Ingrid Grote

KOPFBAHNHÖFE, Teil 11 - GESPRÄCHE UND DAS STERBEN


„Ich weiß nichts über die Probleme zwischen deiner Mutter und dir“, sagt Georg. „Die musst du selber klären. Aber irgendwie steckst du mir im Blut, Himmel, ich war so jung damals - und dann kamst du, ein Mädchen aus der Großstadt. Du hattest ein weißes Kleid an und bist auf einem Karussellpferd geritten beim Schützenfest. Ich war damals zwölf und du wahrscheinlich zehn.“ Georg lacht. „Ich habe mich sofort in dich verliebt, und all die anderen, die danach kamen, sahen dir ein bisschen ähnlich.“
Georg lügt doch mit Sicherheit. „Das weißt du noch?“, jetzt muss ich auch lachen. „So was gibt's doch gar nicht! Meine erste Erinnerung an dich ist, dass du über mir warst auf einer Wiese und mich erst irgendwie geküsst und danach angespuckt hast. Also erzähl mir nix über so ein sentimentales Zeug!“
„Manche Erinnerungen wird man einfach nicht los, sie sind wie ein Mückenstich“, Georg grinst irgendwie. „Er juckt und man kann sich kratzen noch und noch, aber er juckt immer mehr ...“
Wieder muss ich lachen: „Ich bin keine besondere Mücke, ich steche wie andere Mücken. Und Illusionen sind doch Kacke! Sie halten nie das, was man sich von ihnen verspricht! Manchmal bleibt nur ein Juckreiz zurück ...“  Hilfe, was erzähle ich da? Juckreiz? Meine Mutter stirbt vielleicht und ich unterhalte mich mit einem fast Unbekannten über Juckreiz? Es hat was Vertrautes und das ist nicht richtig. Nicht jetzt und überhaupt nicht!
„Das mag sein, Tony. Ist mir aber egal. Ich will mehr von dir wissen, ich will wissen, ob ich recht damit hatte, mich als Kind in dich zu verlieben. Und auch noch als hormongesteuerter Jugendlicher. Ich will dich kennenlernen, um das widerlegen zu können.“ Er zögert ein bisschen, bevor er weiterspricht: „Denn das nervt mich mittlerweile.“
„Kannst du sofort loswerden! Denn das mit dem Kennenlernen geht nicht, ich bin in festen Händen, und ich liebe meinen Freund, ich liebe ihn so sehr, dass es mir manchmal wehtut, denn ich glaube, ich bin nicht gut genug für ihn.“ Atemlos höre ich auf zu reden. Was ist los mit mir? Warum erzähle ich diesem Georg alles, was mich bewegt? Es muss an der alten Heimat liegen, am Dorf und an meiner Kindheit. Oder am Sterben meiner Mutter? Bin ich im Augenblick besonders angreifbar? Und sind meine Ängste berechtigt? Bin ich wirklich nicht gut genug für Hardy? Kann ich seine dominierende Erscheinung auf Dauer nicht aushalten? Und die Frau, die ihn verfolgt? Und dass alle Frauen sich sofort in ihn verlieben?
„Du hast Zweifel, Tony. Warum?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich, kleinlaut geworden. „Ich bin furchtbar, denn jeden Mann, der sich in mich verliebt, den vergraule ich.“ Und denke dabei an Robert, der mich heiraten wollte. Und an Bruce, mit dem ich geschlafen habe aus Rache an Hardy. Oh ja, ich habe alle vergrault und das mit unbeabsichtigter Absicht. Paradox irgendwie.
Georg sagt gerade: „Das ist jetzt nicht wichtig. Nein, ich will nichts von dir, um Himmels Willen nein! Aber ich werde dir helfen, wenn deine Mutter sterben sollte. Und ich befürchte, das wird schon bald geschehen.“
So bald schon? Ich habe Angst davor. „Okay“, sage ich zögerlich. Auf einen guten Freund sollte man nicht verzichten. Aber er wird auch meine dunklen Seiten kennenlernen und ich hoffe, sie schrecken ihn nicht ab. Der andere Quatsch von wegen Kindheitsphantasien ... So toll bin ich nicht, bin weder die Hübscheste, noch sexy. Ich schaue an mir herab, ich trage einen schwarzen Pullover, eine graue bequeme Hose und gefütterte Stiefel, denn in Daarau kann es im Januar verdammt kalt werden. Hoffentlich habe ich genug warmes Zeug eingepackt.
„Ich komme bei dir vorbei in den nächsten Tagen. Deine Mutter wird sterben, und danach wirst du jede Unterstützung brauchen, allein schon wegen der Formalitäten. Ja, ich weiß, es hört sich grausam an, aber es ist so. Und ich werde deine Mutter vermissen.“ Georg steht auf, geht zu meiner Mutter hin, hält kurz ihre Hand, sagt leise etwas zu ihr - und verlässt dann wortlos das Krankenzimmer.

