Ingrid Grote

KOPFBAHNHÖFE, Teil 8 - DANN VERSTÖRENDES ...


Zwei Tage später bin ich wieder bei Regina. Und wir trinken einiges, Wodka mit Rotwein, Wodka mit Kaffee ...
„Warum bist du eigentlich geschieden?“, frage ich sie.
Regina sagt tonlos: „Hauptsächlich, wweil ich keine Kinder bekommen konnte.“
„Das verstehe ich nicht!“
„Ich wwar ja selber Schuld daran.“
„Wieso denn das?“
„Das wwird eine llange Sache, meine Tony.“ Mittlerweile ist Regina schon reichlich betrunken, ich zwar auch ganz gut, aber noch nicht ganz hackedicht.
„Ich habe es nniedergeschrieben und geheim gehalten vor Hardy und meinem Vater. Und kein Mensch außer dir sollte davon wwissen. Also halte die Klappe und erzähle es nicht wweiter. Es wwar eine andere Zeit, Früher ...“
„Kein Problem, werde ich nicht tun!“ Oh Himmel, ich weiß nicht, worauf ich mich da einlasse, aber was es auch sein sollte, ich werde es nie verraten! Alkohol-Ehrenwort darauf!
Regina taumelt in ihr Schlafzimmer, kramt dort herum und kommt dann mit ein paar vergilbten Blättern zurück. Sie gibt mir die Blätter in die Hand. „Es ist schon llange her“, sagt sie wie um Verzeihung bittend, während sie sich schwankend auf das Sofa fallen lässt und noch einen großen Schluck Wodka zu sich nimmt. Diesmal pur.
Ich nehme die Blätter und fange zögernd an sie zu lesen:

