“

Wieder Schweigen, dazu misstrauisch hochgezogene Augenbrauen. „Und als was, wenn ich fragen darf?“

„Kaufmännisch.“ Ich betete, dass Doose jetzt Doose blieb und einfach die Klappe hielt. Nicht mit denselben Fragen anfing wie Klaus neulich: ob ich mir das gut überlegt hätte und so weiter.

„Schon ne Lehrstelle gefunden?“ Allmählich kehrte das Grinsen in sein Gesicht zurück.

„In Arbeit. Wird sich demnächst klären.“ Ich grinste ebenfalls. „Keine Sorge!“, setzte ich noch einen drauf. Hoffentlich ließ er mich jetzt in Ruhe, der Idiot.

Seine blanke Birne glänzte immer stärker. Als hätte er zu schwitzen begonnen, als lägen wir im Zweikampf miteinander…

„Na, Reisende soll man nicht aufhalten.“ Er klappte das Studienbuch zu. „Aber ob Sie dann noch bis zum Sommer hierbleiben können, muss ich erst klären.“ Das abschätzige Grinsen war zurück, in alter Pracht. Er hatte wieder die Oberhand gewonnen; von seiner Gunst hing es ab, ob ich weiterhin eine ruhige Kugel am Wilhelm-Gymnasium schieben konnte oder den Abflug machen durfte. Er und niemand sonst würde den Daumen heben oder senken, ganz nach Belieben. Blödes Arsch!

„Sagen Sie mir bitte Bescheid, wenn 's soweit ist mit der Lehrstelle, damit wir hier alles Weitere regeln können.“ Er schmiss das Studienbuch auf irgendeinen Stapel an der Seite – Ende der Sprechstunde.

 

***

 

Ich saß in Oles grünem Golf. Gerade bretterten wir bei Tempo 130 über die Bundesstraße nach Eckhorst.

Wir wollten in die Alte Räucherkate. Dort wurden natürlich schon lange keine Fische mehr geräuchert, sondern Pizzen gebacken, Burger gebraten, Pasta gekocht – die ehemalige Räucherkate war inzwischen ein Bistro und beliebter Treffpunkt der Jugend in Eckhorst und Umgebung. Besonders der Donnerstag hatte sich etabliert – an diesem Abend kamen die Leute aus allen Himmelsrichtungen mit ihren Autos angekurvt, so auch aus Schönhagen, Hoheneck und Norderby. Ich spielte mit dem Gedanken, die Strecke vielleicht mal per Drahtesel zu machen, sobald es endlich wärmer wurde und nicht mehr so früh dunkelte.

Der Parkplatz vor der Kate war natürlich wieder knüppeldicke voll. Hier am Donnerstagabend etwas zu finden war so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Ole drehte bloß pro forma eine Runde zwischen all den kreuz und quer stehenden Autos hindurch. Dann steuerte er den Erdwall ganz am Rand an und platzierte dort den Golf, bereits in deutlicher Schräglage und halb im Knick – sein Stammplatz.

Seit Ole mich vor ein paar Wochen erstmals zum großen Donnerstagstreffen in die Kate mitgenommen hatte, wollte ich am liebsten keinen dieser Abende mehr auslassen. Der große Gastsaal mit seinem Reetdach und den hölzernen Tragebalken erinnerte total an die Alte Mühle in Schönhagen. Wobei dort nichts mehr los war und hier das Leben tobte: Alle Tische waren dicht besetzt mit Leuten, viele davon in unserem Alter, Schüler, Azubis, Studenten aus der Stadt, was auch immer. Das Stimmengewirr der Unterhaltungen lag im schönsten Wettstreit mit der Musik, die aus großen Lautsprechern in den Ecken plärrte. Zigarettenqualm und der Rauch aus dem Pizzaofen erzeugten einen Dunst wie im tiefsten Dschungel zur Regenzeit. Diverse Gerüche zogen durch die Luft, nach deftigem Essen, nach Schweiß, mit Glück nach Parfüm, letzteres bevorzugt an Tischen mit vielen Mädchen. Inmitten dieses Gewühls flitzte das Personal herum und balancierte Tabletts mit gut gefüllten Teller oder Gläsern, in denen frisch gezapftes Bier goldgelb leuchtete – es war ein Bild wie aus der Werbung. Nur besser.

