Unweit westwärts von Topeka lag jenes kleine Kaff, dessen Namen längst in Vergessenheit geriet.
Ein Städtchen mit vielleicht hundert, hundertzehn Häusern, an einer Fahrstraße gelegen, eingeschlossen von saftig grünem Weideland.
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Der Tag begann eher unspektakulär.
Ein paar Handwerker wuselten bereits geschäftstüchtig auf der Hauptstraße umher, Kinder trotteten lachend in die Schule und Cowboys trieben Rinder durch die Stadt hinaus aufs freie Land.
Plötzlich verharrten alle an Ort und Stelle, als hätten sie den Leibhaftigen gesehen.
Alle Blicke ruhten auf diesem seltsamen Gespann, dass von Osten her, in eine Staubwolke gehüllt, in die Stadt einfuhr.
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Es war ein überdachter Leichenwagen von allerfeinster Bauart, schwarz mit goldenen Verzierungen.
Der schlaksige Mensch, der oben auf dem Bock des Wagens saß, um die beiden ebenso schwarzen Gäule zu lenken, war nicht weniger imposant.
Auch er war ganz und gar schwarz eingekleidet.
Der Schlaksige trug auf dem Kopf einen Zylinder, am Leib einen Frack und darunter eine Weste.
Seine Lackschuhe glänzten in der morgendlichen Sonne.
Das einzige, was nicht zu seinem ehrwürdigen Aufzug passte, war das Holster, in dem ein silberner Revolver steckte.
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Vor dem Office des Sheriffs hielt die Fuhre an.
Der Mann sprang herunter und hobbelte die beiden Pferde an, ehe er das Office betrat.
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Der Sheriff schaukelte gelangweilt auf seinem Stuhl, sah aber dennoch auf.
Ohne Begrüßung sprach der Undertaker bestimmend, "Baxter, ich komme, um euch abzuholen."
Dabei legte er einen vergilbten Steckbrief auf den Tisch, der mit dem Konterfei des Sheriffs versehen war.
"Nur über meine Leiche", konterte der Angesprochene.
Trotzdem musste man wahrnehmen, wie der Sheriff erblasste.
"Na umso besser", knurrte der Undertaker. "Du weißt also, um was es geht?"
Er erhielt keine Antwort.
Für den Undertaker war das Schweigen Zustimmung genug.
"Dann helfe ich dir kurz auf die Sprünge, Sheriff. Bis vor ein paar Jahren warst du der Anführer des berüchtigten Baxter-Trios. Bei eurem wilden Treiben habt ihr meine gesamte Familie ausgelöscht, meinen Vater, Mutter und meine beiden jüngeren Schwestern. Alles wegen ein paar lumpiger Dollar in der Spielbank. Und weil euch eure Schandtat nicht genug war, habt ihr unser Hotel bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Gut, dass euch wenigstens ein versoffener Bettler bei eurer Tat beobachtet hat und so die Steckbriefe gezeichnet werden konnten. Übrigens, deine beiden Kumpane habe ich bereits einkassiert."
"Was hast du jetzt mit mir vor, Undertaker?"
"Wir sehen uns morgen früh vor dem Office zum Duell! Und denk daran, falls du stiften gehst oder sonstiges vorhast, ich finde dich, Baxter. Ich habe dich hier in diesem Kaff gefunden und ich finde dich überall auf der Welt."
"Du hast keine Chance gegen mich", wollte der Sheriff sein Gegenüber verunsichern.
Doch den Undertaker ließ die Antwort kalt.
Mit stoischer Ruhe erwiderte er, "Warten wir es bis morgen ab. Deine alten Kumpane hatten sich ähnlich geäußert. Bis morgen Früh."
Dann verließ der Undertaker das Office.
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Wie ein Lauffeuer sprach sich in dem Städtchen herum, dass der Sheriff ein gesuchter Verbrecher war und der Undertaker gekommen ist, um sich mit dem Sheriff zu duellieren.
Das war auch der Tatsache geschuldet, dass der Undertaker den Steckbrief, gut sichtbar für die Bürger, an die Schwingtür des Saloon geheftet hatte.
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Am kommenden Morgen wartete der Undertaker bereits auf der Mainstreet.
Um im Nachhinein keine Zeit zu vergeuden, hatte er sein Gespann ganz in der Nähe abgestellt.
Erwartungsgemäß war er wie aus dem Ei gepellt eingekleidet.
Lediglich auf den Frack hatte er verzichtet.
In nur kurzer Zeit füllte sich die Straße mit Schaulustigen.
Unsicher betrat Sheriff Baxter das Terrain.
Ganz wohl war ihm bei der Sache nicht.
Er hatte keine Ahnung, auf welchem Niveau der Fremde mit dem Colt umzugehen verstand.
Darüber hatte er die halbe Nacht gegrübelt.
All die Jahre konnte er in diesem Kaff untertauchen, sein altes Leben hinter sich lassen.
Hier brachte er es zu einigem Ansehen.
Und nun stellte dieser Fremde alles Erreichte auf den Kopf.
Seine kriminelle Vergangenheit hatte ihn eingeholt.
Ihm wurde klar, Gottes Mühlen mahlen langsam aber gerecht.
Niemand konnte sich vor Gottes Gericht verstecken!
"Kennst du die Regeln", fragte der Sheriff.
Der Undertaker nickte.
Beide kontrollierten ihre Waffen und gingen auf ihre Position.
Die Leute waren Mucksmäuschenstill.
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Die Rechte des Sheriffs zuckte kaum merklich.
Zwei Schüsse hallten durch die Straße.
Der Sheriff sank auf die Knie, mit zwei Treffern in seiner Brust.
Lange noch betrachtete er den Schlaksigen.
Blut rann den Mundwinkel hinab.
Ein grelles Licht.
Dann knallte er kopfüber in den Staub der Straße.
Der Undertaker sprach in die Runde, "Ich bräuchte mal ein paar kräftige Kerls, die den Sheriff in den Sarg auf meinem Leichenwagen legen."
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Nachdem der Tote im Sarg gebettet war, nahm er den Steckbrief von der Saloontür ab und verließ ohne ein weiteres Wort zu verlieren das Städchen.
Er würde die 500 Dollar, die auf den Kopf des Toten ausgelobt waren auf jeden Fall mitnehmen.
Doch das war bereits eine ganz andere Geschichte.
(C) Jens Richter im Juli 2024
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2024.
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