Klaus Mattes

Weg, Artern aber noch mitnehmen!

 

Arthritis war das nicht, was mich vor etwa sieben Jahren nach Artern trieb. Vorweg gesagt: Lauschig war's. Thüringen ist weithin äußerst lauschig. Eine Stadt haben sie Lauscha benannt. Nein, es lag an meinem guten Freund Ralf Heckel, einem passionierten Autoren historischer Romane, der mich gebeten hatte, ihn übers Wochenende zu begleiten. Ralf musste hin, zur Jahrestagung der Freien Schriftstellersektion Thüringen (FST), der er noch immer angehörte, weil Ralfs Mutter Luise dermaleinst, noch eine verdienstvolle Autorin historischer Romane, ihn in Kindertagen dort eingeschrieben hat. Zu Zeiten, als es die DDR noch gab, die Familie meines Freunds aber gar nicht mehr drüben in der Heimat wohnte.
 

Wie auch ich hält sich mein Freund Ralf sehr bewusst vom Besitz eines Autos fern und da hatte sich ergeben, dass ihm eine äußerst lange und hoch komplizierte Zugfahrt mit Umstiegen bevorstand. Artern, das ehemalige Salzquellenstädtchen am nordthüringischen Flüsschen Unstrut, die Unstrut wäre unserer Aisch oder Nahe zu vergleichen, er war nie dort gewesen, erschien ihm nach erster, oberflächlicher Netzrecherche ein wenig gestrig und leblos. Er würde sich wohl langweilen müssen, wenn ich nicht mit ihm käme, als stiller, unauffälliger Begleiter, den er ins Tagungslokal im Kyffhäusergrund nicht mitzubringen vorhatte. Ihre Sektionssitzungen wären immer lang und quälend, sagte Ralf.
 

Aber – und das sagte er nicht, ich wusste aber Bescheid – er hatte ein Faible für derlei Postengeschacher und strategische Weichenstellungen bei den Kulturmensch-Assoziationen, die FST war keineswegs die einzige Mitgliedschaft, die Ralf Heckel pflegte, obwohl deren Wert in den Sternen stand. Dieser Ralf ist schon auch ein Vereinsmeier und Machtmensch irgendwie, muss ich wohl sagen. Jedenfalls bot er mir an, auf dem von ihm bezahlten Quer-durchs-Land-Ticket von der DB gratis mitzufahren, mit ihm im Doppelzimmer zu übernachten, es dürfe auch ein Einzelzimmer werden, falls ich noch was vorhätte, er übernehme es. Auch wenigstens eine Mahlzeit in einem der jetzt in Artern zu findenden türkischen Döner-Restaurants wolle er springen lassen.
 

Man wird einwenden, wieso wir denn nicht das Deutschlandticket nahmen. Aber dieses gab es da noch gar nicht. Wir hätten es uns wohl auch nicht für einen einzigen Monat bestellt. Es handelt sich dabei doch um ein zeitlich unbegrenztes Abonnement, das man kündigen müsste, allerdings auch monatlich ohne Kündigungsfrist widerrufen kann. Die höheren Fahrpreise für IC- und ICE-Züge und die damit oft einhergehenden Ermäßigungen für Frühbucher waren für uns nicht in Frage gekommen. Zwischen unserer Ecke im südlichen Deutschland und dem knapp südlich der sachsen-anhaltinischen Grenze gelegenen Artern gibt es solche Verbindungen nämlich nicht, bzw. nur welche, die ihrerseits auch wieder auf die höchste Umständlichkeit hinaus gelaufen wären und wegen der Wartezeiten an den Kreuzungen der Linien beinah ebenso viel Zeit in Anspruch genommen hätten.
 