„Da sind Ralf und Bianca.“ Ole zeigte auf einen Tisch ganz hinten in der Ecke. Er verlor nie viel Zeit mit Glotzen, sondern scannte sofort den Laden und hatte in Sekundenschnelle alle Bekannten ausfindig gemacht. Ich dagegen genoss immer erst mal den Gesamteindruck, ließ alles auf mich wirken. Wobei ich eh alles bloß verschwommen sah, weil ich abends nie Brille trug. Meistens entdeckten die Leute dann eher mich als umgekehrt.

Bianca war Ralfs Freundin. Abgesehen davon, dass sie ziemlich attraktiv war, wirkte sie älter als wir, reifer, erfahrener. Ich war in ihrer Gegenwart immer etwas verschüchtert. Überhaupt wurde ich in Gegenwart von Ralfs Freunden schnell wortkarg, kam mir auf einmal wie ein unerfahrener Junge vor, der nach einjährigem Eremiten-Dasein viel nachzuholen hatte. Bei den Leuten vom Wilhelm-Gymnasium war das längst nicht so krass, aber die hatte ich ja selbst während meiner Einzelhaft täglich gesehen.

Wir bahnten uns einen Weg durchs Gedränge und erreichten unter Mühen den Ecktisch. Wie auf Bestellung wurden in diesem Moment die beiden anderen Plätze frei. So lief das meist bei Ole, er war ein Glückspilz, eine Art Gustav Gans. Seine blonde Lockenmähne wirkte zudem hypnotisch auf die weibliche Bevölkerung, insbesondere auf Kellnerinnen. So auch jetzt wieder: Kaum schnippte er mit dem Finger, kam eine angewieselt und zückte Block und Stift. Wirklich irre…

Ich wollte schon ein Glas Leitungswasser ordern, weil ich mal wieder pleite war, aber Ole bestellte einfach ein Bier für mich mit. „Ich schmeiß ne Runde“, meinte er, als die Kellnerin wieder abzog. Er wusste um meinen permanent leeren Geldbeutel und übernahm in der Kate meistens die Getränke. Schon ein bisschen peinlich, andererseits verdiente er halt sein eigenes Geld. Sobald ich selbst arbeitete, würde ich mich revanchieren.

Als erstes riss ich mir die Klamotten vom Leibe, wenigstens Sakko und Pulli. Anders als im T-Shirt war es hier drinnen nicht auszuhalten. Ole dagegen behielt seine Schimanski-Jacke grundsätzlich an. Von der trennte er sich niemals, mochte das Klima auch noch so tropisch sein – wie hier in der Kate beispielsweise.

Im Hintergrund öffnete sich eine große Bühne, die momentan abgeräumt und dunkel war. Viele Besucher, die keine Plätze an den Tischen gefunden hatten, nutzten deren Rand zum Sitzen. Andere hockten im Schneidersitz auf dem Bühnenboden, einer hatte sich dort sogar lang ausgestreckt, neben sich ein volles Bierglas, im Gottvertrauen darauf, dass niemand versehentlich dagegentrat und den kostbaren Gerstensaft in der Gegend verteilte. Aber die Bühne wurde natürlich auch regulär genutzt; vor allem an den Wochenenden gab es hier Events, Lesungen, Theater und natürlich auch Konzerte. Bei denen ging angeblich oft die Post ab, mit Randale, Bullen und so. Wobei das Mobiliar erstaunlich gut in Schuss war; aus der Nordstadt war ich da ganz andere Anblicke gewohnt. Vermutlich übertrieben die braven Dörfler ein bisschen in ihren Schilderungen.

