Dirk Wonhöfer
Liebe
(falls jemand fragt, worum’s hier geht)
Kapitel 1: Der Anfang von allem (und so)
Hier fängt die Geschichte an.
Schreibe ich jetzt mal so. Weil jede Geschichte ihren Anfang braucht. Auch wenn du noch nicht weißt, um was für eine Geschichte es sich überhaupt handelt. Oder wo dieses hier ist, das ich erwähne.
Aber wenn du möchtest, dann nehm‘ ich dich mit auf eine Reise zu dem Ort, um den es in diesem Buch geht. Keine Sorge, es ist nicht sehr weit. Im Grunde bist du nämlich schon dort. Ein Katzensprung quasi. Aber noch ein bißchen kürzer. Wir können das Ziel nicht verfehlen, selbst wenn wir in die falsche Richtung gehen und nichts als Umwege machen.
Mh. Vielleicht wäre es wirklich ganz gut, wenn wir einen Umweg machen auf unserer Reise. Dabei spielt es keine Rolle, dass es Umwege gar nicht gibt (hierzu später mehr). Wir machen ihn einfach trotzdem.
Eine wissenswerte Information noch für dich, bevor wir starten: Wir reisen zum Anfang. Zum Anfang von was, fragst du? Nun. Zum Anfang von allem. Zum Ursprung. Zum Beginn aller Dinge und aller Geschichten. An den Ort, wo alles herkommt.
Aber vorher ein kurzer Ausflug ins Weltall. Der erste kleine Umweg. Geht auch sehr schnell. Wir machen einfach einen Abstecher über die Fantasie, und schon sind wir da. Die gefühlte Außentemperatur hier steht immerzu auf: Kalt. Aber mach dir keine Gedanken über Erfrierungen, Kälte ist relativ. Nimm dir lieber einen Moment Zeit und genieß’ den Ausblick. Der unförmige Ball, den du da vorn siehst: Das ist die Erde, lässig ihre Bahnen um die Sonne ziehend. Überall sonst: Das glitzernde Sternenmeer, gebettet ins tiefste Schwarz, das du dir vorstellen kannst.
So, genug der Aussicht. Drehen wir die Zeit um ein paar Hunderttausend Jahre zurück. Wir haben ja ein Ziel vor Augen: Einen Anfang finden. Wir springen bis zu einem bestimmten naturwissenschaftlich-historischen Ereignis: Zur Geburt des ersten Homo Sapiens. Moment, ich zoome ein wenig an die Erde heran, damit wir das besser beobachten können.
Hier. Da seht ihr ihn, den ersten Homo Sapiens, ausgelassen in einem Flussbett planschend. Beziehungsweise sie, denn es ist ein Mädchen. So um die drei oder vier Jahre alt. Und seht ihr weiter hinten die Eltern, und wie die Mutter ihr Kind niemals aus den Augen lässt? Sie weiß nichts davon, dass wir ein paar Hunderttausend Jahre später ihre Tochter und alle, die nach ihr kommen, mit Homo Sapiens betiteln werden. Und sie weiß auch nichts davon, dass diese willkürliche Definition von Menschengattungen dazu führt, dass ihr Kind bereits Homo Sapiens ist, sie selbst aber nicht. Lassen wir sie in ihrer Unwissenheit zurück und behelligen sie nicht weiter, denn das ist etwas, worüber sie sich wirklich keine Gedanken zu machen braucht. Die Szenerie selbst ist zwar irgendwie eine Art Anfang ... aber nicht der, zu dem die Reise geht.
Versinken wir erneut im Strudel der Zeit, während wir weiter zurück spulen.
Viel weiter. Die Erde wird zu einem Klumpen aus Gesteinsbrocken und löst sich in ihre Bestandteile auf. Die Sonne wird geboren und zerfließt zu einem Nebel. Der Nebel erstrahlt in einer Supernova und wird zur Sonne, die vor unserer Sonne da war. Und wir gehen noch weiter zurück. Bis zur Geburt dieser Sonne. Und weiter.
Über dreizehn Milliarden Jahre. Bis zu dem Augenblick, den die Naturwissenschaft als Urknall kennt, und der einen möglichen Anfang von allem darstellt. Denn mit dem Urknall, so besagen es irdische Legenden, kam auch die RaumZeit in Existenz. Und so wird die Frage nach einem “was war davor” absurd, denn ein davor gibt es nur innerhalb eines zeitlichen Konzepts. Weiter zurück geht nicht … zumindest innerhalb dieses Konzepts.
Da wären wir also nun. Am Urknall.
Falls du dachtest, es würde ein bißchen spektakulärer werden - für die Vorstellungen in deinem Kopf bin ich nicht verantwortlich. Aber wir sind ja auch noch nicht am Anfang aller Geschichten. Wir sind grad lediglich beim Urknall. Der hier einerseits in seiner Rolle als Urknall auftritt, aber auch als Stellvertreter für alle naturwissenschaftlich hergeleiteten Theorien über Anfänge des Universums.
Und so schön es hier draußen im All auch ist, wir reisen noch ein wenig weiter. Zurück geht’s nicht mehr. Also lösen wir uns kurzerhand von den Fesseln der Naturwissenschaft. Entsteigen wir der Materie und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Zu einem Anfang ganz anderer Art. Denn alles Bewegte, so eine Theorie, ist angewiesen auf einen Beweger. Reisen wir also zu ...
Gott.
(was sonst?)
Wo der eine meint, alles sei naturwissenschaftlich zu ergründen, hegt ein anderer so seine Zweifel. Und so gibt es seit Urzeiten den Glauben: An etwas außerhalb der materiell erfahrbaren Welt. Dabei spielt es keine Rolle, ob nun ein monotheistischer Gott alles erschaffen hat oder eine Heerschar an Tierkopfgöttern dafür verantwortlich ist. Das wichtige ist, dass die Welt in dieser Geschichte nicht einen naturwissenschaftlich erklärbaren Prozess darstellt, sondern gezielt so erschaffen wurde, wie sie ist. Dass da eine lenkende Kraft ist. Mehr als ein bloßes Konzept von Zufall oder Determinismus. Was auch immer es sein mag.
Und so liegt für viele in Gott der Ursprung von allem. Aber auch hier verweilen wir nicht länger, denn auf unserer Reise ist Gott der nächste kleine Umweg gewesen. Er ist, wie der Urknall, eine Geschichte und ein Stellvertreter-Wort. Für all die Varianten von Anfang, die wir einer schöpferischen Kraft von außen zuschreiben. Von Geschichten, die erzählt werden müssen, um zu sein.
Also reisen wir noch ein wenig. Die Linearität unserer Reise haben wir bereits aufgegeben, als wir uns vom Materiellen verabschiedet haben. Grenzenlos und losgelöst treiben wir jetzt. Da ist es kein weiter Weg mehr hin zur Liebe.
Zur Liebe?, fragst du, vielleicht etwas irritiert. Was soll denn die Liebe mit dem Anfang von Allem zu tun haben?
Das wiederum weiß ich auch nicht. Aber mir scheint, als wäre Liebe die richtige Antwort auf alles. Also kann es nicht verkehrt sein, es einfach mal mit Liebe zu probieren, wenn man schon am Experimentieren ist. Ein kleiner Zwischenstopp an einem wunderschönen Ort.
Bevor wir wieder aufbrechen. Und los - reisen wir noch einmal. Machen wir uns diesmal wirklich auf den Weg zum Ursprung aller Geschichten. Zum Anfang von Allem. Nehmen wir die Fäden von Urknall, Gott und Liebe in die Hand, sowie die Fäden aller Geschichten, die es überhaupt gibt, und verfolgen sie zurück zu dem Ort, von dem sie stammen.
Es ist ein Ort, der für viele so selbstverständlich ist, dass sie ihn oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Die Rede ist von dem Ort, an dem jeder Gedanke an einen Anfang erst anfängt. Der Ort, an dem jedes Gefühl beginnt. Der Ort aller Wahrnehmung und aller Erfahrung.
Die Rede ist von: Dir.
Du bist der Anfang aller Geschichten. Der Beginn von allem. Deswegen waren die Umwege auch im Grunde nicht nötig. Du hast nie genau die Geschichte sehen können, die ich erzählt habe, sondern deine eigenen Bilder kreiert. Und du hast jedes Wort auf deine eigene Weise verstanden. Mit dem einleitenden Satz “hier beginnt die Geschichte” ist nicht der Beginn dieses Buches gemeint. Das hier ist auf dich bezogen, auf deine Vorstellungskraft. Weil alle Geschichten in dir beginnen müssen. Indem du sie wahrnimmst - und damit du sie wahrnehmen kannst.
Du bringst sie ins Sein. Du bringst alles ins Sein. In dir.
Und ja. Ich weiß - auch dieser “Anfang von allem” ist nur eine weitere Geschichte. Eine Geschichte, die ich mir erzähle, und die ich jetzt dir erzähle. Es ist für mich die philosophisch und logisch rationalste Geschichte, die ich mir darüber erzählen kann. Wenn du eine hast, die du für logischer und nachvollziehbarer hältst, dann erzähl mir davon, denn ich lerne gern dazu.
Wenn ich herausfinden möchte, wo der Ursprung von allem liegt, stellt sich für mich die Frage: “Was kann ich wissen?” Und, wenn man an die Frage logisch herangeht, bleibt da nicht gerade viel übrig.
Kann ich wissen, dass das Konzept des Urknalls mehr ist als ein Gedankenspiel? Nein, denn wissenschaftlich erworbenes Wissen beruht immer auf einem aktuell anerkannten Stand der Dinge, um den Versuch bemüht, die wahrnehmbare Welt zu beschreiben. Bei diesem Prozess ist es immer möglich (sogar erwünscht), dass die nächste Entdeckung eine vorherige absurd macht. So wie die Quantenmechanik unser Bild von Linearität und Raum und Zeit über den Haufen geworfen hat, so kann jede neue Entdeckung dazu führen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt überholt sind.
Kann ich wissen, dass Gott mehr ist als ein Gedankenspiel? Ich kann daran glauben. Ich kann Gott möglicherweise auch fühlen - und hieraus eine Art Wissen gewinnen, das außerhalb des konzeptionellen Denkens liegt. Ein Wissen, das keiner Worte bedarf (und somit nicht in Worte gefasst werden kann). Also lautet von philosophisch logischer Warte aus betrachtet die Antwort: Nein. Wissen kann ich es nicht.
Aber was kann ich dann überhaupt wissen? Kann ich zum Beispiel wissen, dass gestern existierte? Nicht mit Bestimmtheit, denn wenn ich an gestern denke, sind dies Gedanken in meinem Kopf. In der Theorie (und bald vielleicht auch in der Wissenschaft) hätte mir jemand die Vergangenheit, an die ich denke, nachts im Schlaf implantieren können. Ich wäre aufgewacht im Glauben an ein Gestern, ein Vorgestern und ein komplettes Leben - das nicht stattgefunden hat, außer in meinen Erinnerungen. Sich aber wie meines anfühlt.
Und diesen Gedanken muss man nicht mal bis zu irgendwelchen Wissenschaftlern spinnen, die einem Erinnerungen einpflanzen. Das kann der menschliche Verstand auch ganz allein. Eben weil wir Erschaffer sind, reine Kreativität. Unsere Erinnerungen sind keine festen Konstrukte. Sie verändern sich, ebenso wie wir uns verändern. Den eigenen Erinnerungen Glauben zu schenken ist hilfreich, um in dieser Welt zu überleben. Doch auf sie verlassen kann man sich nicht.
Kann ich dann, rein logisch gesehen, überhaupt etwas wissen? Ja.
Dass ich erfahre. Jetzt, im Moment. Um zu erfahren, muss ich sein. Dass ich erfahre, gibt keinen Aufschluss darüber, was ich erfahre und wie ich es erfahre.
Aber damit da überhaupt etwas sein kann, das Erfahrungen macht, braucht es einen Raum, in dem diese Erfahrungen stattfinden können. Ohne etwas, das dieses Hier und Jetzt erfährt, gäbe es auch nichts, was diese Erfahrung machen könnte. Der Umstand, dass ich die Erfahrung mache, und dass ich hierbei von “ich” spreche, ist also etwas, was ich wissen kann. Weil es jetzt gerade so ist.
Was ich ebenso logisch wissen kann: Dass jede Erfahrung, die ich mache, in mir entsteht, von mir erfahren wird. Würde ich im Dunkeln mit tauben Händen eine Wand berühren, dann wären da keine Nervenzellen, die diese Information weiterleiten, und ich würde nichts von der Wand wissen. Erst in mir selbst wird aus der Information, dass die Hände etwas ertasten, die Geschichte einer Wand. Und diese Geschichte kann auch dann noch weiter in mir existieren, wenn meine Hände die Wand schon nicht mehr berühren. Doch in dem Moment kann ich nicht mehr wissen, dass ich dort eine Wand fühle, sondern muss meiner Geschichte glauben.
Kann ich dann wissen, dass Gefühle real sind? Kann ich schlussfolgern, dass ein Objekt wie eine Wand vor mir existiert, weil ich es berühren und spüren oder sehen kann? Nicht wirklich.
Denn selbst im Traum können wir Dinge anfassen, und sie fühlen sich real an. Wir können sie ansehen, und sie sehen so real aus, dass uns gar nicht auffällt, dass wir träumen. Als wären sie wirklich da - auch wenn wir nach dem Aufwachen genau zu wissen meinen, dass es sich nur um einen Traum handelte.
Aber ob Traum oder das, was wir Realität nennen - es macht keinen Unterschied in der Hinsicht auf mich und die Erfahrung. In dem Moment, in dem ich eine Erfahrung mache, weiß ich, dass ich bin, und dass diese Erfahrung aus mir kommt. Ich kann dadurch nichts über die Beschaffenheit dessen wissen, was mir begegnet. Die Wand vor mir könnte eine “echte” Wand sein. Sie könnte aber auch eine geträumte Wand sein, falls ich gerade schlafe. Dies zu bewerten ist innerhalb der Erfahrung nicht möglich. Ich kann daraus aber schlussfolgern, dass ich gerade diese Erfahrung mache. Und dass ich bin.
Was auch immer ich fühle. Sehe. Höre. Schmecke. Denke. All das muss seinen Ursprung in mir selbst haben, um sein zu können. Würde es außerhalb oder unabhängig von mir sein, wäre es außerhalb meiner Wahrnehmung. Und würde für mich gar nicht existieren.
Das ist, was ich wissen kann.
Es erscheint auf den ersten Blick nicht wie sehr viel, denn es umschließt allein den Moment. Das Jetzt. Und doch … es scheint nur so. Denn es ist auch zugleich alles. Weil der Moment nicht weniger sein kann als alles. Weil alles, was ich bin, innerhalb dieses Moments existiert.
Und so beginnen alle Geschichten damit, dass wir sie erschaffen. Und jeder Anfang hat seinen Anfang in dir. Und mir.
Egal zu welchem Anfang wir gehen, oder zu welchem Ende. Zu welcher Vorstellung und zu welchem Konzept. Egal, welche Geschichte wir uns erzählen: All das kann nur sein, weil du bist. Und du bist zugleich all das.
Alles, was du siehst, entsteht zuerst in dir, damit du es sehen kannst. Alles, was du fühlst, hat seinen Ursprung in dir.
Du bist Anfang und Ende einer jeden Geschichte, weil du die gesamte Geschichte bist. Du bist deine gesamte Welt. Nichts, was du wahrnimmst, kann unabhängig von dir existieren.
Du bist.
Immerzu. Eine Welt. Ein Kosmos. In seiner Gänze. Es fehlt nie etwas. Es kann nichts fehlen, denn würde etwas fehlen, könntest nichts davon wissen. Die Welt, die du erschaffst, ist immer komplett. Egal wie sie aussieht oder sich anfühlt. Egal wie sie ist. Sie ist so, wie sie ist, in sich perfekt, weil sie nicht anders sein kann.
Und so bist du so, wie du bist, in dir perfekt.
Es fehlt niemals etwas, denn deine Welt kannst du nur erschaffen aus dem, was ist. Mit dem, was du hast. Es ist deine Welt. Es ist nicht möglich, sie aus Teilen zu errichten, die es nicht gibt und die dann fehlen. Deine Welt ist immerzu ganz.
Du bist immerzu ganz. Du erschaffst alles, was du erfährst, in dir.
Du bist ein Geschenk. Von dir - an dich.
Du bist alles.
Das ist der Anfang, zu dem ich dich mitnehmen wollte. Und es ist zugleich ein guter Anfang, um zu erklären, worum es in diesem Buch geht: Um dich. Um das, was von Innen kommt. Das, was du bist. Was ich bin. Was jedes Lebewesen ist. Denn egal ob Mensch oder Mücke: Jedes Wesen erschafft seine komplette eigene Welt, während es im Jetzt existiert. Jede dieser Welten ist einzigartig, und eine jede davon trägt Perfektion in sich, in der Hinsicht, dass niemals etwas fehlen kann.
Es geht nicht um das Außen - sondern darum, dass auch das Außen erst im Innern, in dir, entstehen muss, um mit der Geschichte über “das Außen” verknüpft werden zu können.
Es geht darum, dass jedes Lebewesen in sich Schöpfer seiner kompletten Welt ist.
Es geht um dich. Und um alles. Weil alles du bist.
Kapitel 2 – Vom sich selbst im Weg stehen
Du bist alles.
Und auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint, als würde das viel verändern - so verändert es doch alles. Denn eine Änderung im Innern verändert dein Außen. Sie verändert die Wahrnehmung. Und deine Wahrnehmung des Außen bestimmt, wie dir das Außen erscheint.
Du gewinnst durch die Einsicht, dass du Schöpfer deiner Welt bist, keine magische Kraft, mit der du die Phänomene beeinflussen kannst, die dir begegnen. Aber du gewinnst die magische Kraft, zu beeinflussen, wie du ihnen begegnest. Und wie sie dir erscheinen. Und weil nichts unabhängig voneinander geschieht, beeinflusst du dadurch wiederum auch, wie sie dir begegnen.
So herum betrachtet ist es dann wohl doch irgendwie Magie. Allerdings eine Art Magie, die sich logisch herleiten lässt. Die noch dazu sehr nützlich ist. Und die sich praktisch anwenden lässt.
Es ist außerdem eine Magie, die immerzu da ist und jedem immer zugänglich. Weil du immer du bist. Weil du immer diese Kraft hast, solange du bist.
Solang du dir dieser Kraft bewusst bist, solang du weißt, wozu du fähig bist, kannst du nie Opfer der Umstände sein. Dann weißt du, was immer auch geschieht: Alles ist deine Wahrnehmung der Dinge, deine Interpretation. Die Umstände sind so, wie sie sind. Das zu akzeptieren fällt leicht, weil du die Umstände, die Situation an sich, gar nicht in Frage stellen musst. Du erfährst sie einfach.
Wenn du deine Aufmerksamkeit stattdessen auf deine eigene Interpretation der Umstände richtest, hast du die Situation an sich bereits akzeptiert. Du lässt sie sein, wie sie ist, anstatt dagegen anzukämpfen.
Du bist dir selbst bewusst. Dir, dem Erschaffer von allem, was dir begegnet. Dadurch wird es überflüssig, Energie zu verschwenden mit einem Kampf gegen dich selbst. Jeder Gedanke an “es sollte anders sein, als es ist” ist ein innerer Kampf. Es ist ein Kampf, den man nur gegen sich selbst austrägt. Denn natürlich ist eine Situation immer so, wie sie ist (denn sonst wäre sie ja anders und nicht so, wie sie ist). Und das weiß man im Grunde auch, denn sonst käme man gar nicht auf die Idee, es sollte anders sein.
So gesehen ist es kein sinnvoller Kampf, den man dann austrägt. Es ist ein Kampf, den man in dem Moment verloren hat, indem man ihn beginnt. Nicht besonders schlau. Denn das Denken “es sollte anders sein, als es ist” verändert nicht die Situation - sondern dich.
Die Situation bleibt von dem Gedanken unberührt. Ganz im Gegensatz zu dir.
Was der Gedanke mit dir tut: Er rückt dich in eine Opferrolle. Du stilisierst dich in dem Moment zum Opfer der Umstände. Du triffst eine Wertung, und die Wertung besagt: “Mir widerfährt Unrecht! So sollte es nicht sein!” Das wiederum löst eine kleine Kettenreaktion aus:
Ein Unrecht erfordert einen Schuldigen, der für dieses Unrecht verantwortlich ist. Das kann die Natur sein, wenn sie einen Ast auf dein Autodach fallen lässt. Aber weitaus öfter trifft die Schuld andere Menschen. Zum Beispiel den Nachbarn, auf dessen Grundstück der Baum steht, von dem der Ast herunter fiel.
Aber das ist nicht alles, was der Gedanke “so soll es nicht sein” mit dir macht. Er bringt auch Verbitterung. Denn je öfter dir Unrecht widerfährt, desto mehr wirst du darin ein Muster erkennen. Und wem beständig nur Unrecht widerfährt, der wird schnell verbittert, da die Welt ihn ständig enttäuscht.
Auch die Gefühlswelt wird von dem “so soll es nicht sein”-Gedanken in Mitleidenschaft gezogen. Wenn einem Unrecht widerfährt, fühlt man sich zu Recht beschissen. Vielleicht traurig, vielleicht wütend. Was auch immer für Gefühle an dem Gedanken hängen, dass einem Unrecht getan wird, man erschafft die Gefühle in sich - und man bekommt sie zu spüren.
Und so geht es weiter. Die Liste ist endlos. Es weiß jeder selbst am besten, was es in ihm auslöst, wenn ihm Unrecht geschieht. Es ist ‘ne Menge. Und es verändert wahnsinnig viel.
Nur nicht die Situation.
Das ist nun ein kleines Dilemma, denn eigentlich ist es ja die Situation, die man ändern wollte. Aber gerade das Ändern einer Situation gestaltet sich äußerst schwierig, solange man noch damit beschäftigt ist, die Situation nicht zu akzeptieren. Dann braucht man seine Energie für all die anderen Sachen: Für die Kopfkonstrukte, wie es denn anders besser sein könnte, wenn es nicht so sein soll, wie es ist. Für die Schuldsuche. Die Schuldzuweisung. Für Gefühle von Angst, Wut oder Trauer, die einen dann überfluten.
Da bleibt wenig Zeit und Energie für anderes übrig.
Und überdies: Jede Handlung, die man ausführt, um etwas an der Situation zu ändern, wird dann von Angst beraten sein. Oder von Wut. Von Trauer. Je nachdem, was es mit einem macht, wenn man der Meinung ist, dass einem Unrecht widerfährt.
Und Angst, Verbitterung, Wut … das sind Zustände, die das eigene Denken stark beeinflussen. Es sind vor allem Ausnahmezustände, keine Dauerzustände. Der eigene Verstand lässt sich nicht mehr so nutzen, wie man ihn unter normalen Umständen nutzen kann. Wie man ihn kennt. Wenn der Verstand ein Werkzeug ist, mit dem man für gewöhnlich gut zurecht kommt, dann wird er im Ausnahmezustand zu einem Werkzeug, dessen vielfältige Funktionen man vergessen hat und mit dem man sehr schnell sich selbst und andere verletzen kann.
Das alles führt zu der Schlussfolgerung: Es ist nicht sonderlich hilfreich, eine Situation nicht zu akzeptieren, an der man gern etwas ändern möchte. Hilfreicher ist in dem Fall, die Situation als das zu akzeptieren, was sie ist. Der Rest … nun, der ergibt sich dann von selbst. Man weiß nicht, was passieren wird (das weiß man nie, man kann höchstens raten), aber man weiß zumindest, dass man sich, egal was geschieht, dabei nicht selbst im Weg steht, sondern das Beste aus jeder Situation machen kann.
Das ist schon mal ein ganz guter Anfang. Es klingt natürlich ein wenig verrückt, weil es auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint:
Willst du das Außen verändern, so veränderst du unbewusst das Innere, auf eine Weise, die dir selbst schaden kann.
Änderst du das Innere bewusst, veränderst du unbewusst das Außen, auf eine Weise, die dir selbst nutzt.
Man macht also im Grunde das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Das erscheint verrückt, allerdings nur dann, wenn man Außen und Innen getrennt betrachtet. Es ist jedoch nicht getrennt. Denn es ist alles Du. Und deshalb ist es nicht verrückt, sondern logisch, dass eine Änderung an der einen Stelle auch eine Änderung an anderer Stelle bewirkt. Es hängt nicht nur zusammen - sondern es ist eins.
Du bist niemals ein Opfer der Umstände, wenn du verstehst, dass alles aus dir selbst entsteht.
Sich selbst nicht als Opfer zu sehen, heißt auch, dass es keinen Grund gibt, sich über eine Situation zu beklagen. Sich beschweren, das ist Energie, die man in das gedachte Außen hinein steckt, um es zu ändern. Energie, mit der man nichts an der Situation ändert, sondern sich selbst im Weg steht. Und da dies unbewusst geschieht (denn bewusst kann es nicht geschehen, da sich ein Lebewesen nicht bewusst selbst im Weg stehen würde, wenn es zu einem Ziel gelangen möchte), führt das genau zum Gegenteil dessen, was man beabsichtigt hatte. Man macht es sich selbst schwerer statt leichter.
So herum wirkt es ein wenig absonderlich, eine Situation ändern zu wollen, indem man sich über das Außen beschwert. Aber das Beschweren über eine Situation ist allgemein so selbstverständlich und akzeptiert, dass die Absurdität darin vielen gar nicht bewusst ist.
Es ist allerdings gar nicht schwer, nicht in diese Gedankenspirale zu geraten. Es geht recht leicht, sich nicht selbst im Weg zu sein. Denn es gibt einen äußerst praktischen Punkt an der Sichtweise, dass du selbst der Ursprung aller Geschichten bist und der Erschaffer von allem:
Du bringst dich gar nicht erst in die Lage, Opfer zu sein. Die Verantwortung über dich liegt dann immer bei dir selbst. Es ist dir logisch nicht möglich, Opfer der Umstände zu werden, denn es ist ja alles deins. Alles ist für dich da, nicht gegen dich. Du behältst die Verantwortung für alles, was dir widerfährt, immer bei dir, und gibst diese nicht aus der Hand. Weder an andere Menschen, noch an die Natur, an eine Situation oder an die Welt. Es bedarf keiner Schuldzuweisung und du benötigst somit keinen Schuldigen.
Was wiederum dazu führt, dass eine große Menge unnützer Gedanken, mit denen du dir selbst im Weg stehst, gar nicht erst gedacht werden muss.
"So soll es nicht sein!" wird von selbst zu "es ist jetzt so". Widerstand wird zu Akzeptanz.
Und durch diese kleine Veränderung im Denken erschaffst du dir selbst einen wahnsinnig großen Spielraum, um auf jede Situation zu reagieren. Du bist nicht länger ein Gefangener der Gedanken über die Situation. Du bist einer Situation nicht länger ausgeliefert, weil du deinen eigenen Gedanken nicht länger ausgeliefert bist.
Stattdessen hast du all deine Gedanken und deine Energie zu deiner Verfügung, um mit der Situation an sich umzugehen.
Wie und auf welche Weise du eine Situation dann bewältigst, darüber lässt sich keine Annahme treffen. Es reicht völlig, dir nicht selbst im Weg zu stehen. Dadurch kannst du dein Potential entfalten. Dadurch machst du automatisch immer das Bestmögliche aus jeder Situation. Etwas Anderes kann überhaupt nicht passieren. Du brauchst also keinen Schuldigen mehr, denn: Wie könntest du einer Situation besser begegnen, als das Beste aus ihr zu machen, egal was passiert? Wenn du dein volles Potential ausschöpfen kannst, dann ist es egal, wie das Ergebnis aussieht, denn besser hättest du es nicht machen können. Dann ist der Prozess das Ziel. Und ein Ziel selbst gibt es nicht mehr, denn du kannst nicht wissen, wohin der eigene Weg dich führt, wenn du dir nicht selbst im Weg stehst.
