Christiane Mielck-Retzdorff

Vintage-Weihnachtszeit

Vintage-Weihnachtszeit

 

 

Leonie stand im Wohnzimmer ihres Elternhauses und genoss die vertraute Umgebung, den Blick in den Garten, den sie lange vermisst hatte. Dieser verströmte trotz seiner Verwahrlosung Erinnerungen an ihre sorglose Kindheit. Die alten Bäume und Sträucher mit dem von Unkraut eingenommenen, wild wuchernden Rasen erzählten Geschichten vom Werden und Vergehen. Umgeben von Stille spürte Leonie die Kraft des ursprünglichen Lebens.

Dieses Gefühl war ihr in der Großstadt abhandengekommen. Anfangs war sie froh gewesen, an einem Ort leben zu dürfen, wo bunte Lichter, nie verstummende Geräusche und ständige Bewegung Zeugen einer sich unermüdlich verändernden Welt waren. Sie war in eine neue Zeit aufgebrochen, in der sie Teil einer fröhlich feiernden Wohlstandsgesellschaft sein konnte. Sie fand einen gut bezahlten Job als Grafikdesignerin und schließlich auch einen Mann, mit dem sie Alltag und Vergnügungen teilte. Nun war sie 45 Jahre alt, ihr Kinderwusch war nicht in Erfüllung gegangen und ihre Ehe gescheitert.

Erst verstarb ihr Vater und kurz darauf ihre Mutter. Leonie hatte das Elternhaus geerbt. Ihr älterer Bruder, der als Klempner und mittlerweile Geschäftsinhaber in Australien ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftet hatte, verzichtete auf seinen Anteil am Erbe. Er lebte glücklich mit seiner Frau und drei Kindern in diesem Land und hatte seiner Heimat endgültig den Rücken gekehrt. Ihre Mutter litt sehr darunter, dass ihr Sohn nur ein einziges Mal zu Besuch gekommen war, um seine Ehefrau vorzustellen. Die Enkelkinder bekam sie nie zu Gesicht, weil sie geradezu panische Angst vorm Fliegen hatte. Und Leonie hatte nie die Zeit gefunden, nach Australien zu reisen.

Nun frage sie sich, warum sie ihren Bruder nie vermisst hatte. Als kleine Kinder waren sie einander sehr verbunden gewesen. Beide trennte nur etwas mehr als ein Jahr, doch als bei ihnen die Pubertät einsetzte, trennten sich ihre Wege. Manuel entwickelte sich zu einem attraktiven, sportlichen, jungen Mann, dem die Herzen Gleichaltriger zuflogen. Er ließ es aber nicht zu, dass seine kleine Schwester auf dieser Woge des Ansehens mitsurfen durfte. Vielleicht meinte er, ein weniger attraktives Mädchen an seinem Rockzipfel, das zudem noch sehr schüchtern war, könnte seinem Image schaden. Also musste sich Leonie, obwohl sie in der Schule bessere Leistungen brachte, mit der Rolle der Unsichtbaren begnügen.

Als Teenager litt sie unter der Ausgrenzung ganz besonders, als sie sich unsterblich in Nicolai, den besten Freund ihres Bruders verliebte. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass ihre Chancen, die Aufmerksamkeit des gutaussehenden und hochgeschätzten jungen Mannes zu erhaschen, dadurch stiegen, doch ihr Bruder behandelte sie wie ein lästiges Anhängsel, das es nicht wert war, beachtet zu werden. Während an der Schule immer mehr Paare zueinander fanden, blieb Leonie allein. Damals driftete ihr Selbstwertgefühl gegen Null.

Auch wenn sicher Narben aus dieser Zeit zurückgeblieben waren, haderte sie nicht mit ihrem Schicksal. Sie war sehr erfolgreich in ihrem Beruf, besonders weil sie gelernt hatte, ihre Arbeit durch anspruchsvolle Computerprogramme fortschrittlich zu gestalten. Sie erfuhr hohe Anerkennung, bekam etliche Einladungen zu den Veranstaltungen der Reichen und Schönen, wurde Teil dieser elitären Gruppen. So lebte sie aus, was sie während ihrer Teenagertage entbehrt hatte. Doch dann erkannte sie, nur eine von vielen Schauspielern zu sein, die ihre Leere in der Gemeinschaft verbargen. Durch diese Einsicht zerbrach schließlich ihre Ehe.