Die Versammlung der ihrer Herkunft Thüringen verpflichteten deutschsprachigen Schriftsteller sollte an einem frühherbstlichen Samstagnachmittag auf dem Gelände einer „Kyffhäusergrund“ genannten Kleingärtneranlage stattfinden, welche an der Westseite des Städtchens im rechten Winkel von der gen Bad Frankenhausen und dem Kyffhäuser verlaufenden Landstraße abging, unweit der Unstrut. Auch die Abwasseraufbereitungsanlage befindet sich dort draußen, was insofern zählte, als keine der in Frage kommenden Übernachtungsgelegenheiten von ihr betroffen sein würde.
 

Für mich kam das einer glücklichen Fügung gleich, jetzt also doch noch die Flucht zu ergreifen, alles für ein paar Tage hinter mir zu lassen, was schon Monate den Atem mir abdrückte. Ich arbeitete seinerzeit an einem großen, weltrevolutionären Science-Fiction-Roman (der Dietmar-Dath-Schule, doch, doch, er wird schon noch erscheinen, im nächsten Jahr wird es endlich so weit sein), deshalb hatte ich viele Wochen lang das Haus nur für gelegentliche, kleinere Einkäufe in den Abendstunden oder für den Weg zum Müllcontainer verlassen, das Telefon meist nicht mehr abgenommen, wenn es sich doch noch mal meldete.
 

Artern ist nun nicht die Welt. Der MDR-Imagefilm in der ARD-Mediathek zeigte uns vor allem Windräder. Man muss dazu sagen, obwohl wir sie nicht nutzten, Artern liegt unweit der Autobahn. Nicht weit von einem Kreuz in der großen West-Ost-Transversale quer durchs Reich hat es seine eigene lauschige Abfahrt bekommen.
 

Wir wollten im Hotel „Trudchen“ übernachten. Da traf es sich günstig, dass dieses auch noch an der autobahnabgewandten Seite der Stadt lag, nächtliches Grundrauschen also kaum zu fürchten war. Für uns war geschickt, dass das riesige, weithin verwaiste Bahngelände der Rübenstadt nur ein paar Meter vom „Trudchen“ weg lag. Von dort war mit Krach in der Nacht nicht zu rechnen. Die verschiedenen Lokalbahnen, die es gegeben hatte, sind stillgelegt worden. Güterverkehr findet auch keiner mehr statt. Nur Regional-Expresse der Nordthüringenbahn zischen ab und an zwischen Sangerhausen und Erfurt noch vorbei. Sie fahren natürlich nie nach Mitternacht, was in etwa die Uhrzeit war, zu welcher wir für die kommenden zwei Nächte mit dem Einschlafen rechneten.
 

Per Bahn ergaben sich für diesen Ausflug leider volle sechseinhalb Stunden. Dann noch 2 km durchs Dorf bis raus zum Kyffhäusergrund, wo allerdings nur Ralf hin sollte. Die deutschen Restaurants dort schienen mehr oder weniger dichtgemacht zu haben. Eine Kurtaxe gab es im vormaligen Kurort immerhin auch nicht mehr.
 

Ich schloss mich Ralfs Vorschlag an, samstags zu reisen, dafür den Montag dann noch frei zu nehmen, also zwei Nächte zu bleiben. Die FST-Tagung sollte um 14 Uhr in der Kleingärtneranlage Kyffhäusergrund beginnen, nach dem Mittagessen, bis in die Nacht dauern, am darauf folgenden Sonntag abgeschlossen sein, allenfalls noch von informellen kleineren Kaffeetafeln gefolgt werden.
 

Der augenblickliche FST-Chef John Zehnder hat sein Haus, ein wahres Püppchenhäuschen übrigens, mit wilhelminischem Fachwerk, in Artern gekauft und von dorther und seinem Brotgewerbe als Bio-Erde-Aufbereiter den guten Draht zum Kleingärtnerverein. Im Vereinsheim - hatte er in Mails vorab bekannt gegeben - könne man zur Not Isomatten, Futons und Schlafsäcke auslegen und in der Nacht von Samstag auf Sonntag schon noch bleiben. Uns war das zu unbequem vorgekommen. Ich muss sagen, ich wäre nicht mitgefahren, wenn Ralf mir nicht die Möglichkeit verschafft hätte, zwei ruhige Nächte in den Pfühlen des zum Hotel ernannten Gasthofs „Trudchen“ auszurasten.
 