Es kommt nicht darauf an, was geschieht, welches Ergebnis du vorfindest nach einer Handlung. Das Ergebnis ist, wie es ist, und es gibt keine Meßlatte, um es zu bewerten. Es kommt vielmehr darauf an, wie du dorthin gelangst. Wenn du dir die Möglichkeit schaffst, immer das Bestmögliche aus einer Situation zu machen, dann lebst du immerzu in der Bestmöglichen aller Welten. Egal, wie diese dann aussieht.
Und so wird es zu unnötigem Ballast, zu denken, “etwas solle so nicht sein”. Dann darf jede Situation genau so sein, wie sie ist, eben weil sie in dem Moment so ist. Und du wirst wissen, dass nicht die Situation dich unzufrieden macht, sondern deine eigene Wahrnehmung und Bewertung der Situation. Die Geschichten, die du dir darüber erzählst.
Und dadurch veränderst du jede Situation auf dramatische Weise: Du nimmst ihr die Macht, über dich zu bestimmen. Du bist in diesem Moment selbstbestimmt.
Du bist nicht dem Glauben verpflichtet, dass eine Situation dich beherrscht, sondern du verstehst, dass du der Denker der Gedanken über die Situation bist, dass sie aus dir entsteht. Du allein bestimmst darüber, wie du eine Situation wahrnimmst und welche Gedanken und Gefühle du zu ihr und über sie hast.
Du gibst nicht länger die Verantwortung über dein Leben nach außen (an eine Situation oder an andere Menschen), sondern behältst sie bei dir.
Du bist eigenverantwortlich. Handelst eigenverantwortlich und denkst eigenverantwortlich. Du erlangst die Freiheit, jede Situation bestmöglich zu meistern, ganz egal, was geschieht, ohne ein „Ergebnis“ bewerten zu müssen. Denn ganz egal, wie dieses “Ergebnis” aussieht: Es existiert in dieser Form nur in der Geschichte, die du dir darüber erzählst. Weil der Weg das Ziel ist. Und weil du an keiner Stelle auf diesem Weg aufhörst, ihn zu gehen.
Hilfreich ist lediglich, sich dabei nicht selbst im Weg zu stehen.
Kapitel 3 – Von der bestmöglichen aller Welten
Oder: Warum man immerzu in der bestmöglichen aller Welten lebt.
Wichtig ist hierbei, dass diese bestmögliche aller Welten nicht aus Bewertung und Beurteilung entsteht. Bewertung und Beurteilung lassen sich nicht logisch in dieses Konzept einbauen, denn Werte und Urteile gibt es ebenso viele, wie es Wesen gibt, die werten und urteilen können. Die menschliche Fantasie kann unendlich viele Ideen dafür hervorbringen, “warum man nicht in der bestmöglichen aller Welten lebt”: Da hungern Kinder in Afrika. Da sterben Wale aus. Da werden Terroranschläge verübt. Es regnet zu oft. Es regnet nicht oft genug. Der Stift malt in einem häßlichen blau. Der Stift liegt nicht ordentlich genug neben den anderen Stiften. Der Stift ist weg. Es gibt zu wenig hiervon. Oder zu viel davon. Es werden Menschen unterdrückt. Es werden Menschen ausgebeutet.
Und so weiter. Solange etwas denkbar ist, ist es auch dazu geeignet, die Welt als schlecht zu definieren. Oder als gut. Oder wie auch immer man sie definieren möchte. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Die “bestmögliche aller Welten” kann also nicht aus Bewertung und Urteil hervorgehen. Denn sonst gäbe es unendlich viele Argumente zu formulieren, warum man eben nicht in der bestmöglichen aller Welten lebt.
Doch wenn sie nicht aus Werten und Urteilen hervorgeht - woraus dann? Hier kommst du wieder ins Spiel. Denn es ist, wie eigentlich immer in diesem Buch, nicht vom Außen die Rede, sondern vom Innen. Von deiner Welt, die du erschaffst und die aus dir hervorgeht. Du kannst dir dabei entweder selbst im Weg stehen und Widerstand gegen deine eigene Welt leisten - oder nicht. Leistest du Widerstand gegen dich selbst, anstatt dich zu akzeptieren, beginnst du einen Kampf gegen dich selbst und hast nicht die Möglichkeit, dein volles Potential auszuschöpfen.
Du verschwendest Energie mit Widerstand, mit der Ablehnung der Welt, die du erschaffst. Diese Energie steht dir dann nicht länger zur Verfügung, um diese Welt zu erfahren.
Akzeptiere deine Welt, anstatt gegen sie (und damit gegen dich selbst) anzukämpfen. Steh dir nicht selbst im Weg. Wenn du dich nicht daran hinderst, zu sein, wie du bist, sondern frei darin bist, in jeder Situation dein Bestes zu geben (und so aus jeder Situation das Bestmögliche zu machen), dann lebst du immerzu in der bestmöglichen aller Welten.
Das erlaubt keine Rückschlüsse darauf, wie genau diese Welt dann aussieht oder sich anfühlt. Aber man kann darin alles erreichen, was einem im Moment möglich ist, zu erreichen. Besser kann die eigene Welt nicht werden, als sich selbst diese Freiheit einzuräumen.
Kapitel 4 – Vom Akzeptieren
Das vorherige Kapitel bezog sich zwar auf die bestmögliche aller Welten - aber nur in bestimmter Hinsicht. Sich selbst nicht im Weg zu stehen bedeutet, dass man in der bestmöglichen aller Welten lebt in Bezug auf seine eigene Entwicklung und das eigene Potential.
Man kann den Bezug zur eigenen Entwicklung allerdings auch weglassen und dennoch zu der logischen Schlussfolgerung gelangen, dass wir immerzu in der besten aller möglichen Welten leben.
Und erneut ganz ohne zu werten oder urteilen.
Machen wir hierfür einen kleinen Umweg über die Akzeptanz. Denn das greift alles sehr ineinander. Das Akzeptieren. Das Erfahren. Das Lernen. Das Verständnis. Und … das Akzeptieren.
Aber von vorne:
Akzeptieren. Das ist ein Wort, aber mehr auch nicht. Es steckt voller Geschichten. Wie akzeptiert man? Denn das Wort ist einfacher gesagt, als getan. Wenn dich etwas stört, dann ist es auch nicht hilfreich, wenn du dir einfach sagst: “Ich muss das jetzt akzeptieren, es soll mich nicht stören.” Dadurch ist keine Akzeptanz da, sondern du formulierst einen Vorsatz. Und damit eine Erwartungshaltung an dich selbst.
Und durch diese Erwartungshaltung an dich setzt du eine Kettenreaktion in Gang. Du glaubst, du müsstest etwas akzeptieren. Gelingt dir das nicht, fühlst du dich noch schlechter. Jetzt hast du nicht nur die anfängliche Situation, die dich gestört hat. Jetzt stört dich zusätzlich, dass du deinen eigenen Erwartungen nicht gerecht wirst.
Du versuchst, durch reines Wollen zu akzeptieren. So herum ist Akzeptanz etwas, das von oben auf dich gedrückt wird. Das klappt nicht besonders gut. Aber warum?
Weil Akzeptanz ein Vorgang ist, etwas, das von selbst geschieht. Beim Bewusstwerden über eine bestimmte Situation. Oder ein bestimmtes Phänomen. Beim Wechsel von unbewusst hin zu bewusst.
Durch das Bewusstwerden über eine Situation, ein Gefühl oder einen bestimmten Sachverhalt verstehst du etwas anders oder kannst es aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Gedanke, “es sollte so nicht sein” existiert dann gar nicht, weil du die Situation erfährst, anstatt Widerstand gegen sie (und dich selbst) zu leisten und etwas anderes zu wollen. Du akzeptierst dann ganz von selbst, ohne etwas dafür tun zu müssen.
Ein Beispiel:
Ein Kind weint laut. Das Geräusch stört mich, also schreie ich das Kind an, es solle leise sein. Woraufhin es noch lauter heult, was mich noch mehr stört. Es stört mich deshalb, weil ich denke: Es soll nicht so sein, wie es ist.
“Das Kind sollte mir besser nicht mit dem Heulen auf die Nerven gehen.” Ich kämpfe gegen die Situation an, die ich erlebe. Und erschaffe in meinem Kopf eine alternative Welt, eine alternative Situation. Eine Welt, in der es nicht so ist wie gerade eben. In dem Beispiel würde ich im Kopf eine Welt erschaffen, in der das Kind nicht heult - und ich daher nicht davon gestört werde. Eine Welt mit genau einer kleinen Veränderung: Es ist ruhig.
Ich beschäftige mich also gar nicht mit der Situation an sich (zum Beispiel: Warum heult das Kind eigentlich?), sondern versuche einen Weg zu finden, um die “alternative Welt” herzustellen, die in meinem Kopf ist.
In dieser alternativen Welt schreit das Kind nicht, sondern es herrscht Ruhe und ich fühle mich nicht gestört. Dieses Festhängen in der selbstgeschaffenen alternativen Realität führt dazu, dass ich mir der Situation nicht bewusst bin, weil ich mich gar nicht genügend mit ihr beschäftigen kann.
Anstatt die Frage zu stellen, warum das Kind heult, stecke ich fest in meinem Ärger über die Situation. Ich benötige meine Energie, um mir eine wünschenswertere Welt vorzustellen, und dann benötige ich noch mehr von meiner Energie für den Versuch, diesen wünschenswerteren Zustand herzustellen.
Anstatt eine Situation tatsächlich zu erleben, so dass ich sie beobachten kann, mich ihr völlig widmen kann, mich ihr mit meinen Sinnen und meinen Gedanken und Gefühlen hingeben kann - versuche ich, sie zu ändern. Und dieses “ändern wollen”, das, was man ändern will, entspringt aus dem abstrakten Konstrukt im eigenen Kopf. Man versucht, die Welt so zu ändern, dass sie mehr der Version ähnelt, die man im Kopf entworfen hat.
Aber diese Kopfversion hat konkret gar nichts mit der Situation zu tun, in der man sich befindet. Der Gedanke, die Welt wäre anders besser, zum Beispiel “ruhig”, ist komplett abstrakt. Er stellt keine komplette Welt dar, sondern lediglich einen Gedanken. Zu versuchen, diese Erwartungshaltung genau so umzusetzen, ist unmöglich, weil die Welt ungleich komplexer ist als dieser eine Gedanke. Man kann in der Fantasie unendlich viele solcher abstrakter Gedanken und Möglichkeiten erschaffen.
Keine davon beschäftigt sich mit der Situation selbst, sondern nur damit, wie man der Situation am besten entrinnen kann. Dabei bleibt oftmals keine Zeit, sich mit der Situation selbst zu beschäftigen, sie zu erfahren und so aus ihr zu lernen.
Denn das ist, was automatisch geschieht, wenn man sich mit der Situation beschäftigt, anstatt sich ihr zu widersetzen: Man lernt aus ihr. Ohne etwas dafür tun zu müssen.
Wenn man die gegenwärtige Situation nicht ablehnt, indem man eine Fantasiewelt erschafft, wie es besser sein könnte oder besser wäre, dann kann man die Situation beobachten. Und man lernt, indem man erfährt.
Das Lernen geschieht nicht aktiv, sondern von selbst. Durch Beobachtung einer Situation (wobei mit “Beobachtung” nicht das gemeint ist, was die Augen sehen. Beobachten ist das widerstandslose Erleben und Erfahren einer Situation oder eines Gefühls, wodurch ein Blick auf das erhascht werden kann, was man erlebt).
Es ist kein Lernen wie in der Schule oder aus Büchern, sondern ein Lernen von der Welt. Und damit von dir selbst. Sich den Raum zu schaffen, die Welt zu beobachten, führt zu Verständnis, weil man weniger Energie aufwenden muss, die Kopfkonstrukte von “möglichen besseren Welten” aufrecht zu erhalten. Du benötigst so viel Kreativität, um diese alternativen, besseren Welten zu erschaffen, in die du flüchtest, wenn du Widerstand gegen eine Situation leistest.
Und so viel Kreativität wird auch frei, wenn du dir nicht selbst im Weg stehst. Sie wird an dieser Stelle gar nicht benötigt und fließt in anderen Bahnen. In welchen Bahnen, das lässt sich nicht vorhersagen.
Wenn du etwas sein lässt (es nicht im Kopf änderst und es ablehnst), kannst du es beobachten. Du lässt es so sein, wie es ist, und nicht, wie du es lieber hättest. Dann erfährst du. Und lernst, ganz ohne Anstrengung. Es anders zu wollen, als es ist, heißt, die Situation nicht zu beobachten. Sondern das anzustarren, womit man sich die Sicht selbst versperrt.
Man kann auch nicht im Vornherein wissen, was man lernt. Oder auf welche Weise. Das Lernen folgt keinem Zweck und hat keinen Zweck, es ist Zweck in sich. Es geschieht. Wer sich den Raum schafft, die Welt zu beobachten und zu fühlen, lernt von ihr - und damit von sich. Und da man nicht wissen kann, was man lernt, bedeutet Lernen einfach “dir über etwas bewusst werden”. Etwas, das dir vorher unbewusst war, dir nicht klar war, wird dir durch Beobachten dessen, was ist, bewusst.
Und das verändert:
Alles.
An dieser bestimmten Stelle in dir. Der Wechsel von unbewusst zu bewusst ist hier wie ein Austausch deiner kompletten Welt. Deine Welt ist tatsächlich nicht mehr die gleiche, denn dein Blickwinkel auf sie hat sich geändert.
Und dadurch ist alles anders.
Alles Weitere ergibt sich von selbst, da du nicht im Vornherein wissen kannst, was du beobachtest. Was du daraus lernst. Es ist beständigem Wandel unterworfen, dadurch, dass Beobachten und Lernen eine Änderung der Perspektive mit sich bringen. Du veränderst dich selbst, und damit deine Welt. Und da es nicht zielgerichtet geschieht, ist der Prozess das Ziel. Es zu tun. Und nicht, “es zu tun, um.”
Zurück zum Beispiel mit dem weinenden Kind:
Anstatt deine Energie darauf zu richten, der Situation zu entkommen, beobachtest du sie und erfährst sie. Du verstehst: Das Kind weint nicht, um dich persönlich damit zu stören, sondern, weil es um Hilfe ruft. In dem Moment, in dem du dir darüber bewusst wirst, was vorher unbewusst war, verändert sich deine gesamte Welt. Und damit auch dein gesamtes Handeln.
Am Anfang des Beispiels war die Handlung eine unbewusste: Das Kind anzuschreien, damit es leise ist, kann funktionieren, um zu der Version der Welt zu gelangen, die man sich im Kopf vorstellt. Diese Version ist ja nur ein Gedanke und äußerst abstrakt. Sie beinhaltet nur, dass das Kind einen nicht stört durch sein Schreien. Wenn man das Kind anschreit, ist es dadurch vielleicht so verängstigt, dass es sich nicht traut, weiter zu weinen, weil es die Konsequenzen fürchtet.
Oder aber nicht - und es schreit weiter. Und dann braucht man weitere Pläne, um die eigene Kopfversion der Welt in die Tat umzusetzen und für Ruhe zu sorgen. Hier sind der menschlichen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Solange da dieser “so soll es nicht sein!”-Antrieb vorhanden ist, kann man unglaubliche Energien in Widerstand stecken.
Und jede Handlung, die daraus entsteht, entspringt genau diesem Grad an Bewusstheit über eine Situation und sich selbst.
Ist dein Grad an Bewusstheit über die Situation ein anderer, sind auch deine Handlungen anders. Wenn du beobachtest und fühlst, statt Widerstand zu leisten, erfährst du und lernst du. Das Lernen bedeutet eine Bewusstwerdung über etwas. Und damit ändert sich deine Bewusstheit, und dadurch verändert sich deine Sicht auf die Welt und wie du handelst.
Es ist aber genauso nicht “schlecht”, dich von etwas gestört zu fühlen und Widerstand zu leisten. Dich zu ärgern, wütend zu sein oder traurig. Auch das ist etwas, das dann eben so ist, wenn es so ist. Es ist genauso da, um erlebt zu werden, erfahren zu werden. Du kannst auch das zulassen.
Wenn du dich ärgerst, aber dich eigentlich gar nicht ärgern möchtest, dann akzeptierst du dich nicht so, wie du im Moment bist. Dann kannst du dich darüber ärgern, dass du dich ärgerst. Und das führt zu insgesamt noch mehr Ärger.
Aber selbst wenn das passiert: Auch das ist nicht schlecht. Denn du selbst bist niemals schlecht. Du erlebst gerade nur schlechte Gefühle.
Jedes Gefühl ist eine Erfahrung und darf durchlebt werden. Jedes Gefühl ist immerzu gut, hat immer seine Daseinsberechtigung, sobald es da ist. Und indem man keinen Widerstand leistet und es zulässt, statt dagegen anzukämpfen, erschafft man Raum dafür, es “sein” zu lassen. Und es dadurch beobachten zu können.
Jedes Gefühl ist eine Erfahrung und jede Erfahrung ist etwas, woraus man lernen kann (wobei man nie weiß, was), und die Erfahrung verändert den Grad der eigenen Bewusstheit und damit die komplette Welt.
Den Unterschied zu vorher kann man erst feststellen, nachdem man sich über etwas bewusst geworden ist, das zuvor unbewusst war. Man kann nicht wissen, wie die eigene Welt sich verändert dadurch, dass man sie bewusster wahrnimmt. Wie sie “später” aussehen oder sich anfühlen wird. Genau das sagt ja das Wort “unbewusst” aus. Von daher ist es absurd, Gefühle in gut oder schlecht einzuteilen und die schlechten nicht haben zu wollen. Sie sind alle Teil deiner Welt. Teil von dir. Allesamt wunderschön und alle nur dafür da, erfahren zu werden, und aus ihnen zu lernen (sogar die vermeintlich schlechten … hüstel ...).
Durch das Beobachten, das Sein lassen, Lernen und Bewusstwerden verändert sich die eigene Sicht auf die Welt. Und so ist es immerzu die komplette Welt, die zur Verfügung steht, um daraus zu lernen. Du bist selbst deine komplette Welt. Du kannst aus jedem deiner Gedanken lernen, aus jedem deiner Gefühle. Aus allem, was du erfährst. Immerzu.
Niemand sonst sieht die Welt wie du. Jeder erfährt die Welt so, wie seine Perspektive ihm gerade erlaubt, sie zu erfahren.
Und wenn du jemanden siehst, der ein Kind anschreit, es solle still sein, dann verurteilst du das vielleicht. Weil du denkst: Er sollte das Kind nicht anschreien! Das Kind heult doch nur, weil es seine Art ist, um nach Hilfe zu rufen.
Und das denkst du, weil du dir über etwas bewusst bist, während die andere Person Widerstand gegen die Erfahrung leistet und unbewusst ist. Mit deiner Bewusstheit geht selbstverständlich Akzeptanz einher bei dir. Du fühlst dich nicht belästigt vom Heulen des Kindes, sondern es löst eine ganz andere Reaktion in dir aus. Du hast eine andere Sicht auf die Welt. Aus der dein Handeln entsteht.
Du schreist das Kind nicht an. Auf Grund deiner Bewusstheit über die Situation gehst zu dem Kind und versuchst, herauszufinden, warum es weint.
Du erlebst die Situation komplett anders, je nachdem, wie bewusst du dir über etwas bist oder nicht. Und auch deine Gefühle zu einer Situation sind anders und abhängig von deiner Bewusstheit über die Situation. Es ist also absurd, den anderen zu verurteilen dafür, dass er das Kind anschreit. Denn sein Handeln spiegelt nur wider, wie bewusst er die Situation wahrnimmt. Er kann nicht anders handeln, solange er sich nicht bewusster über die Situation ist oder wird.
Und so greift alles ineinander:
Wenn du keinen Widerstand gegen dich selbst, gegen deine eigene Erfahrung, leistest, kannst du erfahren. Durch das Zulassen einer Erfahrung ist es möglich, sie zu beobachten. Sie zu erleben. Woraus du Verständnis gewinnen kannst und Lernen ganz von selbst geschieht. Das Lernen und Verstehen stellt eine Änderung der eigenen Bewusstheit dar und beeinflusst somit die Wahrnehmung der eigenen Welt. Und man findet Akzeptanz dort, wo zuvor keine war.
Und all das lässt einen möglichen Rückschluss darauf zu, dass wir in der bestmöglichen aller Welten leben:
Die Veränderung von “unbewusst” zu “bewusst” bewirkt Verständnis bzw. entsteht durch Verständnis. Verständnis bringt ganz von selbst Akzeptanz mit sich.
Je bewusster du dir über etwas bist, desto leichter fällt es dir, eine Situation zu akzeptieren und sie nicht abzulehnen. Weil durch Verständnis und Akzeptanz ganz von selbst keine Notwendigkeit da ist, sich eine “bessere” Kopfversion der Welt zu entwerfen und Widerstand zu leisten. Stattdessen ist man damit beschäftigt, die Welt zu beobachten. Sie zu erfahren, sie zuzulassen. Sie zu lieben, wie sie ist. Weil sie ist.
Je bewusster man ist und je mehr Verständnis man hat, desto weniger Widerstand leistet man.
Das bedeutet: Wärst du vollständig bewusst, würdest du jeden Widerstand gegen das Erfahren einer Situation und gegen dich aufgeben. Alles, was du erfährst, wäre eine Erfahrung, die du auch machen willst. Und liebst.
Diese Aussage lässt jedoch keinen Rückschluss darauf zu, wie jemand handelt oder sich in einer bestimmten Situation verhält. Es bedeutet nicht, dass ein vollständig bewusster Mensch untätig herumsitzen würde, weil er alles akzeptiert und nichts verändern will.
Keinen Widerstand gegen die Situation und gegen sich selbst zu leisten hat nichts mit Apathie zu tun. Es sagt nichts über etwaige Handlungen aus.
Es bedeutet, dass dann alle deine Handlungen aus vollständiger Bewusstheit entspringen. So wie immer alle Handlungen aus deiner derzeitigen Bewusstheit entspringen.
Viele argumentieren: “Wenn du alles akzeptierst und keinen Widerstand leistest, dann ist dir ja alles egal und du würdest auch untätig bleiben, wenn ich dir jetzt ins Gesicht schlage.”
Hierbei liegt, wie so oft, eine Verwechslung vor.
Beziehungsweise eine Verkettung, die nicht auf Logik beruht. Alles zu akzeptieren und keinen Widerstand zu leisten hat nur etwas mit dem Inneren zu tun. Mit dem Erfahren der Welt. Man leistet keinen Widerstand gegen sich selbst. Das gibt keinen Aufschluss darüber, welche Handlungen ein Mensch ausführt.
Man kann einem vollständig bewussten Menschen natürlich mit der Faust ins Gesicht schlagen (bzw.: Es versuchen). Dass er keinen Widerstand gegen die Situation an sich leistet, heißt nicht, dass er keine Handlungen ausführen kann oder wird. Sein Handeln wird aber aus voller Bewusstheit heraus geschehen und für dich nicht vorhersehbar sein (und für ihn wohl auch nicht).
Und all das lässt eine logische Schlussfolgerung zu: Du lebst immerzu in der bestmöglichen aller Welten. Je nachdem, wie bewusst du bist, bist du nicht in der Lage, dies wahrzunehmen oder zu empfinden. Erst mit dem Verständnis über etwas gelangst du zu Akzeptanz.
Wärst du vollständig bewusst, könntest und würdest du alles akzeptieren und lieben, weil die Akzeptanz aus dem Verständnis von selbst erwachsen wäre. Es spielt also keine Rolle, wie bewusst oder unbewusst du gerade bist. Wie schlimm sich etwas anfühlt. Wie wütend du bist oder wie traurig. Es lässt sich dennoch schlussfolgern: Du lebst immerzu in der bestmöglichen aller Welten.
Auch wenn es sich manchmal absolut nicht so anfühlt.
Aber es ist, finde ich, ein schöner Gedanke. Wann immer du das Gefühl hast, als wärst du gerade nicht in der bestmöglichen aller Welten - vielleicht findest du irgendwo in dir diesen Gedanken. Und vielleicht glaubst du ihm ein bißchen. Und vielleicht nicht.
Und es ist beides gut. Weil es gar nichts daran ändert, dass du immerzu in der bestmöglichen aller Welten lebst.
Kapitel 5 – Vom Werten und Urteilen
Du bist alles.
Du erschaffst und bringst die Welt um dich ins Sein. In jedem Moment - und in jedem Moment neu, weil sich ständig alles ändert. Und so bist du immerzu kreativ. Es gibt gar keine unkreativen Menschen. Die Welt, die du erschaffst, stellt an sich schon ein fantastisches kreatives Werk dar. Und niemand sieht die Welt so wie du.
Falls du dich für unkreativ halten solltest (warum auch immer - weil du vielleicht kein Musikinstrument spielst, keine Bilder malst, keine Mode entwirfst, keine Texte schreibst, keine Häuser baust, keine Skulpturen meißelst oder was du eben mit dem Wort Kreativität verknüpfst): Betrachte es aus einer anderen Perspektive. Du bist bereits so kreativ, wie es nur vorstellbar ist. Deiner Kreativität entspringt eine komplette, in sich perfekte Welt.
Und dabei spielt es keine Rolle, in welcher Form sich deine Kreativität ausdrückt, denn sie ist ein rein schöpferischer Akt. Ein Akt, der jeder Bewertung und jedem Denken und Fühlen vorausgeht, weil der kreative Prozess erst den Raum für alles Denken und Fühlen erschafft. Alle Bewertung und jedes Urteil können nur innerhalb deiner eigenen Schöpfung stattfinden, sie sind ein Teil deiner eigenen Welt. Und so wird es absurd, mittels dieser Konzepte diese eigene Welt, dich selbst, zu bewerten oder zu beurteilen.
Es wäre wie die Frage: „Was war vor dem Urknall?“ Sie ist absurd, weil nach unserer Definition von Urknall durch diesen erst die Zeit entstand. Es gibt kein „davor“ ohne ein Konzept von Zeit.
Es wäre wie die Frage: „Wer hat Gott erschaffen?“ Auch diese Frage ist in sich absurd, denn ein Schöpfergott hat ja die Kausalität, das Prinzip von Ursache und Wirkung, erst erschaffen. Er bedarf selbst also keiner Ursache.
Und eben so absurd ist es, zu versuchen, dich, den Erschaffer, mit den Werkzeugen zu bewerten und beurteilen, die du dir selbst zur Verfügung stellst.
All dein Denken und Fühlen findet innerhalb des kreativen Prozesses statt, in dem du die Welt schöpfst. Du kannst bewerten. Du kannst urteilen. Das steht außer Frage.
Es sind Fähigkeiten, die uns die Natur mit auf den Weg gegeben hat, um hier überleben zu können. Um uns besser anpassen zu können, um als Spezies zu bestehen. Die Fähigkeit, zu werten und zu urteilen, ist nicht nur Fähigkeit, sie ist eines deiner Werkzeuge. Egal, woher Wertung und Urteil kommen - ob aus dem Denken, dem Fühlen oder beidem: Sie sind ein Werkzeug, ein natürliches Hilfsmittel.
Und wie jedes Werkzeug ist auch dieses für bestimmte Anwendungen geeignet, für andere wiederum nicht. Und so nützlich Bewertung sein kann, um in dieser Welt zu überleben, so ungeeignet ist sie, um zu bewerten, wodurch sie erschaffen wird: Dich.
Du stehst außerhalb jeder Wertung.
Du stehst außerhalb jedes Urteils. Denn du erschaffst Wertung und Urteil. Du bist weder gut noch schlecht; erst durch dich werden diese Konzepte existent. Du bist nicht richtig - und kannst niemals falsch sein.
Und so, wie es keinen Sinn ergibt, dich selbst, den Erschaffer von Wert und Urteil, mit selbigem zu bewerten, ist es auch absurd, andere Menschen (überhaupt: andere Lebewesen) an sich zu bewerten.
Handlungen, Konzepte, Worte und Taten - sie sind alle Teil des erschaffenden Prozesses. Sie sind allesamt kreativ, auf ihre einzigartige Weise. Egal ob sie uns gerade die größte Freude bescheren oder den schlimmsten Kummer. Und egal, ob sie jemanden zu einer mitfühlenden Personen machen oder zu einem eiskalten Killer: Sie stellen lediglich die Oberfläche dar.