Mit dem Tod ihrer Mutter und dem Erbe dieses Hauses hatte sich Leonie entschlossen, ihrem alten Leben den Rücken zu kehren, ihre Wohnung zu kündigen und an den Ort zurückzukehren, an dem sie hoffte, sich selbst wiederzufinden. Da sie schon länger selbständig arbeitete, wollte sie sich hier ein Büro einrichten und nur noch zu beruflichen Sitzungen ins Zentrum der Großstadt fahren. Die wenigen Freunde, die dort wohnten, müssten dann eben für einen Besuch eine Autofahrt auf dich nehmen, wenn ihnen etwas an der Verbindung lag. So würde sich die Spreu vom Weizen trennen.

Die Möbel aus ihrer Wohnung hatte Leonie erstmal einlagern lassen, denn sie wollte sich in Ruhe ein neues Heim schaffen. Da ihre Mutter bis zu ihrem Tod in diesem Haus gewohnt hatte, war alles Lebensnotwenige vorhanden, auch wenn die gemütliche Einrichtung recht altmodisch war. Vielleicht würde sie sich sogar für den Vintage-Stil entscheiden, behalten, was ihr gefiel und mit modernen Elementen ergänzen. Doch das alles hatte Zeit. Nur ihre Klamotten und Badezimmerutensilien waren bereits eingeräumt oder warteten in Kartons auf ihren Einsatz.

Es war kurz vor Heiligabend und normalerweise würde Leonie von Veranstaltung zu Veranstaltung hetzen, aber sie genoss es, sich davon befreit zu haben. Aufträge hatte sie erst wieder für Mitte Januar angenommen. Der Kühlschrank war voll und die Räume kuschelig warm, während draußen leichter Frost herrschte und etwas Schnee fiel.

Sie hatte sich in einem weichen Sessel niedergelassen und hing ihren Gedanken nach. Es wurde langsam dunkel und im Garten schaltete sich automatisch die Beleuchtung an. Wie beruhigen es doch war, in Stille die sacht fallenden Flocken zu betrachten. Leonie spürte die Zeit der Besinnlichkeit. Dabei war sie nicht schwermütig, sondern freute sich auf den neuen Weg, den sie gehen wollte. Einst hatte sie gelesen:

Das Leben wird bestimmt von Wendepunkten.

Wenn wir den neuen Weg mutig und mit frohem Sinn beschreiten,

erreichen wir schließlich den Gipfel und können aus eigener Kraft fliegen.

Sie fühlte schon die Luft unter ihren Schwingen.

 

Vielleicht sollte sie noch mal vor die Tür gehen und das Winterwetter genießen. Gedacht, getan. Auf dem Treppenabsatz vot der Haustür sog sie die frische Luft auf. Kein Auto bewegte sich in dieser idyllischen Wohnstraße. Die Menschen hatte sich in ihr Heim zurückgezogen. Leonie fragte sich, ob der Schneeschieber noch in der Ecke der Garage stand. Sie hatte nicht darauf geachtet, als sie ihr Auto dort parkte. Sie fand ihn sofort. Gemächlich trat sie auf den Fußweg, dessen Pflastersteine durch die Wurzel der Bäume stellenweise angehoben waren. Also war Vorsicht geboten.

Als sie nach rechts schaute, sah sie jemanden stolpern. Es war eine armselige Gestalt, die sich dort durch den Schnee tastete. Ihr Mantel, der nur bis zu den Knien reichte, zeigte deutliche Verschleißerscheinungen. Die Person hatte ihre Mütze so weit ins Gesicht gezogen, dass ihr Gesicht nicht zu erkennen war. Nach der Bewegung zu urteilen, war es ein großer Mann, der sich ihr näherte. Nun erkannte Leonie auch, dass sich bei dessen einem Schuh die Sohle gelöst hatte. Ihm mussten doch die Zehen abfrieren. Nach ihren Erfahrungen aus der Stadt konnte es sich bei dem Passanten nur um einen Obdachlosen handeln. Doch was hatte ihn in diese Wohngegend verschlagen, in der Bettlern nicht gerade freundlich begegnet wurde?

Sie wartete, bis die Person, die sie bei gesenktem Blick wohl nicht sah, sie erreicht hatte. Nun stand diese vor ihr und hielt an. Ohne nachzudenken, sprach Leonie eine Einladung auf eine Tasse Kaffee oder Tee bei sich zu Haus aus. Eine tiefe, männliche Stimme bedankte sich und nahm das Angebot an. Den Blick hob der Mann aber nicht, sodass sie sein Gesicht immer noch nicht sehen konnte. Doch seine Stimme flösste ihr Vertrauen ein. Also drehte sie sich um und bat ihn zu folgen.