Weder hätten wir angesichts von sechseinhalb Stunden Bahnfahrt das wirklich sehr günstige Quer-durchs-Land-Ticket im Nahverkehr nutzen, noch die Tagung sogar einigermaßen noch rechtzeitig erreichen können, hätte es sich nicht um den Samstag gehandelt. Da ist dieses Ticket nämlich schon vor 9 Uhr morgens gültig. In aller Herrgottsfrühe brachen wir auf, kippten den ersten Becher Kaffee erst im Yorma's im Hauptbahnhof Darmstadt. Wie ausgemacht rannte Ralf von den fast leeren Bahnsteigen der Station Artern im Stechschritt entlang der Hauptstraße ins Städtchen hinein und im Westen dann aus ihm heraus, während ich unser Gepäck unter einiger Verzweiflung, aber Taxis waren keine zu sehen und hätten sich wirklich kaum gelohnt, zum „Trudchen“ hin bugsierte, wo tatsächlich eine ältere Blondierte für den Check-In bereit saß, während im Haus sonst Grabesruhe herrschte. Einen Fahrstuhl, was ich immer sehr schätze, gab es selbstverständlich nicht. Das Zimmer war klein, aber sauber und solide. Die Hellhörigkeit des Hauses ließ sich an diesem äußerst ruhigen Nachmittag nicht erproben. Ich muss sagen, ich habe da in deutschen Gasthöfen schon manches erleben müssen. Wenn man nachts die Fürze und Rülpser angetrunkener Menschen im Nebenzimmer mitbekommt, das geht zu weit. Auch hier schienen die Räume zwar renoviert, aber auch deren Anzahl mittels Trockenmauerbau verdoppelt worden zu sein.
 

Ursprünglich hatten wir den Hinweisen auf TripAdvisor folgen wollen. Es existierten aber anscheinen nur drei Unterkünfte in der Stadt Artern. Die offenbar beste, „Weintraube“ mit Namen, hatte gerade Betriebsferien und schien uns auch etwas teuer. Als Künstler leben wir nun mal nicht wie König Midas. Auch liegt diese „Weintraube“ in einem „Königstuhl“ genannten Stadtteil, wo anscheinend auch noch die nicht besonders vielen Wohnblöcke der DDR und ein Übergangswohnheim für Flüchtlinge sich befanden. Das Bemerkenswerte an vielen kleineren Städten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist ja, dass es Jahrzehnte nach der sogenannten Wende dort immer noch kaum die weit ins Land hinaus greifenden Zonen der Einfamilienhäuser oder Gewerbehallen des Mittelstands gibt, wie wir das im Süden und Westen schon lange kennen.
 

Das Zentrum war wohl nie besonders malerisch, aber doch städtisch und recht manierlich gewesen, den Krieg hatte es gut überstanden, in den späten Siebzigern hatte man auf den Hügel oberhalb eine Schule und einige Wohnblöcke im Betonschnellbau gesetzt. Was immer TripAdvisor sonst als „empfehlenswerte Hotels“ zu bieten wusste, das lag in etwa 7 bis 14 km außerhalb.
 

Besser als das „Trudchen“ kann man kaum liegen. Schon auch der andere Gasthof mit Übernachtungsgelegenheit, der „Riesen“ befindet sich in angenehmer Fußgängerdistanz beim Bahnhof, an der Ostseite der Stadt. Ich hatte allerdings entdeckt, dass „Riesen“ an Montagen und Dienstagen immer nur bis 14 Uhr Betrieb hätte. Es gab eine warme Küche also auch dort, aber abends ist sie immer geschlossen. Und auch an allen Feiertagen. Sowieso konnte ich für keines der Speiselokale eine im Internet einsehbare Speisekarte finden, was mir merkwürdig erschien. Über die Mahlzeiten des „Riesen“ gab es eine einzige Review, in der nur nach zwei von fünf möglichen Sternen gegriffen wurde. Ralf hatte im „Trudchen“ angerufen und uns ein Doppelzimmer im ersten Stock reserviert.
 