Manche Worte und Taten anderer Menschen mögen dir schön erscheinen. Manche hingegen sehr falsch. Andere wunderbar schräg und wiederum andere abgrundtief böse. Sie sind dabei immer Ausdruck der Kreativität derer, die erschaffen. Es sind Taten. Worte. Die Oberfläche des Wesens, das kreiert.
Es ist niemals der Mensch selbst, der zur Bewertung steht oder bewertet werden kann, denn er stellt immer ein in sich komplettes, perfektes Wesen dar. Eine eigene Welt.
Das, was uns unterschiedlich macht, ist das, was wir nach Außen tragen. Für das wir uns halten. Eine Schicht aus Ego, mal dicker, mal dünner aufgetragen. Die Persönlichkeit, als die wir uns empfinden und die wir glauben, zu sein. Mit all den dazugehörigen Konzepten, Gefühlen und Gedanken.
Doch wenn man das abträgt, all diese Konzepte, all die Gefühle und Gedanken, die uns so unterschiedlich machen und so viele Kluften schaffen - dann bleibt bei allen Menschen das gleiche übrig:
Leuchten. Wunderschönes Leuchten. Oft verborgen, aber immer da.
Kapitel 6 – Ich und mein Ego
Das mit dem wunderschönen Leuchten, das in jedem von uns steckt, ist natürlich eine rein persönliche Wertung, die ich da hineingebracht habe. Ein Sprachbild, das mir gefällt. Es entspringt keiner Logik, nur meinem Empfinden. Ob das, was erschafft, wunderschön leuchtet, kann ich nicht sagen oder wissen. Es kommt mir lediglich so vor.
Der Kern der Aussage bleibt davon unberührt:
Wir sind alle gleich. Lebewesen, die beständig ihre eigene Welt und sich selbst erschaffen in dem Moment, in dem sie sind.
Und an dieser Stelle kommt das Ego ins Spiel.
Aber was ist Ego? Wenn man das Wort im sprachlichen Zusammenhang sieht, ist es einfach die lateinische Übersetzung von “ich”. Doch zunächst mal ist es ein viel verwendeter Begriff und bedarf daher einer Erklärung. Denn jeder hat seine eigene Geschichte, die er sich zu dem Wort erzählt. Das hier ist die Geschichte, die ich mir dazu erzähle:
Du bist zugleich der Erschaffer. Und du bist das, was du erschaffst.
Das “Ich” eines Menschen ist das Erschaffende, das, was außerhalb von Wertung und Urteil steht, weil es all das erst in die Existenz bringt.
Das Ego ist wiederum all jenes, was erschaffen wird. Die äußere Form. All das, für das wir uns letztendlich halten, wenn wir von uns als Person sprechen oder denken. Von uns als “ich” denken. Jedes Gefühl. Jeder Gedanke. All unsere Sinne, jede Erfahrung und all das, was uns ausmacht (oder auszumachen scheint).
Das Ego wird vom Ich erschaffen und ist weder gut noch böse, nicht richtig oder falsch. Denn es stellt an sich ein Werkzeug dar. Ein außergewöhnliches Werkzeug, um besser in dieser Welt überleben zu können.
Während das Ich den kompletten Erfahrungshorizont darstellt, ist das Ego das darin Erfahrende.
Und so kann das Ego alles sein, zu dem wir es machen und zu dem es gemacht wird. Es kann Freund sein - aber auch Feind. Es ist ein Werkzeug, mit dem man an den Schrauben der eigenen Zufriedenheit drehen kann - und mit dem man sich zugleich in tiefes Leid stürzen kann. Es kommt ganz darauf an, wie man mit diesem Werkzeug umgeht.
Und es ist sehr hilfreich, überhaupt davon zu wissen, dass man dieses Werkzeug zur Verfügung hat. Wenn man davon weiß und sich nicht selbst mit seinem Werkzeug verwechselt, erleichtert das die Benutzung ungemein.
Davon zu wissen bedeutet, sich selbst bewusst zu sein. Sich bewusst zu sein, dass man einerseits die Marionette ist. Und zugleich auch der Marionettenspieler. Der Unterschied zwischen bewusst und unbewusst ist der, dass die unbewusste Marionette glaubt, sie wäre ausschließlich die Marionette. Sie hält sich für das, was sie zu sein glaubt.
Wenn die unbewusste Marionette anfängt, die Fäden zu spüren, an denen sie hängt, so gibt sie sich dem Gefühl und dem Gedanken hin, jemand anders würde an ihren Fäden ziehen.
Die sich bewusste Marionette weiß, dass sie Marionette ist und zugleich Marionettenspieler. Und somit alle Fäden selbst in der Hand hält.
Eine unbewusste Marionette würde vielleicht sagen: Ich will nicht nur Marionette sein! Ich will selbstbestimmt sein! Und sie würde sich vielleicht auf eine Suche begeben. Nach einem Ziel, in dem sie Erlösung zu finden hofft. Ein Ziel, in dem sie sich selbst zu finden hofft.
Für die bewusste Marionette ist es immerzu in Ordnung, Marionette zu sein, denn geführt wird sie schließlich von sich selbst. Also kein Grund zur Panik. Sie ist in dem Moment, in dem sie erkennt, dass sie auch der Marionettenspieler ist, keine Marionette mehr. Sie kann sich ganz einfach selbst vertrauen.
Die unbewusste Marionette hingegen kann ihr Selbstvertrauen nur aus dem gewinnen, was sie zu sein glaubt. Aus etwas, was man erreichen - aber auch wieder verlieren kann. Solange sie den Erwartungen gerecht wird, die sie an sich stellt (oder die an sie gestellt werden und denen sie glaubt), gewinnt sie Selbstvertrauen. Doch der Umstand, dass sie dieses Selbstvertrauen auch wieder verlieren kann, führt dazu, dass sie an Dingen festhalten muss. Und es erzeugt Angst vor dem Verlust der Dinge, aus denen sie das Selbstvertrauen schöpft.
Und so muss die unbewusste Marionette festhalten. In einer Welt, in der sich immer alles ändert, ist Festhalten nicht von Dauer. Und irgendwann muss sie sich auf’s Neue auf die Suche nach etwas machen, das ihr Selbstvertrauen gibt. Auf die Suche nach etwas, das fehlt.
Einer bewussten Marionette käme es absurd vor, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. Sie ist ja längst da. Sie ist immer komplett und es fehlt nichts. Und sie braucht nicht Mal etwas dafür zu tun. Sie kann ihr Selbstvertrauen nicht verlieren – weil es von ihr selbst stammt, und sie es einfach nur annimmt, statt es abzulehnen.
Du kannst nach Tibet reisen, um dort zu meditieren und dich selbst zu finden. Aber du trägst alles, wonach du suchst, schon vor der Reise in dir. Während der Reise. Und nach der Reise. Denn du nimmst dich selbst überall hin mit. Immer.
Und du bist immer schon da.
Es mag durchaus möglich sein, dass eine Reise nach Tibet dazu führt, genau das zu verstehen. Einfach, weil jeder Moment und jede Erfahrung dazu führen kann, das zu verstehen. Es ist nicht notwendig, dafür nach Tibet zu reisen, denn der gesuchte Ort liegt seit jeher in einem selbst. Aber es schließt natürlich nicht aus, dass man das in Tibet beim Meditieren herausfindet.
Wahrscheinlicher wird es dadurch aber nicht. Denn wenn du dich nicht in dir selbst findest, kannst du ein Leben lang in Tibet nach dir selbst suchen und wirst niemals fündig, weil dein Selbst nunmal nicht in Tibet verankert ist. Sondern in dir.
Und so gelange ich zu einer (meiner) Antwort auf eine Frage, die in der Philosophie schon immer gern diskutiert wurde. Es ist meine Geschichte auf die Frage:
Wer bin ich?
Denn: Wer bin ich? Gute Frage. Geschlussfolgert aus all den bisherigen Ideen:
Ich bin alles, was ich nicht zu sein glaube.
Wohingegen all das, was ich glaube, zu sein, mein Ego ist. Das, was ich erschaffen habe.
Ich hingegen bin das Schaffende. Das Kreative. Das Unbegrenzte, das Undefinierte. Das, was alles ist, weil es alles sein kann.
Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich Autor bin, dann bin ich ausgerechnet das nicht. Denn dann ist mein Ego Autor. Mein Ich hingegen bleibt von dieser Aussage gänzlich unbeeindruckt. Es erschafft einfach. Auch die Definition von Autor. Es macht keinen Unterschied darin, was es erschafft. Es kann schließlich alles erschaffen.
Und eben weil das Ich nur erschafft, kann das Ego größer und größer werden, je mehr man sich selbst definiert. Je mehr man sagt: „Ich bin dies. Ich bin das.“
Auch hier gibt es keine Grenzen, gedankliche Konzepte über sich selbst zu entwerfen, denn das Ich kratzt all das überhaupt nicht. Das ist immerzu gleichbleibend in sich komplett. Das Ego schwimmt nur ein bißchen darin. Wie groß das Ego wird, das ist dem Ich egal, denn es trifft keine Wertung, es erschafft erst den Raum für Wertung.
Und so kann das Ego auf gigantische Größe anwachsen. Und je mehr sich das Ego in den Vordergrund rückt, desto kleiner scheint das Ich dabei zu werden. Aber das ist nur Schein. Das Ich kann niemals kleiner werden. Es ist ja immerzu komplett und in sich perfekt. Es wird vom Ego höchstens überdeckt. Mehr auch nicht.
Nichts von alledem stellt eine Wertung dar, “wieviel Ego” gut oder schlecht ist. Das Ego ist nicht schlecht und auch nicht gut. Es ergibt zum Beispiel keinen Sinn, es loswerden oder ablegen zu wollen. Es ist eh da. Es ist das Werkzeug, das einem von der Natur in die Hand gegeben wird, um diese Welt zu erfahren. Das Ego ablegen zu wollen wäre gleichbedeutend mit dem Versuch, keine Erfahrung mehr zu machen.
Was jedoch durchaus nützlich ist: Das Ego als Werkzeug auch zu verwenden. Und je besser man es versteht, desto einfacher lässt es sich verwenden.
Deswegen ist jeder Mensch sich selbst der beste Lehrer.
Deswegen bist du dein eigener bester Lehrer. Weil nur du du bist. Weil du dein eigenes, selbst geschaffenes Werkzeug bist, und du selbst deshalb am allerbesten den Umgang mit dir erlernen kannst. Nur du erlebst die Welt so wie du. Die Ansichten und Meinungen anderer können dir dabei helfen und nützlich sein. Aber dich zu verstehen, das liegt allein in deiner Macht. Weil niemand anders deine Fäden in der Hand hält.
Du hast ein Ego. Und es ist gut, ein Ego zu haben, sonst könntest du gar nicht in dieser Welt sein. Und es ist auch gut, das Ego nicht sich selbst zu überlassen, sondern es so zu nutzen, wie es einem am besten dienlich ist. Man muss das freilich nicht tun. Aber es erleichtert einem das Leben ungemein.
Kapitel 7 – Vom Geben und Nehmen
Du bist Erschaffer und Erschaffenes gleichermaßen. Dieser direkte Zusammenhang ist vielen nicht so recht bewusst.
Er bedeutet, dass Dinge, die wir oft als getrennt voneinander betrachten, im Grunde eins sind. Zum Beispiel “geben und nehmen”. Es sind nicht zwei voneinander getrennte Vorgänge, sondern einer. Ein in sich geschlossener.
Ein Sprichwort sagt: “Was man gibt, das kriegt man zurück.”
Und es stimmt, denn was man gibt, das kriegt man zurück. Aber nicht irgendwann. Und auch nicht von irgendwem. Sondern sofort. Instantan. Von sich selbst. Weil man das, was man gibt, erst erschaffen muss, um es geben zu können. Wer nicht liebt, der kann auch keine Liebe geben. Und wer Liebe gibt, der muss zugleich auch lieben. Wenn man etwas erschafft, dann ist es Teil der eigenen Welt. Man bringt es in die Existenz, und von da ab existiert es nicht unabhängig von dir, nicht irgendwo neben dir. Sondern in dir.
Was man gibt, das erschafft man zuerst in sich, und dann hat man es. In diesem Moment.
Wer Liebe gibt, der empfängt auch Liebe. Denn um Liebe geben zu können, muss man in sich selbst einen Raum erschaffen, in dem Liebe existieren kann. Man muss Liebe fühlen, damit sie da sein kann, und um sie geben zu können. Und dann hat man sie.
Wenn da Raum in dir ist für Liebe, dann wird alles, was dir begegnet und was in diesen Raum hineinfällt, auf Liebe fallen. Und du kannst es lieben. In diesem Moment ist Liebe. Wer liebt, der erhält Liebe. Nicht zwangsläufig von anderen Menschen oder anderen Wesen. Aber zwangsläufig von sich selbst.
Mit Hass ist es genau das gleiche: Wer hasst, der muss dafür dieses Gefühl in sich erschaffen. Es kann nicht existieren, ohne, dass man es selbst fühlt. Man kann dieses Gefühl auch nicht an jemanden weitergeben, denn man erschafft es nur für sich. Das kann man selbst ganz leicht ausprobieren: Man muss einfach nur mal eine andere Person abgrundtief hassen. Wenn die andere Person sich davon unbeeindruckt zeigt, dann ist man selbst der einzige, der den Hass zu spüren bekommt.
Dieses Nicht-Getrenntsein bezieht sich auf die ganze innere Gefühlswelt: Wenn du leidest, dann erschaffst du auch Raum für Leid in dir. Und wenn dieser Raum groß genug ist, dann wird alles, was dir begegnet, auf Leid fallen. Und dir Schmerzen verursachen. Dann können selbst die liebevollsten Worte einer geliebten Person dir Schmerzen zufügen.
Man hasst und erhält Hass. Man liebt und erhält Liebe. Um Gefühle fühlen zu können, benötigen sie Raum, in dem sie sein können. Es liegt in deiner eigenen Macht, diese Räume zu erschaffen. Und nur du bestimmst, wie sie aussehen und aus was sie gemacht sind.
So gesehen ist es wahnsinnig fair, wie Schaffen und Erschaffenes zusammenhängen und eine Einheit bilden. Denn man kann sich sicher sein, dass man zurückbekommt, was man gibt. Es ist kein Spiel, das die Welt mit einem spielt. Da gibt es keine Wahrscheinlichkeit. Keinen Zufall. Dir wird nichts vorenthalten. Es ist stattdessen immerzu fair: Man bekommt, was man gibt. Sofort. Und immer.
Viele Menschen stellen kausale und zeitlich voneinander getrennte Zusammenhänge her und denken, dass “gute Taten” belohnt werden und “schlechte Taten” bestraft. Diese kausalen Zusammenhänge sind gedachte Konzepte, und als solche inkomplett und immer weniger komplex als die Welt selbst. Sie entspringen der Fantasie und sind wahllos sowie zahllos. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich Zusammenhänge auszudenken und Ereignisse miteinander zu verknüpfen. Und sie resultieren oft darin, dass Menschen die Welt nicht mehr verstehen, wenn etwas passiert, das einem Konzept zuwiderläuft. Doch statt an dem Konzept zu zweifeln, verzweifeln viele stattdessen an der Welt.
Nehmen wir mal an, du fährst grad mit dem Auto heim. Du wärst in fünf Minuten vor deiner Haustür - und dann siehst du einen angefahrenen Hund am Straßenrand. Du hältst an, trägst das Tier in dein Auto und bringst es zum nächsten Tierarzt. Nachdem der Hund gut versorgt ist und die Halter des Tieres verständigt wurden, läufst du zurück zu deinem Auto, gehst über einen Zebrastreifen und wirst totgefahren, weil dich jemand übersehen hat.
Wer sich die Welt in kausalen Zusammenhängen erklärt, versteht sie nach solchen Vorfällen oft nicht mehr. Denn so eine Situation erscheint auf den ersten Blick unglaublich unfair. Du hast einem Hund das Leben gerettet. Um dann anschließend für diese gute Tat mit dem Tode bestraft zu werden. Das scheint keinen Sinn zu ergeben.
Und natürlich ergibt es keinen Sinn. Weil es schon an sich keinen Sinn ergibt, dass Taten “irgendwann später” belohnt werden. Dann wäre das Ganze ein Glücksspiel. Wer daran glaubt, dass man durch gute Taten Pluspunkte ansammeln kann, findet keine Erklärung dafür, warum jemand, der Gutes tut, abrupt aus dem Leben gerissen wird. Außer vielleicht, dass diese Person eben nicht genug Pluspunkte oder gutes Karma gesammelt hatte. Man muss sich die Welt dann zurechtbiegen, weil sie sich nicht so ganz an die Konzepte hält, die man erschaffen hat. Wer glaubt, dass “die Welt” gute Taten belohnt, der muss in solchen Situationen Ausnahmen erschaffen, um weiter daran glauben zu können. Oder dem tödlich verunglückten irgendeine Schuld zuschreiben, mit der er es dann wohl schon verdient hatte, zu sterben.
Oder aber man verzweifelt einfach an der Welt, weil sie unfair erscheint.
Wer überzeugt ist, das Leben sei unfair, findet in so etwas eine Bestätigung seiner These. Vor allem, weil du ja theoretisch noch leben könntest, hättest du diese “gute Tat” nie begangen: Hättest du den Hund am Straßenrand verenden lassen und wärst weitergefahren, wärst du fünf Minuten später unbeschadet daheim angekommen und würdest noch leben. Stattdessen aber hat deine gute Tat dazu geführt, dass du tot bist. Sozusagen ein Bilderbuchbeispiel für die Schlechtheit der Welt.
Dabei werden hier Situationen in Beziehung gesetzt, die nichts miteinander zu tun haben. Es ist nicht “das Außen”, bzw. “die Welt” dafür verantwortlich, dass du belohnt oder bestraft wirst.
Die Konsequenzen für deine Handlungen kommen nicht von der Welt, nicht vom Außen, weil auch das durch dich entsteht. Sie kommen von dir selbst. Deine “Belohnung” dafür, dass du den Hund gerettet hast, hast du längst erhalten. Von dir. Wenn du es aus Liebe getan hast, aus Mitleid, aus Fürsorge, dann war in dir Liebe, als du das Tier aufgesammelt und zum Arzt gefahren hast. Dann hast du aus Liebe gehandelt, dabei in dir Liebe erschaffen und ihr Raum gegeben, um zu existieren. Du hast sofort bekommen, was du gegeben hast.
Du hast Liebe gefühlt.
Das mit dem Überfahren werden ist dann eben auch noch passiert. Und es gibt ja auch unangenehmere Tode, als zu sterben, während man Liebe fühlt.
Kapitel 8 – Von Fehlern
Du bist alles.
Und alles, was du machst, sind Erfahrungen. Und deswegen gibt es keine Fehler an sich, sondern immer nur Erfahrungen und Handlungen, die dann von dir selbst mit einer Geschichte versehen werden. Erfahrungen und Handlungen, die du als Fehler identifizierst und wertest, und aus dieser Wertung leitest du Regeln für weitere Erfahrungen und Handlungen ab. Zu einem Fehler wird eine Erfahrung dann, wenn du sie in Bezug zu etwas stellst.
Zum Beispiel: “Es ist ein Fehler, die Hand auf die glühende Herdplatte zu legen.”
Das ist nicht ganz allgemein ein Fehler, sondern ein Fehler, wenn diese Erfahrung in Bezug gesetzt wird zu “Überleben wollen”. Eine verbrannte Hand erschwert das Überleben in dieser Welt, ein unversehrter Körper erleichtert es. Der Schmerz in der Hand, wenn du sie auf die glühende Herdplatte legst, weist dich unmissverständlich darauf hin. Die Nerven senden das Signal: “Die momentane Situation schadet dem Körper und damit dem Überleben. Ändere das. Jetzt.” Aus dieser Erfahrung lässt sich in Bezug auf das eigene Überleben ableiten: Es ist ein Fehler, dies oder jenes zu tun.
“Fehler” zu erschaffen ist eines der Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen. In vielen Fällen ist es ein sehr hilfreiches Werkzeug. In vielen anderen Fällen, gerade bei unbewusster Benutzung, kann man sich damit jedoch schnell selbst schaden.
Denn: Einen “Fehler zu machen”, bzw. eine “Erfahrung zu machen, die als Fehler gewertet wird” (z.B.: Hand auf glühende Herdplatte legen), bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass es ein Fehler war, diese Erfahrung zu machen.
Das klingt nun erstmal in sich etwas unlogisch. “Einen Fehler zu machen bedeutet nicht, dass es ein Fehler war, ihn zu machen.”
Du könntest sagen: “Äh. Doch. Das ist genau, was es bedeutet. Einen Fehler zu machen ist nun mal die Definition davon, dass etwas ein Fehler war, was man gemacht hat.”
Und an dieser Stelle findet eine unbewusste Benutzung des Werkzeugs “Fehler” statt. Der Fehler wird errechnet aus all dem, was einem momentan bewusst ist. Alles, was unbewusst ist – worüber man nichts weiß – fließt nicht in die Bewertung ein. Also so gut wie alles.
Etwas ist nie an sich ein Fehler, sondern die erschaffenen Fehler hängen ab von der eigenen Bewusstheit. Verdeutlichen wir es mit einem Beispiel:
Stell dir vor, jemand fordert dich auf, deine Hand auf die glühende Herdplatte zu legen. Du findest, das sei ein Fehler, und weigerst dich.
Dieser Jemand eröffnet dir daraufhin, dass er dein Kind erschießen wird, wenn du es nicht tust. Das Bewusstwerden über diesen Umstand verdreht komplett, was du als Fehler wertest und was nicht.
Nun erscheint es dir als Fehler, die Hand nicht auf die glühende Herdplatte zu legen.
Und so ändert sich die eigene Sicht auf das, was ein Fehler ist, beständig, mit allem, worüber wir uns bewusst werden und sind. Fehler sind nicht allgemeingültig als Fehler zu erkennen.
Basteln wir noch etwas an dem Beispiel herum:
Stell dir vor, jemand fordert dich auf, deine Hand auf die glühende Herdplatte zu legen und teilt dir nicht mit, dass er sonst dein Kind erschießt. Du erachtest es als Fehler, der Aufforderung nachzukommen. Daraufhin wird dein Kind erschossen und die Person erklärt dir: „Hättest du getan, wonach ich gefragt hätte, wäre das nicht passiert.“ Und ab diesem Moment wirst du es für einen unverzeihlichen Fehler halten, dass du die Hand nicht auf die Herdplatte gelegt hast.
Aber es ist nur ein Fehler, weil du aus deiner jetzigen Bewusstheit deine damalige Unbewusstheit bewertest. Wenn man sich selbst bewertet, aus einer Warte der Bewusstheit über etwas, worüber man sich zuvor nicht bewusst war, dann kann man nur Fehler finden. Es ist ein im System verankerter Mechanismus.
Dir deine eigene Unbewusstheit vorzuwerfen ist absurd. Ebensogut könntest du dir vorwerfen, dass du nicht die Zukunft vorhersagen kannst.*
* außer du bist von Beruf Hellseher und die Geschäfte laufen schlecht. Dann wäre das ein sinnvoller Vorwurf.
Wir halten also fest: Etwas kann nicht an sich ein Fehler sein. Die Hand auf die heiße Herdplatte zu legen ist kein Fehler – kann aber einer sein. Dafür muss aus der jeweiligen Bewusstheit heraus ein Fehler gedeutet werden.
Die Handlung an sich ist eine Erfahrung. Sie kann gleichzeitig Fehler und kein Fehler sein.
Es ist ein Fehler, die Hand nicht auf die Herdplatte zu legen, wenn dadurch das Leben des eigenen Kindes gerettet werden kann. Und es ist ein Fehler, sie auf die Herdplatte zu legen – im Moment des Verbrennens sendet der Körper das dringende Signal: „Fehler!“
Dass eine Handlung zugleich Fehler und kein Fehler sein kann, verdeutlicht, dass die gedankliche Zuordnung „Fehler“ rein abstrakt ist.
In Gedanken „Fehler“ zu erschaffen heißt immer, Ursache-Wirkungs-Ketten zu bilden. Aus dem, was man weiß – unbeachtet all der Dinge, von denen man nichts weiß.
Ursache-Wirkungs-Ketten sind ein sehr hilfreiches Werkzeug für das Überleben in dieser Welt. Aber sie können sehr gefährlich werden, wenn allgemeingültige Schlüsse daraus gezogen werden, ob etwas gut ist, oder böse. Richtig oder falsch. Ein Fehler – oder kein Fehler.
Betrachten wir das Beispiel mit der Herdplatte noch von einer anderen Perspektive. Aus einer Perspektive des Erfahrens heraus.
Stell dir vor, du legst die Hand auf die glühende Herdplatte, weil du das rote Leuchten so schön findest. Du weißt nichts davon, dass du dich daran verbrennen kannst. Du legst also eine Hand darauf. Schmerz fährt durch dich hindurch, du reißt die Hand wieder weg, aber es ist zu spät, du hast dich schlimm verbrannt. Die nächsten zwei Wochen erleidest du schreckliche Schmerzen und ärgerst dich über deinen „Fehler“.
Kurz darauf gerätst du in eine Situation, in der dein Leben in Gefahr ist. Es ist eine Situation, in der es hilfreich ist, zu wissen, dass “rot glühend” Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Durch die Erfahrung mit der glühenden Herdplatte bist du dir darüber bewusst. Und du überlebst die Situation und kommst davon, ohne körperlichen Schaden zu erleiden.
Ohne die Erfahrung mit der Herdplatte gehabt zu haben, wärst du jedoch in der Situation vermutlich ums Leben gekommen.
Hätte man dich gefragt, ob es ein Fehler war, die Hand auf die Herdplatte zu legen, direkt nachdem du es getan hast, hättest du es als Fehler bewertet. Und hätte jemand behauptet, dass es gar kein Fehler war, sondern eine Erfahrung, hättest du wohl gesagt: “Ja? Dann war es aber keine gute Erfahrung! Ich würde sagen, es war ein Fehler. Auf den Schmerz könnte ich nämlich gut verzichten. Du hast ja keine Ahnung, wie ich leide.”
Hätte man dich wiederum gefragt, ob es ein Fehler war, nachdem du dein eigenes Leben retten konntest dadurch, dass du diese Erfahrung gemacht hast, würde deine Antwort wohl anders ausfallen. Du würdest wohl sagen: “Wie gut, dass ich diese Erfahrung gemacht habe! Sonst wäre ich jetzt vermutlich tot.”
Was wir als Fehler definieren, steht immer nur in Bezug auf eine bestimmte Situation und steht im direkten Zusammenhang mit der eigenen Bewusstheit.
Eine Erfahrung muss erst als Fehler gedeutet werden, um zu einem Fehler zu werden. Wenn man eine andere Sicht auf die Situation gewinnt, kann es passieren, dass das, was als Fehler gedeutet wurde, auf einmal das Beste war, das einem passieren konnte.
Wir wissen eben nicht, wie genau was mit was zusammenhängt. Und was zu was führt. Wir bilden Ursache-Wirkungs-Verkettungen aus dem, was wir erfahren und lernen. Wir können Erfahrungen aber immer nur aus einem schmalen Blickwinkel heraus betrachten und bewerten: Aus der eigenen momentanen Bewusstheit. All das, worüber wir uns unbewusst sind, können wir nicht in die Wertung mit einfließen lassen.
Wärst du dir an einer bestimmten Stelle bewusst statt unbewusst, würde das deine ganze Perspektive auf deine Erfahrungen ändern, und deine Bewertung, was ein Fehler war oder was nicht, wäre eine andere.
Und das, was uns bewusst ist, schwimmt in einem Meer aus Unbewusstem. Stelle dir vor, du wärst eine Ozeanwelt. Stell dir vor, du wärst ein ganzer Planet - und du bestehst nur aus Wasser. Ein unendlicher Ozean, in jede Richtung: Nur du.