Einer Sache jedoch konnte man sich in der Kate sicher sein: dass man hier Bekannte traf. Meistens natürlich Mitschüler, aber eben auch Leute wie Ole oder Ralf. Es war ungewohnt, Schönhagener und Eckhorster vermischt zu sehen, aber wieso nicht? Aus der Schule begegneten einem am ehesten Martin, Christopher und die anderen Politiker, von denen aber heute keiner anwesend zu sein schien. Dafür entdeckte ich Sibylle und Manuela. Die beiden kamen donnerstags fast immer, nach dem Ende ihres Friedenskreises, der sich am Nachmittag traf. Sie waren mittlerweile superaktiv, fuhren zu Demos gegen Nachrüstung, veröffentlichten Artikel in unserer Schulzeitung und anderen Publikationen, zum Beispiel dem Eckhorster Lokalblättchen. Noch immer trugen sie ihre üblichen Wallewalle-Röcke, dazu diese dämlichen Entenschuhe, die seit einiger Zeit in Öko-Kreisen angesagt waren.

„Da will jemand was von dir.“ Ole zeigte zur Bühne, in der Hand ein Hefeweizen-Glas – mittlerweile waren unsere Getränke gekommen. Ich musste eine Weile blinzeln, ehe ich Walther erkannte, meinen ehemaligen Dealer in der Schule. Er saß am Bühnenrand, neben sich eine Pulle Bier, und winkte zu uns rüber. Zwischen den anderen Leuten wirkte er etwas verloren.

Ich griff mir meine eigene Flasche und schlenderte zu ihm. „Na, alte Säge?“, grüßte er. „Hab gehört, dass du bei Doose warst. Und – was wollte das Sackgesicht?“

Seine Frage kam nicht von ungefähr: Er hatte ebenfalls Doose als Tutor und würde, wie ich, im Sommer die Biege machen – ziemlich wahrscheinlich also, dass ihm dieselbe Prozedur bevorstand. Ich erzählte, wie's gelaufen war.

Walthers Vorname war eigentlich Thorsten, aber das wusste kaum jemand. Die meisten kannten ihn ausschließlich unter seinem Nachnamen. Den Dealer-Job hatte er notgedrungen an den Nagel gehängt, als ihm kürzlich die Bullen auf die Pelle gerückt waren. „Alles gefilzt haben die zu Hause, alles total auf den Kopf gestellt“, erzählte er später entrüstet. Als wäre es eine bodenlose Frechheit seitens der Polente, einfach so nach Drogen zu fahnden. Allerdings hatte er wohl rechtzeitig einen Wink erhalten und alle Spuren getilgt, sonst wäre er wohl eingefahren. Mit Dealen war seitdem Schluss, was in der Schule zunächst für heilloses Durcheinander gesorgt hatte: Wo jetzt noch Pillen, Gras, Peace, LSD herbekommen? Aber schnell und geräuschlos waren andere Leute an Walthers Stelle getreten – wie das halt so lief in der Branche…

Jetzt war Walther nur noch ein Mitschüler unter vielen. Okay, fast. Sobald das Gespräch auf die Oberlooser des Jahrgangs kam, fiel nicht etwa mein Name, sondern seiner. In der Tat gab es eine einzige Person am Wilhelm-Gymnasium, die noch schlechtere Zensuren einfuhr als ich, die noch unmotivierter war, falls das überhaupt ging: Walther. Es war ungemein erleichternd, zu wissen, dass ein anderer in der Schule freiwillig die Rolle des personifizierten Bodensatzes übernahm. Dafür durfte Walther sich meines innigsten Dankes sicher sein.

