Als Susanne am Abend auf der Treppe nahe dem Wohnzimmerfenster saß, belauschte sie ein Gespräch, das ihre Tante mit der Mutter führte. Ihre Tante war sehr aufgebracht: Er bestreitet, mit mir zusammen gewesen zu sein und stellt mich hin wie ein Flittchen. Wie kann er mich so hintergehen, nachdem wir jahrelang befreundet waren und er mir immer wieder erzählte, dass seine Frau ihn schlecht behandelt?
Das ist armselig, hörte sie ihre Mutter sagen. Er entzieht sich der Verantwortung und schiebt dir alle Schuld in die Schuhe. Sei froh, dass du ihn los bist!
Die Stimme ihrer Tante klang traurig, als sie sagte: Ich habe ihm vertraut und hielt ihn für einen ehrlichen Menschen. Wieso verliebe ich mich immer in Arschlöcher?
Die Antwort ihrer Mutter war kurz: Weil unser Vater eins war.
Ihre Tante schwieg einen Moment lang und dann meinte sie: Weißt du, das Schlimme an der Geschichte ist, dass ich mich zurückversetzt fühle in den Moment, als ich von unserer Familie Rückhalt erwartete und ihn nicht bekam, weil sie mich opferten, um ihr armseliges Leben ungestört weiterführen zu können. Ich wurde als Kind mit zu viel Fantasie dargestellt, obwohl ich die Wahrheit sagte und ein Mitglied der Familie übergriffig geworden war. Und dies, obwohl dieser Angehörige wusste, dass ich ein missbrauchtes Kind war. Das macht mich fassungslos. Ein Fass ohne Boden.
Solange man den Kreis nicht durchbricht, wird sich nichts ändern, meinte ihre Mutter. Du wusstest doch bei deinem Vater auch nie, woran du warst. Er konnte und durfte dir ja keine positiven Gefühle mehr zeigen, nachdem er dich missbraucht hatte und unsere Mutter es herausbekam.
Das stimmt, antwortete ihre Tante. Ich erinnerte mich ja nicht an den Missbrauch. Das Trauma war so schwer, dass mein Gehirn den Sachverhalt abspaltete und keine Erinnerung zulässt. Dissoziative Amnesie heißt das in der Psychologie. Aber ich erinnere mich an jedes Detail zu dieser Zeit, besonders an die Angst, die Albträume und die Bauchschmerzen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2024.
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