Kathi Wanner

Lysanders Weg

Lysander Tintor wurde vom Licht geblendet und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder im Schlaf zu versinken. Er kniff die Augen zu und strampelte wild mit allen Vieren, bis er gezwungen wurde, damit aufzuhören, denn der Schmerz war kaum zu ertragen. Sein Kopf schmerzte so sehr, dass er das Bedürfnis hatte, ihn abzuwerfen. Er schmeckte seinen eigenen Schweiß auf den Lippen und er konnte seinen pumpenden Herzschlag hören. Zumindest das: Er lebte. Im Moment konnte er sich nichts Unangenehmeres vorstellen, als lebendig zu sein, doch sein Instinkt sagte ihm, dass er es bereuen würde, wenn er jetzt aufgab.

Er musste Schritt für Schritt vorgehen. Er wusste nicht, wer er war, doch auf seine Begabung, in Stresssituationen Ruhe zu bewahren, konnte er zugreifen. Vielleicht war er mal Polizist gewesen. Oder Pilot.

Er registrierte, dass er auf dem Rücken lag. Sein rechtes Bein war leicht angewinkelt, das linke Bein lag in einem unnatürlichen Winkel da, so als ob es nicht zu ihm gehöret. Er tastete vorsichtig seine Umgebung ab, nach wie vor mit geschlossenen Augen, denn er musste jede unnötige Anstrengung vermeiden. Er ertastete ein ledernes Rad links oben und zwei Sitzflächen unter sich. Er musste quer über die Sitzflächen liegen, wobei seine Füße gegen etwas Hartes stießen. Auch seine Hände konnte er nicht ausstrecken, denn hinter ihm war eine Art Tür. Immer wieder strich er abwechselnd über das Rad und die weichen Sitzflächen. Sie waren so unversehrt. So, als wäre nichts passiert. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er merkte, dass sich sein Puls langsam normalisierte.

Er lauschte und hörte ein Rauschen, das er intuitiv vorbeifahrenden Autos zuordnete. Es schien einige Kilometer weg zu sein. Sonst war nichts zu hören. Er musste in der Wildnis gelandet sein.

Wie glatt das Leder des Rads war. Und wie weich der Stoff der Sitzfläche. Er hielt inne und versuchte, sich zu konzentrieren. Er musste nachdenken, ob er so etwas schon mal gefühlt hatte. Ob er vielleicht sogar erkannte, wo er sich befinden könnte. Er strengte sich an, soweit es in diesem Zustand eben ging, kam aber zu keinem Ergebnis. Er ließ sich zurück auf die Sitzflächen sinken, strich aber mit der linken Hand weiter gedankenverloren über das Rad.

Da plötzlich kamen einzelne Bilder. Er sah sich selbst, wie er mit dem Auto eine Landstraße entlangfuhr. Immer wieder sah er diese Situation, er trug ein blaues T-Shirt und helle Shorts. Sein welliges Haar wehte im Wind, denn das Fenster war halb offen. Er hörte Radio, sang ausgelassen mit. Dann endete der Erinnerungsfetzen.

Langsam öffnete Lysander erneut die Augen. Der grelle Sonnenschein, der ihm ins Gesicht schien, war immer noch unerträglich, doch er schaffte es trotzdem, seine Augen offen zu halten. Er registrierte, dass er tatsächlich das blaue T-Shirt trug, an das er sich soeben erinnert hatte. Nur war es jetzt an mehreren Stellen dunkel verfärbt und Lysander ahnte, dass es sich um Blut handelte. Sein Blut. Von kalter Panik gepackt, versuchte er sich aufzurichten, doch die Schmerzen waren so heftig, dass er merkte, dass die Wirklichkeit erneut wegkippte. Er versuchte sich festzuklammern, doch er merkte, dass er die Kontrolle verlor.

Er rannte er über eine saftige Sommerwiese, er liebte es, die Kraft in seinen Beinen zu spüren. Ein Sommerwind wehte mit ihm, so dass er sich getragen fühlte. Die Sonne schien, doch sie war anders, als er es bisher erlebt hatte, so kräftig, so energievoll. Und es war, als ob ihre Kraft übernehmen könnte, er fühlte sich so wahnsinnig gut. Er rannte auf eine Frau zu, die so schön war, dass er sich wünschte, zu fliegen, um schneller bei ihr zu sein. Ihre langen Haare wehten im Wind und sie lächelte ihn an, während sie erfolglos versuchte, sich das Haar aus dem Gesicht zu halten. Da wurde das Licht der Sonne immer belebender und als er bei der schönen Frau angekommen war, hatte er das Gefühl zu schweben.