Da sind gigantische Wellen. Da steigst du selbst als Wasserdampf aus dir empor und regnest als Wolken auf dich herab. Du bist das Meer. Und auf deiner Oberfläche toben Stürme. Orkane! Und manchmal ist es auch ganz still. Und kein Lüftchen kräuselt die See.
Und die Oberfläche dieser Ozeanwelt, diese immerzu neu geformte Landschaft, die sich beständig verändert und mal ganz ruhig ist, mal ganz aufbrausend: Das ist, was dir bewusst ist. Das ist, was du für dich hältst. Aber da ist noch etwas …
Das, woraus die Oberfläche besteht.
Etwas Tiefes. Etwas Unergründliches. Die Oberfläche ist nur ein winziger Teil davon, das Produkt der Existenz des Ozeans. Denn du bist der Ozean. Du bist all das Wasser, das die Oberfläche formt. Und es geht tief, tief, tief hinab. Vielleicht bist du dir als Ozeanwelt dessen nichtmal bewusst. Vielleicht hältst du dich für die Oberfläche und fragst dich, wo all das herkommt, wo du herkommst. Ohne zu verstehen, dass du all das Wasser selbst bist. Aber auch wenn es dir nicht bewusst ist, so bist du trotzdem immerzu der ganze Ozean. Unergründlich tief. In jedem Moment.
Nur, dass es nicht zu sehen ist. Nicht mit den Augen. Nicht mit den Gedanken, denn deine Gedanken sind immer nur die, die deiner momentanen Bewusstheit entspringen. Und es passiert ständig, dass etwas aus den Tiefen deines Ozeans an die Oberfläche empor steigt, und etwas, das unbewusst war, dir plötzlich bewusst wird.
Doch der Ozean aus Unbewusstem ist weiterhin da. Er speist das, was bewusst ist und bewusst wird.
Und so ist jede Erfahrung immer “nur” Erfahrung. Sie kann als Fehler interpretiert werden. Aber diese Interpretation, wenn du sie gedanklich vollziehst, entsteht immer aus dem, was dir momentan bewusst ist.
Es ist eine Momentaufnahme. Ein Fehler ist nie Fehler in sich. Er ist eine Interpretation deiner Erfahrungen in der Form, wie es dir gerade möglich ist.
Du bist also niemals fehlerhaft. Und du machst keine Fehler. Du machst Erfahrungen. Und Erfahrungen sind alles, was du überhaupt machen kannst.
Da ist kein Grund, dir Schuld für etwas zu geben. Schuld ist ein Konzept, das der Annahme entspringt, du könntest Fehler machen. Schuld ist ein Konzept, das nur logisch ist, wenn du alles wüsstest. Alle Zusammenhänge kennen würdest. Daran zu glauben, du würdest Schuld tragen an etwas, bedeutet, dich unbewusst in die Position eines allwissenden Gottwesens zu begeben und von dieser Warte aus zu werten und urteilen. Es ist die unbewusste Annahme, man wisse genügend über Sachverhalte und Zusammenhänge, um hieraus ein richtig oder falsch zu interpretieren.
Solange du dir bewusst bist, dass du niemals alles wissen kannst, ist es absurd, sich selbst (oder anderen) Schuld für etwas zu geben.
Nur in von dir erdachten Zusammenhängen werden Erfahrungen zu Fehlern. Und diese Zusammenhänge verändern sich, je nachdem, auf welches Bild du siehst. Und aus welcher Perspektive du auf das Bild siehst. Und wie sehr du daran glaubst, dass dieses Bild einer allgemein gültigen Wirklichkeit entspricht.
Es gibt keine Fehler. Außer wir erschaffen sie durch Interpretation. Dann, und nur dann, gibt es sie. In der Form, in der sie erschaffen werden, solange, wie sie erschaffen werden. Und dann sind sie genauso existent wie alles, an das du glaubst, weil du alles in Existenz bringst, was du bist.
Und all das … ist eine Sicht auf Fehler “von Innen”. Darauf, dass die eigene Unbewusstheit es logisch unmöglich macht, etwas als richtig oder falsch bewerten zu können.
Aber auch in der Sicht auf das „Außen“ lässt sich herleiten, dass Fehler zu definieren im besten Fall eine äußerst schwammige Angelegenheit ist.
Denn um etwas als Fehler bezeichnen zu können, müsste man (so finde ich) Antworten auf die folgenden Fragen haben:
1. Was genau bewerte ich?
Um das herauszufinden, stehen uns die eigenen Erinnerungen zur Verfügung, die wiederum aus Erfahrung gewonnen wurden. Man muss aus diesen Erinnerungen eine bestimmte Situation wählen oder einen bestimmten Bereich (“Die Situation, als ich die Hand auf die glühende Herdplatte gelegt habe.” Oder “Die drei Jahre im Gefängnis”)
Hier ist also die Auswahl schon sehr begrenzt, denn sie erfolgt rein aus dem, was einem bewusst ist. Alles andere findet keine Berücksichtigung bei der Auswahl des Ereignisses, das man bewerten will.
Erinnerungen sind, womit wir auf unsere Erfahrungen zurückblicken können und so etwas als Fehler bewerten. Aber sie sind Veränderung unterworfen. Erinnerungen sind nützlich, um zu überleben. Aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Dafür ist man zu kreativ. Erinnerungen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern wandelbar.
2. An Hand von was bewerte ich?
Eine Wertung bedarf entweder eines Vergleichs oder einer Meßlatte, an der man misst.
Für den Vergleich greift man auf andere Erfahrungen und Erinnerungen zurück, oder auf vorherige Wertungen. Auf die eigene Weltsicht. Diese besteht auch wiederum nur aus dem, was momentan bewusst an der Oberfläche ist. Der Rest fließt nicht mit in den Vergleich ein.
Man zieht also die Bewertung an Hand eines Vergleichs mit all dem, was einem momentan bewusst ist. Und berücksichtigt dabei nicht die schier unendliche Anzahl dessen, was einem nicht bewusst ist. Der Vergleich kann also bestenfalls irgendetwas aussagen. Was er aussagt, darüber lässt sich nur spekulieren. Man kann raten.
Bewertet man nicht Erinnerungen und Erfahrungen, sondern an Hand einer Meßlatte, stellt sich die Frage: Woher kommt diese Meßlatte? Und woher bzw. durch was bezieht sie ihre Gültigkeit? (Beispiele für Meßlatten: Die Meinung einer anderen Person oder die Meinung einer Personengruppe)
3. Wie hängt was mit was zusammen?
Um zu bewerten, sind Wissen um Ursache und Wirkung nötig. Um etwas als Fehler identifizieren zu können, brauche ich das Wissen darüber, wie es dazu kam. Und wozu der Fehler führt. Und wie dieses Ereignis mit was zusammenhängt.
Da alles mit allem zusammenhängt, bedarf es hier wieder der Gottesperspektive, die man für Wertung und Urteil einnimmt.
Menschen erfinden gern Geschichten. Und basteln Zusammenhänge. Zum Beispiel, dass die Geschicke der Welt von “großen Persönlichkeiten” gelenkt werden. Julius Cäsar, Albert Einstein, Abraham Lincoln - und so weiter. Das ist eine Sicht auf die Dinge, die aus einem sehr schmalen Blickwinkel entsteht. Sie bedarf der Annahme, dass wir uns eine ungefähre Vorstellung davon machen können, wie etwas mit etwas anderem zusammenhängt.
Aber es ist nichts weiter als eine Geschichte, die wir uns über die Welt erzählen. Aus einer allwissenden Gott-Perspektive.
Es kann sein, dass die Menschheit sich noch nicht in einem Atomkrieg ausgelöscht hat, weil du geboren wurdest. Allein deine Anwesenheit, dein Sein, beeinflusst alles auf eine Weise, die dafür sorgt, dass die Menschheit noch da ist. Und du dies hier lesen kannst.
Natürlich kannst du dir eine Geschichte basteln und daran glauben, dass Albert Einstein mehr Einfluss auf die Menschheitsgeschichte hat als du. Aber es bleibt eine Geschichte. Deine Geschichte. Denn wenn alles mit allem zusammenhängt, dann ist dein Einfluss auf alles … genau der gleiche wie bei jedem anderen Menschen und Lebewesen. Und dann können Ursache und Wirkung nur aus einer Gottesperspektive bewertet und beurteilt werden.
Ansonsten bleibt nur, es bei “Erfahrung” zu belassen. Aus der allwissenden Gott-Perspektive heraus zu treten und zu verstehen, dass man kein fehlerhaftes Wesen ist. Sondern ein Wesen, das Erfahrungen macht.
Und dass auch andere Menschen keine fehlerhaften Wesen sein können. Sondern Wesen, die Erfahrungen machen.
4. Falls ich Frage eins bis drei beantwortet habe: Finde ich meine Antworten auf Frage eins bis drei logisch genug, dass ich ihnen selbst glauben kann?
5. Wenn sich Frage vier mit Ja beantworten lässt, kann man anfangen, zu bewerten und zu urteilen.
Hier nochmal der Bewertungs- und Urteils-Fragebogen in Kurzform:
Was bewerte ich?
An Hand von was bewerte ich?
Wie sind die Zusammenhänge?
Finde ich meine Antworten glaubwürdig?
Falls Ja, dann: Werten und Urteilen
Auch auf diese sehr auf das Außen bezogene Sichtweise, die Ursache und Wirkung, Zukunft und Vergangenheit einbezieht, lässt sich ein Fehler nur schwer entdecken. Es gibt unendlich viel, was man in Zusammenhang stellen und mit einberechnen kann. Eine Auswahl zu treffen, bedeutet letztlich nur, irgendetwas davon zu wählen und daran zu glauben.
Und so gibt es keine Fehler. Und zugleich gibt es Fehler. Sobald sie erschaffen werden von dir. Sie sind selbstgemacht und stehen in Bezug zu etwas.
So könntest du zum Beispiel sagen: “Es gibt Fehler! Wenn ich Zahlen addieren soll und eine übersehe, dann ist das Ergebnis fehlerhaft, weil das Ergebnis nicht der Vorgabe entspricht, alle Zahlen zu addieren.”
Und in diesem Bezug - und nur in diesem Bezug - ist dieser Fehler ein Fehler. Für dich. Würdest du ein bißchen mehr über Ursache und Wirkung wissen, und wüsstest du, dass du auf Grund dieses Fehlers einen Menschen kennenlernen wirst, den du liebst, dann würdest du den Fehler in ein ganz anderes Licht rücken. Sobald du glaubst, dass etwas Wundervolles aus etwas entstanden ist, das du zuerst als Fehler definiert hast, wird es zu etwas, das du gern gemacht hast. Es ist für dich dann doch kein Fehler mehr, es hat ja “zu etwas Wundervollem geführt”.
Und so hat jeder deiner bisherigen “Fehler” zu etwas Wundervollem geführt: Dass du bist. Jetzt gerade. Ganz egal, wie du bist. Dein wie ist nur die Oberfläche des Ozeans.
Du bist. Und du erfährst.
Und das … ist alles.
Kapitel 9 – Von Entscheidungen
Du bist alles.
Und du erschaffst alles. Und damit auch jede Entscheidung, die du triffst. Doch auch Entscheidungen existieren nicht unabhängig von dir. Sie sind nicht “einfach so da”, so als ob man nur herausfinden müsste, welche Möglichkeiten es gibt. Sondern es gibt sie nur, sobald du sie denkst. Auf die Weise, wie du sie denkst. Und dann gibt es sie. In deiner Welt. Für dich.
Wir können allein der Logik nach nicht wissen, ob Entscheidungen existieren oder nicht. Es fühlt sich an, als würden wir Entscheidungen treffen. Aber wenn wir der Angelegenheit auf den Grund gehen, wird auch an dieser Stelle das Eis sehr dünn. Ebenso, wie Fehler eine bestimmte Perspektive auf eine bestimmte Situation darstellen und immer Erfahrungen sind, die erst durch Wertung und Urteil zu Fehlern werden, so ist auch der Umstand, welche Entscheidungen wir zu erschaffen in der Lage sind, abhängig von der Perspektive, der Wahrnehmung und der eigenen Bewusstheit.
Es gibt nicht Entscheidungen an sich - sie werden erst existent dadurch, dass sie gedacht werden, und sie hängen vollständig von der eigenen Weltsicht ab.
Du kannst zum Beispiel sagen: “Ich möchte nicht mehr in der Stadt leben. Es ist mir zu voll und zu laut.”
Dadurch stellst du zuerst einmal eine unendliche Anzahl von Entscheidungsmöglichkeiten in den Raum. Du könntest wegziehen nach: Überall. Es könnte sein, dass du weiter sagst: “Ich würde lieber wieder in meiner Heimat auf dem Land wohnen.”
Damit verpufft die unendliche Anzahl von Entscheidungen und schrumpft auf zwei gedachte Möglichkeiten: Hier Bleiben. Oder zurück in die Heimat ziehen. Dass es jetzt nur zwei Möglichkeiten gibt, ist völlig willkürlich. Hat man fünf weitere Orte im Kopf, an denen man sich wohler fühlen würde, erschafft man fünf weitere Möglichkeiten.
Möchte man hingegen an dem Ort bleiben, an dem man sich befindet, wird keine einzige der Möglichkeiten überhaupt in Existenz gebracht. Denn man denkt nie daran, wegziehen zu wollen, also steht in dieser Hinsicht auch keine Entscheidung auf dem Plan.
Diese selbst geschaffenen Möglichkeiten hängen noch von vielem weiteren ab: Dem derzeitigen Grad der eigenen Bewusstheit zum Beispiel. Je nachdem, wie die eigene Perspektive auf die Welt aussieht, eröffnen sich ganz unterschiedliche Entscheidungsmöglichkeiten.
Wenn du dir zum Beispiel bewusst bist, dass du die schwüle Hitze des Dschungels nicht verträgst, eröffnest du dir selbst andere Möglichkeiten, wohin du umziehen möchtest, als jemand, der sich darüber nicht bewusst ist und somit auch tropische Regionen als Wohnort in Betracht zieht.
Je nachdem, wie bewusst du dir über etwas bist, können deine selbst entworfenen Möglichkeiten komplette Gegensätze sein. Die gleiche Situation kann dich zu den unterschiedlichsten Ideen bringen, wie du ihr begegnest. Und wenn du zweimal in die gleiche Situation gerätst, kann es sein, dass du völlig andere Möglichkeiten wahrnimmst, weil du selbst dich verändert hast - während die Situation die gleiche ist.
Und es spielt nicht nur eine Rolle, aus welcher Perspektive und welcher Bewusstheit man auf die Situation blickt, in der man sich befindet. Es spielt ebenso mit eine Rolle, in welcher Situation man sich befindet.
Und so entstehen all deine Entscheidungsmöglichkeiten aus dem, worüber du dir im Moment bewusst bist. Dabei vernachlässigst du zwangsläufig all jenes, was dir nicht bewusst ist - also so gut wie alles.
Eine Möglichkeit ist ein Fantasiekonstrukt. Und daraus folgend sind auch Entscheidungen Gedankenkonstrukte. Nur, weil du in der Lage bist, einen abstrakten Gedanken zu denken, bedeutet das nicht, dass dieser mehr ist als ein abstrakter Gedanke. Es bedeutet nicht, dass etwas, das dir möglich erscheint und somit wie etwas wirkt, wofür du dich entscheiden könntest, auch möglich ist.
Es heißt nur, dass es möglich ist, diesen Gedanken zu denken. Und das ist an sich einfach eine fantastische Sache. Wahnsinnig kreativ! Und wunderschön.
Und es heißt auch: Du kannst dich nicht gar nicht falsch entscheiden. Du kannst auch nicht richtig entscheiden. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, die erdacht werden können. Du erfährst aber nur das Hier und Jetzt, führst nur eine Handlung aus. Bist an einem Ort.
Wenn du zum Beispiel Möglichkeiten in den Raum stellst, dass du irgendwo „fehlen” könntest, dann gibt es unendlich viele Möglichkeiten, wie du irgendwo fehlst.
Nehmen wir an, du erhältst für Samstag Abend Einladungen von drei Freunden. Dadurch entstehen für dich vier Entscheidungsmöglichkeiten: Du würdest gern zu jedem deiner Freunde gehen und am liebsten allen Einladungen folgen. Außerdem würdest du auch gern daheim bleiben und an einem Projekt weiterarbeiten. Egal, wie du dich entscheidest: Du hast zugleich drei Orte in deinen Gedanken erschaffen, an denen du fehlst, wenn du dich für einen entscheidest. Nehmen wir an, du entscheidest dich für eine der Einladungen eines Freundes. Nun fängst du an, dir zu überlegen: “Wäre es nicht vielleicht besser gewesen, sich für eine der anderen Einladungen zu entscheiden? Wäre nicht daheim bleiben noch eine bessere Alternative gewesen?”
Du kannst soviele solcher Möglichkeiten entwerfen, wie du möchtest. Und jede dieser Möglichkeiten flüstert: “Vielleicht wäre ich eine bessere Alternative gewesen.”
Dabei ist jede davon nur ein abstrakter Gedanke. Wenn du auf diese Weise die Welt betrachtest, überwiegt immer die Anzahl der erfundenen Möglichkeiten und schmälert das, was du gerade hast. Anstatt sich darüber zu freuen, der Einladung eines Freundes zu folgen, zweifelst du an dem, was du gerade hast - zugunsten von erfundenen Möglichkeiten, die nur als Gedanken von dir selbst jemals existiert haben.
Du kannst nicht dem deine volle Aufmerksamkeit widmen, was du im Moment erfährst, sondern glaubst daran, dass es “mehr” geben würde. Und je mehr “mehr” du erfindest, desto weniger zufrieden bist du mit dem, was du hast.
Dadurch benutzt du ein Werkzeug, in diesem Fall “Entscheidungsmöglichkeiten schaffen”, auf unbewusste Weise. Du glaubst daran, dass es die anderen Möglichkeiten alle gegeben hätte. Dass sie möglich gewesen wären, nur, weil du in der Lage bist, sie zu denken.
Dabei lässt du all das außer Acht, was dir nicht bewusst ist (und du kannst auch gar nicht anders).
Es kommt einem so vor, als gäbe es Entscheidungen. Du kannst vor zehn Türen stehen und sagen: “Ich entscheide mich, durch die erste Tür zu gehen.”
Nun gehst du durch die Tür. Und dann verknüpfst du im Nachhinein den Gedanken an die Entscheidung mit der Handlung. Und es hat für dich den Anschein, als hättest du verschiedene Möglichkeiten gehabt, dich für eine entschieden und dies dann in einer Handlung umgesetzt.
Doch stell dir vor, da hätte jemand eine Falltür installiert. Genau vor der Tür, für die du dich entschieden hast. Und anstatt durch die Tür zu gehen, klappt unter dir der Boden weg und du fällst ins Ungewisse.
Du hast dich entschieden, durch die Tür zu gehen. Dabei unbewusst angenommen, es gäbe die Möglichkeit, durch die Tür zu gehen. Doch es war nur ein rein abstrakter Gedanke, denn es gab die Möglichkeit nie, die du erschaffen hast. Du bist ja schließlich durch die Falltür gefallen, anstatt deine Entscheidung zu verwirklichen. Aber das konntest du vorher nicht wissen. Denn dir war nicht bewusst, dass dort eine Falltür ist. Hättest du das gewusst, hätte es deine gesamte Perspektive geändert. Und du hättest ganz andere Möglichkeiten entstehen lassen.
Du kannst also, falls überhaupt, Entscheidungen treffen. Nicht “gute“ Entscheidungen. Oder “schlechte” Entscheidungen. Sie sind nicht bewertbar, weil das allermeiste, das dabei eine Rolle spielt, dir gar nicht bewusst ist. Es ist überflüssig, darüber nachzugrübeln, ob du dieses oder jenes in deinem Leben besser hättest machen können. Oder anders.
Du hast es so gemacht, wie du es gemacht hast, weil es dir anders nicht möglich war in dem Moment. Und das trifft auf jetzt gerade genauso zu. Du kannst nur so handeln, wie es deiner eigenen Bewusstheit entspricht. Und deine Handlungen werden von dem beeinflusst, was du als Möglichkeit zu denken und daran zu glauben imstande bist. Es heißt nicht, dass diese Entscheidungsmöglichkeiten irgendwo anders existieren außer in der Fantasie. Sie sind deine Interpretation der Wirklichkeit. Und du bindest dich selbst an sie, indem du sie entwirfst und dann an sie glaubst.
So kannst du dich dann zum Beispiel selbst dafür verurteilen, die erste Tür gewählt zu haben und glauben, das wäre eine “schlechte Entscheidung” gewesen, weil du deshalb die Falltür ausgelöst hast. Es war jedoch an sich nicht eine Entscheidung, sondern eine Handlung, die du ausgeführt hast. Du bist auf die Tür zugelaufen. Und auf die Falltür getreten. Die Interpretation deiner Handlung, es wäre überhaupt möglich, durch die erste Tür zu gehen, und du hättest dich dafür entschieden, kam von dir selbst.
Denn: Stellen wir das Beispiel nochmal ein wenig um. Du entscheidest dich nicht für die erste Tür, sondern für die zweite. Vor der zweiten Tür gibt es keine Falltür, und du gehst hindurch. Im Nachhinein beginnst du nun zu grübeln, ob es nicht doch besser gewesen wäre, durch die erste Tür zu gehen. Dabei ist dir nicht bewusst, dass es diese Möglichkeit nie gab, dass du immer auf die Falltür getreten wärst und sie ausgelöst hättest. Aber du hast die Möglichkeit erschaffen und kannst nun glauben, dass es sie auch gab.
Du kannst nicht von der Falltür wissen. Deswegen kannst du die Falltür auch gar nicht in deine Gedanken mit einbauen. Und du beginnst, dir dein Leben schwer zu machen auf Grund von etwas, das es nie gab und so nie hätte geben können. Außer in deiner Fantasie. Denn in deiner Fantasie war da ja keine Falltür. Der Gedanke, durch die erste Tür zu gehen, war rein abstrakt. Du verfolgst ihn unbewusst und gehst unbewusst davon aus, dass eine bestimmte Möglichkeit bestanden hätte, nur, weil du sie denken konntest.
Wenn du über “verpasste Möglichkeiten” nachdenkst, stellst du lauter Berechnungen an, die rein deiner Fantasie entspringen. Doch solange du glaubst, sie wären real, kannst du dir damit ganz konkret selbst schaden und das, was du hast, kleiner machen, als es ist.
Denn: Warum es bei diesem Gedanken an die erste Tür belassen? Wenn man einmal anfängt, eine Möglichkeit als “es hätte sein können” in den Raum zu stellen, dann ist auch jeder andere Gedanke möglich. Dann kannst du dich auch damit martern, dass du nicht durch Tür drei gegangen bist. Und nicht durch die vierte. Oder dass du überhaupt eine Tür gewählt hast.
Schließlich kann man soviele Entscheidungsmöglichkeiten entwerfen, wie die Fantasie hergibt. Man kann sich also nicht nur dafür verurteilen, an einer Stelle eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Man kann sich so viele weitere erschaffen, wie man nur möchte. Eine jede ist real - in dem Moment, in dem man ihr Raum gibt, zu existieren. Und dann existiert sie immer nur in diesem Raum in dir, nicht außerhalb davon.
Wenn du durch die zweite Tür gehst und anschließend die restlichen nicht länger als Möglichkeiten in Betracht ziehst, weil deine Aufmerksamkeit ganz der neuen Situation hinter der Tür gilt, dann erschaffst du gar keine Möglichkeiten, die du verpasst haben könntest.
Wenn du diese möglichen Entscheidungen nicht erschaffst, existieren sie für dich gar nicht. Wenn du hingegen glaubst, Entscheidungen wären mehr als Gedanken: Dann existieren immer noch mehr. Dann gibt es für jede, an die du denken kannst, Abermilliarden, die du unbedacht lässt, weil du nicht in der Lage bist, alles zu bedenken, was es zu bedenken gäbe.
Wir können nur an Möglichkeiten glauben, die wir aus dem entwerfen, was uns bewusst ist. Und auch nur aus dieser Bewusstheit können wir über diese Entscheidungen und unser Handeln urteilen.
Es ist also schon ein wenig verrückt, auf Grundlage von soviel Unwissenheit zu werten. Oder Urteile zu fällen. Oder gar Rückschlüsse auf sich selbst zu ziehen. Wie “gut” oder “schlecht” eine Entscheidung war. Oder ob andere Menschen “gute” oder “schlechte” Entscheidungen getroffen hätten. (Das macht die Sache sogar nochmal etwas verrückter, weil andere Menschen gar nicht die Möglichkeiten kennen, die du erfunden hast. Und du weißt nichts von denen, die sie erfunden haben. Weil ihr euch jeweils über ganz andere Sachen bewusst seid und jeweils andere Möglichkeiten erfindet.)
Und um es noch viel verrückter zu machen:
Es lässt sich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es Entscheidungen bzw. Entscheidungsfreiheit überhaupt gibt. Es könnte sein, dass wir frei sind, zu entscheiden. Und es könnte sein, dass alles genau so stattfindet, wie es stattfindet, und wir uns die Entscheidungsfreiheit nur erdenken.
Um das zu verdeutlichen, folgendes Gedankenspiel.
Betrachten wir zuerst die These: “Es gibt keine Entscheidungsfreiheit. Es gibt nur unser Handeln, unser Erfahren der Welt, und inwiefern wir unser Handeln mit Fantasiekonstrukten über Entscheidungen definieren, ist uns selbst überlassen.”
Für das Gedankenspiel benötigen wir irgendeine Person. Also nehmen wir einfach Paul.
Das hier ist Paul. Wir stellen Paul in einen Raum mit lauter Türen. Dreißig Türen insgesamt. Nun soll Paul durch eine Tür gehen. Sobald er sich für eine entschieden hat, muss er hindurchgehen und darf nicht zurück.
Was wir Paul dabei verschweigen: Nur eine Tür ist auch wirklich eine Tür. Die anderen neunundzwanzig sind gar keine Türen, sondern Attrappen. Sie stellen gar keine Möglichkeit dar. Doch Paul kann trotzdem daran glauben, dass alle Türen eine reale Möglichkeit darstellen.
Paul entscheidet sich für eine der Türen.
Und vielleicht trifft er die eine, die sich öffnet. Und er wird hindurchgehen. Und niemals wissen, dass die anderen neunundzwanzig Türen nur in seiner Fantasie als Türen entstanden sind und nur in seiner Fantasie als Möglichkeiten zur Verfügung standen. Er wird immer denken, er hätte neunundzwanzig weitere Möglichkeiten gehabt, zu wählen.
Wenn sich Paul aber für eine der Attrappen entscheidet, wird er merken: “Oh. Das ist gar keine Tür. Das ist also gar nichts, wofür ich mich hätte entscheiden können. Es war nur ein Gedanke von mir, der auf der Annahme beruhte, es wäre eine Tür, und somit eine Möglichkeit, die nie existierte. Eine Entscheidung steht noch aus.” Er hat also noch gar keine Möglichkeit gewählt und keine Entscheidung gefällt.
Paul holt dies nach und entscheidet sich erneut.
Und irgendwann wird er keine Attrappe erwischen, sondern die Tür, die sich öffnet. Und je nachdem, wieviele Attrappen bis dahin noch übrig waren, wird er niemals wissen können, ob es noch mehr echte Türen gegeben hätte. Oder ob diese restlichen Türen nur in seiner Fantasie als Türen existierten und eigentlich Attrappen waren. Er kann nie wissen, ob diese Tür, die sich geöffnet hat, die einzige ist.
Nur, wenn er sich neunundzwanzig Mal für eine Attrappe entscheidet und erst die dreißigste Tür sich öffnet, könnte er Gewissheit haben, dass es nur eine einzige wirkliche Tür gab. Dass er nie Entscheidungsfreiheit hatte. Dieser Fall kann allerdings nur in diesem künstlichen Szenario eintreten und nicht, wenn Paul ein echter Mensch wäre.
Denn unser Verstand erschafft nicht nur dreißig Türen. Nicht dreißig Möglichkeiten. Er erschafft so viele, wie wir möchten. So viele, wie unsere Fantasie hergibt. Und er erzeugt in jedem Moment weitere, falls wir merken, dass eine der Türen, durch die wir gehen wollen, gar keine Tür ist.