Einen Unterschied gab es allerdings: Während ich immerhin versuchte, eine Lehrstelle zu finden, hatte er null Plan für die Zukunft. „Sozialamt zahlt doch“, meinte er, wenn man nachhakte. Stimmte das? Konnte man einfach dort hingehen und Kohle abgreifen? Zugegeben, das klang schon verlockend. Andererseits: Was gewann ich, wenn statt Muttern die Behörden für mich blechten? Nee, das kam nicht infrage. Auf Arbeiten hatte ich zwar null Bock, aber auf Kosten der Allgemeinheit leben wollte ich auch nicht, da hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Oder mir fehlte ganz einfach Walther Dreistigkeit.

Äußerlich erinnerte er an Phil Collins: dieselbe Kleinwüchsigkeit, dasselbe verschmitzte Dauerlächeln, dieselbe Zappeligkeit. Nur die Haare wuchsen bei ihm etwas üppiger. Wo Walther auftauchte, wurde es lustig; um schlagfertige, schräge Antworten war er nie verlegen. „Und, Walther – was wählst du?“, wurde er gefragt, als alle über die bevorstehende Bundestagswahl Anfang März quatschten. Viele von uns durften zum ersten Mal ihr Kreuz machen. „Ich wähl Deutsche Bundespost“, kam es von ihm wie aus der Pistole geschossen. Das war typisch, dafür liebten die Leute ihn.

Komisch, dass er trotzdem oft allein herumsaß, ignoriert, gemieden, fast wie ein Aussätziger. Eine Melancholie lag dann auf seinem Gesicht, die in krassem Gegensatz zu seinem üblichen Kasper-Lächeln stand. Als wäre eine Maske gefallen und seine wahre Stimmung zum Vorschein gekommen: Traurigkeit, Überdruss, Ratlosigkeit – wie gerade eben, am Bühnenrand. „Was soll ich hier noch?“ schien er sich dann zu fragen.

Als ich zu Ole, Ralf und Bianca zurückging, war mein Stuhl natürlich weg, rübergezogen zum Nachbartisch, wo die Zahl der Leute immer weiter wuchs. Ich stellte mich einfach an die Seite und lauschte dem Gespräch der drei. Einmal mehr ging es um die Bundestagswahl und deren Ergebnisse. Ich hätte eigentlich auch zum ersten Mal wählen dürfen, aber keine der Parteien passte zu mir. Alle zu altbacken, bis auf die Grünen, die ich aber nicht leiden konnte. Zwar interessierten sie sich als einzige für Treibhauseffekt und Naturzerstörung, aber ihr Habitus erinnerte einfach zu sehr an die Wallewalle-Fraktion, Leute wie Martin, Sibylle und Manuela. Dazu dieses Wirrwarr mit Erst- und Zweitstimme – ich raffte es einfach nicht. Am Ende war ich zu Hause geblieben, was ich jetzt, da die anderen über ihre Eindrücke beim Wahlakt erzählten, ein bisschen bereute. Na, vielleicht nächstes Mal.

Als Ole und ich zurückfuhren, sah man im Scheinwerferlicht den Raureif, der sich mittlerweile auf der Fahrbahn gebildet hatte. Hinter einer Kurve ging Ole plötzlich vom Gas; den Rest der Strecke legten wir in – für seine Verhältnisse – deutlich gedrosseltem Tempo zurück. Verdammter Frost! Hoffentlich wurde es bald mal Frühling.

Trotzdem freute ich mich schon auf die nächste Fahrt in die Kate. Davon würde mich nichts abhalten, nicht mal ein Schneesturm.

 

***

 

Endlich Osterferien! Die Klausuren waren geschrieben, die fast leeren Blätter in Mathe, Physik und Bio abgegeben, die bösen Blicke der Pauker stoisch ertragen. Jetzt hatte ich erst mal zwei Wochen Ruhe.

Leider waren in der Zwischenzeit keine neuen Einladungen zu Vorstellungsgesprächen mehr gekommen. Ob ich irgendwas falsch machte? Dabei hielt ich mich exakt an die Vorgaben in dieser komischen Broschüre von der Berufsberatung. Oder fehlte meinen Bewerbungen ganz einfach der Biss? Merkte man, dass sie ohne echte Überzeugung geschrieben waren? Aber was sollte ich dagegen machen? Bock auf Arbeiten konnte man sich halt nicht aus den Rippen schneiden. Na, ich würde jedenfalls dranbleiben. Die Lehre ging erst im August los, bis dahin sollte sich wohl noch was finden lassen.

