Lysander Tintor wurde vom Licht geblendet und wünschte sich nichts
sehnlicher, als wieder im Schlaf zu versinken. Er kniff die Augen zu und
strampelte wild mit allen Vieren, bis er gezwungen wurde, damit aufzuhören,
denn der Schmerz war kaum zu ertragen. Sein Kopf schmerzte so sehr, dass er das
Bedürfnis hatte, ihn abzuwerfen. Er schmeckte seinen eigenen Schweiß
auf den Lippen und er konnte seinen pumpenden Herzschlag hören. Zumindest
das: Er lebte. Im Moment konnte er sich nichts Unangenehmeres vorstellen, als
lebendig zu sein, doch sein Instinkt sagte ihm, dass er es bereuen würde,
wenn er jetzt aufgab.
Er musste Schritt für Schritt vorgehen.
Er wusste nicht, wer er war, doch auf seine Begabung, in Stresssituationen Ruhe
zu bewahren, konnte er zugreifen. Vielleicht war er mal Polizist gewesen. Oder
Pilot.
Er registrierte, dass er auf dem Rücken lag. Sein
rechtes Bein war leicht angewinkelt, das linke Bein lag in einem
unnatürlichen Winkel da, so als ob es nicht zu ihm gehöret. Er tastete
vorsichtig seine Umgebung ab, nach wie vor mit geschlossenen Augen, denn er
musste jede unnötige Anstrengung vermeiden. Er ertastete ein ledernes Rad
links oben und zwei Sitzflächen unter sich. Er musste quer über die
Sitzflächen liegen, wobei seine Füße gegen etwas Hartes
stießen. Auch seine Hände konnte er nicht ausstrecken, denn hinter ihm
war eine Art Tür. Immer wieder strich er abwechselnd über das Rad und
die weichen Sitzflächen. Sie waren so unversehrt. So, als wäre nichts
passiert. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Einmal, zweimal, dreimal, viermal.
Er merkte, dass sich sein Puls langsam normalisierte.
Er lauschte
und hörte ein Rauschen, das er intuitiv vorbeifahrenden Autos zuordnete. Es
schien einige Kilometer weg zu sein. Sonst war nichts zu hören. Er musste in
der Wildnis gelandet sein.
Wie glatt das Leder des Rads war. Und wie
weich der Stoff der Sitzfläche. Er hielt inne und versuchte, sich zu
konzentrieren. Er musste nachdenken, ob er so etwas schon mal gefühlt hatte.
Ob er vielleicht sogar erkannte, wo er sich befinden könnte. Er strengte
sich an, soweit es in diesem Zustand eben ging, kam aber zu keinem Ergebnis. Er
ließ sich zurück auf die Sitzflächen sinken, strich aber mit der
linken Hand weiter gedankenverloren über das Rad.
Da
plötzlich kamen einzelne Bilder. Er sah sich selbst, wie er mit dem Auto
eine Landstraße entlangfuhr. Immer wieder sah er diese Situation, er trug
ein blaues T-Shirt und helle Shorts. Sein welliges Haar wehte im Wind, denn das
Fenster war halb offen. Er hörte Radio, sang ausgelassen mit. Dann endete
der Erinnerungsfetzen.
Langsam öffnete Lysander erneut die
Augen. Der grelle Sonnenschein, der ihm ins Gesicht schien, war immer noch
unerträglich, doch er schaffte es trotzdem, seine Augen offen zu halten. Er
registrierte, dass er tatsächlich das blaue T-Shirt trug, an das er sich
soeben erinnert hatte. Nur war es jetzt an mehreren Stellen dunkel verfärbt
und Lysander ahnte, dass es sich um Blut handelte. Sein Blut. Von kalter Panik
gepackt, versuchte er sich aufzurichten, doch die Schmerzen waren so heftig, dass
er merkte, dass die Wirklichkeit erneut wegkippte. Er versuchte sich
festzuklammern, doch er merkte, dass er die Kontrolle verlor.
Er
rannte er über eine saftige Sommerwiese, er liebte es, die Kraft in seinen
Beinen zu spüren. Ein Sommerwind wehte mit ihm, so dass er sich getragen
fühlte. Die Sonne schien, doch sie war anders, als er es bisher erlebt
hatte, so kräftig, so energievoll. Und es war, als ob ihre Kraft
übernehmen könnte, er fühlte sich so wahnsinnig gut. Er rannte auf
eine Frau zu, die so schön war, dass er sich wünschte, zu fliegen, um
schneller bei ihr zu sein. Ihre langen Haare wehten im Wind und sie lächelte
ihn an, während sie erfolglos versuchte, sich das Haar aus dem Gesicht zu
halten. Da wurde das Licht der Sonne immer belebender und als er bei der
schönen Frau angekommen war, hatte er das Gefühl zu schweben.