Dieses „Trudchen“ liegt exakt zwischen Netto, Getränkemarkt „Schluckspecht“, Grillstand und der Bahn. Sonntags würde diese Ballung von Infrastruktur uns zwar nicht so viel geben, aber es blieben uns immerhin noch Samstag und Montag, wo wir ursprünglich bis zum Nachmittag in Artern zu bleiben gedacht hatten, dann aber sahen, dass es keine Gepäckeinstellmöglichkeit am Bahnhof mehr gab, was für Menschen, die über kein Auto verfügen, hinderlich ist. Wir legten daher jetzt schon fest, wir würden das Frühstück im „Trudchen“ nicht nach neun Uhr einnehmen und anschließend einen mehrstündigen Aufenthalt im schönen Erfurt noch einschieben, wo es Schließfächer gibt. (Allerdings stellte sich dann heraus, dass es Frühstück im „Trudchen“ eh immer nur zwischen sechs und neun Uhr gibt, auch am Sonntag nicht später, wir erschraken.)
 

Auf jeden Fall würde mir, während Ralf sich im Kyffhäusergrund akklimatisierte, ausgiebig Zeit bleiben, um für Vorräte an Getränken und Fressalien zu sorgen. Bei nochmaligem Nachsehen fand ich dann noch, dass das „Trudchen“ sehr wohl eine recht hübsche Speisekarte online vorzeigte, allerdings ohne Preise. Ob es uns dazu zwischen 17 und 23 Uhr reichen würde, war fraglich, und sonntags blieb bei denen die Küche leider kalt, Montag fiel dann auch weg, sodass, um es schon vorweg zu verraten, wir trotz unserer drei Tage im schönen Thüringen zu dem typischen Schweinebraten mit Kraut und Klößen nicht kommen sollten.
 

Eigentlich spielt es kaum eine Rolle, ob man vom „Trudchen“ oder vom „Riesen“ aus den Schritt zum Kyffhäusergrund lenkt. Das gibt oder nimmt sich nicht viel. Im „Riesen“ hätte es 12 Zimmer gegeben, ausschließlich Doppelzimmer. Sie wären wohl einverstanden gewesen, uns zwei Doppelzimmer zu Preisen von Einzelzimmern zu überlassen. Mit zahlreichen Übernachtungen wegen den Autoren war kaum zu rechnen, da, wie Ralf wusste, solche Tagungen so abgehalten werden, dass möglichst viele am selben Tag noch heimwärts brettern können. Und es lud ja auch der Boden des Kyffhäuser-Vereinshauses ein und schließlich und endlich wohl auch John Zehnder die ihm verbundenen Autoren. Er ist ein Spezialist für formal brillante Herbst-Sonette. Wie gesagt, war nunmehr alles auch schon entschieden, es wurden das Doppelzimmer im „Trudchen“ und zwei Nächte. Wobei ich mich zu fragen begann, ob Ralf laut schnarchen würde. Ich selbst schnarche durchaus, aber bei einem selbst merkt man es kaum.
 

Das Unstruttal, was man sich auf keinen Fall als ein enges vorstellen sollte, eher als großräumige, grüne Ebene, fast ohne jeglichen Wald, immerhin stehen inmitten der Kleingärtneranlage Birken und Fichten, wie auch im Salinepark, dieses Unstruttal kannte ich bislang bloß von den Etiketten einiger Rieslingflaschen her und mit dem Ort Freyburg verbunden. Man muss erwähnen, dass, entgegen der Bezeichnung „Hotel Weintraube“, es in dieser Arterner Gegend ewig lange keine Weinfelder mehr gibt. Freyburg kommt erst am Unterlauf, wo es ein Stück lang auch bergiger zugeht, kurz noch vor der Saale, nicht in Thüringen, nicht im Kyffhäuserkreis wie Artern, sondern in Sachsen-Anhalt, dennoch in der Nachbarschaft.
 

