Claudia Dvoracek-Iby

Ich war einmal

 

Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besaß ich ein prächtiges Gefieder, ein stolzes Gemüt und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein schöner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem großen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle wäre mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.

Es waren unerwünschte Gefühle, die regelmäßig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gefühlen, war wohl die Möwe Jonathan unter dem Geflügel - zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifersüchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.

Mich quälte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine Körner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vorüber. Obwohl ich Tag für Tag zuverlässig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen pünktlich mit meinem Hahnenschrei weckte – nie wurde ich gelobt, nie getätschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.

Eines Tages war mein Frust so groß, dass ich mich beim Hund über diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schließlich: „Mache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.“

Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen dermaßen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und übte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.

Schon am nächsten Morgen schaffte ich es, hundeähnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tatsächlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vorüber zu gehen, und betrachtete mich verwundert.

„Hast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln“, prahlte ich vor dem Hund.

Am darauffolgenden Tag begrüßte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerreißend. Lange, lange beobachtete er mich kopfschüttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!

„Er kann es nicht fassen, mich so lange übersehen zu haben“, erklärte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. „Er beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.“

„Kikeriwau, Kikeriwau-wau!“ schrie ich meinem Herrn durchdringend am nächsten Tag entgegen, spreizte sämtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis, und warf mich ihm schließlich zu Füßen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich berühre.

Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kräftigen Arme. Überglücklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.

 ‚Jetzt, endlich, jetzt streichelt er mich‘, dachte ich voll Freude.

Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.

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