Wenn wenigstens das Wetter endlich besser geworden wäre! Noch immer gab es nachts Frost, schwächelte das Thermometer, sobald es tagsüber die 10-Grad-Marke überschreiten sollte. Wenigstens regnete es nicht mehr so oft wie im März.

Wobei ich momentan eh die meiste Zeit in meiner Minibutze hockte. Fast jeden Nachmittag kamen Jürgen und Silke zum Teetrinken vorbei. Er hatte Urlaub, sie Osterferien. Silke würde ebenfalls im Sommer der Schule den Rücken kehren und eine Lehre machen, als PTA. Kürzlich hatte sie ihre ersehnte Stelle gefunden, in der Bahnhof-Apotheke. Ich freute mich für sie, war aber auch ein bisschen neidisch: Sie hatte es geschafft, während ich mir noch immer die Hacken abrannte.

Wenn die beiden klingelten, standen Kanne, Stövchen, Tassen und Zuckertopf immer schon auf dem Rauchtischchen bereit. Es gab Vanille-Tee. Eigentlich hatte ich Wildkirsche bei Muttern bestellt, aber das Zeugs war im Supermarkt wohl aus gewesen. Ersatzweise hatte sie Vanille in den Wagen gepackt – ein echter Glücksfall, wie sich dann herausstellte: Das Zeug machte regelrecht süchtig, vor allem mit einer ordentlichen Ladung Zucker.

Jürgen war seit neuestem stolzer Besitzer eines knallblauen Kadett Coupé. Streng genommen eine üble Proll-Karre, die überhaupt nicht zu ihm passte. Trotzdem freute er sich wie ein Schneekönig, legte seither keinen Meter mehr zu Fuß zurück. Auch dass die beiden jetzt so oft zu mir kamen, lag wohl vor allem am neuen Schlitten.

Manchmal fuhren sie auch mit der Limousine seines Alten vor: ein viertüriger Audi 100 GL in schimmerndem Hellblau Metallic, mit Automatikgetriebe und eingebauter Sitzheizung. Als Henri das Geschoss zum ersten Mal sah, flitzte er sofort nach draußen, streichelte ehrfürchtig die Außenspiegel, tätschelte liebevoll die Kotflügel – viel fehlte nicht, und er hätte alles abgeknutscht. Jürgen hatte an diesem Tag seinen Großzügigen und lud uns alle zu einer Spritztour ein. Zwischen Ferienzentrum und Neuschönhagen machte er einen Kickdown. Der Motor begann zu heulen wie ein Düsentriebwerk, immer schneller zogen die weißen Streifen unter uns hinweg, die Tachonadel zitterte auf die 150 zu. Henri war begeistert, mir ging die Pumpe. Dass wir heil wieder zum Bungalow kamen, grenzte für mich an ein Wunder.

Neulich hatte ich mich mal mit Silke allein getroffen, ohne Jürgen. Es war ihre Idee gewesen. Ein bisschen wunderte ich mich ja schon, was sie von mir wollte, andererseits erschien mir so ein Treffen auch folgerichtig: Wir lagen eindeutig auf einer Wellenlänge, das hatte sich schon länger abgezeichnet. Irgendetwas verband uns, und das musste endlich unter die Lupe genommen werden.