Es wäre nicht übel gewesen, wenn der um seine Popularität besorgte Gastgeber John Zehnder selbst den wie Ralf etwas verspätet einlaufenden Kongressteilnehmern ihr Fläschchen Unstrut-Riesling zum Willkommen kredenzt hätte. Bei dieser Gelegenheit sei schon berichtet, dass wir weder in der Samstagnacht noch am Sonntag zu Zehnders gingen, sodass wir das schöne Haus also nicht sahen, allerdings kannten wir es von den Fotoanlagen, die er reichlich vermailt gehabt hatte.
 

Artern ist zwar hübsch, aber ein Kaff gewesen, die Einwohnerzahl war zu jener bis auf 5.500 abgesunken, mittlerweile hat es sich etwas erholt. Regiert wird diese Stadt von angeblich unabhängigen Bürgern, war nicht auch John bei denen? Dazu noch von den Linken und der CDU.
 

Nach der langen Bahnfahrt war Ralf gezwungen, ohne eine stabile Mittagessen-Unterlage, ins Tagungshaus hinaus zu hetzen. Wir hatten allerdings zwei Fleischkässchrippen bei Yorma's im Hauptbahnhof Erfurt verzehrt. Man muss auch gestehen, dass Zehnder, dem an der Wiederwahl wohl einiges lag, sich gut um ein üppiges kaltes Buffet mit Camembert, Weintrauben, Wurst, Dressings, mehreren Brotsorten, Crackers, veganem Nudelsalat, frischem Obst, Snickers und Kuchenstücken gekümmert hatte. (Schwaben oder Bayern wäre das Fehlen von Laugenbrezeln nicht entgangen.) Daneben standen Batterien von Apfelsaftschorle- und Tafelwasser-Fläschchen bereit. Eine Kostenbeteiligung wurde eingesammelt, wie auch eine Umlage zur Saalmiete. Trotz seiner guten Vernetzung war Zehnder offenbar nicht gelungen, den Flachbau ganz umsonst zu chartern.
 

Die Datschen im Kyffhäusergrund reihen sich sehr ordentlich entlang parallel angelegter Wege; die Durchfahrt in der Mitte könnte man als Straße bezeichnen. Die meisten Gebäude, die wie gesagt hübsch von einzelnen Bäumen gerahmt sind, wurden aus Holz erbaut, streifen aber die Dimensionen dessen, was gewöhnlich Haus genannt wird. Sie verfügen über elektrisches Licht, Betten, Kühlschränke und Toiletten mit Wasserspülung. Die rechteckigen Parzellen jeweils von Heckenzeilen begrenzt. Dazu sah man Kinderplanschbecken, Grills, Satellitenschüsseln, Gewächshäuser, Hollywoodschaukeln, Gartenschachspiele, Whirlpools von aldi. Dort wird verglichen, wird kontrolliert, herrscht eine ewige Leistungsschau. Dennoch war kaum ein lebendes Wesen zu sehen an diesem Nachmittag. Das Vereinshaus steht zentral in der Mitte von allem, ist einstöckig und ohne Unterkellerung, groß mit großen Fenstern, die Wände aus Beton. Despektierlich nannten wir es „die Baracke“.
 

Ich kaufte gut Bier ein, diverse kleine Nordhäuser Doppelkorn-Fläschchen, Trockensalami, Haribo-Schnuller, Erdnussflips und ähnliches Zeug mehr, transportierte alles im Rucksack und in strapazierfähigen Plastetüten, die es damals im Osten noch viele und ganz kostenlos gab, erst zum „Trudchen“ und dann in den Salinepark an der Unstrut. Beizufügen wäre, dass Netto (wie alle Märkte von Artern) bis 20 Uhr auf hat, auch am Samstag! Dass es den Norma dort auch gibt, allerdings für unsere Verhältnisse zu weit vom Schuss. Auch aldi Nord ist vorhanden, am westlichen Stadtrand, nicht weit vom Kyffhäusergrund, sodass Ralf sich auf eine Zigarette gut was hätte holen können. Aber wahrscheinlich ahnte er nichts davon. Ich glaube, im Internet hatte ich das schon gesehen, ihm nur zu sagen vergessen.
 