Er erwachte, weil ein Windhauch durch das zersplitterte Fenster kam. Er konnte es nicht fassen. Er war immer noch hier. Er erinnerte sich an vorhin, oder war es gestern gewesen? Nein, es musste vor einigen Stunden gewesen sein. Er war hier gewesen, an diesem einsamen Ort, der sich zu unvertraut anfühlte und von dem er doch wusste, dass er zu seinem Leben gehören musste. Er versuchte sich auf den Bauch zu drehen, doch er merkte, dass neben seinem Kopf auch sein linkes Bein heftig schmerzte, sobald er das Gewicht verlagerte. Also blieb er auf dem Rücken liegen, ignorierte das heftige Pulsieren in seinem Schädel und robbte auf dem Rücken in Richtung der rechten Autotür. Immer wenn er ein Stückchen vorangekommen war, schob er das rechte Bein nach vorne und zog sich ein Stück in Richtung Ziel.

Die Windschutzscheibe war größtenteils zerbrochen, so dass kleine Splitter auf dem Armaturenbrett verteilt waren. Woher wusste er all die Bezeichnungen? Sie waren ihm gekommen, ohne nachzudenken. Zumindest ein Teil seines Gedächtnisses schien zu funktionieren. Ermutigt, bewegte er sich weiter vorwärts.

Plötzlich stockte er in der Bewegung. Draußen war jemand. Die Person musste einige hundert Meter entfernt sein, doch sie war da, da war er sich sicher. Er fing an, mit den Armen zu winken, ohne sein Bein zu sehr zu belasten. Die Person lief weiter, sie schien von ihm wegzulaufen und panisch versuchte er, mit der linken Hand auf die Hupe des Wagens zu drücken. Er rechnete nicht damit, dass sie noch funktionierte, aber einen Versuch war es wert. Und tatsächlich, ein Hupen ertönte. Der Mensch draußen bewegte sich weiter, aber dieses Mal hatte Lysander das Gefühl, dass er die Richtung gewechselt hatte. Sein Herz begann zu klopfen und seine Gedanken überschlugen sich. Er würde weiterleben können! Er würde herausfinden, wer er war und welche Menschen er geliebt hatte. Er würde die Frau von dem Traum wiedersehen. Vielleicht war sie seine Frau. Er war neugierig auf sein altes Leben, hungrig auf neue Erfahrungen. Er hupte erneut un d fing plötzlich an zu kichern wie ein kleiner Junge. Er wollte leben!

In diesem Moment registrierte er, dass die Person sich entfernte. Panisch hupte er mehrere Male, doch das Signal schien nicht anzukommen. Oder die Person ignorierte es. Wie konnte sie so etwas ignorieren? Es ging um viel! Vielleicht ging es um Leben und Tod, ja, es ging um Leben und Tod! Wütend versuchte Lysander zu schreien, doch seine Stimme erstickte sofort. Er hämmerte gegen das Lenkrad, immer fester und schneller, bis seine verdrehte Hüfte schmerzte und er vor Erschöpfung auf den Sitzen zusammensackte. Im Anflug einer kleinen letzten Hoffnung schaute er nach der Gestalt, doch sie war inzwischen am Horizont verschwunden.

Er lauschte seinem sich beruhigenden Atem und spürte, wie ihm die Tränen übers Gesicht liefen. Er hatte nicht mehr die Kraft, sie wegzuwischen. Davon abgesehen war hier sowieso niemand, der sie bemerken könnte. Er war vergessen. Abgeschrieben.

Er starrte einige Zeit an die schwarze Decke des Wagens, lauschte seinem leisen Schluchzen, das langsam verebbte. Noch einmal versuchte er zu schreien, doch er merkte, dass seine Kraft immer mehr verschwand und seine Stimme nichts als ein leises Piepsen war. Irgendwann fing er an, jedes Mal mit seinem gesunden Fuß auf die Autotür zu klopfen, wenn ein Auto vorbeifuhr. Kein kraftvolles Klopfen, nur ein halbherziges Berühren der Tür. Er wusste, dass niemand diese Hilferufe hören konnte, doch er musste einfach etwas tun, hielt es nicht aus, tatenlos zuzusehen, wie das Leben aus ihm wich.

Nachdem er lange geweint hatte, merkte sich wie sich ein anderes Gefühl in ihm breitmachte. Er wurde ruhig. Es war so gekommen und er konnte nichts daran ändern. Es war schmerzhaft, all das zu verlieren, von dem er nur ahnen konnte, wie wunderbar es gewesen war. Doch er war ein starker Mensch, das wusste er. Und er war gut darin, die Dinge zu erkennen, die nicht zu ändern waren.

Lange lauschte er der Stille, zählte die vorbeifahrenden Autos in der Ferne, um nicht verrückt zu werden. Er meinte eine Libelle zu hören und das Summen einzelner Bienen und Wespen. Das Summen war fast tröstlich. Und es würde weitergehen, auch dann, wenn er nicht mehr hier war.