Im kuschelig warmen Haus angekommen, begann der Mann stark zu zittern. Erschrocken wies Leonie ihren Gast an, seine feuchten Kleidungsstücke auszuziehen. Er zögerte, doch ließ dann seinen Mantel einfach auf die Fliesen im Flur fallen. Was zum Vorschein kam, war armselig und dreckig. Die Gastgeberin fühlte sich etwas hilflos und entschied sich, das Kommando zu übernehmen, in dem sie den Mann anwies, auch seine Mütze fallenzulassen und die Schuhe auszuziehen. Er tat wie ihm befohlen und zeigte sein volles, viel zu langes, dunkelbraunes, mit leicht grauen Strähnen durchzogenes, strubbeliges Haar, dessen letzte Wäsche schon einiges Zeit her sein musste. Seine Socken waren löchrig.

Der Gast, der Leonie überragte, hob nun seinen Kopf und schaute ihr direkt in die Augen. Sie versank in seinem Blick, fühlte, wie Wärme in ihr aufstieg und sich ihr Herzschlag beschleunigte. Die Vergangenheit schluckte die Gegenwart. Der Moment flutete ihre Gedanken mit alten Sehnsüchten, die dabei ihren Schmerz verloren und sich in einem Meer der Verbundenheit ergossen. Ungläubig flüsterte sie:

„Nicolai?“

Die Lippen des Mannes zeigten ein scheues Lächeln, die sich dann zärtlich zu dem Wort „Leonie“ formten.

Die Frau schwankte zwischen Verwirrung, Erschütterung und Freude. Sie kämpfte darum, den Weg in die Gegenwart zu finden, ihre Gefühle wieder dem Verstand unterzuordnen. Schließlich befahl Leonie resolut:

„Du solltest Dich duschen. Oben im Badezimmer findest Du alles, was Du brauchst. Die Handtücher sind frisch. Im Ankleidezimmer sind noch alle Kleidungsstücke meines Vaters aufbewahrt. Vielleicht passt Dir ja etwas davon. Du kennst Dich ja aus. Ich koche erstmal Kaffee und mache uns eine Kleinigkeit zu essen.“

Sie hatte mittlerweile ihren Blick von Nicolai abgewandt, während er sie weiterhin musterte. Schließlich drehte er sich um und schritt wortlos die Treppe hinauf. Als er außer Sichtweite war, seufzte Leonie erleichtert und vor Erschütterung. Selbst in diesem erbärmlichen Zustand hatte Nicolai nichts von seiner Anziehungskraft auf sie verloren. Ihre Gedanken schlugen Purzelbäume, tobten durch ihr Gehirn, bis die Vernunft sie in die Küche befahl.

Doch vorher sammelt Leonie die Kleidungsstücke auf dem Boden ein, um sie in einem Müllsack verstaut im Keller zu lagern. Dabei bemerkte sie, dass beide Taschen des Mantels mit etwas Schwerem gefüllt waren. Sie holte es heraus und hielt zwei Bündel durchweichten, alten Zeitungspapier in den Händen, dessen Inhalt sich deutlich wie Flaschen anfühlte. Zwei Flaschen Wodka kamen zum Vorschein. Offensichtlich suchte Nicolai wie viele Obdachlose Trost im Alkohol. Dieser Gedanke beunruhigte die Frau.

Als erfolgreicher Teil der Werbebranche hatte auch Leonie erfahren, dass die Firma ihrer Jugendliebe in finanzielle Schieflage geraten war. Da sie jedoch des vielen Klatsches und Tratschs überdrüssig war, die hämischen Kommentare zum Scheitern anderer kaum ertragen konnte und nie geschäftlich mit Nicolai zu tun gehabt hatte, beschäftigte sie dieses Thema nicht weiter. Aufstieg und Untergang solcher Firmen waren an der Tagesordnung. Doch nun sah sie sich direkt konfrontiert mit den Folgen.

Hangelnd am Gerüst der Gewohnheit setzte sie in der Küche Kaffee auf, schmierte Brote und dekorierte Plätzchen auf einem Weihnachtsteller. Dabei lauschte sie dem Gesang des aus der Dusche fließenden Wassers, dem Brummen des alten Rasierapparates ihres Vaters, bis Stille herrschte. Also trug sie alles ins Wohnzimmer und zündete den Adventskranz an. Dann wartete sie.