Der anschließende Rundgang ergab, dass es im Ort, außer besagten Döners, wirklich kaum eine Wirtschaft mit irgendwelchen Speisen gab.
 

Ich ging, nicht zuletzt, weil ich es mir besehen wollte, zum Meeting in den Kyffhäusergrund. Außer in den fünf neuen Bundesländern gibt’s das nirgendwo mehr. Dass man als Nichtzugehöriger solche Freizeitzonen von außen her einfach betreten kann. Zu jeder Uhrzeit, nachts, im Winter bei Minusgraden, wenn dort vielleicht Penner nach Wodkaflaschen aus dem Sommer graben. Es gibt überall diese Heckenzäune, aber undurchdringlich sind sie nicht und die Wege führen offen ins Ackerland hinaus.
 

Den Chef Big John Zehnder identifizierte ich anhand seines gebügelten, weißen Hemds, einer schwarzen Fliege, des ergrauten Walrossbarts, des nicht enden wollenden Grinsens. So hatte ihn Ralf, mit dem ich mich nunmehr kurz besprach, im Zug schon beschrieben. Er hatte Big John auch böse persifliert. Zehnder beendete jeden zweiten Satz mit einem kurzen, wie fragend anhebenden „ne?! Zehnder sah gar nicht aus wie ein Thüringer, fand ich. Dann ging mir auf, dass ich wohl nicht berechtigt war zu urteilen, wie echte Thüringer aussehen müssen.
 

„Das zieht sich“, ächzte Ralf und blinzelte zur Tischseite mit den vielen Frauen, von denen keine wirklich gut aussah. Allerdings auch nicht wie Dichterinnen. Aber woher will ich das wissen? Ich treffe doch gar keine mehr. „Okay“, sagte ich, „ich treff dich dann halt erst um 23 Uhr an der Werner-Seelenbinder-Freilichtbühne im Salinepark. Bölke hab ich genügend, werde mehrfach laufen, bis dann.“ Ich skizzierte ihm den Weg und zwar in der Ausführung, wie ich ihn für die kommende, mondlose Nacht erwartete. Damals gab es die Werner-Seelenbinder-Freilichtbühne im Salinepark noch. Heute ist die geschlossen und kommt nur im Sommer für ein paar Tage mit Freilichtkino noch mal wieder. Wie es auch die Salinehalle nicht mehr gibt, dafür jetzt die Kyffäuserarena auf dem Königstuhl, wo damals das Asylantenheim stand, das vorher aber schon mal angezündet worden war. Die Polizei ist dort auch gleich um die Ecke.
 

Einen Moment schoss mir durch den Kopf, dass es in Städten wie Artern zweifelhaft war, ob man um 1 Uhr nachts in so ein „Trudchen“ überhaupt noch eingelassen werden würde. Wenn sie alle schliefen, vom frühen Frühstück träumten und sich dumm stellten … Ich verschwieg ihm diese Sorgen. Ralf hatte genug um die Ohren, die ganzen Leute kamen mir nicht sympathisch vor. Nachher stellte sich raus, dass unser Zimmerschlüssel auch am Seiteneingang ging. In Artern muss man nachts das Haus sowieso nicht abschließen.
 