Der kurze Gang durch den Vorgarten des Hauses Nummer 12 war ein ziemliches Déjà Vu. Das sich noch verstärkte, als Silke öffnete und ich in den Rönnfeldschen Flur kam: Wie sehr hier drinnen alles an unser altes Haus erinnerte! Dann aber interessierte mich nur noch Silkes Anblick: sensibel, prinzessinnenhaft, obwohl doch kein Stück zartgliedrig oder zerbrechlich – es musste irgendetwas in ihrer Ausstrahlung sein. Als wir nach oben gingen, bekam ich regelrechtes Herzrasen. Obwohl eigentlich klar war, dass hier nichts laufen würde, nichts laufen durfte…

Silke bewohnte das langweilige Mädchenzimmer einer 16-Jährigen: Ein Bett, ein Schrank, ein Regal mit ein paar Büchern, Gläsern, sonstigem Krimskrams. An den Wänden Bilder in diesem typischen, nervigen Pierrot-Stil, der bei Mädchen gerade so angesagt war. Sitzen taten wir auf dem Boden, der Tee stand auf einem Couchtisch. Anders als Jürgen oder ich nahm Silke dafür nicht einfach Geschirr aus der elterlichen Küche, sie besaß ein eigens Service – halt typisch Mädchen.

Ungewöhnlich waren aber die Poster über ihrem Bett: Ein Szenenfoto aus „Zärtliche Cousinen“ zeigte die komplett entblößte Anja Schüte von hinten, keusch über die Schulter in die Kamera blickend, während eine Zofe daneben kniete und ihr Rücken und Po wusch. Das berühmte „Bilitis“-Plakat schloss sich an, mit den beiden halbnackten Hauptdarstellerinnen im Weichzeichner-Stil. Ein kleineres Bild darunter war anscheinend aus einer Zeitschrift ausgeschnitten: eine Frontalaufnahme von Brooke Shields in „Die Blaue Lagune“. Um die Hüften hatten sie ein weißes Lendentuch gebunden, während ihr kleiner, mädchenhafter Busen nur notdürftig vom langen Haar bedeckt war. Ich hatte den Film im TV gesehen und fand ihn eher albern, aber beim Anblick der nahtlos braunen Pfirsichhaut von Brooke Shields im warmen Südseelicht musste ich unwillkürlich schlucken. Die einzige vollständig angezogene Frau in Silkes Poster-Galerie war Stevie Nicks: Eine Schwarzweiß-Fotografie zeigte sie in einem ihrer Blumenkind-Gewänder, mit Schmollmund und großen, sehr sanften Augen, die scheu nach oben blickten. Nein, ganz hinten in der Ecke hing noch ein „Xanadu“- Filmposter mit einer ziemlich verkitschten und selbstverständlich bekleideten Olivia Newton-John. Es wirkte im Vergleich zu den anderen Porträts, vor allem den expliziteren, wie ein Überbleibsel aus Silkes Kinderzeit. Auch fand sich im gesamten Raum kein einiges Poster von ABBA – als deren glühende Verehrerin Silke eigentlich galt. Ob ihr Musikgeschmack sich in der Zwischenzeit geändert hatte?

Aber bald glaubte ich doch ein Muster in der Bildauswahl zu erkennen: Alles Frauen, alle fragil und verträumt, wie Silke. Stevie Nicks sah ihr sogar vom Gesicht her ähnlich, außer dass Silke etwas voller und pausbäckiger war, aber wirklich nur ein bisschen.

Auf einmal spürte ich ihren Blick im Nacken – sie beobachtete mich, schmunzelnd und anscheinend auch neugierig, wie ich wohl auf die Bilder reagierte. Natürlich konnte ich nicht verhindern, dass ich dunkelrot anlief. „Bist Du seit Neuestem unter die Fleetwood-Mac-Fans gegangen?“, fragte ich schnell, um mir nichts anmerken zu lassen.

„Nee, ich kenn die gar nicht“, meinte sie bloß. „Tee?“ Sie griff nach der Kanne.

Ich nickte und war froh, dass mein Ablenkungsmanöver anscheinend funktioniert hatte. „Was für eine Sorte?“ Misstrauisch sog ich den Dampf ein, der aus dem Becher aufstieg. Der Geruch war mir fremd.