Die Zeit verrann und Leonis Unruhe legte sich. Sie schaute aus dem Fenster in den Garten, wo nun dicke Schneeflocken niedersanken, Gräser, Büsche und Bäume in weiße Daunen hüllten. Eine Blaumeise pickte an dem Rest eines Knödels, was die Frau daran erinnerte, dass sie Vogelfutter kaufen wollte. Allein diesen Anblick genießen zu dürfen, war es wert, hier zu leben. Die altmodische Einrichtung vermischte Vergangenheit und Gegenwart zu einer friedlichen Harmonie.

Die Holztreppe knarrte und kündigte Nicolais Ankunft an. Leonie stand auf, um ihm entgegenzugehen. Beinahe andächtig schritt er die Stufen hinunter. Mit frisch gewaschenen Haaren, glattrasiert und in den recht unmodernen, hochwertigen Kleidungsstücken ihres Vaters erschien der attraktive Mann, der einst durch ihre Träume schwirrte. Er lächelte sie an und weckte in Leonie die aufwühlenden Erinnerung an ihre erste große Liebe.

„Vintage scheint in diesem Haus der absolute Trend zu sein.“, sagte sie strahlend. „Du siehst richtig gut aus.“

„Na ja, die Hose passt nicht wirklich, da war ein Gürtel sehr hilfreich. Doch sie bleibt zu kurz. Und die Schuhe drücken etwas, aber das ist erträglich.“, erklärte Nicolai, um mit seinem Gesichtsausdruck sogleich zu zeigen, dass er sich seiner Überheblichkeit schämte.

„Wer wird denn so kleinlich sein.“, scherzte Leonie. „Nun lass uns im Wohnzimmer Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen.“

Nicolai setzte sich und machte sich in einer Weise über die belegten Brote her, die bezeugte, wie hungrig er war. Als er die Hälfte davon sehr schnell verspeist hatte, bemerkte er entschuldigend:

„Hunger tötet die Tischsitten.“

„Doch ein guter Appetit ist stets ein Kompliment für die Gastgeberin,“, entgegnetet diese.

Stille trat ein. Dann fragte leonie:

„Möchtest Du vielleicht zur Verdauung einen Wodka trinken?“

Nicolai schaute sie verwirrt an, bis er ahnte, dass sie die beiden Flaschen in seinem zerschlissenen Mantel gefunden hatte. Nun war es Leonie peinlich, das angesprochen zu haben.

„Oder vielleicht doch lieber einen Likör oder ein Glas Wein?“

Nicolai lächelte.

„Willst Du mich betrunken machen?

Und fuhr ernst fort:

„Der Wodka hat eine andere Bestimmung.“

Leonie fühlte sich ungewohnt bedrückt. Ihr Gegenüber bemerkte das.

„Du hast doch sicher schon gehört, dass ich mit meiner Agentur pleite bin. Anderen die Schuld dafür zu geben, wäre eine bequeme Lüge. Geblendet vom Erfolg war ich einfach zu nachlässig, zu sorglos, fühlte mich unverwundbar.“

„Deine Familie oder deine Freunde hätten Dir doch helfen können.“, versuchte Leonie zu ergründen, was ihre Jugendliebe in so arge Bedrängnis geführt hatte. Denn ihr drängte sich langsam der Verdacht auf, dass Nicolai den Wodka trinken, sich dann in den Schnee legen und erfrieren wollte. Eine ziemlich schmerzlose und sichere Art des Selbstmords. Ein entsetzlicher Gedanke, der von Aussichtslosigkeit und großer Verzweiflung zeugte.

„Es ist schon seltsam, wie Geld die Welt regiert.“, erklärte Nicolai mutlos. „Bist Du erfolgreich und vermögend, lieben und bewundern dich alle Menschen. Doch scheiterst du und verarmst, will niemand mehr etwas von dir wissen. Du wirst aus den Gästelisten und den Gedanken gestrichen. Selbst meine Eltern und mein Bruder meiden den Kontakt zu mir.“

Leonie war fassungslos.

„Und was ist mit deiner Frau?“

„Die hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Als der Untergang meiner Firma nahte, raffte sie alles von Wert zusammen, plünderte die Konten und verschwand in die Türkei. Natürlich reichte sie vorher noch mit der verlogenen Begründung von häuslicher Gewalt die Scheidung ein.“

Leonie verschlug es die Sprache.

