Klaus-D. Heid

Schweiß

Ich gebe ja die Hoffnung nicht auf, obwohl ich mich wirklich langsam frage, weshalb ich mir diesen Gestank Woche für Woche erneut antue. Wie kann ein Mensch nur so ekelhaft nach Schweiß riechen, ohne dabei selbst in Ohnmacht zu fallen? Es muss doch auch den verschnupftesten aller Grippekranken irgendwann auffallen, wenn die Distanz der Gesprächspartner immer größer wird? Merken denn diese Leute nicht, welche ätzende und beißende Wolke sie um sich herum verbreiten?

Die Frau im Getränkemarkt merkte es offensichtlich nicht. Wie an jedem Wochenende tippte sie gemütlich Zahlen in die Registrierkasse, während ich versuchte, ohne Atmung auszukommen, bis meine Getränkekisten und ich wieder an der frischen Luft waren. Jedes mal, wenn ich den Fehler begehe, in diesem Getränkemarkt Limonade- und Wasserkisten zu kaufen, möchte ich der Kassiererin ins Gesicht brüllen:

„Waschen Sie sich endlich mal unter den Armen, Sie stinkendes Walross!“

Aber wie soll ich ihr etwas entgegen brüllen, wenn ich gleichzeitig die Luft anhalten muss? Wie soll ich einer wildfremden Person sagen, dass sie unerträglich stinkt?

Wenn sie es selbst nicht merkt, würde ich mir mit großer Wahrscheinlichkeit einen Satz Ohrfeigen einhandeln. Wenn sie es allerdings wusste – und trotzdem nichts dagegen unternahm, verfügte sie über eine derartige Abgebrühtheit, dass ich auch noch mit Schlimmerem zu rechnen hatte. Wie ich es also auch drehen und wenden wollte, gab es letztendlich nur zwei Möglichkeiten für mich, um diesem Pesthauch der Achselhöhlen zu entkommen:

Ich müsste mir einen anderen Getränkemarkt suchen, dessen Verkäuferin in regelmäßigen Abständen etwas für die Körperhygiene tat.

Ich müsste lernen, die Luft bereits beim Betreten des Getränkemarkts anzuhalten, um den Atmungsprozess erst wieder beim Verlassen des Ladens in Gang zu setzen.

Wenn ich mich für den alternativen Getränkemarkt entschied, bedeutete dies für mich eine fast zwei Kilometer längere Autofahrt. Damit verbunden waren dann auch Nachteile wie 1. Zeitverlust, 2. höhere Spritkosten und 3. schlechtere Preise, da der andere Getränkemarkt nun mal teurer war. Entschied ich mich für die Verlängerung meiner ‚Luftanhaltephasen’, müsste ich fast so lange die Luft anhalten können, wie die trainierte Perlentaucher der Fidschi-Inseln. Selbst dann, wenn ich diese Leistung bringen würde, konnte ein Restrisiko nicht ausgeschlossen werden:

Was war, wenn mich die Kassiererin fragte, wie spät es sei? Oder wenn sie von mir wissen wollte, ob sie einen Arzt rufen sollte, weil ich ein so extrem rot angelaufenes Gesicht und aufgeblähte Backen hatte? Was war, wenn mich versehentlich jemand von hinten anstieß – und ich automatisch gezwungen war, tief Luft zu holen? Was war dann...?

Also ein anderer Getränkemarkt. Höhere Kosten. Längere Wegezeiten. Öfter Tanken fahren. Längere Schlangen an den Kassen.

Verdammt und zugenäht! Weshalb muss eigentlich ICH mein ganzes Leben auf den Kopf stellen, nur weil diese Stinktussi nicht in der Lage war, sich einen Deostift zu kaufen? Deostift? Natürlich! Genau! Das war die Lösung all meiner Probleme! Wieso – um alles in der Welt – bin ich nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen? Zumindest war es einen Versuch wert, um feststellen zu können, ob der Ansatz von gutem Willen bei der Kassiererin vorhanden war. Sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl auf den Kopf einer bestialisch stinkenden Angestellten, die diesen Wink hoffentlich nicht als Angriff auf ihre Persönlichkeitsrechte verstand...

Mehr als einmal hatte ich gesehen, wie die Kassiererin zwischen den Gängen für Ordnung sorgte. Solange kein Kunde an der Kasse wartete, nutzte sie die Zeit, um falsch eingeräumte Flaschen in die richtigen Kästen zu sortieren. Dabei wanderte sie stets mit einem prüfenden Blick von Gang zu Gang, bis sie sicher war, alles in bester Ordnung zu wissen.

Wenn ich nun – anonym – einen Zettel zwischen den Gängen platzierte, der an einem Dreierpack von Deostiften befestigt war, musste sie ihn garantiert finden. Wenn dann noch der Text in halbwegs freundlichen Worten mit sensiblem Einfühlungsvermögen das Problem beschrieb, musste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn diese Aktion ohne Wirkung blieb.

Also ein Brief. Netter Text. Trotzdem die Wahrheit sagen. Ekel beschreiben, ohne verletzend zu sein. Eine echte Aufgabe! Also begann ich, folgenden Text zu schreiben:

„Liebe Kassiererin!

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich Ihnen nun etwas sage, das Sie vielleicht persönlich treffen könnte! Ich meine es wirklich nicht böse; nur kann ich nicht anders, als endlich zu sagen, was gesagt werden muss.

Sie stinken so erbärmlich, dass ich Sie am liebsten in Parfüm ertränken möchte. Seit über drei Jahren kaufe ich meine Getränke bei Ihnen, obwohl Sie einen Dunst verbreiten, der aus den tiefsten Tiefen der Hölle stammen könnte. Gibt es auch nur einen Grund, Ihre Umwelt mit einem derartig monströsen Schweißgeruch zu vergrätzen? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie der Umsatz des Getränkemarktes spontan in die Höhe schnellen würde, wenn Sie nicht mehr so pervers stinken?

Nun mag es sein, dass Sie Deodorants aus einem mir unbegreiflichen Grund nicht vertragen können. Mag sein. Aber dass man auch mit etwas Wasser und seife beachtliche Erfolge erzielen kann, ist ihnen bestimmt nicht unbekannt, oder?

Sind es gar finanzielle Probleme, die Sie vom Erwerb eines Deos zurückschrecken lassen? Ist die Investition in ein Stück Seife ein unerreichbares Ziel? Hat man Ihnen vielleicht sogar das Wasser abgestellt?

Was auch immer es ist – es soll nicht länger dazu führen, dass ich Sie noch eines Tages den Bundesumweltamt als Umweltsünderin melde. Mit den beiliegenden Deostiften werden Sie bestimmt einige Wochen Ihre Ausdünstungen im Zaume halten können. Nehmen Sie’s einfach als freundlich gemeintes Geschenk von einem anonymen Kunden.

Herzlichst, Ihr Max Schmitthuber.“

Genauso hab ich’s auch gemacht. Mein Brief klebte an den Deostiften und wurde auch prompt von der Kassiererin gefunden. Das kleine Malheur, meinen Namen ans Ende des Briefes gesetzt zu haben, hat mich viertausend Mark Schmerzensgeld gekostet. ‚Beleidigung und üble Nachrede’ hieß es in der Urteilsverkündung.

Üble Nachrede? Und was ist mit ‚üblem Gestank’? Das Leben ist wirklich ungerecht zu jenen, die es ein kleines Stück erträglicher machen wollen. Ich kaufe inzwischen meine Getränke im anderen Getränkemarkt. Es gibt hier nur diese beiden Getränkemärkte. Leider. Raten Sie mal, was mich an der Kassiererin im neuen Getränkemarkt stört?

Ich hasse Schweißgerüche. Ich hasse sie abgrundtief...

Diese Geschichte ist - bis zu einem gewissen Grad - die nackte, unverblühmte und stinkende Wahrheit. Leider. Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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