„Earl Grey. Magst Du den?“

Nie gehört. Vorsichtig trank ich einen Schluck – es schmeckte ganz anders als unsere bisherigen Sorten, würziger, nicht so lieblich. Aber mit einem ordentlichen Schub Zucker ließ es sich aushalten.

Worüber wir quatschten, wusste ich später nicht mehr. Aber noch lange nach diesem Treffen war ich ziemlich konfus: Einerseits das spießige, mädchenhafte Zimmer, und dann diese Bilder an der Wand. Silke ließ sich nicht einordnen; sie passte in kein Schema, jedenfalls in keines, das ich kannte. Aber das machte sie auch interessant. Ziemlich interessant sogar. Außerdem war sie unfassbar hübsch, wie ich an jenem Nachmittag wieder mal feststellte. Komisch, dass ich früher immer bloß auf Kristina geachtet hatte. Silke war eigentlich die Attraktivere der beiden, mittlerweile jedenfalls.

Aber – durfte ich solche Gefühle überhaupt haben? Immerhin war sie mit Jürgen so gut wie verheiratet! Wusste er eigentlich von diesem Treffen, oder war er ahnungslos? Hinterging ich ihn? Sollte ich ihn bei nächster Gelegenheit einweihen oder war das eine Sache ausschließlich zwischen Silke und mir? Jedenfalls schwirrte mir ganz schön der Kopf, als ich abends nach Neuschönhagen zurückfuhr.

Und jetzt, da die beiden hier in meinem Zimmer direkt vor mir saßen und Silke schöner war denn je, ging die Konfusion prompt von neuem los…

'Sitzen' war vornehm ausgedrückt – eher kauerten sie nebeneinander auf dem Bett. Ein zweiter Sessel hatte hier, anders als in meinem alten Zimmer, nicht mehr reingepasst, auch war der Raum so schmal, dass das Fußende des Bettes hinter dem Klappschreibtisch verschwand. Sprich: Zu zweit wurde es bereits ziemlich eng auf der Pritsche. Und mehr als drei Leute passten schon gar nicht in diesen Schuhkarton.

„Warst du Donnerstag eigentlich in der Kate?“, fragte Jürgen.

Ich nickte. „Mit Ole. Wir haben Bianca und Ralf getroffen.“

„Und – wie findest Du Bianca?“ Das Jürgen-Lächeln erschien, das ich früher immer unter 'Versicherungsvertreter' eingeordnet hatte. Inzwischen wusste ich, dass es eher schüchterne Neugier war.

„Ziemlich steiler Feger“, meinte ich.

„Das kann man wohl sagen.“, stimmte er lebhaft zu. „Letztes Jahr, als ich mit Ole in Steenbarg am Strand war, kam sie gerade aus dem Wasser – oben ohne. Ich dachte echt, da steigt Bo Derek aus den Fluten.“ Ein sehnsuchtsvoller Ausdruck legte sich über sein Gesicht.

„Toll, Jürgen, und was willst du damit sagen?“ In Silkes Augen blitzte es auf einmal sehr giftig, barsch rückte sie ein Stückchen von ihm ab – so weit das in der Enge überhaupt ging.

„Nichts, nichts“, erwiderte er eilig und legte einen Arm um ihre Schultern. „Na, jetzt hab dich nicht so.“ Er wollte sie an sich ziehen, aber sie wehrte sich.

Ich fand es ziemlich unangenehm, in ihre privaten Angelegenheiten reingezogen zu werden. Zugleich war ich baff: Dass Silke so schnell eifersüchtig wurde, hatte ich nicht erwartet. Und ich spürte unwillkürlich Enttäuschung: Dieses Aufbrausen, wenn Jürgen von einer anderen erzählte – es bedeutete ja, dass… und ich hatte gedacht, gehofft, dass vielleicht… aber meine Fresse, es war doch egal! So blieb einem wenigstens möglicher Ärger erspart!

„Kommst du eigentlich auch zum Tanz in den Mai?“, wechselte Jürgen unvermittelt das Thema.

