Manfred H. Freude

Als Picasso noch ein Astronaut war


Als Picasso noch Astronaut war, konnte er weder denken noch schreiben, geschweige denn malen.

Als er auf einem Bildschirm die Erde entdeckte, ließ er hiervon
per Bordcomputer dreihundert Abziehbilder anfertigen.
Fünfzig signiert, drei Probeabzüge und ein Künstlerexemplar.
Auf der ersten „Kumet“ (abgekürzt: Kunst Messe Terra), der bis dahin größten aussergalaktischen Kunstmesse,
waren diese Picassos der Star am Kunsthimmel.
Picasso selber schrieb hierzu später: „bereits in diesem Lichtblick wußte ich, das ich einmal Spanier werden wollte.
Ich programmierte hierauf meinen Bordcomputer und erfuhr, das auf Terra, in Spanien, nur noch die Stelle als Maler frei war“.
Nie hätte der Astronaut Picasso hier geglaubt, das einmal seine Taube so weltberühmt wurde, wie die Brathähnchen eines Oesterreichers, der noch niemals Astronaut war. Also lenkte er sein Raumschiff in die Erdumlaufbahn, fasste seinen Pinsel bei den Haaren und stieg hinab in die Materie der ART.
Hätte er damals ahnen können, das auf seine Bilder ein so hoher Preis gesetzt war, wahrscheinlich wäre er Astronaut geblieben.
Welcher Kapitän eines Raumschiffes hatte jemals seine Astronautenkluft gegen eine Staffelei getauscht und diese Entscheidung war endgültig.

Wenn Picasso an farblosen Abenden gedankenvoll auf seinen Pinsel sah, das einzige das der ehemalige Astronaut nach Terra mitnehmen durfte, schaute er hinauf in den Kosmos und irgendwo stand ein Stern, der ihm sagte:
Als Picasso noch Astronaut war, konnte er weder denken noch schreiben, geschweige denn malen.

Seine eigentliche Wiege stand in einem supergalaktischen Raumschiff, symbolisch, denn eigentlich wurde unser Picasse nie geboren, er schwebte, oder gewissermassen sein Geist stand hollographisch im Raum.
Er war da, anwesend, geboren, man konnte ihn sehen, durch ihn hindurchgehen, aber nicht anfassen.
Wenn er hier schon gewusst hätte, das er bei seiner Geburt als Hollographie zur Welt kam, wäre er später vielleicht Fotograf geworden.
Doch soweit konnte er nicht denken.
Noch nicht, sonst hätte er vielleicht auch gewusst, das er später für Astronautische Verhältnisse steinreich wurde.

Sein ganzes Schaffen drehte sich um seine Träume.
Doch soviel er auch versuchte sich zu erinnern, die Zeit lag zu weit zurück, soweit konnte er nicht zurückdenken, die Zeit:

Als Picasso noch Astronaut war, konnte er weder denken noch schreiben, geschweige denn malen.

Daher machte er auch auf der Erde nie den Versuch einen Kosmonauten zu treffen, denen er als Astronaut alle zehn Lichtjahre begegnete. Er konnte sich einfach an keinen mehr erinnern und selbst wenn ihm einer begegnet wäre, er hätte ihn nicht erkannt.

Als er feststellte, das die Menschen ihn bewunderten,
alle sehen wollten, er jedoch mit ihnen nichts anfangen konnte,
zog er sich vom Leben zurück.

Wie eine Schnecke ins Schneckenhaus, oder eine Raumfähre in die Unendlichkeit des Universums, zog er sich zurück in seine Malerei, und wenn er ganz glücklich war tanzte er sogar,
tanzte den Tanz der Sterne.
Wenn ihm dabei jemand zusah, glaubte man er tanzte den türkischen Schwerttanz, doch für ihn war es der Tanz zwischen den Sternen, der Tanz über den Sternenbildern, ohne auf einen der Sterne zu treten.

Als er in Spanien den Bürgerkrieg miterlebte wurde er in seine Kindheit zurückversetzt.
Im Astronautenkindergarten spielte er bereits im Range eines Majors seinen Kriegsflipper und Schiffe versenken.
Zu diesem Zeitpunkt malte er ein Bild in kindlich primitiever Manier, welches später als genial abstrakt bezeichnet wurde und einer bombadierten Stadt gewidmet wurde.

Hier wurde er jedoch zum erstenmal aus der Galaxia zurechtgewiesen.

Wenn er schon eine solch irdisch, fabrikative Klekserei herstellte, sollte er wenigstens als galaktischer Futurist, utopisch-astronomische Preise verlangen.

Sofort zog er sein Bild zurück und erklärte den Spaniern,
wenn sie sich nicht dem Stierkampf zuwenden, statt sich gegenseitig zu bekloppen, dürften Sie sein Bild nicht behalten.

Daraufhin wollten alle Spanier wenigstens ein kleines Bildchen von ihm, und er malte wie besessen.

Als er es alleine nicht mehr schaffen konnte, die Nachfrage zu befriedigen, ließ er seine Bilder zu tausenden vervielfältigen und die Vervielfältigungen weiter vervielfältigen und dachte:

Als Picasso noch Astronaut war, konnte er weder denken noch schreiben, geschweige denn malen.

Manfred H. Freude 1975



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Gedichte Edition. Manfred H. Freude, geboren in Aachen, lebt und arbeitet in Aachen. Erste Gedichte 1968. Er debütierte 2005 mit seinem Gedichtband: Alles Gedichte – Keine Genichte. Weitere Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien, Zeitschriften; Prosa und Lyrik im Rundfunk und in weiteren sechs Gedichtbänden. 2007 wurde eines seiner Dramen mit dem Titel: Im Spiegel der Ideale aufgeführt; 2008 sein Vorspiel zum Theaterstück: Faust-Arbeitswelten. Sein letzter Gedichtband heißt: Vom Hörensagen und Draufsätzen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennungen. Er studiert an der RWTH Aachen Literatur, Kunst und Philosophie.

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