In diesem Szenario gab es nur eine Tür, die sich öffnet, nur eine Möglichkeit. Die anderen waren Attrappen und nur in Pauls Fantasie Türen bzw. Möglichkeiten. In diesem Szenario gibt es keine Entscheidungsfreiheit - doch Paul kann das nicht herausfinden. Es wird sich für Paul immer so anfühlen, als gäbe es dreißig Türen. Oder hundert. Oder zehn Milliarden. Ob da nur eine ist, durch die man gehen kann, und alle anderen nur Attrappen darstellen, kann Paul daraus nicht ableiten.
Stellen wir hierzu nun die Gegenthese auf: “Es gibt Möglichkeiten und somit Entscheidungen.”
Wir stellen Paul wieder in den runden Raum mit dreißig Türen. Diesmal führt jede Tür irgendwohin und lässt sich öffnen. Paul soll wieder entscheiden.
Er entscheidet sich und tritt durch eine Tür. Alle anderen Türen wären eine zulässige Wahl gewesen, es waren tatsächlich Türen, nicht nur in Pauls Fantasie.
Aber auch das kann Paul nicht mit Sicherheit wissen. Er ist durch die gegangen, die er gewählt hat. Die anderen Türen hätten, genauso wie in Szenario eins, nur seiner Fantasie nach Türen sein können.
Was Paul ebenfalls verborgen bleibt: Es könnte sein, dass alle Türen ihn in den gleichen Raum führen. Dass es völlig egal ist, welche er benutzt. Aber da er nicht zurück kann, ist das für ihn nicht überprüfbar.
Diese beiden Szenarios stellen die Extreme dar. Es ist auch jede mögliche Variante dazwischen denkbar. Dass einige Möglichkeiten existieren. Einige Fantasie sind. Es läuft auf das gleiche hinaus:
Es lässt sich für Paul nicht überprüfen, ob es Entscheidungen tatsächlich gibt. Ob wir uns zwischen unendlich vielen Möglichkeiten entscheiden können oder ob es nur genau einen Verlauf der Dinge gibt und alle Gedanken an ein “was wäre, wenn” nichts als Fantasie sind.
Das alles heißt nicht, dass du nun nur noch apathisch an die Decke starren sollst, weil du eh keine Entscheidungen treffen kannst. Das tust du sowieso, die ganze Zeit über. Wenn nicht bewusst, dann unbewusst. Alles, was du tust, beeinflusst die Welt. Allein dein sein stellt etwas dar, das immerzu alles beeinflusst. Du weißt nur nicht, auf welche Weise. Aber das weißt du nie - du erfindest dir lediglich eine Geschichte, um Handlungen zu erklären und verständlich zu machen.
Doch was du aus diesem Wissen für dich ableiten kannst: Es gibt keinen Grund, dich selbst für gemachte Entscheidungen zu verurteilen. Keinen Grund, daran zu glauben, du hättest eine schlechte Entscheidung getroffen. Es gibt keinen Grund, Ursache-Wirkungs-Verkettungen zu erstellen, um dir oder anderen das Leben schwer zu machen. Und es gibt keinen Grund, Schuld zu verteilen. Weder an dich selbst, noch an andere.
***
Dies stellt, wie so oft, die Sicht von Innen dar. Die Sicht auf dich und aus dir selbst. Aber auch bei der Sicht auf das Außen ist es das gleiche. Entscheidungen zu treffen ist bestenfalls mit einem Ratespiel zu vergleichen, bei dem man die Frage nicht kennt:
Zuerst wird etwas benötigt, worüber entschieden werden kann. Dies ist frei wählbar aus allem, was man momentan wahrnimmt. Zum Beispiel: “Sollte ich den Job wechseln?”
Nun setzt der Prozess der Informationsgewinnung ein, um Argumente dafür oder dagegen zu finden. Dieser Prozess kann nicht abgeschlossen sein, er muss aktiv abgeschlossen werden, indem man irgendwann sagt: Jetzt habe ich genug Informationen. Aus diesen Informationen gewinne ich meine Argumente. Doch man könnte sich immer noch mehr mit etwas beschäftigen. Noch mehr Informationen einholen. Und noch mehr Argumente für oder wider sammeln und diese vergleichen.
Zurück zum Beispiel: Sollte ich den Job wechseln?
Eine erste Information, die ich dazu sammle, könnte sein: Im neuen Job gäbe es mehr Geld. Wenn ich den Informationsgewinnungsprozess nun abschließe, gelange ich zu der Antwort: Ja, ich sollte den Job wechseln.
Eine zweite Information, die man aufnehmen könnte, wäre: Beim neuen Job sind mir die Kollegen unsympathisch. Hört man an dieser Stelle auf, Informationen zu sammeln und zu vergleichen, wird es schon ungleich schwieriger mit der Entscheidung.
Aber man kann als weitere Informationen mit in die Rechnung aufnehmen, was immer einem einfällt. Es lässt sich immer noch weiter und noch weiter denken. Es gibt unendlich viele Informationen. Und so muss man gezwungenermaßen irgendwann sagen: Bis hierher. Und nicht weiter. Auf Grundlage hiervon entscheide ich nun.
Es gibt dabei auch keine Meßlatte, an der ersichtlich wäre, ob man wichtige Informationen vergessen hat. Oder ob man überhaupt sinnvolle Informationen zusammengetragen hat.
Die Fähigkeit, Möglichkeiten entstehen zu lassen und Entscheidungen zu treffen, ist ein Werkzeug, dessen wir uns bedienen können. Es funktioniert in der direkten Anwendung erstaunlich gut und führt dazu, dass wir nicht ständig Dinge tun, die unseren direkten Tod zur Folge haben. Da es ein Werkzeug ist, das von Menschen bedient wird und nicht von einem allwissenden Gottwesen, ist es kein unfehlbares Werkzeug.
Weiten wir das Anwendungsfeld auf die menschliche Fantasie aus und erlauben uns, so viele Möglichkeiten zu entwerfen, wie wir möchten, und dann auch noch an sie zu glauben, wird es zu einem unkontrollierbaren Werkzeug. Dann hält man zwar ein Werkzeug in der Hand, aber ohne zu wissen, woran man eigentlich herumschraubt. Man benutzt es eben einfach. Weil es da ist.
Ebenso, wie es nur Erfahrungen gibt und keine Fehler, weil Fehler eine Interpretation von Erfahrungen sind, so gibt es keine Entscheidungen, sondern nur Handlungen. Die Handlungen werden von uns mit Etiketten von Entscheidungen versehen, um eine für uns einigermaßen verständliche (und vor allem: glaubhafte) Ursache-Wirkungs-Kette zu erstellen.
Kapitel 10 – Vom Loslassen
Loslassen.
Das Wort klingt erstmal hart. Es klingt nach Verlust. Es klingt, als würde einem etwas weggenommen. Es klingt, als müsse man etwas gehen lassen, das einem lieb ist. Oder von etwas ablassen, woran man gern festhalten würde.
Loslassen ist ein sehr großes Wort. Und wenn es als Konzept gebraucht wird, als Vorsatz an sich selbst oder andere, dann ist es das auch. Ein großes und schweres Wort. Und ein unnützes.
Du kannst versuchen, etwas loszulassen, das du liebst. Aber es wird einerseits weh tun. Und andererseits nicht klappen, nur weil du daran denkst und dir diesen Vorsatz machst. Du kannst versuchen, ein Gefühl nicht haben zu wollen. Du kannst versuchen, es loszulassen und nicht zu fühlen. Doch auch das geht nicht. Denn ein Gefühl ist da, wenn es da ist. Und es lässt sich nicht so einfach von einem Gedanken beeinflussen. Du kannst dir tausendmal sagen, du solltest dich jetzt gut fühlen statt beschissen.
Das einzige, was du dadurch erreichst: Du erhöhst du die Chance, dich noch beschissener zu fühlen, weil du dich jetzt nicht nur beschissen fühlst, sondern es auch nicht schaffst, davon loszukommen, obwohl du dich ja lieber gut fühlen würdest. Eine doppelt beschissene Situation.
Gefühle lassen sich nicht in dieser Form von Gedanken herumkommandieren. Und das ist auch recht nützlich für das eigene Überleben, denn sonst wärst du deinen Gedanken schutzlos ausgeliefert und gezwungen zu fühlen, was immer du gerade zu denken in der Lage bist - also quasi unendlich viel. Wenn man zu den bewussten Gedanken auch noch alles Unbewusste hinzunimmt, wärst du ein reines Gefühlschaos und innerhalb von dreieinhalb Minuten dem Wahnsinn anheim gefallen. Es ist also schon sinnvoll, so evolutionär gesehen, dass wir nicht mit bloßen Gedanken jedes Gefühl erschaffen oder wegzaubern können.
Gefühle sind da, sobald sie da sind. Und wie immer ein Gefühl sich anfühlt: Es ist wert, gefühlt zu werden. Denn es ist ein Teil von dir. Es ist wert, gelebt zu werden, weil es dein Leben ist. Weil du es wert bist. Gefühle loszulassen funktioniert nicht, indem du sie fallen lässt. Sondern, indem du keinen Widerstand gegen sie leistest. Widerstand ist zwecklos, es ist ein Kampf gegen dich selbst - es sind schließlich deine Gefühle. Gefühle wollen gefühlt werden.
Der direkte Weg führt durch ein Gefühl. Nicht daran vorbei.
Es scheint der schwierigere Weg zu sein, sich auf Gefühle einzulassen. Dabei macht man es sich allerdings noch schwerer, wenn man gegen ein Gefühl ankämpft. Dadurch wird es nicht vergehen, und noch dazu benötigt man Energie für den Kampf gegen sich selbst. Die Ablehnung der eigenen Gefühle entspricht einer Ablehnung von sich selbst. Denn genau das ist, was du dann tust: Du willst in diesem Moment nicht so sein, wie du bist. Du akzeptierst dich selbst nicht.
Es ist kein schöner Kampf, den man da austrägt. Man kann ihn nicht gewinnen. Man verlängert und verstärkt währenddessen das eigene Leiden. Und könnte man den Kampf gewinnen, wäre man auf ganzer Linie der Verlierer, weil man sich dann erfolgreich selbst abgelehnt hätte. Der Kampf und sein Ausgang sind in jedem Fall für alle Beteiligten echt ungünstig. Und da du der einzige Beteiligte bist, kriegst du die volle Breitseite davon ab.
Loslassen auf diese Weise ist zum Scheitern verurteilt. Denn Loslassen stellt, wie auch Akzeptieren, einen Prozess dar. Es ist kein Konzept, dem man gedanklich folgen kann, sondern etwas, das von selbst passiert.
Indem man sich nicht selbst ablehnt, sondern Gefühle zulässt (und damit sich selbst erfährt), lernt man. Es ist ein Lerneffekt, der ganz von selbst geschieht. Und das, was man lernt, führt möglicherweise an irgendeiner Stelle zu Bewusstheit. Etwas, das einem bis dahin nicht bewusst war, wird einem plötzlich bewusst. Und mit dieser Änderung der Bewusstheit geht eine komplette Änderung der eigenen Welt einher. Nicht überall - aber an dieser Stelle, an der man sich über etwas bewusst geworden ist.
Das Loslassen geschieht dann ganz von allein. In dem Moment, in dem du dir darüber bewusst wirst, dass du dir mit etwas (einer Handlung, einem Gedanken, einer Erwartung, einem Anspruch an dich selbst) jetzt im Moment Schaden zufügst. Wenn du dir wirklich darüber bewusst bist, wenn du durch Verständnis zu Akzeptanz gelangt bist, dann wirst du das, was dir Schaden zufügt, sofort fallen lassen. Du wirst es loslassen, als wäre es glühende Kohle. Und du wirst dich fragen, wie du diese glühende Kohle so lange in den Händen halten konntest, ohne sie zu erkennen.
Und das ist, was das Zulassen von Erfahrungen und Gefühlen auslöst. Eine Kettenreaktion. Deren Ausgang völlig ungewiss ist. Du kannst nicht wissen, wie du dich veränderst.
Loslassen ist ein Teil der Kettenreaktion. Durch Verständnis wird dir etwas, das du bisher für selbstverständlich gehalten hast, plötzlich absurd erscheinen. Solange du es nicht verstanden hattest, konntest du es nicht erkennen.
Und du lässt, was auch immer dir Leid verursacht, ganz von selbst fallen. Es ist kein willentlich herbei geführter Akt, sondern etwas, das auf natürlichem Wege passiert. Du weißt und verstehst dann, dass etwas dir nicht gut tut. Von daher willst du gar nicht mehr daran klammern.
Und dann tut Loslassen nicht weh. Weil du es gar nicht tun musst. Es ist keine Handlung, nur eine Erleichterung. Du bist froh, dir über etwas bewusst geworden zu sein. Du bist froh, dass eine Last von dir abgefallen ist.
Loslassen ist nicht schmerzvoll. Sondern befreiend.
Kapitel 11 - Von Freiheit
Freiheit ist ein weiteres Wort, zu dem jeder seine eigene Geschichte hat. Und es macht wie immer einen Unterschied, ob der Begriff oder die zugehörige Geschichte aus der Sicht des Außen oder aus der Sicht des Innen betrachtet wird.
Nähern wir uns dem Thema Freiheit diesmal zuerst von Außen an.
Jeder Mensch hat seine ganz eigene Geschichte dazu, was Freiheit für ihn bedeutet. Worin die meisten übereinstimmen, ist, dass es sich bei Freiheit um ein sehr kostbares Gut handelt, egal, wie die Geschichte auch lauten mag. Vielleicht gar um eins der kostbarsten überhaupt.
Du bist alles. Und jede Definition von Freiheit, die man im Außen erlangen kann, stammt von dir. Es sind deine Gedanken. Niemand zwingt dich dazu, sie zu haben, und niemand kann sie dir nehmen - außer du selbst.
Und so bist du frei - frei darin, dir auszusuchen, was für dich Freiheit im Außen ausmacht. So kannst du sagen: “Für mich ist Freiheit berufliche Selbstbestimmtheit. Ich will mein eigener Chef sein und nicht für jemand anderen arbeiten, sondern nur für mich selbst. Nur dann bin ich wirklich frei.”
Oder du sagst vielleicht: “Freiheit ist für mich, nicht unterdrückt zu werden. Mir meinen Beruf selbst auswählen zu dürfen und meine Meinung sagen zu können, ohne hinter Gittern zu landen.”
Oder: “Selbstbestimmtheit! Und mir meine Religion und meinen Glauben selbst aussuchen zu dürfen.”
Oder auch: “Freiheit ist, meine Träume verwirklichen zu können. Alle meine Möglichkeiten ausschöpfen zu können. Mit den Menschen zusammen sein zu dürfen, die ich liebe.”
Und wenn du gern reist, dann würdest du die Frage vielleicht beantworten mit: “Freiheit ist, überall dorthin gehen zu können, wo ich hin möchte, ohne Grenzen. Überall auf der Welt für meinen Lebensunterhalt arbeiten zu können und auch leben zu dürfen.”
Freiheit im Außen ist frei definierbar, somit lässt sich mit dem Begriff, je nach Weltanschauung, immer ganz leicht auch die Freiheit anderer Menschen einschränken: “Freiheit ist für mich, eine Waffe besitzen zu dürfen und damit mein Land und meine Familie vor Eindringlingen zu verteidigen.”
Egal, welche Geschichte du dir erzählst: Es ist deine. Sie entspringt deinen Gedanken und ist, was Freiheit für dich bedeutet. Sie lässt keine Rückschlüsse darauf zu, was Freiheit für andere Menschen bedeutet.
All diese Geschichten sind Konzepte, die innerhalb deiner eigenen Welt existent werden und Bedeutung gewinnen, dadurch, dass du an sie glaubst. Sie sind so individuell wie die Menschen selbst, und genauso vielzählig. Die Konzepte können komplett gegensätzlich sein - und doch sind sie, aus Sicht des jeweiligen Geschichtenerzählers, das, was Freiheit jeweils bedeutet.
Und das hat ganz unterschiedliche Konsequenzen.
Wenn du deine Freiheit in einer erdachten Zukunft verortest, hat das zwei Sachen zur Folge:
Zum einen ist es eine erdachte Zukunft. Sie besteht in deinem Kopf, in deiner Fantasie. Nur dort. Es könnte sein, dass du die Firma niemals gründest, die du für deine Freiheit brauchst. Dass du niemals auf diese Weise unabhängig bist und es immer eine von dir erdachte Möglichkeit bleibt.
Zum anderen: Deine in die Zukunft verlagerte Freiheit macht dich zu allen anderen Zeiten, die nicht dieser Zukunft entsprechen, unfrei. Du tauschst eine Freiheit in der Zukunft gegen Ketten im Hier und Jetzt. Das eine besteht nur als Fantasie in deinem Kopf, es hat nichts mit dem gegenwärtigen Moment zu tun. Die Fesseln, die du dir selbst anlegst, legst du dir allerdings hier und jetzt an. Im gegenwärtigen Moment. Deine Unfreiheit wird zu deiner Realität. Deine Freiheit verbleibt in deiner Fantasie.
Eine in die Zukunft verlegte Freiheit heißt, dass es eine Version der Welt gibt, in der du frei wärst. Was bedeutet, dass du in allen anderen Momenten, die nicht dieser erdachten Version der Welt entsprechen, unfrei bist.
Du willst Freiheit - und erschaffst damit Unfreiheit.
Du nimmst damit sogar in Kauf, möglicherweise für immer unfrei zu sein - weil du eine erdachte Freiheit ersehnst, die nur in deinem Kopf so existiert. Und falls die Welt sich nicht dazu hinreißen lässt, deine Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen, wirst du niemals frei sein können - und es der Welt übel nehmen, weil du ihr die Schuld daran gibst. Oder anderen Menschen. Oder dir. Irgendjemand wird dann schon Schuld sein ...
Wenn du deine Freiheit im Außen verankerst, ist es eine Freiheit, von der du glaubst, sie erlangen zu können - es hängt hier lediglich davon ab, auf welche Weise du dir den Begriff erklärst und wonach du strebst.
Wenn deine Freiheit etwas ist, das du erlangen kannst, hat dies noch mehr Folgen: Sobald du die erstrebte Freiheit erlangt hast, entsteht eine neue Möglichkeit, die zuvor noch nicht existiert hat: Du kannst sie wieder verlieren.
Es ist ein Tauschgeschäft.
Du suchst Freiheit. Und in dem Moment, in dem du sie findest, erhältst du noch etwas obendrauf: Die Angst, diese Freiheit verlieren zu können. Ab diesem Moment wird deine Freiheit zu einem kostbaren Gut - und somit schützenswert. Sie wird zu etwas, für das sich zu kämpfen lohnt.
Dein größter Gegner hierbei ist meist: Du selbst. Denn du selbst definierst deinen Begriff von Freiheit. Es ist deine Geschichte - und du kannst sie so oft erzählen, wie du möchtest, und du kannst sie immer anders erzählen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sich im Lauf deines Lebens deine Geschichte davon, was Freiheit für dich ist, mehrfach verändert hat. Und das ist ganz natürlich, denn all deine Erfahrungen verändern dich immerzu. Und deine komplette Sicht auf die Welt ändert sich mit.
Wenn du also nun die Freiheit erlangt hast, die du angestrebt hast: Ab diesem Moment wird es wichtig, dich selbst daran zu hindern, diese Geschichte erneut zu ändern - weil du sie dann verlieren würdest. Stell dir vor, wie fatal es wäre, wenn du zehn Jahre darauf hingearbeitet hast, um endlich dein eigener Chef und frei zu sein - und grad, wo du es geschafft hast, fällt dir auf, dass Freiheit für dich bedeutet, zu reisen und die Welt zu erkunden, und sich das nicht mit der Firma vereinbaren lässt.
Du könntest sagen: “Meine Sichtweise hat sich geändert, ich verändere mich mit.” Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass du dies nicht zulässt und diese Gedanken ablehnen musst (und damit dich selbst nicht akzeptierst), um nicht zu gefährden, was du bereits erreicht hast.
Egal, welche Geschichte von Freiheit du angestrebt hast: In dem Moment, in dem du sie erlangst und verlieren kannst, wirst du dein eigener Feind, weil du allein mit einem einzigen Gedanken das komplette Konzept, was Freiheit für dich ist, umwerfen kannst.
Ab diesem Moment schützt du nur noch deine Idee von Freiheit - nicht aber dich selbst. Du nimmst sogar möglicherweise in Kauf, dir selbst zu schaden. Denn um eine Idee festzuhalten und zu schützen kann man sehr leicht so weit gehen, Gedanken und Gefühle nicht zuzulassen. Sie zu unterdrücken, sie von sich zu schieben. Sich selbst zu verleugnen, wie man ist - um sich nicht ändern zu müssen und nicht das loslassen zu müssen, von dem man glaubt, es sei schützenswert.
Aber auch wenn man in dieser Hinsicht sich selbst ein herausfordernder Gegner ist - eine im Außen verankerte Freiheit hält noch einen weiteren Gegner bereit: Die Welt.
Sobald man eine Freiheit an etwas im Außen festmacht, kann sie verloren gehen, wenn sich das, woran sie festgemacht ist, verändert. Und so wird fortan die Welt selbst zum Gegner.
Selbst wenn du die ersehnte Freiheit darin findest, dein eigener Chef zu sein - deine Freiheit ist immerzu abhängig vom Außen. Verändert sich das Außen auf bestimmte Weise, verlierst du deine Freiheit. Vielleicht ruiniert eine Wirtschaftskrise deinen Betrieb. Oder ein Unfall sorgt dafür, dass du körperlich nicht mehr in der Lage bist, so weiterzumachen wie bisher. Es ist deine Freiheit, die verloren geht. Die Welt verändert sich und nimmt sie dir - und scheint dabei kalt und grausam.
Dabei ist die Welt keine Person und weiß nichts davon, dass du sie zu deinem Gegner auserkoren hast. Sie weiß gar nichts von deinen Konzepten über Freiheit. Du erschaffst dir also einen Feind, der übermächtig ist und sich auf eine Weise verhält, die du nicht vorhersehen kannst. Einen Feind, mit dem du nicht verhandeln kannst und der nichts davon weiß, was dir wichtig ist und was nicht. Der immer und überall zuschlagen könnte.
Alles in allem die Art Feind, auf die man für gewöhnlich gern verzichtet.
Freiheit im Außen ist durchaus zu erreichen, je nachdem, wie die eigene Geschichte dazu lautet. Doch sie birgt auch Stillstand, Angst vor Verlust - und einen möglichen Kampf gegen sich selbst und gegen die Welt. Sie macht also nicht ausschließlich frei, sondern zieht einen Rattenschwanz nach sich.
Alle Unfreiheit, die du im Außen siehst, alle Ketten, resultieren aus deiner eigenen Weltanschauung und deinen eigenen Gedanken. Und schaffst du es, diese Ketten zu sprengen, so musst du dich selbst in weitere Ketten legen, um diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Es sind dann zwar deine Ketten. Aber das waren die anderen genauso. Sie sind alle von dir erdacht, alles Ketten aus dir selbst.
Freiheit im Außen ist eine Freiheit, die “in Abhängigkeit von” existiert. Wenn etwas so ist, wie du es willst, fühlst du dich frei. Wenn es nicht so ist, kannst du dich nicht frei fühlen. Du machst dich selbst abhängig von etwas, das sich unvorhersehbar verhält.
Aber damit noch nicht genug: Da Freiheit im Außen den eigenen Gedanken und der eigenen Weltsicht entspringt, birgt sie weiteres zerstörerisches Potential: Es gibt so viele Möglichkeiten, Freiheit zu finden, wie die eigene Kreativität erschaffen kann.
Wenn du eine Familie gegründet hast, ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt, dann kannst du dir das Leben zur Hölle machen, wenn du dem Gedanken glaubst, dass du ohne Familie in einem anderen Land frei wärst - während du hier und jetzt nicht frei bist.
Dabei nimmst du unbewusst in Kauf, dass du dir damit die Möglichkeit und somit die Freiheit nehmen würdest, bei deiner Familie zu sein. Es ist nicht nur Nehmen - sondern auch ein Geben. Es ist immer ein Tauschhandel, denn du bist immer nur eine Person an einem Ort. Du kannst niemals all die Möglichkeiten zugleich sein, die du zu denken in der Lage bist. Es sind abstrakte Gedanken. Es sind deine Gedanken. Von etwas, wie die Welt sein müsste, damit du frei sein kannst. Du bist nicht eine einzige dieser Möglichkeiten. Du bist überhaupt keine abstrakte Möglichkeit, denn du bist einfach du. Ein Mensch, der diese Fantasiekonstrukte erschafft. Du bist alles - und damit so viel mehr als jeder deiner Gedanken. Du bist alle diese Möglichkeiten, und sie sind alle deine, und allesamt sind sie deine Kreativität.
Die Welt, wie sie ist, nicht zu akzeptieren auf Grund einer Fantasiewelt, die du in deinem Kopf erschaffst, führt automatisch dazu, dass die Welt, die du erfährst, darunter leidet. Dabei ist die Welt, die du erfährst, die echte Welt - die du zu Gunsten einer gedachten Fantasiewelt als schlecht bewertest.
Damit sind wir auch im Grunde schon bei der inneren Freiheit angelangt. Beim Schaffensprozess und dem Bewusstsein darüber.
Die innere Freiheit definiert sich nicht dadurch, dass sie an etwas im Außen festgemacht wird. Sie ist an nichts festgemacht, außer an deiner Existenz. Sie ist dadurch nicht abhängig von etwas - und somit im Gegensatz zur Freiheit im Außen jederzeit verfügbar.
Da innere Freiheit nicht im Außen verankert ist, machst du dir die Welt nicht zum Gegner - sondern kannst sie so sein lassen, wie sie ist. Es ist nicht nötig, gegen sie anzukämpfen, sie wird nicht zum Feind auserkoren.
Und weil die innere Freiheit nur an einem Ort existiert, in einem Moment, nämlich in dir, hier und jetzt, gibt es keinen Grund, ihr nachzujagen. Sie zu suchen. Oder gar an ihr festzuhalten. Sie geht nicht nur mit jeder Änderung mit - sie ist jede Änderung. Sie verändert sich nicht durch Erfahrung - sie ist jede Erfahrung.
Sie ist immerzu da - wenn immer du dir dieser Freiheit bewusst bist. Es ist die Freiheit, die dich zum Schöpfer all deiner erdachten Freiheiten macht. Die Freiheit, mit der du deine Welt erschaffst, und wie du sie erschaffst.
Es ist die Freiheit, ein Konzept über den Haufen zu werfen, wenn du bemerkst, dass du dir selbst damit schadest. Die Freiheit, dich selbst zu ändern. Die Freiheit, zu akzeptieren statt zu kämpfen. Die Freiheit, dir deine Geschichte von Freiheit selbst erzählen zu können. Und es bewusst zu tun.
Jeder Mensch besitzt diese innere Freiheit immerzu, aber nicht jeder Mensch ist sich dessen bewusst.
So kannst du dir ein Konzept erschaffen, nach dem du nur dann frei bist, wenn du dein eigener Chef bist. Aber du kannst dir genauso ein Konzept erschaffen, in dem du dein eigener Chef bist, obwohl du momentan als Angestellter in einer Firma arbeitest. Denn in beiden Fällen arbeitest du, um überleben zu können. Es sind deine eigenen Gedanken, die dich denken lassen: “Ich arbeite für den Chef - nicht für mich. So soll es nicht sein.” Und deine eigenen Gedanken, die dich denken lassen: “Ich bin zwar nicht Chef, sondern Angestellter, aber ich arbeite dennoch für mich selbst. Um zu überleben. Nicht für den Chef.”
Deine innere Freiheit entspringt deiner Bewusstheit über deine eigenen Gedanken. Sie entspringt dem Wissen, dass du nicht deine Gedanken bist, sondern deine Gedanken dein Werkzeug sind. Und wie du von diesem Werkzeug Gebrauch machst.
Im Innern bist du immerzu vollkommen frei, da es dir frei steht, deine Freiheit im hier und jetzt zu haben oder sie in erdachte Zukünfte zu verlagern. Du bist frei, keinen Widerstand gegen deine eigene Welt zu leisten und sie zu akzeptieren, statt sie abzulehnen. Du bist frei darin, Freiheit nicht zu definieren und an Bedingungen zu knüpfen. Du bist frei, zu sein. Du bist frei, dich gegen Leid und für innere Zufriedenheit zu entscheiden - egal, wie die äußeren Bedingungen sind. Du bist frei allein dadurch, dass du existierst.
Es gibt nichts und niemanden, der dir diese vollkommene Freiheit nehmen könnte. Selbst wenn du dich selbst davon überzeugst, unfrei zu sein, so steht es dir doch frei, dies zu tun.
Innere Freiheit zieht nichts negatives nach sich. Du kannst sie nicht verlieren, da sie zu dir gehört. Du musst sie nicht erlangen, da du sie immer schon hast. Du brauchst keine Angst zu haben, sie zu verlieren oder unfrei werden zu können. Und es gibt keinen Grund, zu leiden, weil andere Menschen unfrei sind, weil die innere Freiheit etwas ist, das man niemandem wegnehmen kann.
Deine innere Freiheit bist du selbst.
Solange du an dich glaubst und dich akzeptierst. Und dir damit den Raum gibst, die Welt und dich selbst zu akzeptieren, statt sie dir zum Feind zu machen. Du bist immerzu frei. Du kannst dir diese Freiheit nur selbst nehmen (und auch das nur scheinbar). Durch deine eigenen Gedanken - und indem du ihnen Glauben schenkst.
Kapitel 12 - Von Konflikten
Verschiedener Meinung zu sein, verschiedene Ansichten zu haben und Worte und Taten unterschiedlich zu interpretieren - guter Stoff, um Konflikte entstehen zu lassen. Könnte man meinen. Tatsächlich ist dieser Zusammenhang in sich nicht sehr schlüssig.
Ebenso, wie unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu Konflikten führen können, führen sie die meiste Zeit über nicht zu Konflikten. Wir haben die meiste Zeit über mit allen anderen Menschen die allergrößten Meinungsverschiedenheiten, sind uns darüber aber gar nicht bewusst: Niemand denkt genau wie du. Niemand hat genau deine Weltsicht und ist sich bewusst über die Dinge, über die du dir bewusst bist. Dafür müsste er du sein.
Diese fortwährenden Meinungsverschiedenheiten führen nicht ständig zu Konflikten, sondern die meiste Zeit über macht es dir gar nichts aus, dass deine Mitmenschen nicht ganz genau so sind wie du. Erst, wenn Meinungen und Weltbilder durch Worte und Taten in Erscheinung treten, nimmst du daran möglicherweise Anstoß. Und ob du daran Anstoß nimmst oder nicht, hängt wiederum ganz von deinem Weltbild und deinen Ansichten ab, und wie stark Weltbilder aufeinander prallen.
Die meiste Zeit aber ist es durchaus in Ordnung, dass andere Menschen nicht genauso sind wie du. Solang du von etwas nichts weißt, ist es nicht Teil deiner Welt.
Das ändert sich in dem Moment, in dem dein Weltbild mit einem anderen Weltbild kollidiert und du dich unverstanden fühlst. In dem Moment, in dem du dich von jemandem nicht akzeptiert fühlst. Es kommt ein Gefühl über etwas hinzu - und der Gedanke gewinnt an Bedeutung. Je nach Stärke des zum Gedanken gehörigen Gefühls weniger oder mehr Bedeutung. Wenn du dich mit etwas identifizieren kannst und einen Gedanken als Teil deiner eigenen Persönlichkeit wahrnimmst, trifft es dich persönlich, wenn jemand diesen Gedanken ablehnt. Du fühlst dich dann persönlich angegriffen oder eingeschränkt durch die Worte oder Taten eines anderen Menschen.
Sich unverstanden und nicht akzeptiert zu fühlen führt dazu, den entsprechenden Gedanken oder das Konzept bestmöglich zu schützen, um die eigene Persönlichkeit zu schützen. Wenn ein Gedanke bereits offen gelegt ist, der dir etwas bedeutet, lässt er sich am besten dadurch schützen, dass du versuchst, den anderen dazu zu bringen, deine Sichtweise zu erlangen. Die gleiche Haltung zu deiner Weltsicht einzunehmen, die du selbst auch hast.
Denn dann ist das Unverständnis aufgelöst. Die andere Person sieht es dann genauso. Und dadurch akzeptiert sie den Teil, den du für dich hältst und für den du Akzeptanz verlangst. Es wird nicht länger ein Teil deiner Persönlichkeit angegriffen oder in Frage gestellt. Die andere Person versteht dich dann.
Zu diesem Verständnis muss der andere aber erst gelangen. Noch ist er nicht dort, sonst gäbe es keinen Konflikt. Also muss der andere überzeugt werden. Das scheint der einfachste Weg zu sein, um vom anderen akzeptiert zu werden. Verständnis einfordern.
Nun ist es so, dass deinem Gegenüber genau das gleiche widerfährt. Wenn du versuchst, ihn von deiner Weltsicht zu überzeugen, bedeutet dies, dass du seine Gedanken und Worte und Handlungen nicht verstehst und nicht nachvollziehen kannst. Denn sonst würdest du nicht versuchen müssen, ihn umzustimmen und von deiner Sichtweise zu überzeugen. Erst aus deinem eigenen Unverständnis über den anderen erwächst dein Drang, ihn ändern zu wollen.
Und so fühlt der andere sich selbst unverstanden und nicht so akzeptiert, wie er ist. Du willst ihn ändern. Du akzeptierst ihn nicht so, wie er momentan ist. Aus diesem Gefühl der Unverstandenheit setzen beim anderen die gleichen Mechanismen ein wie bei dir. Er möchte, dass du ihn akzeptierst. Er möchte verstanden werden. Und am einfachsten scheint dies zu sein, wenn er dich von seiner Sichtweise überzeugen kann. Damit läuft seine Weltsicht nicht länger Gefahr, von dir attackiert zu werden. Überdies wärst du mit der gleichen Ansicht sogar ein Verbündeter für mögliche zukünftige Kämpfe gegen Andersdenkende.
Und so wird aus einem solchen Konflikt eine endlose Spirale. Es geht nicht mehr um den Gedanken an sich. Nicht mehr um eine Ansicht, um eine Meinung. Es geht deutlich tiefer, denn es geht dann darum, sich selbst akzeptiert zu fühlen. Es geht um Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit. Und um das Verlangen, verstanden zu werden. Und so können sich selbst die kleinsten Meinungsverschiedenheiten zu fürchterlichen Dramen aufbauschen. Weil nicht die Kleinigkeit an sich das ist, was den Konflikt auslöst und eskalieren lässt. Sondern das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, wie man ist. Und es kann zu einem so übermächtigen Gefühl werden wie jedes andere.
Nochmal kürzer zusammengefasst:
Sich unverstanden zu fühlen führt zu dem Wunsch, akzeptiert zu werden. Dieser Wunsch lässt sich scheinbar am einfachsten umsetzen, indem man den anderen dazu bringt, einen zu akzeptieren. Um den anderen dazu zu bringen, muss man ihn verändern. Sei es durch Worte oder durch Taten - man muss ihn dazu bringen, einen zu verstehen, damit man sich selbst akzeptiert fühlt. Der Wunsch und der Versuch, den anderen zu verändern, führt nun auch bei diesem dazu, dass er sich unverstanden und nicht akzeptiert fühlt.
Und es stimmt, du akzeptierst den anderen nicht, wie er ist: Würdest du dein Gegenüber verstehen, würdest du ihn auch komplett akzeptieren können. Um ihn tatsächlich verstehen zu können und all seine Gedanken und Handlungen nachvollziehen zu können, müsstest du allerdings sein Leben gelebt haben. Du müsstest all seine Erfahrungen gemacht haben. All seine Gedanken gedacht. All seine Gefühle gefühlt. Genau dann könntest du ihn voll und ganz verstehen. Und dann würdest du ihn so akzeptieren können, wie er ist, denn dann würdest du genauso denken. Und genauso handeln. Und genauso fühlen. Du würdest er sein.
Andersherum verhält es sich genauso. Deine Ansichten und deine Meinungen entstehen allesamt aus dir. Aus der Gesamtheit deiner Erfahrungen, deiner Gedanken und Gefühle. Aus deiner Weltsicht. Damit der andere dich wirklich verstehen kann, müsste er dein Leben gelebt haben. Er müsste du sein.
Aber du bist ja schon besetzt. Von dir. Und das ist auch ganz gut, denn jeder muss schließlich irgendwer sein, sonst gäbe es uns alle gar nicht.
Der Umstand, dass nur du du bist, bedeutet auch: Niemand sonst sieht die gleichen Möglichkeiten, die du siehst. Du denkst, dass jemand anders die Möglichkeit gehabt hätte, anders zu handeln. Anders zu entscheiden. Aber diese Möglichkeit stammt von dir, aus deiner Perspektive und deiner Wahrnehmung der Welt. Wenn du denkst, jemand anders hätte die Möglichkeit gehabt, anders zu handeln, als er es getan hat, dann dichtest du ihm diese Möglichkeiten an. Er weiß gar nichts davon, hat diese Möglichkeit vermutlich nie selbst wahrgenommen. Es sind nicht seine Gedanken, sondern deine - sie sind für dich selbst nur sichtbar, weil du du bist, und aus deiner Bewusstheit heraus diese Möglichkeiten erschaffen kannst. Der andere weiß davon nichts, denn er hat nicht dein Leben gelebt, hat nicht deine Wahrnehmung der Welt und kann sie nicht so interpretieren, wie du es tust. Selbst wenn du ihn auf Möglichkeiten aufmerksam machst, die er selbst nicht sieht: Er ist nicht auf die gleiche Weise zu dem Verständnis über diese Möglichkeiten gelangt, wie du. Für ihn entspringen diese Möglichkeiten dann nicht seiner Bewusstheit über etwas, sondern allein deinen Worten. Es kann gut sein, dass es ihm unmöglich ist, sie zu verstehen, weil ihm dafür tatsächlich das Verständnis fehlt. Ein Verständnis, zu dem du bereits gelangt bist - und das sich oft nicht durch Worte übertragen lässt.
Du kannst jemanden für etwas verurteilen. Es ist sogar recht leicht, jemanden für etwas zu verurteilen. Aber damit verurteilst du im Grunde nur, dass er nicht du ist.
Aber das passiert auch nicht ständig. Die meiste Zeit über bist du gar nicht daran interessiert, dass andere Leute genau wie du sein sollten, weil es völlig ausreichend ist, dass du du bist. Erst, wenn jemand dich nicht ausreichend findet, wie du bist, und du selbst diesem Gedanken auch glaubst, erwächst das Verlangen, die andere Person von etwas zu überzeugen. Das Verlangen danach, dass der andere die Welt genauso sieht wie du und deine Ansichten und damit dich akzeptiert.
Wenn du jemand dafür verurteilst, was er sagt oder tut: Vertausche einfach mal die Rollen, um die Absurdität darin zu sehen. Wären eure Rollen vertauscht und wärst du die andere Person, dann wärst du genau am gleichen Punkt wie der andere. Um dorthin zu gelangen, wo er gerade ist, hättest du die gleiche Entwicklung durchmachen müssen, das gleiche Leben leben - denn es gibt keinen anderen Weg, um dorthin zu gelangen. Du kannst nicht du bleiben und für einen Moment der andere sein. Der andere ist seine eigene komplette Welt. Um die andere Person zu sein, musst du all ihre Erfahrungen gemacht haben und all ihre Gedanken gedacht. Und dann würden sich aus deiner Weltsicht heraus gar nicht mehr die Möglichkeiten bieten, die du vorher sehen konntest. Und du würdest den anderen nun in deinem Körper sehen - wie er dich verurteilt. Einfach nur dafür, dass du nicht er bist und nicht sehen kannst, was er sehen kann.
So können sich Konflikte höher und höher aufschaukeln. Du fühlst dich unverstanden und forderst Akzeptanz. Dabei ist dein Verständnis der Welt aus Erfahrung erwachsen und aus deinem Leben. Vom anderen verlangst du nun Akzeptanz, ohne, dass er dein Leben gelebt hat und deine Erfahrungen gemacht. Das, was du verlangst, kann der andere nicht durch Verständnis erlangen. Du verlangst, dass er dich akzeptiert, wie du bist, ohne dass er dich jemals wirklich verstehen könnte.
Alle Möglichkeiten, die du für dich oder jemand anderen bewusst wahrnimmst und siehst: Sie sind dein eigener Handlungsspielraum, dein eigener Denkspielraum. Nicht der des anderen Menschen - der hat seinen eigenen Spielraum. Deiner ermisst sich aus allem, was dir bewusst ist. Der ganze Rest, von dem du gar nichts weißt, kann nicht mit einfließen.
Dein Verständnis der Dinge ist aus einem Prozess erwachsen: Du hast eine Erfahrung gemacht. Die Erfahrung hat dich verändert. Du wirst dir durch Veränderung über etwas bewusst, was dir vorher nicht bewusst war. Aus diesem neuen Verständnis über etwas entsteht für dich eine neue Art und Weise, die Welt zu sehen, und Verständnis über etwas schafft Akzeptanz für etwas. Es entstehen für dich Möglichkeiten, die du zuvor nicht erschaffen konntest, und dein Handlungs- und Denkspielraum hat sich verändert. Nicht zwangsläufig erweitert. Aber verändert.
Wenn du den anderen dazu bringen willst, dich zu akzeptieren, und versuchst, ihn zu ändern, dann verlangst du von ihm reine Akzeptanz - ohne das dahinterliegende Verständnis über etwas entwickelt zu haben, das du bereits hast. Du gestehst ihm hierbei nicht die Möglichkeit zu, die gleichen Erfahrungen zu machen wie du, sondern verlangst von ihm, allein dadurch zu deiner Ansicht zu gelangen, indem er sie akzeptiert. Du bist dorthin gelangt durch Erfahren und Verstehen. Von ihm erwartest du, bereits dort zu sein. Oder, wenn nicht dort zu sein, zumindest doch bereit zu sein, dorthin zu gehen, wenn du es so wünschst.
Dein Verständnis ist bedingt durch deine Erfahrung. Du verlangst vom anderen Verständnis ohne Erkenntnis. Andersherum verhält es sich genauso: Die Handlungen und Worte des anderen entspringen seiner Erfahrung - auch er hat den Wunsch, akzeptiert zu werden. Diesem Wunsch kannst du nachkommen, indem du ihm entweder zuhörst und auf diese Weise zu Verständnis und dadurch zu Akzeptanz gelangst - oder indem du ihn schlicht akzeptierst, wie er ist. In dem Wissen, dass du ihn nie ganz verstehen kannst, ohne seine Erfahrungen gemacht zu haben. Und in dem Wissen, dass du ihn verstehen würdest, hättest du seine Erfahrungen gemacht. Auf diese Weise kannst du akzeptieren, auch ohne zum gleichen Verständnis über etwas zu gelangen.
Ohne diese Bewusstheit eskalieren Konflikte schnell. Du versuchst, den anderen dazu zu bringen, zur gleichen Einsicht zu gelangen, zu der du gelangt bist. Durch Worte. Oder durch Taten. Und der andere macht genau das gleiche. Damit bewegt sich keiner von beiden auf ein Ende des Konflikts zu, sondern ihr geht gemeinsam in die Richtung der Eskalation.
Ein solcher Konflikt kann sich auf verschiedene Weise auflösen:
Verständnis
Aufgabe
Äußere Umstände
Bewusstheit
Verständnis (und damit: Akzeptanz): Es kann sein, dass Argumente oder Handlungen dazu führen, dass du den anderen verstehst, oder der andere dich. Damit das passieren kann, muss zumindest einer von beiden versuchen, den jeweils anderen zu verstehen. Offen sein, statt abzulehnen. Dadurch wird Raum für Verständnis geschaffen, und erst in diesem Raum kann Verständnis entstehen - und daraus wiederum Akzeptanz.
Akzeptanz auf einer Seite reicht bereits aus, um einen Konflikt zu beenden. Sie muss nicht auf beiden Seiten entstehen. Wenn du den anderen so akzeptieren kannst, wie er ist, dann verstehst du in dem Moment auch, warum er dich nicht akzeptiert. Dann entsteht bei dir aus diesem Verständnis Akzeptanz. Und du hast nicht länger das Bedürfnis, vom anderen akzeptiert werden zu müssen, weil es absurd wäre, ihn dafür zu verurteilen, dass er nicht du ist. Du akzeptierst dich, wie du bist, und den anderen, wie er ist. Es gibt dann schlagartig keinen Konflikt mehr. Weil Akzeptanz das ist, was beide Beteiligten des Konflikts wollen, und sobald einer sie geben kann, ist sie für beide verfügbar.
Aufgabe: Es kann sein, dass du aufgibst. Oder der andere. Entweder, weil es trotz Worten niemandem gelingt, zum gewünschten Ergebnis zu gelangen (den jeweils anderen zu ändern), und einer irgendwann sagt: “Das führt doch zu nichts.” Oder weil der Konflikt so sehr eskaliert, dass Aufgabe die Konsequenz ist. Sei es, weil jemand in Tränen ausbricht. Den anderen K.O. schlägt. Schweigt. Oder einfach geht. Der Konflikt ist beendet, wenn du oder der andere nicht länger kämpfen kann oder will.
Äußeres Einwirken: Der Konflikt kann ebenso enden, wenn jemand von Außen eingreift und entweder neue Perspektiven eröffnet, schlichtet oder einen anderen Weg findet, einen eskalierenden Konflikt zu entschärfen oder zu beenden.
Bewusstheit (und damit: Akzeptanz): Es gibt einen sehr direkten Weg, einen Konflikt aufzulösen. Dir darüber bewusst zu sein, dass du dich momentan in einem Konflikt befindest. Dir zudem bewusst zu sein, dass es ausreichend ist, wenn einer von beiden den anderen akzeptiert, um beiden zu geben, was sie wollen. Und dir bewusst zu sein, dass wenn du den anderen ändern willst - er dann dich ändern will. Und ihr euch damit in eine Endlosschleife begebt, bei der es darum geht, vom anderen akzeptiert zu werden, indem man ihn ändert - anstatt sich selbst. Du verlangst etwas, was du selbst nicht zu geben bereit bist. Damit gibst du dem anderen keinen guten Grund, selbst zu geben, was du von ihm verlangst. Bewusstheit hierüber kann viel ändern.
Durch die Bewusstheit darüber, dass der andere genauso nur Akzeptanz will, fällt es leichter, sie zu geben. Weil man dann darüber weiß. Und dadurch fällt es leicht, den anderen nicht mehr ändern zu wollen. Sobald du den anderen nicht ändern willst, gibt es für ihn keinen Grund, von dir Akzeptanz zu fordern, denn dann gibst du sie ihm bereits.
Du bist in der Lage, Akzeptanz zu geben, die durch Verständnis entsteht. Während das Verständnis des anderen seinen Erfahrungen entspringt, entsteht deine Akzeptanz aus einem Verständnis über die momentane Situation. Deine Akzeptanz ist dann nicht erzwungen, sondern ein Ergebnis des Verstehens: Du bist dir bewusst darüber, dass du ohne die Erfahrungen des anderen gar nicht wirklich verstehen kannst, was ihm bewusst ist. Du bist dir bewusst, dass er die Welt nicht genau so sehen kann wie du - denn dafür müsste er du sein. Du gelangst dadurch zu einem Verständnis über ihn und dich, aus dem Akzeptanz von selbst hervorgehen kann.
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Wenn du das nächste mal in einen Konflikt gerätst, dann erlaube dir ruhig einmal den Gedanken, dass du den anderen gerade dafür verurteilst, nicht du zu sein. Und schau, was er mit dir macht.
Wenn ein Konflikt entsteht, scheint der logische Weg zu sein, ihn zu lösen, indem man den anderen dazu bringt, einen zu verstehen. Indem man den anderen ändert. Dass man dadurch den anderen nicht so akzeptiert, wie er ist (und damit die Karussellfahrt ins Nirgendwo beginnt), ist hingegen vielen nicht bewusst.
Es ist nur scheinbar der einfache Weg, den anderen zu ändern. Es könnte gelingen. Es könnte aber genausogut nicht gelingen. Und es kann bei Nichtgelingen zu Konsequenzen führen, bei denen die Einfachheit schnell vorüber ist. Und Menschen verletzt werden, sowohl durch Worte als auch durch Taten.
Und es ist nur scheinbar der schwere Weg, selbst die Akzeptanz zu geben, die man vom anderen verlangt. Denn dann ist es kein Glücksspiel mehr, sondern kann gelingen, wenn du es tatsächlich so willst. Und du erhältst dadurch ebenfalls, wonach dir verlangt: Akzeptanz. Es ist nicht so, dass du auf etwas verzichten müsstest. Es ist sogar viel wahrscheinlicher, dass du bekommst, was du willst. Du erhältst es sofort. Ganz, ohne einen Kampf mit ungewissem Ausgang austragen zu müssen.
Es ist der schnellste und leichteste Weg aus der Endlosschleife: Bereit zu sein, selbst zu geben, was du vom anderen verlangst.
Das löst die Schleife einfach auf. Das Karussell kommt direkt zum Stehen. Für beide Insassen. Wenn du wirklich bereit bist, selbst zu geben, was du vom anderen verlangst. Und der beste Weg, zu demonstrieren, dass du tatsächlich dazu bereit bist, ist, indem du es tust. Indem du das gibst, was du selbst verlangst. Dadurch erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dass du es zurückbekommst, dramatisch. Weil der andere dann keinen Zweifel daran hegen muss, ob du bereit bist, ihm zu geben, was er von dir will. Es fällt ihm nun viel leichter, dir zu geben, was du von ihm willst.
Kapitel 13 - Vom Glauben
Du bist alles.
Insofern auch jeder religiöse Glaube, den du hast. Oder den du nicht hast. Den du ablehnst oder dem du neutral gegenüber stehst. Egal, ob du religiös bist oder von Religiosität nichts hältst - um diese Art von Glauben geht es in diesem Kapitel überhaupt nicht.
“An etwas glauben” - das ist ein Vorgang in dir, der unbewusst immerzu stattfindet. Es ist ein Mechanismus, ohne den du nicht überlebensfähig wärst. Es gibt vieles, an das du glauben kannst: An das, was die eigenen Sinne dich erfahren lassen. An die eigenen Gedanken. Und an die eigenen Gefühle.
An das zu glauben, was einem die eigenen Sinne präsentieren, ergibt meist Sinn - denn es nicht zu tun, kann sehr schnell zum Tod führen. Es ist ein so unbewusster Glaube an etwas, dass viele Menschen nie darüber nachdenken, weil er ganz von selbst geschieht und man auch ohne dieses Wissen durch’s Leben kommt. Aber auch wenn es unbewusst geschieht, handelt es sich um den Vorgang des “an etwas glaubens”.
Wenn du einen Weg entlang läufst und vor dir einen Abgrund siehst, dann glaubst du und vertraust du deinen eigenen Sinnen: Du siehst nicht tatsächlich den Weg und den Abgrund, sondern erschaffst in dir ein Abbild von beidem. Du glaubst daran, dass dieses Abbild seine Ursache darin hat, dass optische (oder anderweitige) Reize auf deine Augen treffen, und deine Augen daraufhin Informationen weiterleiten. Nichts davon muss aktiv geschehen, es läuft ganz automatisch in dir ab - du siehst einen Abgrund, und du glaubst daran, dass das, was du siehst, auch so ist. Und deshalb läufst du nicht weiter und fällst nicht in den Abgrund. Würdest du deinen Sinnen keinen Glauben schenken, würdest du einfach weiter marschieren. Und vielleicht würde nichts weiter passieren. Denn:
Es könnte sein, dass du träumst - dass gar keine optischen Reize auf deine Augen treffen, dass der Abgrund Fantasie ist. Im Traum greift der gleiche Mechanismus wie im wachen Zustand: Das, was du durch deine Sinne erfährst, erscheint dir glaubhaft. Wäre es nicht glaubhaft, so würdest du dir in jedem Traum darüber bewusst werden, dass du gerade träumst. Doch selbst die absurdesten Dinge können wir als glaubhaft anerkennen dadurch, dass wir sie mit den eigenen Sinnen gerade eben erfahren. Die Erfahrung lässt sie real erscheinen.
Es gibt zwar durchaus Träume, in denen man sich bewusst darüber ist (oder wird), dass man gerade träumt: Diese Art des Träumens wird “luzides Träumen” genannt und passiert manchen Menschen ganz von selbst und immer mal wieder. Mit Hilfe bestimmter Techniken kann luzides Träumen (auch: “Klarträumen”) von jedem Menschen trainiert und erlernt werden.
Der Großteil der Träume läuft allerdings unbewusst ab, und man hält das, was man im Traum gerade erfährt, für das, was ist. Weil man auch im Traum seinen eigenen Sinnen und Gedanken glaubt. Es sind schließlich die eigenen, an welche sollte man auch sonst glauben?
Und seinen eigenen Gedanken und Sinnen zu glauben ergibt sehr oft Sinn. Wären wir dazu nicht in der Lage, würden wir ständig in unseren Tod rennen. Die Fähigkeit, an etwas zu glauben, ist ein Werkzeug. Ein Hilfsmittel, um zu überleben. Der Glaube an gar nichts wäre der Tod der eigenen weltlichen Form - wenn du nicht einmal deinen eigenen Sinnen glaubst, würdest du verhungern und verdursten. Und selbst wenn du vom Instinkt getrieben wirst, dir Nahrung zu besorgen: Du würdest an der Haustür scheitern, die dir deine Sinne zwar zeigen, an die du aber nicht glaubst und gegen die du immer wieder läufst. Das heißt, falls du überhaupt daran glaubst, dass sich Türen öffnen lassen oder dass Füße dich zu einem Ziel bringen könnten und dass dieses Ziel überhaupt existent sei …
An gar nichts zu glauben wäre schon reichlich abgefahren. Und es wäre der körperlichen Gesundheit nicht zuträglich. (es sei denn, man macht eine solche Erfahrung temporär, zum Beispiel unter dem Einfluss von psychedelischen Substanzen und unter Beaufsichtigung)
An etwas glauben zu können ist, als Werkzeug, zum Überleben unerlässlich. Es steht dir immer zur Verfügung, so wie alle deine inneren Werkzeuge. Du kannst es benutzen, so oft du willst. Und vor allem auch: So oft du nicht willst, weil du gar nicht darüber nachdenken musst. Der Glaube an etwas geschieht in den meisten Fällen unbewusst. Und in sehr vielen Fällen stellt er sicher, dass dein Körper nicht unmittelbar zu Grunde geht.
In anderen Fällen jedoch ist es absurd, das Werkzeug “an etwas glauben” überhaupt heraus zu holen und damit zu hantieren. Zum Beispiel wenn es um das Vorhersagen der Zukunft geht. Solange du dir tatsächlich darüber bewusst bist, dass es sich bei einem Gedanken darum handelt, die Zukunft vorher zu sagen, wirst du diesem Gedanken nicht dein volles Vertrauen schenken können. Es käme dir wohl eher verrückt vor, eine Zukunftsprognose als gesichertes Wissen anzuerkennen.
Wir können es uns gemeinsam an einem Beispiel verdeutlichen.
Ich bräuchte bitte einmal deine Mitarbeit. Alles, was du tun musst: Denk dir etwas Konkretes aus, das dir in einem halben Jahr passieren wird. Es darf gern das plausibelste sein, was dir einfällt. Etwas, was dir nachvollziehbar erscheint. Die beste Zukunftsprognose, die du zu leisten in der Lage bist.
Hast du eine beliebige Annahme über deine eigene Zukunft getroffen? Falls nicht, warte ich gern noch. Falls doch, dann:
Frag dich nun, ob du bereit bist, dieser Vorhersage Glauben zu schenken. Würdest du sagen, dass du zu hundert Prozent sicher bist, dass geschehen wird, was du vorhergesagt hast? Würdest auch nur zu einem winzigen Bruchteil wirklich daran glauben können, dass es so kommen wird?
Vermutlich nicht. Du würdest sagen, dass es gewisse Wahrscheinlichkeiten gibt, mit denen etwas eintreten oder nicht eintreten kann. Du bist dir aber völlig bewusst darüber, dass du gerade zukünftige Ereignisse vorhersagen sollst. Und du bist dir auch völlig bewusst darüber, dass du diese Fähigkeit nicht besitzt.
Deshalb fällt es dir leicht, nicht an das zu glauben, was du gerade vorhergesagt hast. Es würde dir im Gegenteil sogar sehr schwer fallen, wenn ich dich bitten würde, wirklich an deine Vorhersage zu glauben. Meine Bitte würde nichts daran ändern, dass du weißt, dass du Wahrsagerei betrieben hast. Und meine Bitte würde auch nichts daran ändern, dass du dir bewusst bist, die Zukunft nicht vorhersehen zu können. Egal wie sehr ich dich darum bitte. Und selbst wenn ich dir alles Geld der Welt versprechen würde: Es würde nichts an deiner Bewusstheit über die Situation ändern. Du könntest dennoch nicht einfach so an deine Vorhersage glauben. Kein Geld der Welt und keine Forderung kann verändern, worüber du dir bewusst bist. Die Bewusstheit darüber kommt aus dir selbst und kann dir nicht genommen werden.
Die Sache sieht jedoch völlig anders aus, wenn du dir nicht bewusst darüber bist, dass du gerade die Zukunft vorhersagst. Ohne diese Bewusstheit kann es dann leicht passieren, dass du deinen eigenen Gedanken Glauben schenkst. Gedanken können daraus entstanden sein, dass du Wahrsagerei betrieben hast, ohne dir dessen bewusst zu sein. Und ohne diese Bewusstheit kann es leicht passieren, dass du deinen eigenen Gedanken glaubst.
Den eigenen Gedanken zu glauben, wenn sie auf Wahrsagerei beruhen … auf die Idee würdest du gar nicht kommen, wenn du dir darüber bewusst wärst.
Es gibt viele Situationen, in denen du Gedanken hast, denen du einfach so deinen Glauben schenkst, ohne sie zu hinterfragen. Wäre dir bewusst, welche deiner Gedanken auf Wahrsagerei beruhen, käme es dir absurd vor, ihnen zu glauben.
Eine häufige Anwendung findet diese unbewusste Nutzung zum Beispiel bei Entscheidungen: Du fällst eine Entscheidung und führst eine Handlung aus. Diese Handlung hat aber ganz andere Folgen, als du dachtest. Möglicherweise sind die Folgen dergestalt, dass du die Entscheidung sofort bereust und dir wünschst, du hättest sie nie getroffen.
Das Bereuen und der Wunsch, du hättest die Entscheidung nie getroffen, basieren darauf, dass du in diesem Fall unbewusst annimmst, du könntest die Zukunft vorher sagen. Denn: Deine Entscheidung wäre anders ausgefallen, hättest du die Zukunft gekannt. Aber du kanntest sie nicht - deshalb hast du ja die Entscheidung auf die Weise getroffen, wie du es getan hast. Wenn du dir nun Vorwürfe machst, diese Entscheidung getroffen zu haben, machst du dir damit den Vorwurf, die Zukunft nicht gekannt zu haben.
Du glaubst momentan dann daran, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Das schließt den Gedanken mit ein, du hättest die Zukunft kennen können und so besser entscheiden oder handeln. Dieser Gedanke ist nicht glaubhaft, stellst du ihn einzeln auf den Prüfstand. Nur dadurch, dass dieser Gedanke eine Annahme ist, die in einer anderen Annahme drin steckt, fällt er nicht auf. Und bleibt oft unbewusst.
Benutzt du das Werkzeug “an etwas glauben” unbewusst, ist es leicht möglich, dir selbst das Leben damit schwer zu machen. Denn es ist ein Werkzeug, und du kannst beides damit anstellen: Dein Leben vereinfachen oder es dir erschweren, je nachdem, wie du es nutzt. Das Werkzeug zu handhaben, während du gar nichts davon weißt, ist sehr schwierig. Und an das zu glauben, was deine Gedanken dir erzählen, macht es möglich, dass du dich mit deinem Werkzeug schwer verletzt.
An dieser Stelle nochmal ein Beispiel dafür, wie das Werkzeug unbewusst genutzt werden kann. Und wie daraus Gedanken entstehen, die auf Wahrsagerei beruhen:
Der Pessimist. Der Optimist. Und der Realist.
Der Pessimist: Es gibt zwei Arten des Pessimismus und der pessimistischen Deutung von Ereignissen oder Situationen oder Gefühlen. Die eine ist auf die Vergangenheit gerichtet, die andere auf die Zukunft.
Auf die Vergangenheit gerichteter Pessimismus bedeutet: Es gibt ein Ereignis in der Vergangenheit, das als schlecht gewertet wird. So könnte ein Pessimist sagen: “Es ist typisch, dass ich die Zusage für den Job nicht bekommen habe. Ich kriege immer nur Absagen.” Anschließend glaubt der Pessimist diesem Gedanken.
Auf die Zukunft gerichteter Pessimismus bedeutet: Du sagst die Zukunft vorher. Und wertest die Ereignisse, die du vorhersiehst, als schlecht. So könnte der Pessimist sagen: “Ich habe mich um den Job beworben. Aber ich werde bestimmt eine Absage erhalten.” Und dann glaubt er diesem Gedanken.
Der Optimist: Auch hier gibt es zwei Herangehensweisen der optimistischen Deutung, auf die Vergangenheit und auf die Zukunft gerichteten Optimismus.
Der auf die Vergangenheit gerichtete Optimismus ist im Grunde ein verkappter Pessimismus. Denn sowohl Optimist als auch Pessimist machen hier den gleichen ersten Schritt: Sie treffen eine Wertung. Und werten etwas in der Vergangenheit als negativ. An dieser Stelle zu sein reicht für den Pessimisten aus - er findet etwas Schlechtes in einer Situation oder Erfahrung und belässt es dabei und glaubt dem Gedanken.
Der Optimist geht hier einen Schritt weiter als der Pessimist: Er verhält sich nach dem Motto “Ich kann nicht mit Sicherheit wissen, ob ich Ursache und Wirkungs-Verkettungen richtet berechnet habe. Ich habe zwar eine Absage für diesen Job erhalten … was erstmal wie etwas Schlechtes wirkt. Aber es kann sein, dass ich deshalb nun eine Bewerbung an eine andere Firma schicke und dort den besten Job meines Lebens bekomme, während der andere Job mir gar keinen Spaß gemacht hätte. War also gut, dass ich da eine Absage bekommen habe.” Oder auch: “Es ist gut, dass diese Liebe vorbei ist. Sie ist nicht grundlos vorbei, und nun gibt es Raum für etwas Neues.”
Dass der Optimist ein verkappter Pessimist ist, zeigt sich auch, weil der Begriff Optimist nur funktioniert, solange die Wertung “schlecht” stattfindet. Wenn dir etwas widerfährt, das du als “gut” bewertest (zum Beispiel den Jackpot im Lotto gewinnen), dann macht dich das nicht zum Optimisten, wenn du diesem Gedanken glaubst.Optimieren lässt sich nur, was du im gedachten Ausgangszustand nicht als gut befindest. Etwas muss schlecht sein, um optimiert werden zu können. Erst muss die Wertung erfolgen - dann kann es eine Reaktion auf die Wertung geben.
Wenn du etwas als gut bewertest, nimmst du es für gewöhnlich einfach so hin: Wenn du die Liebe deines Lebens findest, dann unternimmst du keinen Versuch, herauszufinden, durch welche Verkettung von Umständen es dazu gekommen ist und vor allem denkst du nicht darüber nach, wie du es wohl hättest verhindern können. Du suchst keinen Schuldigen, sondern nimmst das, was du gut findest, einfach an. Es käme dir wohl auch reichlich absurd vor, wenn dich jemand fragen würde, aus welchem Grund du deinen Partner/deine Partnerin kennengelernt hast. Es ist ja nicht so, als hättest du das gewusst, bevor du diese Person kennengelernt hast. Wenn du allerdings die Liebe deines Lebens verlierst - dann tust du all diese Sachen, die zuvor absurd erschienen. Du findest Gründe in Verkettungen von Umständen und versuchst herauszufinden, was du falsch gemacht hast.
Die Frage “Was ist der Grund, warum ich die Liebe meines Lebens kennengelernt habe?” beschäftigt nicht so viele Menschen und es erscheint absurd, sie zu stellen. Die Frage “Was war der Grund, warum ich die Liebe meines Lebens verloren habe?” hingegen wird von vielen Menschen sehr ausgiebig zu klären versucht.
Beide, sowohl Pessimist als auch Optimist, müssen zuerst das Schlechte erschaffen und eine Situation oder Erfahrung als schlecht deuten. Der Optimist macht dann den einen Schritt mehr. Er sagt: Die erste Interpretation ist bereits eine Interpretation, von der ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sie stimmt. Sie macht mir jedoch das Leben schwer, wenn ich an sie glaube. Ich muss nicht an sie glauben - also kann ich ebensogut eine Interpretation erschaffen, die mir das Leben leicht macht. Und so deutet der Optimist die erste Deutung ein weiteres Mal um. Und glaubt dann diesem Gedanken.
Der auf die Zukunft bezogene Optimismus handelt getreu dem Motto: “Ich kann mir meine Zukunft ausmalen, wie ich will. Ich kann sie schrecklich machen und daran glauben. Und mir das Leben schwer machen. Aber da sie meiner Fantasie entspringt, kann ich mir genauso eine Zukunft vorstellen, in der mir nur Gutes widerfährt. Und daran glauben. Und mir das Leben leicht machen.”
Der Realist: Der Realist ist nicht etwa derjenige von den dreien, der in der Lage wäre, die realistischste Zukunftsvision zu entwerfen. Der Realist ist sich hingegen bewusst, dass es keine “realistischen” Zukunftsvisionen gibt. Er ist sich bewusst, dass es einem Menschen nicht möglich ist, die Zukunft vorherzusagen. Er kann durchaus an die Zukunft denken. Pläne machen. Es fällt ihm jedoch leicht, diesen Gedanken nicht blind zu vertrauen und ihnen zu glauben.
Der Realist, auf die Vergangenheit bezogen, ist sich bewusst, dass sein Wissen um Ursache-Wirkungs-Verkettungen nicht ausreicht, um daraus mit Sicherheit schlussfolgern zu können, ob eine Erfahrung oder eine Situation gut oder schlecht war. Im Gegensatz zum Pessimisten und zum Optimisten kann er darauf verzichten, etwas als “schlecht” zu bewerten - oder besser gesagt: Er kann darauf verzichten, einem solchen Gedanken zu glauben. Denn auch ein Realist kann nicht seine eigenen Gedanken kontrollieren und bestimmen, was er denkt. Auch einem Realist kann es passieren, an ein zurückliegendes Ereignis zu denken und es als schlecht zu interpretieren. Oder als gut. Auch ein Realist kann die gleichen bewertenden und beurteilenden Gedanken haben wie jeder andere Mensch. Es fällt ihm lediglich leicht, diesen Gedanken als Gedanken zu belassen, sobald er auftaucht, und dem Gedanken nicht zu glauben.
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Egal, ob Pessimist, Optimist oder Realist: Es kommt nicht darauf an, was genau jeder von ihnen denkt. Weil keiner von ihnen etwas für seine eigenen Gedanken kann. Es kommt darauf an, ob und wie sehr sie ihren eigenen Gedanken glauben.
Gedanken tauchen auf. Und erst wenn sie da sind, kannst du von ihnen wissen. Es liegt nicht in deiner Hand, zu wissen, was du als nächstes denkst. Du kannst dich gern einmal fragen:
Was wird mein nächster Gedanke sein?
Versuche, gut zuzuhören. Egal, welcher es sein wird: In dem Moment, in dem er dir bewusst ist, hast du ihn bereits gedacht. Es macht keinen Unterschied, ob du ein pessimistischer oder optimistischer Mensch bist - deine Gedanken kommen so, wie sie kommen. Und auch wenn du der größte Optimist aller Zeiten bist, kannst du nichts dagegen tun, wenn der Gedanke an eine schreckliche Situation auftaucht. Der Gedanke ist dann bereits da. Als eifriger Optimist kannst du nun versuchen, die Situation anders zu deuten und etwas Gutes in dem Schlechten zu finden.
Und wenn du dir das Leben nicht unnötig schwer machen willst, dann ist das auch gut investierte Zeit. Denn wenn du es hinbekommst, die Situation anders zu interpretieren, wird dich der Gedanke an die Situation nicht mehr auf die gleiche Weise belasten.
Es ist allerdings beides unnötig, wenn du die erste Interpretation nicht als glaubwürdig erachtest. Dadurch ersparst du dir die Zeit, die Situation erneut umzudeuten. Außerdem ersparst du dir, an die neue Deutung glauben zu müssen.
Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen wegen deiner eigenen Gedanken. Auch wenn sie schlimm sind. Und auch wenn sie dich belasten: Du hast sie nicht bewusst so gestaltet. Du hast keine Kontrolle über sie. Sobald sie da sind, sind sie da. Du kannst ihnen höchstens glauben - oder nicht.
Das ist das Werkzeug, das dir mitgegeben wurde. Du hast nicht die Fähigkeit, deine eigenen Gedanken “vorzudenken” und somit zu steuern, was du denkst. Genauso, wie du nicht die Fähigkeit hast, Gefühle zu fühlen, bevor du sie fühlst. Gefühle zeichnen sich dadurch aus, dass sie gefühlt werden. Und in dem Moment, in dem du es fühlst, ist ein Gefühl bereits da.
Du hast nicht die Kontrolle darüber, was du denkst. Aber du hast die Fähigkeit, deinen eigenen Gedanken zu glauben oder es nicht zu tun. Und mit dieser Fähigkeit - und der Bewusstheit darüber - hast du mehr Macht über deine Gedanken, als sie Macht haben über dich.
Wichtig ist allerdings nicht nur, dir dieser Fähigkeit bewusst zu sein. Sie ist dir dann von größtem Nutzen, wenn dir ebenfalls bewusst ist, welche deiner Gedanken aus Zukunftsvorhersagen stammen. Oder bei welchen Gedanken du Ursache-Wirkungs-Verkettungen berechnet hast.
Es fällt dann leicht, den eigenen Gedanken nicht zu glauben, wenn du dir bewusst darüber bist, dass es reichlich absurd wäre, ihnen zu glauben. Ohne diese Bewusstheit ist es hingegen schwer, den Gedanken nicht zu glauben.
Wenn dich das nächste mal ein Gedanke quält, wenn du das nächste dir oder jemand anderem den Vorwurf machst, eine schlechte Entscheidung getroffen zu haben, wenn dir das nächste mal ein Gedanke dein Leben schwer macht - dann hinterfrage diesen Gedanken ruhig einmal. Ob er seinen Ursprung vielleicht darin hat, dass du die Zukunft vorhergesagt hast. Oder kausale Zusammenhänge erschaffen hast. Und vielleicht fällt es dir dann leichter, diesem Gedanken nicht mehr allzu sehr zu glauben.
Kapitel 14 - Von Beziehungen
Oder: Warum andere Menschen nicht fehlerhaft sein können
Beziehungen. Ein weites Feld. Also grenzen wir es etwas ein, denn es gibt viele Arten von Beziehungen. Zum Beispiel die Beziehung zu dir selbst, um die es in diesem Buch im Grunde immer geht. In diesem Kapitel aber ausnahmsweise nicht. Hier geht es zur Abwechslung auch mal ein wenig um andere Menschen, und nicht nur um dich. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen.
Na gut. Dass es um “andere Menschen” geht, ist gelogen. Es geht mal wieder: Nur um dich. Aber es haben sich auch andere Menschen als Protagonisten eingeschlichen. Sie werden hier und da zur Stelle sein, wenn benötigt.
Es geht um die Beziehung zwischen dir - und egal welchem anderen Menschen. Ob Partner, Freunde, Bekannte, Familie oder quasi Unbekannte. Eine Beziehung entsteht in dem Moment, in dem du mit einem anderen Menschen in Kontakt trittst. Sei es persönlich, telefonisch, schriftlich. Sei es für die Dauer eines Telefonats, eines Mailwechsels - oder für die Dauer eines ganzen Lebens. Du teilst deine Welt mit einem anderen Menschen und stehst dadurch in einer Beziehung zu ihm. Zumindest für die Dauer, in der du deine Welt mit ihm teilst.
Einen anderen Menschen gibt es in drei verschiedenen Ausführungen, sobald du mit ihm in einer Beziehung stehst: 1. Als Mensch. 2. Als Abbild in dir. Und 3. als Vorstellung.
Der Mensch an sich: Zum Beispiel dein Partner. Mit all seinen Erfahrungen und Gefühlen und Gedanken und allem, was er ist und fühlt und zu sein glaubt.
Der Mensch als Abbild. Der Mensch, wie er dir in deiner Welt begegnet. Ganz abhängig von deiner eigenen Wahrnehmung deiner Welt (und somit deiner eigenen Bewusstheit) siehst du einen anderen Menschen immer nur genau so, wie er sich dir gerade darstellen kann. Du kannst nicht den Menschen an sich erfassen, sondern nur sein Abbild, das durch deine Wahrnehmung gefiltert wird und in dir entsteht. Würden deine Augen den Infrarotbereich wahrnehmen, würde ein anderer Mensch für dich so aussehen, wie Menschen auf Wärmebildkameras aussehen. Du siehst aber nicht in Infrarot und auch nicht in allen anderen möglichen Bereichen - sondern genau in deinem. Niemand sonst erfährt die Welt so wie du. Das, was deine Augen sehen, deine Ohren hören, deine Nase riecht, deine Zunge schmeckt und deine Sinne ertasten, wird in dir zu deinem Abbild der Welt. Zu diesem Abbild gehört alles, was sich darin befindet, auch jeder andere Mensch. Das Erschaffen dieser Welt läuft in dir ab. Und es fließt noch mehr ein in dieses Abbild deiner Welt und aller darin enthaltenen Personen: Deine Gefühle und Gedanken. Einen Mensch, den du liebst, nimmst du völlig anders wahr als einen, den du hasst oder einen, den du nur flüchtig kennst und für den du keine Gefühle hegst.
Der Mensch als Vorstellung. Der Mensch, wie er in deinen Gedanken ist. Diese Version steht in Wechselwirkung mit Version zwei, dem Abbild. Dein gedankliches Abbild eines Menschen prägt das Abbild, das deine Wahrnehmung dir zeigt. Und deine Wahrnehmung prägt wiederum das gedankliche Abbild. Vorstellungen kannst du so viele haben, wie du erfinden kannst, und auf diese Weise so viele Versionen von einem anderen Menschen in dir erschaffen, wie dir möglich ist und du es möchtest. (Ein Beispiel: Ich sage “Paul hätte diese Prüfung bestehen müssen!” In diesem Beispiel erschaffe ich eine Fantasieversion von Paul, die eine Prüfung erfolgreich bestanden hat. Da Paul die Prüfung nicht bestanden hat, gibt es diese Version von Paul nur als gedankliche Variante von mir. Ich vergleiche meine Fantasie-Paul mit meinem Paul-Abbild und bevorzuge anschließend meine Fantasievorstellung.)
Du selbst kannst von einem anderen Menschen immer nur Ausführung zwei und drei erleben. Das Abbild. Und deine Vorstellung(en). Der Mensch an sich bleibt dir verborgen, du kannst nicht hinter das Abbild blicken. Ein anderer Mensch hingegen kann auch von dir immer nur ein Abbild und eine Vorstellung wahrnehmen. Alles, was ein anderer Mensch zu dir oder über dich sagt, bezieht sich nicht auf dich. Nicht auf den Mensch an sich. Sondern auf das Abbild von dir. Und die Vorstellungen über das Abbild.
Ein Beispiel, um das zu veranschaulichen:
Stell dir vor: Du bist du. Du bist somit der Mensch an sich. Alles, was dich ausmacht. Also alles. Deine komplette eigene Welt, von der sogar für dich der Großteil unbewusst ist.
Und ich … ich bin ich.
Und wir treffen uns auf der Straße. In dem Moment, in dem ich dich sehe, ist es mir nicht möglich, dich zu sehen. Ich kann nicht den Menschen an sich sehen. Dafür müsste ich mehr über dich wissen als du selbst über dich weißt. Nämlich alles, was dir bewusst ist. Und noch dazu alles, was dir unbewusst ist und alles, was du je erfahren und gedacht und gefühlt hast. Ich müsste du sein, um dich zu sehen. Das ist mir unmöglich, egal, wie genau ich gucke. Ich sehe lediglich all das, was mir momentan möglich ist. Wenn wir uns gerade zum ersten Mal begegnen, dann weiß ich womöglich gar nichts über dich. Alles, was ich sehe, ist dann dein Körper, deine reine Oberfläche. Vielleicht sehe ich deine Augen, vielleicht nehme ich deine Gestik und Mimik wahr, vielleicht deinen Geruch. Und das ist alles, was ich überhaupt von dir erfahren und wissen kann. Es ist mein Abbild von dir. Es ist nicht du.
Und als du an mir vorüber läufst, frage ich dich nach der Uhrzeit, und du antwortest mir etwas. Und dann trennen sich unsere Wege wieder. Aber auch, wenn du schon um die nächste Straßenecke gebogen bist und gar nicht mehr in Sichtweite, gibt es jetzt bereits eine weitere Ausführung von dir: Nicht nur dich, den Mensch. Nicht nur dich, das Abbild des Menschen in meiner Welt. Sondern auch noch dich als Vorstellung. So wie du mir in meinen Gedanken und Gefühlen erscheinst. Wie deine Stimme in mir klingt und deine Ausstrahlung in mir weiterstrahlt. Diese Ausführung von dir nehm ich nun mit, wohin ich auch gehe. Und ich kann sie beliebig ändern, soviel ich möchte, bewusst oder unbewusst. Ich nehme weder den echten Menschen mit, noch dein Abbild. Sondern meine Gedanken über dein Abbild, meine Vorstellung von dir.
Nun ist es so, dass meine Vorstellung von dir nicht nur dem entspringt, wie du bist und dich verhältst. Sondern genauso meiner eigenen Bewusstheit über etwas. So könnte es sein, dass du mich angelächelt hast, als wir uns begegnet sind. Und das Lächeln fließt in meine Vorstellung von dir mit ein. Und vielleicht ist mir auch aufgefallen, dass du eine bestimmte Körperhaltung eingenommen und Interesse an mir signalisiert hast. Ist schließlich meine Wahrnehmung, also kann ich mir alles mögliche einbilden. Du brauchst gar keine Signale senden, die Interesse bekunden. Solange ich in deinem Abbild (und vor allem: In meiner Erinnerung und meiner Vorstellung deines Abbilds) die Signale sehe und dem Gedanken daran glaube, sind sie für mich auch existent. So fließen auch die Signale in meine Vorstellung mit ein. Und alles weitere, was ich in deinem Abbild gesehen habe und was meine Gedanken deuten. Und so wird meine Vorstellung von dir zu einer Aussage über mich - und nicht über dich.
Denn dich gehen all meine Gedanken und Gefühle erstmal gar nichts an. Ich hege sie nicht gegenüber dir. Nichtmal gegenüber deinem Abbild (und nur das kenne ich). Sondern gegenüber der Vorstellung von dir.
Und deshalb denke ich mir nun, ausgehend von meiner Vorstellung über dich: Du hast mir eindeutige Signale gesendet. Und vielleicht war das ja eine schicksalhafte Begegnung, und du bist die Liebe meines Lebens und wir sind füreinander bestimmt. Und alles, was ich nun tun muss, ist, dir nachzulaufen und dich um deine Telefonnummer zu bitten. Und in ungefähr neun Monaten (da werden wir dann natürlich schon verheiratet sein) kommt dann unser erstes Kind zur Welt.
Und so laufe ich los, um dich zu finden, während ich bereits darüber nachdenke, ob wir unser Haus mit zwei oder drei Kinderzimmern ausstatten. Und ob es nicht klüger wäre, aus der Stadt raus auf’s Land zu ziehen. Ist ja schön für die Kinder, so auf dem Land aufzuwachsen.
Und ich biege um die Ecke, und da sehe ich dich. Ich laufe zu dir, lächle dich an. Du guckst ein wenig verwirrt, als wenn du nicht mehr wüsstest, wer ich bin. Und das weißt du auch gar nicht, weil du vorhin völlig in Gedanken versunken warst und einfach automatisch geantwortet und gelächelt hattest. Aber davon habe ich wiederum keine Ahnung, weil ich nie einen Blick auf den echten Menschen werfen konnte. Mein Abbild von dir hat mir etwas anderes gezeigt.
Und so stehe ich nun ein weiteres Mal vor dir. Und frage dich nach deiner Telefonnummer. Aber du willst sie nicht herausgeben und verabschiedest dich höflich von mir. Und ich bleibe enttäuscht zurück.
Meine Enttäuschung beruht hierbei auf einem klassischen Fall von Verwechslung: Meine Vorstellung von dir geht aus deinem Abbild von dir hervor. Und dein Abbild wiederum aus dem echten Menschen.
Mensch an sich -> Abbild -> Vorstellung
Der Mensch an sich erzeugt das Abbild in mir. Du bist die Vorlage für dieses Abbild. Das Abbild in mir erschafft dann meine Vorstellung von dir.
Es ist also verkehrt herum gedacht, wenn ich enttäuscht bin, dass du mir nicht deine Telefonnummer gibst. Ich bevorzuge damit meine Vorstellung - gegenüber dir, dem echten Menschen. Ich sage: Die Welt (und damit du) sollte so sein, wie sie in meiner Vorstellung ist. Und anschließend glaube ich diesem Gedanken. Dadurch, dass der echte Mensch von meiner Vorstellung abweicht, entsteht dann meine Enttäuschung.
So herum betrachtet ist der Vorgang absurd. Mein Abbild und meine Vorstellung beruhen auf dir, dem echten Menschen. Du bist die Vorlage. Wenn du nun von meiner Vorstellung abweichst und dich nicht so verhältst, wie es meiner Vorstellung entspricht, dann war meine Vorstellung nicht so nah am echten Menschen dran, wie ich gedacht hatte. Wie ich es gern gehabt hätte. Dann muss ich meine Vorstellung korrigieren, um die Welt zu verstehen. Nicht den echten Menschen.
Meine Enttäuschung entsteht aus dem Unterschied zwischen Vorstellung und Abbild. Ich gebe der Vorstellung den Vorzug - und täusche mich damit selbst, denn du entsprichst schließlich nicht meiner Vorstellung. Erst so kann die Enttäuschung entstehen. Wäre ich mir bewusst, dass ich meine Vorstellung anpassen sollte, damit sie eine bessere Beschreibung von dir ergibt, würde ich das tun und müsste nicht den Fehler in dir suchen.
Das Beispiel nochmal in einer Metapher erklärt:
Stell dir vor, wie die Mona Lisa Modell steht für das berühmte Bild. Sie ist der Mensch an sich. Leonardo da Vinci malt sie. Das berühmte Gemälde entsteht - und das Gemälde ist nun das Abbild des echten Menschen. Dazu gibt es noch die Vorstellung - die ist in dir, wenn du das Abbild gerade nicht betrachten kannst, dir aber vorstellst, wie das Gemälde aussieht.
Stell dir jetzt vor, wie das Gemälde aussieht. Und nun betrachtest du das Gemälde … und es entspricht nicht genau deiner Vorstellung. Es würde dir wohl verrückt vorkommen, anzunehmen, das Bild wäre falsch - und die Vorstellung in deinem Kopf wäre die echte Mona Lisa. Stell dir vor, dass die Mona Lisa in deinem Kopf breit gegrinst hat. Und nun betrachtest du das Gemälde, und sie grinst gar nicht, sondern lächelt. Dann würdest du sagen: “Oh, ich habe mich geirrt. Sie grinst gar nicht, sie lächelt.” Du würdest wohl eher nicht sagen: “Oh, Leonardo da Vinci hat das Bild falsch gemalt. Er sollte es ändern. Die Mona Lisa sollte grinsen, nicht lächeln. Wenn Leonardo da Vinci das Gemälde nicht ändert, kann ich nicht zufrieden sein mit der Welt.”
Du bist dir bewusst, dass das Gemälde die Grundlage ist für jede Vorstellung, die du von dem Gemälde hast. Und wenn du feststellst, dass deine Vorstellung davon abweicht, dann passt du deine Vorstellung an und hängst nicht an dem Gedanken fest, das Bild müsse anders sein. Es wäre verrückt, darunter zu leiden, dass das Gemälde sich nicht an die Vorstellung in deinem Kopf hält. Also ziehst du es gar nicht in Betracht, deshalb zu leiden, und passt einfach die Vorstellung in deinem Kopf an. Jetzt passen Vorstellung und Abbild wieder zusammen und es gibt keinen Fehler.
Und nun stell dir vor, da käme Leonardo da Vinci um die Ecke. Er bringt dich zur echten Mona Lisa. Dem Menschen. Der Vorlage für das Gemälde. Und du betrachtest sie und siehst, dass Leonoardo da Vincis Gemälde gar nicht mit dem Menschen übereinstimmt. Du siehst, dass Mona Lisa in echt ganz anders aussieht als auf dem Bild. Und du bist dir bewusst, dass es absurd wäre, zu behaupten, der echte Mensch Mona Lisa sei fehlerhaft, und sie sollte sich mehr dem Gemälde anpassen. Wenn überhaupt, würdest du den Fehler wohl in der künstlerischen Darstellung suchen und behaupten, das Bild entspräche gar nicht dem echten Menschen. Aber vielleicht würdest du auch gar keinen Fehler suchen, weil du weißt, dass eine künstlerische Darstellung gar nicht den echten Menschen zeigt, sondern Kreativität und Interpretation mit einfließen und man einen anderen Menschen nicht mit einem Gemälde komplett erfassen kann.
Das Abbild, das du in dir von einem anderen Menschen erschaffst, ist ebenso eine künstlerische Interpretation. Wenn du anfängst, in dieser künstlerischen Interpretation den echten Menschen zu sehen, entstehen Probleme, sobald der echte Mensch nicht mit dem Kunstwerk in deinem Kopf übereinstimmt. Was er niemals kann. Wodurch es also immer zu Problemen kommen wird, wenn du willst, dass ein anderer Mensch mehr deiner künstlerischen Interpretation dieses Menschen entsprechen sollte.
Es ist absurd, einen Fehler im anderen Menschen zu sehen, wenn er von deiner Vorstellung abweicht. Der Fehler, wenn es überhaupt einen gibt, liegt in der mangelhaften Vorstellung selbst, nicht in einem Mangel im anderen Menschen. Es ergibt rein logisch betrachtet mehr Sinn, deine Vorstellung eines anderen Menschen zu korrigieren, als den anderen Menschen.
Wenn man das Verhältnis zwischen Menschen, ihren Abbildern und Vorstellungen auf diese Weise betrachtet, ist die Sichtweise, Menschen könnten fehlerhaft sein, nicht mehr glaubhaft. Du selbst und deine Fantasie erschaffen erst den Raum für diese Fehlerhaftigkeit.
Probleme in Beziehungen entstehen oft aus der Unbewusstheit hierüber. Dass eine Fantasie mit einem Menschen verglichen wird - und anschließend die Fantasie bevorzugt wird. Es wäre logisch sinnvoll, den echten Menschen zu bevorzugen. Und die Fantasie jedes Mal neu anzupassen, wenn Mensch und Fantasie nicht übereinstimmen.
Auf diese Weise wird der Mensch an sich über jede “Fantasie über den Mensch an sich” erhoben. Der Mensch wird zum Maßstab, an dem alles andere gemessen wird. Nicht eine Vorstellung über den Menschen wird zum Maßstab.
Die Vorstellung zum Maßstab zu machen ist absurd. Das zeigt sich vor allem, wenn man beginnt, zu werten. Um werten zu können, bedarf es eines Vergleichs. Und für diesen Vergleich kannst du nur zwei Ausführungen eines Menschen heranziehen: Abbild und Vorstellung. Da du über den Mensch an sich nichts weißt (und nichts wissen kannst), hast du nur dies zur Auswahl. Hierbei kannst du nun wiederum zweierlei Arten des Vergleichs vornehmen. Ein Vergleich zwischen:
Abbild und Vorstellung
Vorstellung und Vorstellung
Um das zu veranschaulichen, kommen wir wieder auf die Geschichte von dir und mir zurück:
Ich hätte also gern deine Telefonnummer. Du gibst sie mir aber nicht. Und verabschiedest dich höflich. Das passt mir nun allerdings so gar nicht, weil ich nicht so einfach die Liebe meines Lebens von dannen ziehen lassen will. Da ich den Fehler in deinem Verhalten vermute, versuche ich, dich umzustimmen. Ich möchte die Situation ändern - und da ich mir nicht bewusst bin, woher der Fehler kommt, den ich korrigieren will, muss ich den Fehler entweder in mir verankern - weil ich mich falsch verhalten und dadurch alles kaputt gemacht habe. Oder ich verankere den Fehler in dir. Das Ergebnis ist das gleiche: Ich versuche nun, dich zu ändern, den Mensch an sich, beziehungsweise die Situation, damit mein Abbild und meine Vorstellung übereinstimmen.
Also laufe ich dir nach und versuche, dich zu überreden. Ich schaffe es allerdings nicht. Du rückst die Nummer nicht raus, und irgendwann gebe ich auf. Ich schaue zu, wie du genervt um die nächste Straßenecke verschwindest.
Und mit dir verschwindet auch dein Abbild aus meiner Welt. Ab hier habe ich nur noch meine Vorstellung von dir zur Verfügung. Da Menschen so kreativ sind, ist es mir möglich, auch weiterhin Vergleiche anzustellen und Fehlersuche zu betreiben. Ich habe jetzt nicht mehr dein Abbild zur Verfügung, also erschaffe ich mir einfach eine Vorstellung deines Abbilds. Eine Version von dir, wie sie meines Erachtens “tatsächlich war”. Eine ausgedachte Fakten-Version. Diese Fakten-Version hat mir ihre Telefonnummer nicht gegeben. Dem gegenüber kann ich nun die ausgedachte Version von dir stellen, die mir ihre Nummer hätte geben sollen. Oder jede andere Version von dir, die ich gern hätte. Und schon kann das Spiel weitergehen. Du musst nicht einmal mehr anwesend sein und an mich denken, und ich kann so viel vergleichen, Fehler suchen und Schuld verteilen, wie ich nur möchte.
Und jeder Fehler, den ich finde, ist dabei ein Fehler im System: Ein Fehler, der nur in meinen Gedanken Bestand hat. Er ist mit eingebaut und entsteht aus dem unlogischen (weil absurden) Vergleich von Mensch und Fantasie.
Dieser Logik folgen alle Beziehungen, die du zu anderen Menschen aufbaust. Du gewinnst eine Vorstellung von einem Menschen durch diesen Menschen. Und möglicherweise erhebst du irgendwann die Vorstellung zum Maßstab über diesen Menschen. Wenn du einen Fehler in einem Menschen siehst, dann ist es deine Vorstellung, die vom echten Menschen abweicht und so den Fehler erschafft. Und es ist somit deine Vorstellung, die fehlerhaft ist und Anpassung bedarf.
Veranschaulichen wir es noch an einem anderen Beispiel.
Paul und Anna führen eine monogame partnerschaftliche Beziehung und sind sich sexuell treu. Bis Anna Sex mit einem anderen Mann hat. Als Paul davon erfährt, rastet er aus. Er beschimpft Anna und wirft ihr vor, ein schlechter Mensch zu sein. Er wirft ihr vor, einen Fehler gemacht zu haben. Denn ein Fehler ist in Pauls Welt vorhanden, da Pauls Vorstellung von Anna von dem abweicht, wie der Mensch Anna sich verhalten hat. Paul vergleicht Mensch und Vorstellung, und weil es zu großen Abweichungen kommt, sieht er in Annas Verhalten den Fehler.
Da eine Vorstellung kein echter Mensch ist, der echte Mensch aber schon, wäre es logisch, wenn Paul den Fehler in der Vorstellung erkennen würde und die Vorstellung anpasst. So könnte Paul die Situation akzeptieren, und er könnte auch den Mensch Anna akzeptieren.
Denn Anna kann niemals dem Konzept entsprechen, das Paul im Kopf hat. Die Konzept-Anna hat Paul versprochen, ihm sexuell treu zu sein. Das hat sie ihm versprechen können, weil sie selbst die Zukunft nicht kannte. Und Paul hat diesem Versprechen geglaubt, weil auch er die Zukunft nicht kannte. Hätte Anna die Zukunft gekannt, hätte sie Paul diese Versprechung möglicherweise gar nicht gemacht. Und hätte Paul die Zukunft gekannt, hätte er sich gar keine Vorstellung von Anna erschaffen, die ihm für immer sexuell treu ist. Es wäre Paul dann absurd vorgekommen, diese Vorstellung zu erschaffen. Es würde ihm sehr schwer fallen, dem Gedanken zu glauben, an diese Vorstellung zu glauben, wenn er das Wissen darum hat, dass Anna mit einem anderen Mann schlafen wird.
Ohne Bewusstheit über all das hat Paul nicht die Möglichkeit, seine eigene Vorstellung anzupassen. Ihm bleibt nur übrig, die Änderung im Außen zu suchen. Er kann dann versuchen, Anna zu ändern. Oder er beendet die Beziehung. In keinem Fall kann er die Vorstellung von Anna ändern und Anna so akzeptieren, wie sie ist, weil Paul an dem Gedanken festhält, dass seine Vorstellung ihm die echte Anna zeigen würde. Er bevorzugt seine Fantasieversion von Anna und sagt somit: “Das ist, wie Anna sein sollte.”
Versucht Paul, Anna zu ändern und den Menschen mehr seiner eigenen Fantasie anzupassen, dann lehnt er damit den Menschen ab. Und bevorzugt die Fantasie. Er gibt Anna dabei zu verstehen, dass Fantasie-Anna die bessere Anna wäre. Er gibt ihr zu verstehen, dass er Fantasie-Anna lieben kann - die echte Anna, so wie sie ist, aber nicht. Dass er die echte Anna nur lieben kann, wenn sie mehr wie Fantasie-Anna wird.
Paul übersieht dabei durch Unbewusstheit, dass Fantasie-Anna gar nicht existiert - außer eben in seiner Fantasie. Paul glaubt daran, dass es möglich wäre, Fantasie-Anna zu bekommen. Dabei ist das unmöglich. Fantasie-Anna ist für die echte Anna unerreichbar, weil sich die echte Anna nicht in einen Gedanken in Pauls Kopf verwandeln kann. Und überdies - dass die echte Anna sich in einen Gedanken verwandelt, wäre auch gar nicht das, was Paul will.
Wäre sich Paul im Klaren darüber, was er verlangt, wäre das Verlangen danach fort. Er verlangt Fantasie-Anna. Die hat er aber bereits. Also könnte die echte Anna ihn verlassen. Und er hätte noch immer Fantasie-Anna. Dann hätte er tatsächlich, was er (unbewusst) fordert. Nämlich gar nichts - abgesehen von seiner Fantasie. Wenn er nur seine Vorstellung von Anna behält, dann würde sich diese Anna ganz nach Pauls Belieben verhalten und sich genau so ändern, wie Paul das will. Allerdings wäre sie eben auch nur in Pauls Fantasie vorhanden. Und egal, wie schön die Fantasie auch sein mag: Er würde niemals mit ihr reden, kuscheln oder Sex haben können.
Wäre Paul sich vollkommen bewusst darüber, dass die Bevorzugung von Fantasie-Anna bedeutet, die echte Anna abzulehnen, wie sie ist, käme es ihm vielleicht verrückt vor, das weiterhin zu tun. Er würde sich darauf besinnen können, dass es der Mensch Anna ist, den er liebt, und nicht die Fantasie. Und er könnte die Fantasie fallen lassen zu Gunsten der echten Anna - und es würde ihm leicht fallen, das zu tun.
Durch die Bewusstheit über diesen Umstand ist es Paul möglich, sich selbst zu verstehen. Und aus diesem Verständnis kann Akzeptanz hervorgehen. Paul könnte dann den Mensch Anna so sein lassen, wie er ist. Und seine Vorstellung anpassen.
Aus Pauls Akzeptanz lässt sich noch keine Aussage darüber treffen, welche Handlungen für Paul daraus entstehen.
Paul könnte zu dem Schluss gelangen, dass er so, wie Anna ist, nicht mit ihr zusammen sein möchte. Er könnte die Beziehung beenden und Anna verlassen. Oder er könnte Anna so akzeptieren, wie sie ist, und akzeptieren, dass ein monogames Konzept nicht auf den Mensch Anna passt. Er wäre in beiden Fällen mit sich selbst und Anna im Frieden, weil er die Welt und Anna so akzeptiert, wie sie ist, statt sie abzulehnen, und seine eigenen Vorstellungen anpasst.
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Einen Menschen ändern zu wollen bedeutet also immer, den Menschen selbst nicht zu akzeptieren und die eigene Fantasie zu bevorzugen. Wenn du mit all deinen Mitmenschen unzufrieden bist und glaubst, dass alle anderen Menschen fehlerhaft wären und sich ändern sollten, dann forderst du im Grunde für dich selbst eine Welt, in der du völlig isoliert bist von allen Menschen und allein mit deinen Gedanken. Du lehnst alle anderen Menschen ab, so wie sie sind, und sagst im Grunde, es wäre dir lieber, wenn sie alle weg wären. Deine Fantasie ist nie eine echte Option, wie die Welt sein könnte. Sie ist Fantasie.
Die Grundlage für eine Vorstellung von einem Menschen bildet immer der Mensch selbst. Das ändert sich nicht, egal, wie lang deine Beziehung zu einem anderen Mensch dauert und welcher Art sie ist. Es ist absurd, dieses Verhältnis irgendwann umzudrehen und zu glauben, die Vorstellung wäre die Grundlage, und aus der Vorstellung sollte der echte Mensch hervorgehen. Es ist absurd, weil der echte Mensch ja schon längst da ist und deine Vorstellung erst hinterher kam. Und es ist absurd, etwas zu wollen, was man niemals haben kann und was man gar nicht so will, wie man es fordert. Das führt zwangsläufig zu Unzufriedenheit. Du kannst niemals zufrieden sein, wenn du etwas willst, was du gar nicht willst. Es ist ein in sich unlogischer Vorgang. Er führt nach Nirgendwo. Und zu Leid.
Dieser Vorgang ist einigen Menschen aber gar nicht bewusst. Und so denken diese Menschen dann, dass es nötig wäre, diese Probleme zu erschaffen und dieses Leid zu ertragen.
Kapitel 15 – Vom Gestrandeten
Eine Geschichte in mehreren Szenarios.
Szenario 1: Keine Rettung
Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel in der Südsee. Die Insel bietet alles, was er zum Überleben braucht: Klares Quellwasser, Früchte in Hülle und Fülle und sogar eine kleine Höhle, in der es immer warm und trocken ist.
Er stillt seinen Durst und seinen Hunger und schläft in der Höhle. Am nächsten Tag erwacht er und denkt bei sich, dass ihn hier niemals jemand finden wird. Er wird sein Leben lang allein sein und nie wieder einen anderen Menschen sehen. Und er quält sich mit dem Gedanken, mit jedem Tag mehr, und denkt darüber nach, ob er sich nicht einfach umbringen sollte, um sein Leid zu verkürzen.
Nach einem Monat der Qual und des Selbstmartyriums löst sich nachts ein Fels aus der Decke der Höhle und erschlägt ihn.
Szenario 2: Rettung
Nachdem er auf der Insel gestrandet ist, erhält der Mann eine Botschaft, dass man von seiner Lage wüsste und in einem Monat ein Schiff kommen würde, um ihn an Bord zu nehmen.
Er kann sein Glück kaum fassen und beginnt, das Leben auf der Insel in vollen Zügen zu genießen. Die Insel wird für ihn zum Paradies, und wenn er nicht gerade die Seele in der Sonne baumeln lässt oder ein wenig im Meer baden geht, labt er sich an frischen Früchten und wünscht sich insgeheim, dass er nicht schon so bald gerettet werden würde. Hier könnte er es wohl auch ein Jahr aushalten, denkt er so bei sich.
Dann, nach vier Wochen, einen Tag bevor das Schiff kommt, um ihn abzuholen, löst sich ein Fels aus der Höhlendecke und erschlägt ihn.
Szenario 3: Verschobene Rettung
Der Mann strandet auf der Insel und erhält die Botschaft, dass ihn in einem Monat ein Schiff abholt. Er genießt das Leben in vollen Zügen. Nach einem Monat kommt eine zweite Botschaft: Es gab Probleme, das Schiff konnte nicht kommen, und es dauert nochmal einen Monat bis zu seiner Rettung. Er zuckt mit den Achseln und freut sich, noch einen Monat hier zu haben. Das gleiche passiert immer wieder, immer gibt es einen neuen Grund, warum das Schiff ihn nicht retten kann. Nach einem Jahr, in dem er jeden Moment auf der Insel ausgekostet hat, wird er dann von einem herabfallenden Fels in der Höhle erschlagen.
Szenario 4: Rettung in einem Jahr
Der Mann strandet auf der Insel und erhält die Botschaft, dass man von seiner Lage wüsste, aber erst in einem Jahr das nächste Schiff käme, um ihn abzuholen. Er versucht, keinen Gedanken daran zu verschwenden und einfach die Insel zu genießen, doch beständig denkt er darüber nach, dass er nun ein Jahr lang keinen Menschen sehen wird. Er denkt über all die Dinge nach, die er nun ein ganzes Jahr lang nicht tun können wird. Und er leidet. Ein ganzes Jahr leidet er, fiebert nur auf den Tag hin, an dem das Schiff kommt, um ihn von dieser Insel zu retten.
Und nach einem Jahr des Leidens und Martyriums fällt ein Fels aus der Höhlendecke und erschlägt ihn.
Ende der Geschichte(n).
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Diese Erzählung soll zeigen: Es hat für den Gestrandeten nie tatsächlich eine Rolle gespielt, ob er von der Insel gerettet wird oder nicht. In allen Szenarios ist er am Ende tot und hat die komplette Zeit auf der Insel allein verbracht. In zwei der Szenarios hat er sein Leben angenehm gelebt und genossen, in den zwei anderen Szenarios hat er gelitten bis zu seinem Tod.
Nicht die Situation hat sich geändert, sondern seine Wahrnehmung der Situation. Seine Gedanken zu ihr und wie sehr er diesen Gedanken glaubt. Diesen Zukunfts-Szenarios, die er für sich selbst entwirft. Er selbst hat dafür gesorgt, dass die Zeit auf der Insel wunderschön ist. Und er selbst hat dafür gesorgt, dass die Zeit auf der Insel eine einzige Qual ist.
Du bist, in gewisser Hinsicht, dieser Gestrandete.
Du hast jederzeit selbst in der Hand, ob du deinen eigenen Gedanken glaubst oder nicht glaubst. Das bedeutet nicht, dass du, wenn du traurig bist, eine ausgedachte “gute Zukunft” entwerfen sollst, um damit glücklich zu sein. Es bedeutet, dir bewusst zu sein, dass alle Gedankenkonstrukte, die du von der Zukunft entwirfst, irreal sind. Rein abstrakt, ausschließlich vorhanden als Fantasieprodukt. Gute sowie schlechte Zukünfte.
Hätte der Gestrandete wirklich im Jetzt gelebt, dann hätte er akzeptiert, dass er auf dieser einsamen Insel gestrandet ist - denn es ist der einzige Weg, um sich nicht in Gedanken an unsinnige Zukünfte zu verlieren. Und er hätte sich darüber gefreut, dass seine Bedürfnisse gestillt sind, und er hätte sein Leben genossen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob er jemals gerettet wird oder nicht. Weil er wüsste: Ich kann die Zukunft nicht vorhersagen. Weder eine, in der ich niemals gerettet werde, und auch nicht eine, in der ich schon in zwei Tagen gefunden werde. Das einzige, was ich tun kann, ist: Zu akzeptieren, wie es ist. Und mit dem Gegebenen das Bestmögliche anzustellen. Vielleicht am Strand mit großen Steinen ein SOS formen. Ein riesiges Feuer entzünden, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Floß bauen. Oder einfach nur die Seele in der Sonne baumeln lassen. All das sind Dinge, die er einfach tun kann. Für nichts davon muss er seinen eigenen Gedanken glauben. Er kann sie als Werkzeug nutzen, anstatt sich unbewusst an ihnen zu verletzen.
Du bist der Gestrandete. Denn am Ende der Geschichte eines jeden Menschen wird sich ein Felsblock aus der Höhlendecke lösen und ihn erschlagen. Metaphorisch gesprochen. (Abgesehen von denen, die tatsächlich von einem Fels erschlagen werden.)
Nur du selbst kannst dein Dasein und jeden Moment, den du erlebst, gestalten. Niemand anders kann das für dich tun.
Was du aus diesem Buch für dich selbst mitnehmen kannst (wenn du möchtest)
Du könntest fragen: Was hab ich nun eigentlich davon gehabt, dieses Buch zu lesen? Und das kann ich dir nicht sagen. Das weißt nur du. Aber ich kann dir sagen, was ich daraus für mich mache.
Es fällt leicht, Dinge nicht persönlich zu nehmen. Es gibt nichts, wodurch man sich angegriffen fühlt, weil man weiß, dass eine andere Person das, was sie sagt oder tut, nur aus ihrer eigenen Bewusstheit heraus sagen kann. Und dass man selbst die Worte und Taten eines anderen Menschen ebenfalls nur aus der eigenen Bewusstheit heraus interpretieren kann. Es können beide zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen über etwas gelangen, und man weiß, dass beide Schlussfolgerungen ihre Daseinsberechtigung haben. Dass zwei völlig gegensätzliche Ansichten auf die gleiche Sache problemlos nebeneinander existieren können. Dass es keine richtigen oder falschen Ansichten gibt, sondern nur die Ansicht, die ein Mensch hat und die ihm derzeit möglich ist. Das Handeln eines Menschen ist ein Spiegel von seinem Inneren. Und auch dein Handeln stellt einen Spiegel dessen dar, wie du die Welt wahrnimmst. Durch dieses Verständnis entsteht ganz von selbst Akzeptanz sowie Neugier auf die Ansicht des anderen, statt Ablehnung.
Es fällt leicht, keine Schuld zu verteilen. Das Konzept von Schuld wird absurd, wenn jeder nur so handelt, wie er auf Grund dessen, was ihm bewusst ist, handeln kann. Man muss also nicht länger sich selbst die Schuld für etwas geben. Noch muss man Schuld in anderen Menschen oder Situationen suchen.
Es fällt leicht, sich nicht zu beschweren. Denn je mehr du dich beschwerst, desto mehr nimmst du deinem Leben die Leichtigkeit - und beschwerst es. Das Beschweren ist eine Ablehnung der gegenwärtigen Erfahrung. Und durch diese Ablehnung kann man sich nicht mehr mit der Erfahrung an sich beschäftigen. Man lernt nicht (ganz von selbst) aus dem Machen der Erfahrung, weil man damit beschäftigt ist, abzulehnen.
Es fällt leicht, zu vergeben - sowohl dir selbst, als auch anderen. Die Worte in diesem Buch können keine Absolution erteilen. Sie ermöglichen dir aber vielleicht, zu verstehen, dass du selbst dir Absolution erteilen kannst. Du. Und nur du. In jedem Moment deines Seins. Von Schuld und Sühne losmachen kannst du dich nur selbst, weil du diese Konzepte selbst in dir erschaffst und an sie glaubst.
Es fällt leicht, dir selbst keine Vorwürfe zu machen, sondern aus allem zu lernen (auch wenn du nicht wissen kannst, was). Und es fällt leicht, anderen Menschen keine Vorwürfe zu machen.
Es fällt leicht, Menschen nicht zu verurteilen oder zu bewerten. Weil es so schwer fällt, zu bewerten und zu urteilen, wenn man sich darüber bewusst ist, wie unbewusst man doch eigentlich ist.
Es fällt leichter, sich selbst nicht so ernst zu nehmen - und damit die ganze Welt.
Es fällt leichter, jeden Moment wertzuschätzen. Man lehnt Erfahrungen nicht mehr ab, sondern erlaubt sich, sie zu erleben und zu machen.
Es fällt leichter, zu sein. Denn das Leben gewinnt mehr Leichtigkeit, wenn das weg fällt, womit man es sich selbst schwer macht.
Man erschafft weniger Probleme. Denn Probleme gibt es nicht an sich. Sie bedürfen der Fantasie, um zu sein. Sie sind Geschichten, die wir uns erzählen.
Man verkopft sich nicht so oft in Dingen, die nach nirgendwo führen - und einem dabei schaden. Man überlegt nicht mehr tausendmal, ob eine Entscheidung nun richtig oder falsch war, sondern startet immer neu von dem Punkt, an dem man gerade ist. Man weiß, dass es nie zu spät ist, etwas zu ändern, weil jetzt gerade der einzige Moment ist, in dem man handeln kann.
Es fällt leicht, keine Angst vor der Zukunft zu haben. Weil man sich bewusst ist, dass jede erdachte Zukunft ein Produkt der eigenen Fantasie ist. Und somit nichts, wovor man Angst haben muss.
Gelassenheit fällt leicht, denn wenn du keine Kämpfe gegen dich selbst führst, kannst du dich so sein lassen, wie du bist.
Es fällt leicht, andere Menschen nicht als Werkzeug zu nutzen. Denn wenn du selbst ein Mensch bist, der dich versteht und der dich liebt, musst du nicht andere Menschen benutzen, um Liebe und Verständnis zu bekommen. Du kannst sie Mensch sein lassen - und den anderen Menschen für das lieben, was er ist, statt für das, was er dir gibt.
Und zu guter letzt:
Es fällt leicht, zu lieben. Sich selbst. Und andere Menschen. Die eigene gegenwärtige Erfahrung. Immerzu. Denn man weiß, dass man immerzu in Ordnung ist, genau so, wie man gerade ist. Und dass das für alle anderen auch gilt. Dass es keinen Grund gibt, sich nicht selbst zu lieben für das, was man ist, und wie man ist. Und dass es keinen Grund gibt, andere Menschen nicht zu lieben für das, was sie sind. Und wie sie sind.
Vorheriger TitelNächster TitelDieses Buch ist für dich.
Für niemanden sonst.
Es ist Teil der Welt, die du wahrnimmst, die du kreierst. Und in diesem Sinne ist es dein Buch, nicht
meines.
In diesem Buch geht es um dich. Um deine Welt. Wie sie entsteht, wie du sie entstehen lässt, aus Urteil,
Wertung und deiner eigenen Fantasie und Wahrnehmung.
Und es geht in keiner Weise um mich. Dieses Buch ist Teil deiner Vorstellung der Welt, Teil deiner
Wahrnehmung.
Du wirst darin nichts finden, was ich ausdrücken und sagen wollte. Du findest darin nur das, was du in
meinen Worten siehst und aus meinen Worten interpretierst.
Der Protagonist dieses Buches bist du.
Und falls du dich immer noch fragst, worum's in dem Buch geht:
Es geht um Dich.Dirk Wonhöfer, Anmerkung zur Geschichte
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dirk Wonhöfer).
Der Beitrag wurde von Dirk Wonhöfer auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.11.2024.
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Die Botschafter
von Andreas Kroll
Geflügelte Schlangen und Großechsen fallen in das Reich der Menschen ein. Sie bedrohen die Zwerge im Donnersteiggebirge und die Walddörfer der Alben. Drei Botschafter, ein Mensch, ein Zwerg und eine Albin, begeben sich auf eine Reise in den Norden, um die Riesen als Verbündete zu gewinnen ...
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