„Stimmt!“ Silkes Miene hellte sich so plötzlich wieder auf, wie sie sich gerade verfinstert hatte. „Da freu ich mich schon drauf!“

Momentan wurde ständig über dieses große Ereignis gequatscht, aber ich klinkte mich da immer aus. Rumhopsen im Ferienzentrum, in einer Dorfdisco namens „Störtebeker“ – das war nichts für mich. „Was geht denn da ab?“ fragte ich, ohne mich ernsthaft für die Antwort zu interessieren.

„Ist der Saisonauftakt“, meinte Jürgen. „Alle wollen hin.“

Weshalb fuhren wir nicht lieber in die Kate? Immerhin war am nächsten Tag frei, man musste also nicht auf die Uhr schauen. Stattdessen wollten auf einmal alle in eine Disse. Schon komisch, wie schnell sich momentan immer alles änderte… 

Ich überlegte: Letztes Jahr war ich um diese Zeit noch einsam durch die Felder gestreunt, hatte nicht viel mitbekommen von den Sachen, die hier so liefen. Und vor zwei Jahren war Gut Neudorf das beherrschende Thema gewesen. 

„Gibt es eigentlich noch immer diese Mitmach-Aktion auf dem Gut?“, fragte ich neugierig. Eine Ewigkeit schien das alles zurückzuliegen. 

„Klaro. Aber ohne mich“, erklärte Jürgen. „ Ist mir alles viel zu kommunistisch da. Früher hat mich das ja nicht interessiert, aber diese Zeiten sind vorbei.“ 

„Kommunistisch?“ Ich hatte null Plan, was er meinte. 

„Dieses Kommune-Gehabe, immer alles teilen, kein Privatbesitz und solches Zeugs – das klingt echt wie von drüben gesteuert.“ Er war laut geworden, klang richtig gereizt – offenbar meinte er es ernst. 

„So ein Quatsch!“ Silke schüttelte den Kopf. „Was du immer redest.“ Sie gab ihm einen Klaps gegen die Schulter. Prompt fingen die beiden eine ihrer Spaß-Raufereien an. 

'Von drüben gesteuert' – Jürgens Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Ob das stimmte? Aber ich wollte nicht nachhaken, nicht zu tief einsteigen ins Thema 'Gut Neudorf' – zu viel Vergangenheit. Nur die Zukunft sollte noch zählen, das, was von vorn kam, Punkt und Schluss. 

Um sieben Uhr war Aufbruch. Silke musste pünktlich um halb acht zum Abendessen zu Hause sein, ganz wie früher. Man vergaß bei ihr schnell, dass sie erst 16 war. Ich begleitete die beiden zur Tür. „Bis die Tage“, meinte Jürgen, gab mir die Hand und ging raus zum Auto. Silke trödelte. Einen Moment standen wir allein im winzigen Vorflur, der Duft ihres Parfüms stieg mir in die Nase. „Treffen wir uns mal wieder?“, flüsterte sie und zwinkerte mir zu. Ich spürte, wie ich rot wurde. „Klar“, nickte ich. Beim Rausgehen streifte sie mich – die Berührung war wie ein Rausch. 

Und auf einmal wusste ich, dass ich Jürgen nichts von den Zusammenkünften mit Silke erzählen würde. Jedenfalls vorerst nicht. 

 

 

Hinweis: Dies ist ein Ausschnitt. Der vollständige Text wird voraussichtlich dieses Jahr (2025) erscheinen.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Uwe Fuchs).
Der Beitrag wurde von Uwe Fuchs auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Uwe Fuchs als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Mensch denkt, der Tod lenkt von Waltraud Wickinghoff



Ein Ruhrgebietskrimi mit Blick über den Tellerrand (Mordversuch, Mord und Kidnapping eines Kindes)

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Romane" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Uwe Fuchs

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Im Innern der Insel von Uwe Fuchs (Romane)
Wunderlappen von Norbert Wittke (Glossen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen