Aurelia Bogner

Die Ausgangssperre

Sanft glitt der Wind über die nächtlichen Straßen. Nicht ein Geräusch war zu vernehmen. Kein Lachen, kein Weinen, kein Sprechen, kein leises Flüstern eines noch nicht beendeten Films. Doch plötzlich durchdrangen leise Schritte die Dunkelheit. In der ewigen Stille klangen die Schritte wie zehn Elefanten, die zu einem See stürmten. Die junge Frau, die wie jede Nacht ihre Runden durch diese Straßen drehte, warf einen leichten Seitenblick auf die verschiedenen Häuser, an denen sie vorbeikam. Keines unterschied sich. Alle waren gleich klein, alle hatten den gleichen Balkon, der zu den Straßen ausgerichtet war. Und alle Häuser waren tot. Wenn die Frau vereinzelt durch die Scheiben der kleinen Fenster blickte, sah sie keine Menschen, kein Licht. Das einzige, was ihre Augen wahrnahmen, war ihr eigenes Antlitz, das sich in den Scheiben der Fenster widerspiegelte und sie in einer fast schon beängstigenden Dunkelheit zeigte.

Ein paar Schritte weiter kam sie zu einer großen Digitaluhr, die in feuerroten Ziffern die Zeit anzeigte: Es war jetzt 20:30 Uhr.

„Die Ausgangssperre wird heute Abend um eine Stunde vorverlegt!“, stand direkt unter der Uhrzeit. Die Frau ging geräuschlos weiter, als interessiere sie diese Regelung nicht. Warum auch? Schließlich wusste niemand, was passieren würde, wenn man sich nicht daran hielt. Dennoch griff sie reflexartig in ihre Jackentasche, um sich zu vergewissern, dass ihr Handy sicher zu Hause geblieben war. Sie ging noch eine Weile weiter und erfreute sich an der Schönheit der Nacht. Gleichzeitig fragte sie sich, wann die anderen Menschen das letzte Mal die Nacht gesehen hatten. Doch diese Gedanken wurden von einem blauen Licht unterbrochen, das hell und doch leise aufleuchtete. Das Herz der Frau schlug schneller und Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, als das Licht direkt auf sie zukam. Es war die Sirene eines Polizeiwagens, der genau neben ihr zum Stehen kam.

„Name?“, sprach eine mechanische Frauenstimme, die irgendwie einen Hauch von Sympathie versprühte, doch die junge Frau schwieg.

„Wie lautet ihr Name?“ Sie wandte sich ab und wollte in der Dunkelheit wieder verschwinden, als sich das Dach des Polizeiwagens öffnete und eine große Pistole zum Vorschein kam, die direkt auf die junge Frau zielte.

„Bitte bewegen Sie sich nicht. Sonst sind wir gezwungen zu schießen.“ Die Frau zitterte am ganzen Körper und wagte es nicht einmal zu atmen.

„Ich habe nichts falsch gemacht.“, flüsterte sie zum Polizeiauto zugewandt.

„Das werden wir entscheiden. Und jetzt nennen Sie mir bitte Ihren Namen.“

„Anna Schneider.“ Auf dem Polizeiauto erschien ein kurzes „Ladet…“ und anschließend die gesamte Lebensgeschichte von Anna Schneider.

„Ein wirklich interessantes Leben, Frau Schneider. Sie haben vor ca. acht Jahren eine Software absichtlich zum Abstürzen gebracht.“ „Dafür habe ich lange gesessen.“ „Das ist uns bewusst. Und dass es untersagt ist, sich nach der Ausgangssperre noch draußen aufzuhalten, ist Ihnen auch bewusst?“ „Ja.“ „Auch, dass Sie ihr Handy immer griffbereit haben müssen?“ „Auch das.“ „Dann haben sie heute gegen zwei Gesetze verstoßen.“

Die Tür des Polizeiwagens öffnete sich langsam.

„Steigen Sie ein!“

Anna Schneider rührte sich nicht.

„Steigen Sie ein!“, ertönte es noch einmal vom Polizeiwagen her.

Anna Schneider blickte zur Pistole, die nach wie vor auf sie gerichtet war und sie gehorchte und stieg ein.

Sobald sie Platz genommen hatte, band sie ein Gurt automatisch an den Sitz des Wagens. Sie blickte um sich und sah nur einen Computer vor sich. Keinen Fahrer. Keinen anderen Menschen.

„Was habt ihr mit mir vor?“, fragte sie den Computer, der nicht länger antwortete.

Stattdessen startete der Motor und der Wagen fuhr los.

Er fuhr durch todesleere Straßen und durch die Dunkelheit der Nacht, bis er weit von der Stadt entfernt zum Stehen kam.

Die Türen öffneten sich und der Gurt löste sich.

„Sie dürfen jetzt aussteigen.“, ertönte es von dem Computer.

„Wo bin ich hier?“

„Sie dürfen jetzt aussteigen.“, wiederholte der Computer nur und Anna Schneider gehorchte.

Die Tür des Wagens schloss sich wieder und das Polizeiauto fuhr weg. Sie blickte um sich und sah nichts außer einer großen Wüste. Sie starrte nach oben und bemerkte den glänzenden Schein des Mondes. Keine einzige Menschenseele befand sich an diesem Ort und sie fragte sich welchen Unterschied es macht in einer Wüste ohne Menschen zu stehen oder in einer Stadt zu leben, in der die Bewohner nur sich selbst sehen.

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