Fiets Hierboven, Darsteller
Sakura Hinata (‚Kirschblütenbaum an einem sonnigen Ort‘), Produzentin
Kenk Humpelnachen, Skript
Zwick Dazzlewormer, 1. Kameramann
Leef Tushle Cluffy, Produktionsleiter
Nele Reisch, Darstellerin
Engeline Tausendschön, Regie-Assistenz
Reef Crawlspace, Regisseur
Regisseur Reef Crawlspace schließt Nele Reisch in einen Raum ein, für drei Stunden. Sie soll ein Gefühl für dieses Zimmer bekommen. Denn exakt hier soll später „der Vorgang“ stattfinden. Reef hat ein klares Konzept, aber nur im Kopf. Szene für Szene erarbeitet die Director-Legende mit den Darstellern, gänzlich ohne Dreh- oder Textbuch. Er speist seine Vorstellungen direkt in die Köpfe der Schauspieler ein (und nennt das gern Brain Feeding), verlangt Perfektion auf den Punkt, mag jedoch auch Improvisationskunst und Spontanität. Reef duldet auch Eigenmächtigkeiten, und der Text ist sowieso zweitrangig. Er gibt Stichworte vor, mehr nicht. Den Rest erarbeiten die Darsteller selbst. Und so gibt es für diese deutsche Produktion, „Die Interzirkulation“, nur ein gerade mal 12 Seiten langes, handgeschriebenes Skript von Kenk Humpelnachen. Darauf baut der Film auf, der bei Fertigstellung 2 Stunden und 16 Minuten lang sein wird und rund 190 Mio. Euro kostet.
Plot: Ein Mann, Hierboven, streicht Nele eine freche Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie protestiert heftig. Ein Eingriff in ihre Privatsphäre, die Intimsphäre wurde verletzt. Der Regisseur hat einen Auftrag an Nele: „Mit deinem linken Zeigefinger, Hierboven demonstrativ entgegen gehalten, der Mittelfinger und der Daumen der linken Hand verbinden sich lose, wirst du den gewissenlosen Schuft in die Schranken weisen, ihm seine Grenzen aufzeigen.“ Der Finger ist hart ausgestreckt, einem kategorischen Imperativ gleich, das strikte NEIN einer Frau. Im späteren Verlauf zeigt sie den Finger dann erneut. Nele trägt, schon seit der Kindheit, nur Hosen. Selbst als kleines Kind hatten die Eltern erkannt: Mit einem Kleidchen machen wir der Tochter keine Freude. Also wurde Nele in Hosen gesteckt. Der Regisseur nahm das in die Produktion auf. Nele, stets in Jeans, hatte jedoch aufgrund ihrer Rolle Rock und Bluse zu tragen, hochhackige Schuhe und Nylons. Im Film hatte sie eine Wette verloren und musste einen Abend, bis Mitternacht, mit einem Mann ausgehen, der sie genau so sehen wollte, in klassischem Outfit, mit Rock und Bluse. Nele fühlt sich (in dieser Rolle) höchst unwohl. Als dann der Mann, der die Wette gewonnen hatte, ansetzte, um Nele frech mitzuteilen, wie „sexy er sie in Rock und Bluse“ fände, streckt sie ihm wortlos „den Finger“ hin. Sie spricht nicht dabei, sie schaut ernst, konzentriert und ein wenig grimmig drein, spricht jedoch kein Wort. Der linke Zeigefinger ist hoch erhoben, die anderen Finger bilden eine Art Faust, und Regisseur Reef protestiert lautstark, als Nele beginnt, den Zeigefinger wie ein Metronom hin und her zu bewegen. Das will er nicht sehen. Er bricht die Szene ab.
„Nein, nein… Kind. Nicht doch. Du bewegst den Finger nicht. Du streckst ihn dem Kerl nur sehr strikt entgegen, ohne ein Wort. Und du wackelst nicht mit deinem Zeigefinger. Auf keinen Fall. Es ist von größter Wichtigkeit, dass du stumm und ohne zu wackeln zeigst. Streng, unnachgiebig und kompromisslos. Er muss begreifen, dass er hier an seine Grenzen gestoßen ist…“ Nele nickt. Reef war für sie ein Gott. Der Meister des Method Acting, eine auf der Lehre Konstantin Stanislawskis beruhende Methode des Naturalismus im modernen Schauspiel, trieb sie immer wieder zu solchen Leistungen an, die sie sich selbst kaum zugetraut hätte. Der „Teufels-Manipulator“ hatte die Gabe, aus seinen Darstellern alles herauszukitzeln, was an Begabung in ihnen steckte. Von F. Hierboven war Reef nicht gerade begeistert, aber er war völlig verschossen in die wunderbare Nele Reisch. Fiets Hierboven hatte er wohl oder übel übernehmen müssen. Nele hatte auf ihm als Filmpartner bestanden. Die hatten offensichtlich etwas miteinander. Nun, das konnte dem Film ja nur äußerst zuträglich sein. Ein wenig Prickeln, 3 Millionen Volt in der Atmosphäre, Bitzeln und Britzeln, ein Knistern in der Luft, sexuelle Spannung und erotische Aufladung – ihm war es recht. Schön wäre sogar ein handfester Krach, mitten in der Produktion. Aber die beiden waren so verliebt. Und man konnte ja auch nicht alles haben.