„Sei nicht traurig.“, versuchte der Gast sie zu trösten. „Es war ja nicht deine Schuld.“

Sie wollte unbedingt das Thema wechseln und etwas sagen, was Nicolai etwas aufrichtete.

„Weißt Du übrigens, dass Du mal meine große Liebe warst?“, sagte sie und lächelte aufmunternd.

„Dass Du mir damals sehr zugetan warst, merkte ich durchaus, doch dein Bruder tat alles, damit wir uns nicht näherkamen. Als Argument führte er an, dass Du nicht in unsere Clique passt. Das stimmte ja auch. Trotzdem fand ich Dich damals anziehend. Erinnerst Du dich noch, wie oft sich unsere Blicke trafen. Das lag auch daran, weil ich Dich beobachtete. Wenn irgendein Typ zu oft an deiner Seite auftauchte, spürte ich sogar Eifersucht. Aber dein Bruder lenkte mich schnell wieder ab.“

Leonie wurde bewusst, dass auch sie einst den Eindruck hatte, ihr Bruder stand wie ein unüberwindlicher Wächter zwischen Nicolai und ihr.

„Aber warum wollte Manuel denn auf keinen Fall, dass wir beide uns näherkommen?“, fragte Leonie mit trauriger Stimme.

„Das kann ich Dir erklären. Dein Bruder ist schwul und war damals in mich verliebt.“

„Was?! Das kann ich nicht glauben. Er ist doch in Australien mit einer Frau verheiratet und hat mit ihr sogar drei Kinder.“, protestierte die Gastgeberin energisch.

„Ich hatte bis vor kurzem noch Kontakt zu Manuel. Nachdem wir geklärt hatten, dass ich  nicht auf Männer stehe, blieben wir Freunde. Heute bekennen sich viele zu ihrer homosexuellen Neigung, aber als wir Teenager waren, wurden Schwule und Lesben noch als abartig angesehen. Manuel wollte den Schein der Normalität unbedingt bewahren.“

„Aber das darf doch nicht so weit gehen, eine Frau zu heiraten, die man nicht liebt und sexuell nicht begehrt. Nicolai, Du musst dich irren.“

„Manuel hat nie geheiratet. Er lebt in Australien mit einem Mann zusammen. Beide sind sehr glücklich miteinander.“

„Aber er hat doch mit seiner Frau unsere Eltern besucht.“, entgegnete Leonie störrisch.

„Den Part der Ehefrau übernahm dabei Susan, eine Lesbe. Und Manuel war heilfroh, dass deine Mutter panische Angst vor Fliegen hatte. Ich glaube, deswegen hat es ihn bis nach Australien gezogen.“

Leonie war in gleichem Maße erleichtert, endlich den Grund für das ablehnende Verhalten ihres Bruders erfahren zu haben, wie erschüttert darüber, dass ihre Familie mit einer Lüge gelebt hatte, ohne etwas zu bemerken. Selbst mit Fotos von seiner glücklichen Familie hatte Manuel alles dafür getan, den Schein zu bewahren.

„Ich glaube, ich brauche einen Schnaps. Nicolai, hast Du etwas dagegen, wenn wir eine deiner Wodkaflaschen anbrechen?“

Die bis dahin herrschende Spannung verflog und er lachte.

„Zwar hatte ich nicht erwartet, dass Du Wodka trinkst, doch lass uns dieses verrückte Leben begießen.“

Die Flaschen wartete in der Küche. Alle Brote und Kekse waren von Nicolai verspeist worden. Leonie trug das Geschirr hinaus und füllte den Weichnachtsteller wieder mit Keksen. Dann nahm sie zwei unscheinbare Saftgläser aus dem Schrank, goss diese halbvoll mit dem Schnaps und ließ jeweils drei Cocktailkirschen, die sie zufällig gefunden hatte, hineinplumpsen.

„So, nun haben wir zwei Cocktails.“, erklärte sie strahlend, als sie die Getränke auf dem Tisch abstellte.

Nach dem ersten Schluck fuhr sie gut gelaunt fort:

„Und wie geht es nun weiter? Hast Du dich schon um eine Anstellung in einer Werbeagentur bemüht? Die müssen sich doch um Dich reißen. Wenn ich nur an deinen genialen Werbeslogan für diese Supermarktkette denke. Der ist mittlerweile ein geflügeltes Wort. Oder kannst Du nicht als Selbständiger neue durchstarten? Dein Ruf als herausragender Werbetexter mit der untrüglichen Spürnase für das Einfangen von Kunden ist weit über die deutschen Grenzen bekannt. Selbst in Amerika wurden deine Dienste schon an Anspruch genommen.“

Leonie hatte sich in einen Rausch aus Zukunftsplänen geredet und bemerkte an Nicolais Gesichtsausdruck zu spät, dass er wütend wurde. Sich ihres unsensiblen Verhaltens bewusst, schwieg die Frau betreten. Ihr Gast antwortete nicht, schüttete den Wodka in einem Schluck in sich hinein und ließ die Cocktailkirschen im Glas zurück.

„Das war ich wohl wieder mal zu optimistisch und überschwänglich.“, versuchte Leonie die heitere Stimmung wiederzubeleben. „Nun lass mich bitte nicht im Regen stehen und sag was.“

Nicolai schaute sie an und seine Gesichtszüge entspannt sich etwas.

„Wer im Geschäftsleben einmal verbrannt ist, hat es schwer, wieder Fuß zu fassen. Aber in der Werbebranche ist das unmöglich. Es warten zu viele junge Kreative auf ihre Chance. Alte Erfolge zählen dann nichts mehr. Erfolg produziert Neid und die Konkurrenten machen sich gern wie Hyänen über die Versager her. Du bist ein Sonnenschein und Gott möge Dich vor dieser Erfahrung bewahren.“

Leonies Ehrgeiz, diesen Mann aus dem Sumpf des Selbstmitleids und der Hoffnungslosigkeit zu befreien, war geweckt.

„Seit wann ist denn Aufgeben eine Option für Dich, Nicolai? Auf dem Fußballfeld bewunderte ich Dich stets dafür, dass Du selbst bei einem Rückstand bis zum Ende an einen Sieg glaubtest und der Erfolg Dir häufig sogar Recht gab. Wenn ich deine Karriere verfolgte, dache ich oft, dass wir beide ein Dreamteam gewesen wären. Vielleicht sollten wir es einfach mal versuchen.“

 

Ein Jahr später. Leonie saß in dem alten Sessel ihres Vaters mit ihrem Tablet auf dem Schoß. Nicolai arbeitete am Wohnzimmertisch an seinem Laptop.

„Ich habe ihn gefunden.“, rief die Frau fröhlich. „Das ist ein richtig schöner, alter Stubenwagen für das Baby.“

„Ich wollte das Baby nicht.“, antwortete Nicolai mürrisch.

„Aber Weihnachten ist doch ein Fest für Kinder. Und wir gedenken der Geburt Christi.“

Lächelnd drehte sich der Mann zu ihr.

„Ein ständig plärrendes Kind steigert sicher die Besinnlichkeit. Warum legen wir es nicht gleich in eine Krippe unterm Christbaum?“

„Das ist eine geniale Idee. Ein bequemes Kinderbett, dass aussieht wie eine alte Krippe. Das gibt es bestimmt noch nicht.“

„Ach, wollen wir unser Geschäft um Möbeldesign erweitern? Wir haben doch schon genug zu tun. Und außerdem sollte wir bald mal fertig werden. Die endgültige Fassung für den Werbespot müssen wir bis morgen einreichen.“

„Jawohl, Chef.“, antwortete Leonie grinsend, wohl wissend, dass der Mann ihr Angestellter war. Doch diese Grenze hatten beide in ihrem Innenverhältnis längst aufgegeben. „Lass Du mir mein Baby und den Stubenwagen und wir sind fertig. Wie habe ich das alles eigentlich ohne dein Drängeln früher geschafft?“

Nicolai stand auf und küsste Leonie auf die Wange.

„Mein Schatz, denke daran, dass dein Bruder und sein Partner morgen aus Australien eintreffen. Unsere Haushaltshilfe verbringt die Feiertage bei ihrer Familie in Polen und wir müssen das Gästezimmer selbst herrichten. Die Geschenke für meine Eltern müssen auch noch verpackt werden.“

Leonie sackte in ihrem Sessel in sich zusammen und stöhnte:

„So viel zum Thema „Besinnlichkeit“.

Dann blickte sie sich im Wohnzimmer um, das sich im letzten Jahr kaum verändert hatte. Sie schaute zum Fenster, sprang auf und rannte hin.

„Sieh nur, Nicolai, es beginnt zu schneien.“

Er folgte ihr, umschlang sie von hinten mit beiden Armen und flüsterte in ihr Ohr:

„Vor allem ist Weihnachten das Fest der Liebe.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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