„Wir haben es hier gerne ruhig und ungestört“, sagten mir mehrere Leute, als ich auf meinem Rundgang mit wachsender Beunruhigung nach den Kinos, Eiscafés, Writer's Lounges, öffentlichen Toiletten, Nagelstudios, Kurze-Shot-Bars, nach Skaterstadion und Kletterparcours fragte, wie ich das aus der Heimat gewohnt bin. Ein Eiscafé zum Beispiel könnte ich in Sondershausen oder Bad Frankenhausen finden, bekam ich zur Antwort. Immer wieder wurde ich auf diese Dönerbuden verwiesen, von denen in der Tat mehrere da waren. Falls man dm mal brauchte (Kondome, Gleitgel), Sangerhausen ist auch nur 12 km entfernt, direkte Zugverbindung. Rossmann sogar schon am Ort, Schönfelder Straße 4 A, bis 20 Uhr. In Rom machen sie auch nicht länger.
 

Bad Frankenhausen mit dem historisch volkseigenen Bauernkrieg-Panorama von Werner Tübke ist nahe und hat sonntags bis 18 h geöffnet. Ralf, der wohl einen historischen Roman zur freien deutschen Bauernbewegung geschrieben, aber bis jetzt noch nicht hatte veröffentlichen können, hatte das gewusst und für Sonntagnachmittag, das Frühstück würden wir ausfallen lassen, angedacht gehabt. Das Problem war allerdings, dass ohne Autofahrer diese Exkursion nicht möglich war, denn das grandiose, neorealistische Rundgemälde steht nicht etwa im Zentrum Bad Frankenhausens, sondern thront hoch darüber, auf der dem Kyffhäuser benachbarten Vorharz-Höhe. Busse fahren selbstverständlich auch keine, zumindest nicht im Herbst.
 

Pünktlich 23 Uhr, er hatte, als es reichte, sich fortgestohlen, ohne Ade zu sagen, Chef Zehnder war gegen Abend bestätigt worden, fand Ralf mich mit Bier auf der offenen Bühne des Seelenbinder-Freilichttheaters einsam hocken. Leider war es recht kühl geworden um diese Zeit. Wir gossen dagegen an. Die Unstrut ist dort ganz nah, von nächtlichem Rauschen unterm Vollmond wie bei Eichendorff konnte allerdings keine Rede sein. Vielmehr klang es hin und wieder wie von kleinen, platzenden Seifenblasen, als wären die Fische aufgetaucht und erlaubten sich einen Scherz mit uns. Die Unstrut ist an ihrem Oberlauf fast noch ein Bach, hat vor der Alten Saline allerdings ihre größte Schleuse liegen, eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten.
 

Artern ist ansehnlich und lauschig, hat aber, seit der Kurbetrieb Anfang 20. Jahrhunderts wegen zu vieler Insekten (von denen kaum noch welche über sind bei all der Landwirtschaft in der Goldenen Aue) eingestellt worden ist, nie wieder zu einem gesunden Selbstbewusstsein der eigenen Attraktivität zurück gefunden. Jedem, der was wissen will, sagt man, er solle nach Bad Frankenhausen oder auf das Minigebirge Kyffhäuser hinauf, wo Kaiser Rotbart unter einem gigantisch verunglückten bekrönten Grabstein sich im Fels versteckt und die AfD ihre germanischen Sonnwendfeiern veranstaltet.
 

„Übrigens urscht feige, wer sich fürchtet vor der finstren Nacht von Artern“, hat Stephen King irgendwo geschrieben. Die Nazis interessierten sich an diesem späten Samstag nicht für uns. Wie auch sonst kein Mensch zur Seelenbinder-Bühne kam, dem wir immer noch gut einschenken hätten können, so viel hatte ich gegen Abend zwischen den Büschen versteckt.
 

Ralf berichtete, nur noch der harte Kern mache die Kyffhäuser Nacht zum Tag. Einige wollten sich morgen Mittag zum Brunch von den Resten und zum Aufräumen in der Baracke noch einmal versammeln. Das wären dann vor allem die hier immer noch schreibenden bodenständigen Thüringer. Von der Mehrheit der FST habe sich herausgestellt, dass die in auffallender Häufung im Raum Düsseldorf, Moers, Krefeld zu finden sei, wo es auch schön sei. Die wären schon vor Stunden gefahren. Er hätte keinen auf den Kyffhäuseraufstieg am Sonntag angesprochen. Ihn übrigens, weil er den Steuerberaterberuf gelernt hat, wollte man fürs kommende Jahr zum Rechnungsprüfer bestallen. Er sei aber jeder Vereinsmeierei abhold, zähle nicht zu Zehnders Fan Base und habe vorgeschoben, er besitze kein Fahrzeug und wisse noch gar nicht, ob er die weite Reise je noch einmal packen könne. Big John hatte angekündigt, Artern stehe auch nächsten Herbst wieder offen. Dagegen hatte sich keine Stimme erhoben.
 