Nele bot Höchstleistungen an, sie hatte verstanden. Die zwei „Finger-Szenen“ waren bald, und zur vollen Zufriedenheit des detailverliebten Regisseurs, im Kasten. Man hatte 36 Takes gebraucht. Nur für „Finger 1“. Und ganze 28 Takes für „Finger 2“. Take 3 war hier eigentlich bereits sensationell gut gelungen. Alle waren zufrieden. Da aber meinte Engeline Tausendschön, die Regieassistentin, die Bluse von Nele Reisch zeigte deutliche Schweißränder auf. Sie erhielt ein Damen-Bustier und eine neue Bluse. Dann folgten noch 25 Einstellungen. Schließlich dann der Daumen von Reef. „Das war großartig!“ Alle seufzten. Den „Finger“ konnten sie abhaken. Insgeheim war das, jedenfalls für Reef, die Schlüsselszene 1 und 2 für die „Interzirkulation“. Und er sollte recht behalten. Nicht nur gab es den Oscar für die Produktion und für Nele, es gab auch internationalen Jubel für diesen Film.
Nele Reisch hat ihre Aufgabe in bewundernswerter Art und Weise gemeistert. Und zwar so gut, dass sie für ihre Rolle im Film „Die Interzirkulation“ einen Oscar für die beste weibliche Nebenrolle in einem internationalen Film erhielt. Im Jahr 2024 hat somit erneut ein deutscher Spielfilm den Oscar erhalten. Der Film "Im Westen nichts Neues" von Regisseur Edward Berger aus Wolfsburg wurde im Jahr 2023 vier Mal ausgezeichnet, unter anderem als bester internationaler Film. Dieser Triumph hebt den deutschen Film geradewegs in den Olymp der Filmgeschichte, innerhalb von nur 2 Jahren.
Eine gewisse Eigendynamik entwickelte „den Finger“ zu einem Zeichen für das klare ‚Nein‘ einer Frau, einem Mann gegenüber. Ähnlich wie die „Me too“ Bewegung wurde es nach dem Film auf der ganzen Welt üblich, kein Nein mehr auszusprechen, sondern nur noch den Finger zu zeigen. In der wie im Film dargestellten Form. Ohne damit zu wackeln. Einfach nur hart ausgestreckt zeigen.
In der Oscar-Verleihungs-Dankesrede hat Nele Reisch dann auch diesen Aspekt gewürdigt, und den „Schwestern auf der ganzen Welt“ mitgeteilt, dass dieses Zeichen, Abstand zu halten, dieses klare „Nein“, ab sofort allgemeingültig für jede übergriffige Form, sei sie nun psychisch oder physisch, die von einem Mann ausginge, dazu benutzt werden könne, diesen „Aggressor“ in seine Schranken zu weisen. Unter tosendem Beifall und stehenden Ovationen zeigten alle anwesenden Frauen im Dolby Theatre in Los Angeles, zur 96. Verleihung der Oscars, am 10. März 2024, demonstrativ den Finger. Nele Reisch ist heute eine der Ikonen dieser Bewegung, ähnlich einer Greta Thunberg für den Friday for Future-Hype oder Taylor Swift für #TimesUp. Me Too wurde durch Tarana Burke und durch die Schauspielerin Alyssa Milano bekannt (Weinstein-Skandal im Oktober 2017). Heute, August 2024, ist „der Finger“ die international gebräuchlichste Geste der Frauenprotestbewegung. Wie oft sieht man den Finger im Alltag, ob in der U-Bahn, im Zug, auf der Straße, im Café oder in der Kneipe. Der demonstrativ hart herausgestreckte, traditionell linke Zeigefinger besagt: Bis hier hin und keinen Schritt weiter!
Es war GRANDIOS und hinreißend, als die 3.400 Gäste des Oscar-Spektakels im Dolby Theatre, am 10. März 2024 von Nele Reisch dazu aufgefordert, den Finger zeigten. Übrigens auch Männer. Ob sie verstanden haben? Meine persönliche Meinung hierzu: Mitnichten! Da braucht es noch ein paar Jahrzehnte. Seufz.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2024.
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