Er erwachte, weil ein Windhauch durch das zersplitterte Fenster kam. Er
konnte es nicht fassen. Er war immer noch hier. Er erinnerte sich an vorhin, oder
war es gestern gewesen? Nein, es musste vor einigen Stunden gewesen sein. Er war
hier gewesen, an diesem einsamen Ort, der sich zu unvertraut anfühlte und
von dem er doch wusste, dass er zu seinem Leben gehören musste. Er versuchte
sich auf den Bauch zu drehen, doch er merkte, dass neben seinem Kopf auch sein
linkes Bein heftig schmerzte, sobald er das Gewicht verlagerte. Also blieb er auf
dem Rücken liegen, ignorierte das heftige Pulsieren in seinem Schädel
und robbte auf dem Rücken in Richtung der rechten Autotür. Immer wenn
er ein Stückchen vorangekommen war, schob er das rechte Bein nach vorne und
zog sich ein Stück in Richtung Ziel.
Die Windschutzscheibe war
größtenteils zerbrochen, so dass kleine Splitter auf dem
Armaturenbrett verteilt waren. Woher wusste er all die Bezeichnungen? Sie waren
ihm gekommen, ohne nachzudenken. Zumindest ein Teil seines Gedächtnisses
schien zu funktionieren. Ermutigt, bewegte er sich weiter vorwärts.
Plötzlich stockte er in der Bewegung. Draußen war jemand. Die
Person musste einige hundert Meter entfernt sein, doch sie war da, da war er sich
sicher. Er fing an, mit den Armen zu winken, ohne sein Bein zu sehr zu belasten.
Die Person lief weiter, sie schien von ihm wegzulaufen und panisch versuchte er,
mit der linken Hand auf die Hupe des Wagens zu drücken. Er rechnete nicht
damit, dass sie noch funktionierte, aber einen Versuch war es wert. Und
tatsächlich, ein Hupen ertönte. Der Mensch draußen bewegte sich
weiter, aber dieses Mal hatte Lysander das Gefühl, dass er die Richtung
gewechselt hatte. Sein Herz begann zu klopfen und seine Gedanken
überschlugen sich. Er würde weiterleben können! Er würde
herausfinden, wer er war und welche Menschen er geliebt hatte. Er würde die
Frau von dem Traum wiedersehen. Vielleicht war sie seine Frau. Er war neugierig
auf sein altes Leben, hungrig auf neue Erfahrungen. Er hupte erneut un d fing
plötzlich an zu kichern wie ein kleiner Junge. Er wollte leben!
In diesem Moment registrierte er, dass die Person sich entfernte. Panisch hupte
er mehrere Male, doch das Signal schien nicht anzukommen. Oder die Person
ignorierte es. Wie konnte sie so etwas ignorieren? Es ging um viel! Vielleicht
ging es um Leben und Tod, ja, es ging um Leben und Tod! Wütend versuchte
Lysander zu schreien, doch seine Stimme erstickte sofort. Er hämmerte gegen
das Lenkrad, immer fester und schneller, bis seine verdrehte Hüfte schmerzte
und er vor Erschöpfung auf den Sitzen zusammensackte. Im Anflug einer
kleinen letzten Hoffnung schaute er nach der Gestalt, doch sie war inzwischen am
Horizont verschwunden.
Er lauschte seinem sich beruhigenden Atem
und spürte, wie ihm die Tränen übers Gesicht liefen. Er hatte
nicht mehr die Kraft, sie wegzuwischen. Davon abgesehen war hier sowieso niemand,
der sie bemerken könnte. Er war vergessen. Abgeschrieben.
Er
starrte einige Zeit an die schwarze Decke des Wagens, lauschte seinem leisen
Schluchzen, das langsam verebbte. Noch einmal versuchte er zu schreien, doch er
merkte, dass seine Kraft immer mehr verschwand und seine Stimme nichts als ein
leises Piepsen war. Irgendwann fing er an, jedes Mal mit seinem gesunden
Fuß auf die Autotür zu klopfen, wenn ein Auto vorbeifuhr. Kein
kraftvolles Klopfen, nur ein halbherziges Berühren der Tür. Er wusste,
dass niemand diese Hilferufe hören konnte, doch er musste einfach etwas tun,
hielt es nicht aus, tatenlos zuzusehen, wie das Leben aus ihm wich.
Nachdem er lange geweint hatte, merkte sich wie sich ein anderes Gefühl in
ihm breitmachte. Er wurde ruhig. Es war so gekommen und er konnte nichts daran
ändern. Es war schmerzhaft, all das zu verlieren, von dem er nur ahnen
konnte, wie wunderbar es gewesen war. Doch er war ein starker Mensch, das wusste
er. Und er war gut darin, die Dinge zu erkennen, die nicht zu ändern waren.
Lange lauschte er der Stille, zählte die vorbeifahrenden Autos
in der Ferne, um nicht verrückt zu werden. Er meinte eine Libelle zu
hören und das Summen einzelner Bienen und Wespen. Das Summen war fast
tröstlich. Und es würde weitergehen, auch dann, wenn er nicht mehr hier
war.
