„Ich weiß nichts über die Probleme zwischen deiner Mutter und dir“, sagt Georg. „Die musst du selber klären. Aber irgendwie steckst du mir im Blut, Himmel, ich war so jung damals - und dann kamst du, ein Mädchen aus der Großstadt. Du hattest ein weißes Kleid an und bist auf einem Karussellpferd geritten beim Schützenfest. Ich war damals zwölf und du wahrscheinlich zehn.“ Georg lacht. „Ich habe mich sofort in dich verliebt, und all die anderen, die danach kamen, sahen dir ein bisschen ähnlich.“
Georg lügt doch mit Sicherheit. „Das weißt du noch?“, jetzt muss ich auch lachen. „So was gibt's doch gar nicht! Meine erste Erinnerung an dich ist, dass du über mir warst auf einer Wiese und mich erst irgendwie geküsst und danach angespuckt hast. Also erzähl mir nix über so ein sentimentales Zeug!“
„Manche Erinnerungen wird man einfach nicht los, sie sind wie ein Mückenstich“, Georg grinst irgendwie. „Er juckt und man kann sich kratzen noch und noch, aber er juckt immer mehr ...“
Wieder muss ich lachen: „Ich bin keine besondere Mücke, ich steche wie andere Mücken. Und Illusionen sind doch Kacke! Sie halten nie das, was man sich von ihnen verspricht! Manchmal bleibt nur ein Juckreiz zurück ...“ Hilfe, was erzähle ich da? Juckreiz? Meine Mutter stirbt vielleicht und ich unterhalte mich mit einem fast Unbekannten über Juckreiz? Es hat was Vertrautes und das ist nicht richtig. Nicht jetzt und überhaupt nicht!
„Das mag sein, Tony. Ist mir aber egal. Ich will mehr von dir wissen, ich will wissen, ob ich recht damit hatte, mich als Kind in dich zu verlieben. Und auch noch als hormongesteuerter Jugendlicher. Ich will dich kennenlernen, um das widerlegen zu können.“ Er zögert ein bisschen, bevor er weiterspricht: „Denn das nervt mich mittlerweile.“
„Kannst du sofort loswerden! Denn das mit dem Kennenlernen geht nicht, ich bin in festen Händen, und ich liebe meinen Freund, ich liebe ihn so sehr, dass es mir manchmal wehtut, denn ich glaube, ich bin nicht gut genug für ihn.“ Atemlos höre ich auf zu reden. Was ist los mit mir? Warum erzähle ich diesem Georg alles, was mich bewegt? Es muss an der alten Heimat liegen, am Dorf und an meiner Kindheit. Oder am Sterben meiner Mutter? Bin ich im Augenblick besonders angreifbar? Und sind meine Ängste berechtigt? Bin ich wirklich nicht gut genug für Hardy? Kann ich seine dominierende Erscheinung auf Dauer nicht aushalten? Und die Frau, die ihn verfolgt? Und dass alle Frauen sich sofort in ihn verlieben?
„Du hast Zweifel, Tony. Warum?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich, kleinlaut geworden. „Ich bin furchtbar, denn jeden Mann, der sich in mich verliebt, den vergraule ich.“ Und denke dabei an Robert, der mich heiraten wollte. Und an Bruce, mit dem ich geschlafen habe aus Rache an Hardy. Oh ja, ich habe alle vergrault und das mit unbeabsichtigter Absicht. Paradox irgendwie.
Georg sagt gerade: „Das ist jetzt nicht wichtig. Nein, ich will nichts von dir, um Himmels Willen nein! Aber ich werde dir helfen, wenn deine Mutter sterben sollte. Und ich befürchte, das wird schon bald geschehen.“
So bald schon? Ich habe Angst davor. „Okay“, sage ich zögerlich. Auf einen guten Freund sollte man nicht verzichten. Aber er wird auch meine dunklen Seiten kennenlernen und ich hoffe, sie schrecken ihn nicht ab. Der andere Quatsch von wegen Kindheitsphantasien ... So toll bin ich nicht, bin weder die Hübscheste, noch sexy. Ich schaue an mir herab, ich trage einen schwarzen Pullover, eine graue bequeme Hose und gefütterte Stiefel, denn in Daarau kann es im Januar verdammt kalt werden. Hoffentlich habe ich genug warmes Zeug eingepackt.
„Ich komme bei dir vorbei in den nächsten Tagen. Deine Mutter wird sterben, und danach wirst du jede Unterstützung brauchen, allein schon wegen der Formalitäten. Ja, ich weiß, es hört sich grausam an, aber es ist so. Und ich werde deine Mutter vermissen.“ Georg steht auf, geht zu meiner Mutter hin, hält kurz ihre Hand, sagt leise etwas zu ihr - und verlässt dann wortlos das Krankenzimmer.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2024.
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