--- KOPFBAHNHÖFE ---


Die Fahrt war lang, aber viel zu kurz, denn ich hatte furchtbare Angst, ans Ziel zu kommen.
Eine Zeitlang ging es am Rhein vorbei, majestätisch floss er dahin. Burgen konnte ich sehen und abgeerntete Weinberge, aber das alles konnte mich nicht beruhigen. Ich griff nach Michaels Hand, und er drückte sie zärtlich. Ich schottete meine Gedanken ab und bewunderte stattdessen die Landschaft. Ein Fahrgast machte uns auf den Loreley-Felsen aufmerksam. Ich fand ihn zwar sehr beeindruckend, aber von einer singenden Sirene war nichts zu sehen oder gar zu hören.
Ich unterhielt mich mit Michael über belanglose Dinge.
Die Plätze neben uns waren frei geblieben. Niemand reist im Januar mit dem Zug nach Ljubljana. Es liegt ja nicht einmal am Meer.
Michaels Mutter hatte uns Proviant eingepackt, und nach zwei Stunden Fahrt bekam ich Hunger und machte eins der Päckchen auf: Frikadellen waren darin, die waren eine Spezialität von ihr. Genauso wie Termine ihre Spezialität waren. Und diesen Termin hatte nur sie mir vermitteln können. Dafür war ich ihr dankbar.
Es gab eine längere Pause in einem Kopfbahnhof. Ein strahlendes Glasfenster wurde von hinten sonnenbeleuchtet und es sah wunderschön aus.
Ich mag Kopfbahnhöfe. Dort muss man sich nicht beeilen, denn es dauert immer eine geraume Zeit, bis der Zug auf eine andere Schiene gesetzt wird und einem neuen Ziel entgegenfährt. Jetzt einem Ziel, das ich ersehnte, aber auch fürchtete.
Wir mussten nicht umsteigen. Nach nur zwanzig Minuten fuhren wir zurück und auf einem anderen Gleis weiter.
Der Zug gewann an Schnelle, hielt kaum noch irgendwo länger an, und wenige Stunden später erreichten wir Ljubljana in Jugoslawien.
Wir schlenderten durch die Altstadt, ich kaufte mir ein Armband aus Silber. Vielleicht war es gar kein Silber, aber es war schön.
Michael schaute auf seine Uhr. „Wir haben noch zwei Stunden Zeit“, sagte er.
„Wir gehen irgendwo essen“, schlug ich vor. Wir fanden schnell ein Restaurant. Die Wiener Schnitzel dort schmeckten hervorragend, auch der Salat dazu und die gebratenen Kartoffeln. Ich zögerte das Essen hinaus, leerte meinen Kopf, füllte stattdessen meinen Magen, dennoch war sie da, die Angst.
Schließlich zahlten wir, mit D-Mark natürlich. Die harte Währung samt Trinkgeld kam gut an. Wir nahmen uns ein Taxi. Michael gab dem Fahrer den Zettel mit der Adresse. Es dauerte ungefähr fünfzehn Minuten, bis wir unser Ziel erreichten. Ziel? Vielleicht der falsche Name dafür.
Es war mittlerweile fünf Uhr und schon dunkel. Wenn alles gut ging, würden wir ein paar Stunden später wieder im Zug sitzen und nach Hause fahren. Wenn nur diese paar Stunden schon vorbei wären!
Ein hochgewachsener Mann erwartete uns, begleitet von zwei jüngeren Männern.
„Haben Sie das Geld?“, fragte er mit starkem Akzent. Seine Stimme klang angenehm.
Michael nickte und gab ihm den Umschlag mit dem Geld. Der Mann zählte flüchtig die Scheine durch und nickte dann. „Folgen Sie mir!“, sagte er.
Das Haus war noch nicht fertig gebaut, und man konnte den Eingang nur erreichen, wenn man über ein wackeliges Brett ging, es kam mir vor wie die Leitplanke zu einem Schiff.
Ich sah nicht unter mich. Ich hörte nur, dass Michael protestierte, weil er mir nicht folgen durfte. Ich fühlte mich erleichtert: Niemand, auch er sollte mich dort sehen.
Der Stuhl kam mir bekannt vor. Klar, Beine breitmachen. Aber es war schlimmer. Meine Beine wurden angeschnallt von dem Arzt. Ich hoffte, es wäre auch ein Arzt, obwohl mir das egal war. Ich wollte es nur hinter mich bringen.
„Ich gebe ihnen nun mehrere Spritzen“, sagte er in gebrochenem Deutsch. „Die werden Sie betäuben.“
Ich nickte. Man fühlt sich sehr hilflos auf diesem Stuhl. Will ich es? Ja, es geht nicht anders. Aber ich habe furchtbare Angst.
Und es tat weh, so weh, ich hätte nie gedacht, dass es so weh tun würde. Und das trotz der Spritzen.
Doch ich schrie nicht, zumindest nicht laut, und er legte tröstend seine Hand auf meine. „Es ist bald vorbei und Sie sind sehr tapfer.“
Doch kurz danach fing es richtig an. Ich habe nicht geglaubt, dass die Schmerzen noch größer sein könnten, doch sie sind es. Der Arzt zerrt an mir, zerrt, zerrt! Verdammt, das geht nicht, es tut so weh, ich kann es nicht ertragen, hör auf, hör auf damit, die Spritzen wirken nicht, ihr scheiß jugoslawischen Spritzen! Lasst mich in Ruhe, es tut weh, so weh, dies ist echter Schmerz, Folterung kann nicht schlimmer sein, Vivisektion, die armen Tiere. Aber das Kind, nein, nein, nicht mit Michael, bin zu jung! Oh nein, wieso können Frauen soviel Schmerzen ertragen, ohne in Ohnmacht zu fallen. Es ist nicht fair, ist nicht fair.
„Es war ein Junge“, sagt der Arzt.
Ich muss immer noch stöhnen, hoffe, der größte Schmerz ist vorbei. Und ich muss ich an Michaels Mutter denken. Sie wird trauern um ihren Abkömmling, obwohl sie es war, die mir diesen Termin verschafft hat.
Irgendwann ist es dann wirklich vorbei, die Schmerzen werden geringer, nicht viel, aber ja, es geht, ich stöhne nur noch ein bisschen.
Man schnallt mich los und ich kann aufstehen und meine Sachen anziehen. Ich taumele ein wenig, als ich aus dem Raum des Schreckens herausgehe. Michael sitzt dort. Er sieht blass aus. „Ist schon gut“, sage ich tröstend. „Es ist vorbei.“ Ja, es ist wirklich vorbei. Denn so etwas werde ich nie wieder erleben wollen!
Etwas Unersetzliches ist mir genommen worden und ich trauere nicht darum. Warum nicht? Weil ich es verdrängen muss. Soviel erlebt bei meinen Freundinnen, und meistens hatten sie furchtbare Skrupel danach, schleppten lange diese Last mit sich herum. Daran werde ich jetzt nicht denken, ich will nur noch fort von hier!
Ich gehe alleine über die Planke. Die Planke des Lebens – oder des Unlebens. Ich kann sehr gut alleine darüber gehen. Und den Rest meines Weges auch.
Eine Stunde später saßen wir im Zug. Er war voll, nichts war übriggeblieben von der Stille der Hinfahrt. Wortgebrabbel, lautes Lachen, Kindergebrüll. Ich kuschelte mich in eine Ecke am Fenster ein und wollte nur noch schlafen und vergessen.
In München gab es eine längere Pause. Ich hatte Hunger, stieg aus, kaufte an einem Stand Würstchen und stopfte sie gierig in mich hinein. Um Michael kümmerte ich mich nicht. Ich wusste, dass es vorbei war.
Ich liebe Kopfbahnhöfe. Dort muss man sich nicht beeilen, denn es dauert immer eine geraume Zeit, bis der Zug auf neuer Schiene einem anderen Ziel entgegenfährt. Entweder fährt er zurück in Richtung Heimat, oder man steigt in einen anderen Zug mit einem neuen Ziel.
Und wohin führte es MICH? Es stellte sich später heraus, dass ich keine Kinder mehr bekommen konnte. Etwas in mir war zerstört worden, und daran scheiterte unter anderem auch meine Ehe. Seitdem lebe ich nur noch für meinen kleinen Bruder und meinen Vater.

--- ENDE ---


Das ist eine furchtbare Geschichte und es dauert lange, bis ich etwas sagen kann. Ich kann Regina gut verstehen, andererseits aber auch nicht. Denn falls ich jemals schwanger werden sollte mit Hardys Kind, dann würde ich es nie im Leben abtreiben wollen. Auch wenn Hardy zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit zusammen wäre. Das wird aber nicht passieren, denn ich habe viel mehr Verhütungsmöglichkeiten als Regina damals.
Gut, dass sie schon schläft, aber die Schublade in ihrem Schlafzimmer steht noch offen. Ich lege die Blätter vorsichtig zurück und hoffe, dass ich den richtigen Platz erwischt habe.
Ich glaube, damals war man erst mit einundzwanzig Jahren volljährig. Die sagenhafte Pille war relativ neu, und die Frauenärzte verschrieben sie nicht an Minderjährige, es sei denn, man hätte ein Elternteil dabei. Und Regina hat sich bestimmt zu Tode geschämt, wollte nicht, dass ihr Vater etwas über ihren Zustand erfuhr. Bestimmt fehlte ihr die Mutter. Dabei muss ich an meine eigene Mutter denken. Die hätte mich zu Tode geprügelt.
„Habe ich dir was Schlimmes erzählt?“, fragt Regina mich drei Tage später, als wir zusammen Kaffee trinken, diesmal ohne Alkoholzugaben.
„Nicht dass ich wüsste.“

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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