Er fühlte eine kleine Erleichterung darüber, dass
der Weg jetzt klar war, endlich war das Strampeln vorbei, er konnte loslassen. Er
musste nicht mehr kämpfen. Und fast war er ein wenig stolz darauf, dass er
sein Los akzeptieren konnte.
Seine Gedanken wurden von einem
Geräusch unterbrochen. Es kam von rechts. Neben der Tür. Er versuchte,
sich zu konzentrieren. Es war immer wieder ein ähnliches Geräusch. Es
klang wie ein Tier. Vielleicht hatte er Glück in seinen letzten Stunden und
er konnte noch ein Lebewesen sehen, bevor er starb. Angst spürte er nicht
mehr. Stattdessen wurde er überflutet von einer tiefen Sehnsucht nach
Kontakt. Selbst wenn es ein wilder Bulle war, er wünschte sich nichts mehr
als eine letzte Berührung. Er versuchte sich erneut in Richtung Tür zu
bewegen, er war fast da. Mit letzter Kraft schaffte er es, die Tür zu
öffnen. Er streckte seine Hände aus dem Türspalt.
Das
erste, was er wahrnahm, war eine pelzige Zunge, die über seine Hand
schleckte. Sein Herz wurde von Wärme durchflutet. Dieses Schlecken war so
vorsichtig. So liebevoll. Vorsichtig tastete er nach dem Kopf des Tieres, da er
es noch nicht geschafft hatte, den Kopf über die Schulter zu drehen. Es
fühlte sich weich an. Flauschig. Da hörte er das Geräusch erneut.
Das Tier blökte. Ein Schaf. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Als er
es registrierte, war er erstaunt. Ein Lächeln war das Letzte, was er von
sich an diesem Ort erwartet hatte. Er fühlte sich mit einem Mal nicht mehr
allein. Das Tier würde ihm beim Sterben begleiten. Behutsam seine Hand
lecken, bis sie schlaff über den Sitz nach unten fallen würde.
Plötzlich hörte er ein lautes Rufen. Er streckte den Kopf nach
oben, so dass er etwas sehen konnte. Es schmerzte, aber er schaffte es, sich
halbwegs aufzurichten. Einige hundert Meter vor ihm rannten zwei Männer und
eine Frau über die Wiese. Was wollten Sie nur? Er blieb einige Sekunden
reglos liegen und beobachtete die drei Personen. Nahm wie in Zeitlupe wahr, dass
ihre Beine sich kraftvoll vorwärtsbewegten.
Dann blieb sein
Blick an der Sanitäterbekleidung und den Krankenwagen weiter hinten sah,
wurde ihm klar, dass das Unfassbare geschehen war. Diese Menschen waren vom
Rettungsdienst, sie wollten zu ihm, er war der Grund für ihr Kommen! Es gab
noch eine Chance für ihn, den Unbekannten, mit dem er gerade viele Stunden
verbracht hatte, Stunden, die so schmerzhaft waren, dass sie niemand verstehen
kann, der nicht selbst ebendiese Erfahrungen gemacht hat. Und Stunden, die
seltsam intim waren, die ihn näher zu sich selbst gebracht hatten.
Er fing an zu winken, erst schwach, dann wild. Dann ließ sich
zurück in die Polster sinken. Erschöpft tastete er nach dem Schaf. Er
wusste, dass er eine Kämpfernatur war. Er hatte gekämpft, bis zur
letzten Minute. Er hatte seinen Weg akzeptiert und versucht, das Ende
bestmöglich auszuhalten. Aber ohne das Tier hätte er die letzten
Minuten nicht durchgehalten. Seine Seele wäre zerbrochen. Und sein
Bewusstsein wäre endgültig verlorengegangen.
Er tastete
erneut, fand jedoch nichts. Auch das Blöken hatte aufgehört. Mit
letzter Kraft hob er erneut den Kopf und sah das braune Schaf davonrennen. Da
spürte er, dass eine frische Träne über seine Wange tief. Er
hätte sich so gerne bedankt. Er hauchte in Richtung des Tiers die ersten
Worte, die er seit dem Unfall sprechen konnte: „Lebe wohl, mein
Freund.“
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Kathi Wanner).
Der Beitrag wurde von Kathi Wanner auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2024.
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Heike und die Elfe
von Ingrid Hanßen
Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.
Es ist nämlich nicht so, dass die Kinder lesen grundsätzlich "doof" finden, sondern, dass die bisherigen Bücher ihnen zu langweilig sind. Es ist ihnen in der Regel zu wenig Abwechslung und Aktion drin und ihnen fehlt heute leider die Ausdauer für einen reinen "trockenen" Lesestoff.
Daher habe ich mir überlegt, wie ein Buch aussehen könnte, das gleichzeitig unterhält, spannend ist, Wissen vermittelt und mit dem die Kinder sich beschäftigen können.
Herausgekommen ist dabei ein kombiniertes Vorlese-, Lese-, Mal- und Sachbuch für Kinder ab 5 Jahren bis ca. 12 Jahren.
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