Er fühlte eine kleine Erleichterung darüber, dass der Weg jetzt klar war, endlich war das Strampeln vorbei, er konnte loslassen. Er musste nicht mehr kämpfen. Und fast war er ein wenig stolz darauf, dass er sein Los akzeptieren konnte.

Seine Gedanken wurden von einem Geräusch unterbrochen. Es kam von rechts. Neben der Tür. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Es war immer wieder ein ähnliches Geräusch. Es klang wie ein Tier. Vielleicht hatte er Glück in seinen letzten Stunden und er konnte noch ein Lebewesen sehen, bevor er starb. Angst spürte er nicht mehr. Stattdessen wurde er überflutet von einer tiefen Sehnsucht nach Kontakt. Selbst wenn es ein wilder Bulle war, er wünschte sich nichts mehr als eine letzte Berührung. Er versuchte sich erneut in Richtung Tür zu bewegen, er war fast da. Mit letzter Kraft schaffte er es, die Tür zu öffnen. Er streckte seine Hände aus dem Türspalt.

Das erste, was er wahrnahm, war eine pelzige Zunge, die über seine Hand schleckte. Sein Herz wurde von Wärme durchflutet. Dieses Schlecken war so vorsichtig. So liebevoll. Vorsichtig tastete er nach dem Kopf des Tieres, da er es noch nicht geschafft hatte, den Kopf über die Schulter zu drehen. Es fühlte sich weich an. Flauschig. Da hörte er das Geräusch erneut. Das Tier blökte. Ein Schaf. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Als er es registrierte, war er erstaunt. Ein Lächeln war das Letzte, was er von sich an diesem Ort erwartet hatte. Er fühlte sich mit einem Mal nicht mehr allein. Das Tier würde ihm beim Sterben begleiten. Behutsam seine Hand lecken, bis sie schlaff über den Sitz nach unten fallen würde.

Plötzlich hörte er ein lautes Rufen. Er streckte den Kopf nach oben, so dass er etwas sehen konnte. Es schmerzte, aber er schaffte es, sich halbwegs aufzurichten. Einige hundert Meter vor ihm rannten zwei Männer und eine Frau über die Wiese. Was wollten Sie nur? Er blieb einige Sekunden reglos liegen und beobachtete die drei Personen. Nahm wie in Zeitlupe wahr, dass ihre Beine sich kraftvoll vorwärtsbewegten.

Dann blieb sein Blick an der Sanitäterbekleidung und den Krankenwagen weiter hinten sah, wurde ihm klar, dass das Unfassbare geschehen war. Diese Menschen waren vom Rettungsdienst, sie wollten zu ihm, er war der Grund für ihr Kommen! Es gab noch eine Chance für ihn, den Unbekannten, mit dem er gerade viele Stunden verbracht hatte, Stunden, die so schmerzhaft waren, dass sie niemand verstehen kann, der nicht selbst ebendiese Erfahrungen gemacht hat. Und Stunden, die seltsam intim waren, die ihn näher zu sich selbst gebracht hatten.

Er fing an zu winken, erst schwach, dann wild. Dann ließ sich zurück in die Polster sinken. Erschöpft tastete er nach dem Schaf. Er wusste, dass er eine Kämpfernatur war. Er hatte gekämpft, bis zur letzten Minute. Er hatte seinen Weg akzeptiert und versucht, das Ende bestmöglich auszuhalten. Aber ohne das Tier hätte er die letzten Minuten nicht durchgehalten. Seine Seele wäre zerbrochen. Und sein Bewusstsein wäre endgültig verlorengegangen.

Er tastete erneut, fand jedoch nichts. Auch das Blöken hatte aufgehört. Mit letzter Kraft hob er erneut den Kopf und sah das braune Schaf davonrennen. Da spürte er, dass eine frische Träne über seine Wange tief. Er hätte sich so gerne bedankt. Er hauchte in Richtung des Tiers die ersten Worte, die er seit dem Unfall sprechen konnte: „Lebe wohl, mein Freund.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Bücher unserer Autoren:

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Heike und die Elfe von Ingrid Hanßen



Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.

Es ist nämlich nicht so, dass die Kinder lesen grundsätzlich "doof" finden, sondern, dass die bisherigen Bücher ihnen zu langweilig sind. Es ist ihnen in der Regel zu wenig Abwechslung und Aktion drin und ihnen fehlt heute leider die Ausdauer für einen reinen "trockenen" Lesestoff.

Daher habe ich mir überlegt, wie ein Buch aussehen könnte, das gleichzeitig unterhält, spannend ist, Wissen vermittelt und mit dem die Kinder sich beschäftigen können.

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