-*-*-*-*-*-*-
Ich fühle mich seltsam allein und verlassen. Vielleicht, weil er ein Teil meiner Kindheit ist? Oder weil ich am Anfang dieser Zeit noch ein glückliches Kind war?
Kurz darauf kommt mein Vater herein. „Tony, mein Töchterchen, schön, dass du gekommen bist“, sagt er, umarmt mich kurz und setzt sich dann neben mich. Wir schauen meine Mutter an. Es sieht aus, als ob sie friedlich schläft. Ach wenn sie doch nur normal und friedlich schlafen würde ...
„Was meinst du, wie es ihr geht?“, fragt Daddy mich.
„Ich weiß es nicht, Daddy. Aber ihre Augen sahen furchtbar aus. Ich glaube, das wird nichts mehr.“ Wieder kommen mir die Tränen. Und ich muss wieder an meinen Kater Toddy denken, er hatte genauso braune Augen wie jetzt meine Mutter. Und ich musste ihn einschläfern lassen. Der arme Toddy, er hat mich so geliebt und ich ihn auch. Sein Leben dauerte nur ein paar Monate. Nach ihm kamen Pascha und Kiddie ins Häuschen zu mir und Parker.
„Ja, könnte sein“, sagt Daddy gerade, „und ich habe Angst davor. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn sie nicht mehr lebt. Und ich habe ihr doch soviel angetan ...“
Mein Vater, der absolute Fremdgeher kriegt auf einmal ein schlechtes Gewissen. Und ich selber? Ich habe ihr auch soviel angetan. Nämlich meine Unbeugsamkeit und meine Verweigerung zu weinen. Ich war eine schlechte Tochter.
„Ach Daddy, du wirst dich nie ändern!“ Und ich mich vielleicht auch nicht, denke ich nebenbei.
„Ja, ich weiß ...“, sagt er.
Wir fahren nach Hause, ich packe meine Sachen aus und deponiere sie unten im Souterrain, dort gibt es ein großes Zimmer mit einem Bauernbett, einer Kochplatte und einer Spüle, es ist fast schon ein Apartment mit dem großen Badezimmer gegenüber. Ich packe meine Sachen in den Kleiderschrank und den anderen Krempel in das Bad. Putze mir die Zähne und denke an Hardy. Was mag der jetzt wohl treiben? Nein, ich bin mir sicher, dass er nichts Schlimmes treibt.
Ich gehe nach oben ins Wohnzimmer. Mein Vater sitzt dort und grübelt vor sich hin. Ich setze mich zu ihm.
Das Telefon klingelt. Endlich! Hardy ruft mich an.
Nein, es ist nicht Hardy, es ist jemand aus dem Krankenhaus, und ich kann die Worte zuerst nicht realisieren. Dann aber doch.
Meine Mutter ist gerade gestorben. Sie sagen, dass sie unter starken Schmerz- und Betäubungsmitteln stand und nichts mehr gespürt hat bei ihrem Sterben.
Ich muss tief aus- und einatmen, stehe irgendwie unter Schock, bekomme keine Luft mehr. Es ging alles so schnell. Warum bin ich nicht eine Stunde länger bei ihr geblieben? Bei meinem kranken Kater Toddy bin ich bis zum letzten Augenblick geblieben, habe ihm übers Köpfchen gestreichelt und seine Pfote gehalten, habe ihm gesagt, alles wird gut. Bis er durch die Spritze starb.
„Sie ist gerade gestorben“, sage ich mühsam zu Daddy. Der sitzt auf dem Sofa wie erstarrt. Ich versuche meinen Vater zu trösten, das ist schwer, denn ich weiß nicht, was ich da tun könnte. Ich umarme ihn nur schweigend - und wir verharren für eine lange Zeit so.
Irgendwann greife ich mir das Telefon und rufe Hardy an. Er ist sofort dran.
„Hardy, mein Psy San, wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, meine Süße, aber dir, ich weiß nicht ...“
„Meine Mutter ist gerade gestorben, und ich hoffe, ihr Sterben war nicht furchtbar. Sie wollte gehen“, ich muss eine längere Pause machen, bevor ich weiterspreche: „Ich werde noch ein paar Tage hierbleiben müssen. Mein Vater kriegt das allein nicht auf die Reihe, den ganzen Beerdigungsmist. Und ich auch nicht. Ich muss mir Hilfe suchen. Da gibt es eine Tante, die kennt sich damit aus. Und ein alter Freund aus Kindertagen wird mir auch helfen.“
„Soll ich zur Beerdigung kommen?“, fragt er.
Ich muss überlegen. Natürlich wäre es schön, ihn hier zu haben, aber ich will ihn nicht unnötig strapazieren. Also sage ich: „Das ist lieb von dir. Aber besser nicht. Es ist vorbei, und so eine Beerdigung ist doch nur eine leere Hülse, nur da wegen der Tradition. Und es gibt ja auch noch keinen Termin dafür.“
„Bleib so lange du kannst und willst“, sagt Hardy. „Die Katzen leben noch und ich liebe dich!“
„Ich hab dich auch lieb, mein Psy San!“ Es ist selten, dass wir uns solche Liebeserklärungen machen, aber wenn, dann ist es immer wunderbar und ich fühle mich getröstet. „Kümmere dich gut um die Katzen“, sage ich noch.
Trotzdem bin ich im Innersten schrecklich einsam. Das Haus ohne meine Mutter ist so leer. Und ich vermisse sie. Wer hätte das jemals gedacht? Aber noch tut es nicht wirklich weh. Vielleicht kommt der richtige Schmerz erst später. Vielleicht trifft er mich irgendwann unerwartet. Aber jetzt noch nicht.
    



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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