Es fehlt hier häufig an gutem Rat,
Unmut wächst sich aus zur Flut.
Die Unstrut voller Unrat gerät in Unruh,
Wo kein Damm den Dienst tut,

Wächst Umwälzung ins Unabweisliche.

 

So dichtete Ralf spontan und wir lachten beide drüber. Wir wussten, Ralf taugte zum lyrischen Dichter nicht viel. Seine Epen hackte er dagegen runter wie der Tornado.
 

Als wir zum „Trudchen“ einbogen, bildeten Autos die gesamte Arterner Bevölkerung. Die schauten stockbesoffen hinter uns her. Wir schlossen das offene Fenster, es war dann doch zu kalt. Ich hatte nachmittags den Eindruck gehabt, hier würde es nach irgendwas riechen. Dabei liegt die Abwasseraufbereitungsanlage im Westen an der Unstrut, hier im Osten liegen Felder mit Solarpanels jenseits der Gleise. Ralf meinte, es wären die Zuckerrüben, die ich roch.
 

Während der Erkundung der historischen Stadtmitte war mir ein verblichener Zeitungsausriss zwischen die Finger geraten, in dem von einer Bürgermeisterin von der CDU geschrieben stand, mittlerweile ist sie nicht mehr im Amt, die etwas über das auf dem Königstuhl beim ehemaligen DDR-Konsum eingerichtete Übergangswohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesagt hatte.
 

„Unter den Arterner Gästen der feierlichen Eröffnung zeigte sich Bürgermeisterin Christine Zimmer (CDU) äußerst angetan von dem umgebauten Flachbau, der bis vor gut einem Jahr noch die „Kleine Kneipe“ beherbergte sowie ein griechisches Restaurant. Gegenüber, im einstigen Tegut-Markt, befindet sich das Wohnheim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. „Ich bin erfreut, was aus diesem Haus geworden ist“, sagte Frau Zimmer. „Ich denke, das tut unserer Stadt gut, an Gastronomie haben wir ja nicht mehr so viel.“
 

Ich hatte mich also nicht verguckt. An manchen Tagen gibt es nur noch Döner. Das Abendland wird islamisiert. Das Leben im Osten ist ständig schwieriger geworden, als es dem Laien vorkommen mag. Krisen des Bewusstsein umzingeln den einfachen Thüringer Bürger. Hätte ein einzelner Grieche unter solchen Umständen je noch was reißen können?


 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Bild von Klaus Mattes

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Strophen und Marotten von Götz Grohmann



Dieser eigenwillige, humorvolle und originelle kleine Gedichtband stellt einen Querschnitt der Arbeiten von Götz Gohmann dar mit Gedichten für Kinder und Erwachsene zum lesen und zum singen. Die Lustigen Katzen, die auf der Ausstellung das Erscheinen der Besucher als Modenschau kommentieren, das Mäuschen vor dem leeren Schrank das singt: „Piep, piep der Speck ist weg“ oder die Nachtigall, die spielt Krähe spielt und von ihren schlimmen Beobachtungen aus der nächtlichen Großstadt erzählt, sie alle haben Ihre Marotten, die vielleicht auch manchem Leser nicht ganz unbekannt sind.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Reiseberichte" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Demo-Kritt Grüne G): Winner Kretschmann und die OBs von Klaus Mattes (Umwelt)
Pilgertour X V. von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)
Bitte zurück bleiben von Norbert Wittke (Glossen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen