Klaus Mattes

Mattes Lächeln 6 Der Tafel-Laden

 

Tafel-Läden gibt es überall. Berliner Tafel, Schwäbische Tafel, Rheinische Tafel und so weiter. Läden, bei denen alle Lebensmittel billiger sind, man allerdings nicht bedient wird, wenn man keinen Ausweis vorzuweisen hat, den nur haben kann, wer seine Bedürftigkeit mit Dokumenten belegt.
 

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

 

In Deutschland ist dieser Satz abgenickt gewesen, als die Bundestagsabgeordneten von SPD und Grünen 2004 es ihrerseits auch noch mal taten und Stufe IV der Hartz-Gesetze in Kraft setzten.
 

Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung und Menschenrechte, waren die „Arbeitshäuser“ der letzte Schrei auf dem Feld der Armenfürsorge. Konnte einer aus eigener Kraft sich nicht nähren oder war er obdachlos, wurde er ins Arbeitshaus, ein großes Gehäuse am Rande der Stadt, eingewiesen. Im Tausch gegen kostenlose Speisung und kostenfreies Wohnen waren einfache Arbeiten zu verrichten, Bürstenbinden zum Beispiel. Und war nach den Gesetzen dieser Einrichtungen zu leben. Insassen durften nach Sonnenuntergang nicht herumstromern. Sie sollten nicht trinken oder sich gar zu Mobs versammeln. Von solchen Häusern her kann eine Linie bis zu den 1933 geschaffenen Konzentrationslagern der Nationalsozialisten gezogen werden. In jenen frühen Jahren der neuen Ära war die Arbeit noch nicht dazu da, die Menschen zu vernichten, sondern hauptsächlich dafür, politisch unzuverlässiges Gesindel gewaltig einzuschüchtern.
 

Wer Tätigkeiten, die vom jeweiligen Jobcenter-Fallmanager als angemessen für ihn betrachtet werden, heutzutage ablehnt, für den gilt wieder: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Über mehrere Stufen wird er so lange herunter sanktioniert, finanzielle Unterstützung nach jeweils gestaffelter Intervalldauer ihm entzogen, bis er sich nicht mehr richtig ernähren kann. Der deutsche Wählerwille findet das gut. Wahrscheinlich.
 

Oder sagen wir, die seinen Willen repräsentieren, die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, fanden es richtig und produktiv. 2004 wurde im Parlament darüber abgestimmt. Seitdem haben sie sich keines Anderen besonnen, wenn auch, so oder so, schon mal etwas herum argumentiert. Es kam zu Fällen wie jenem des Berliners im Hungerstreik, den, nachdem er ihm angewiesene Jobs in Call-Centern mehrfach verweigert hatte, seinem Werdegang wären diese nicht entsprechend, das Jobcenter bis auf 27 Euro im Monat hinunter stutzte. (Wer nicht glaubt, dass solche Dinge sich zutragen in unserer Mitte, möge mit ein wenig Googeln die allgemeine Erhellung befördern.)
 

Aber es gibt, weit in die Geschichte zurückreichend, andere Traditionen schon auch. Die Sozialfürsorge der Kirchen. Man sieht es heute wieder in der Frage der Flüchtlinge. Die großen Kirchen waren der Ansicht, es wäre Hilfe zu leisten, wann immer der Mensch in Not ist und menschenwürdig nicht mehr existieren kann. Armenspeisung in Klöstern, von Nonnen geführte Spitäler für Kranke und Alte, Hospize für an unheilbaren Krankheiten Sterbende gab es.
 

Bürgerliches Wirtschaften rechnet so etwas dann aber gründlich durch. „Was hätte dieser Ausgehaltene uns an Wohlstand noch erzeugen können, wenn er in dieser Zeit etwas gearbeitet hätte? Was hat es uns gekostet, dass der nicht verhungert ist? War der Typ das eigentlich wert?“ Im 19. Jahrhundert traten dann Priester auf, oft evangelische, die forderten, wer ohne Verschulden in Not geraten sei, bekomme weiterhin Hilfe, wer die schlimme Lage allerdings selber verschuldet hätte, bekomme nichts mehr und hätte es als Zeichen Gottes, endlich sein Leben zu bessern, aufzufassen.
 

„Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.“
 

In den Agenturen für Arbeit lebt die Tradition der Schulderforschung auch jetzt noch. Drei Monate zahlen sie einem keine Hilfe, wenn man das Arbeitsverhältnis selbst gekündigt hat. Wen dagegen der Unternehmer nicht mehr wollte oder brauchte, der bekommt vom ersten Tag an Geld. Die Schuld liegt in diesem Fall also nicht darin, auffallend schlecht gearbeitet zu haben, sondern darin, eine Arbeit, die man hätte behalten können, für unzumutbar gehalten und aufgegeben zu haben. (Es gibt dort eine Routinenachfrage nach schriftlicher Begründung, doch werden solche Begründungen in aller Regel als nicht stichhaltig abgeheftet.)
 

Nachdem bürgerliche Geschäftsleute Adel und Geistlichkeit abgelöst hatten, musste die soziale Sicherung durch die Kirchen in sich zusammenfallen. Zum Einen flossen den Kirchen viel weniger Einnahmen zu, zum Anderen konnten viele Menschen in der Landwirtschaft nicht überleben, suchten nach einer Alternative, fanden sie in den Städten des Bürgertums in bezahlter Arbeit, in Fabriken, die zu Beginn des 19 Jahrhunderts noch lange nicht so voller Maschinen waren, wie wir uns das heute vorstellen, aber doch schon Fabriken mit Hunderten von Arbeitern. Die allermeisten Klöster waren seit den Kriegen mit Napoleon aufgelöst. Wo es keine Mönche und Nonnen gab, da gab es keine Klostersuppe zu essen.
 

An ihre Stelle mussten „gemeinnützige Unternehmen“ treten, die man nach privatwirtschaftlich Vorbildern bewirtschaftete. Die großen Kirchen und auch weitere Organisationen aus der Zivilgesellschaft unterhalten Wohlfahrts-Unternehmen. Abschöpfen eines Profits ist ihnen nicht erlaubt. Sie erwirtschaften oft sogar ein gewisses Minus, das von Zuschüssen der öffentlichen Hand, also Subventionen der Steuerzahler ausgeglichen wird. Hierbei fallen vor allem die Personalkosten ins Gewicht. Welche mithin nicht in vollem Umfang vom Gemeinwesen aufgebracht werden müssen, auf der anderer Seite Arbeitsplätze darstellen, also eine Reihe von Menschen, beispielsweise Sprachlehrer für Deutsch, davor bewahren, selbst zu Fällen der Armenfürsorge zu werden. Dieser Sektor, obwohl riesengroß, wird bei den immer wieder angesetzten Debatten über die sogenannte Staatsquote in Deutschland schmählich übergangen. Genauer gesagt, man kann die Kosten wie auch die Arbeitsplätze - je nach Belieben - mal der Privatwirtschaft, mal dem Staat zuordnen.
 

Wen seine Agentur auf 27 Euro gekürzt hat, der muss immer noch nicht Hungers sterben. Es gibt die Tafel-Läden doch auch! Sie urteilen nicht nach persönlicher Schuld, sondern nach Prüfung einer real vorliegenden Armutslage, die auch gegeben ist, wenn das Jobcenter eine Sperre verhängt hat, wegen eigener Kündigung, Versäumnis von Gesprächsterminen oder Zurückweisung eines Vermittlungsangebots.
 

Tafel-Läden verkaufen Nahrung zum winzigen Preis und zwar jedem, der ihrer bedarf. Hierin ähneln sie sogar Blau & Laddel, dem sehr großen deutschen Handelsriesen. Dort ist ebenfalls jeder gern gesehen, solange er ein kleines bisschen Geld noch zu geben hat, ob er nun Nazis wählt, Kinder schlägt oder das Kindergeld für Underberg ausgibt. Kriegt einer monatlich noch 27 Euro, schenken die Tafel-Läden ihm das Essen sogar. Nach Prüfung aller Umstände stattet man ihn mit Einkaufsschecks aus. Blau & Laddel kann das nicht tun, solange es eine Konkurrenz gibt, die wegen Wettbewerbsverzerrung klagen kann. (Sonst würde Blau & Laddel ein paar Probleme vielleicht damit lösen, dass er in den Verfallsprozess übergegangene Lebensmittel an Arme verschenkt, die er längerfristig an sich zu binden gedenkt, sie könnten auch mal wieder Whiskey, Cognac und Silvesterkaviar kaufen, falls ihre Lage sich je noch mal bessert.)
 

Um keinen irrigen Eindruck aufkommen zu lassen: Es trifft nicht zu, dass man Hartz-IV-Empfänger sein muss, um Kunde der Tafeln werden zu dürfen. (Die allermeisten sind’s allerdings.) Man muss ein geringes Einkommen nachweisen können. Unter den Tafel-Kunden sind Rentner, Behinderte, Frührentner, Schüler, Minijobber, allein erziehende Mütter. Hunderttausende, wenn nicht Millionen, nähren sich von Lebensmitteln, die Blau & Laddel und andere den Tafeln geschenkt haben. Entsprechend dezente Hinweise auf Herzensgüte haben Sie bei Blau & Laddel bestimmt auch schon mal gesehen.
 

Einst gehörte ich zur Tafel-Kundschaft.

Über Jahre hinweg.
 

Warum stehen vor den Türen der Tafelläden lange Schlangen? Meist orientalisch wirkende Ausländer, Mütter mit schreienden Kindern, miesepetrige Alte.
 

Tafel-Läden haben nicht so lange offen wie Blau & Laddel. Meiner hatte 5 Stunden auf, an Werktagen. 3 vor der Mittagspause, am Nachmittag noch mal 2 Stunden. Samstags zweieinhalb, diese ohne Pause. Man muss sich klar machen, dass um den Verkauf herum noch so manche andere Arbeit anfällt. Die Ware auspreisen, Regale füllen, Tagesabschluss machen, Abfälle entsorgen, Verpackung, Verdorbenes, Sauberkeit von Ladenlokal und Lagerraum! Etliche der in Tafelläden Tätigen sind ehrenamtliche Helfer. Sie arbeiten freiwillig und selbstlos, bekommen nicht gleich überhaupt kein Geld, sondern eine kleinere „Aufwandsentschädigung“. Oft handelt es sich um Rentner, meiner Beobachtung nach eher nicht solche, die selbst früher in der Branche tätig gewesen waren, eher Beamte oder langjährige Hausfrauen aus Wohlstandshaushalten.
 

Den Tafel-Laden kann man nicht ausschließlich mit ehrenamtlichen Helfern abwickeln. Ein oder zwei Personen, zumeist Frauen, die „Chefinnen“, müssen die Verantwortung tragen, ständig präsent sein, als wäre es ihr eigenes Unternehmen. Mitarbeiter anleiten, unterhalten, kontrollieren. Wir stellen an dieser Stelle gerade fest, dass, jenseits aller Blau-&-Laddel-Ketten, es nicht das Schlechteste ist, wenn der Staat caritative Wohlfahrtsunternehmen bezuschusst. Wenn auch vielleicht nur indirekt. Also nicht mit direkten Finanzspritzen, vielmehr, indem er Langzeit-Arbeitskräfte an die Tafeln vermittelt und deren Lebenshaltung dann weiterhin besorgt, während sie dort unter Vertrag sind. (Befristete Wiedereingliederungs-Jobs, vormals gelegentlich Ein-Euro-Jobs genannt. Dieselben existieren schon viele Jahre nicht mehr. Will sagen, heißen heute anders.)
 

Beschäftigungsprogramme werden aufgelegt, unter der Vorgabe, wegen so einer Subventionierung würden dem sonstigen Einzelhandel weder Profite noch dem Arbeitsmarkt Stellen weggenommen. „Marktfähig werden!“, hat eine Kanzlerin mal gesagt. Marktfähig muss der Tafel-Laden allerdings gerade nicht sein. Sondern, das haben wir nebenbei schon gesehen, er stellt eine Art Reservat für an sich noch arbeitsfähige Menschen dar, die sonst keiner für irgendwas einstellen würde. Rentner, die nur vier Stunden die Woche durchhalten oder sich dem sechzigsten Geburtstag nähernde Frauen aus Mittelasien, die Deutsch zumindest nicht auch noch schreiben können.
 

Der mir bekannte Laden unterstand vor Jahren zwei „Russinnen“. Von den Kunden stammten einige auch aus jenem Teil des eurasischen Festlands. Daher wurde immer wieder versucht, eine besondere Vertrautheit zu den „Chefinnen“ zu konstruieren, indem man sie auf Russisch ansprach. Im Allgemeinen entzogen sich die zwei Damen, indem sie strikt nur auf Deutsch antworteten. Natürlich gab es dann doch immer wieder mal Gespräche, bei denen die Beteiligten es vorzogen, von der im Laden pausenlos gegenwärtigen sonstigen Kundschaft nicht verstanden zu werden.
 

Die Arbeitsbedingungen von Beschäftigungsmaßnahmen sehen höchstens 30 Stunden Arbeit in der Woche vor. Schon darum kann eine „Chefin“ auch nicht immer vor Ort sein - wie vielleicht eine Filialleiterin von Blau & Laddel. Ohne sie läuft aber nichts. Ehrenamtliche können den Kassenabschluss nicht machen. Auch kann man nicht fünf Chefs parallel in Schichten einsetzen. (Chefs sind meist mehr oder weniger einzeln.) Allmählich verstehen wir, warum die Öffnungszeiten des Tafel-Ladens eher kurz bemessen sind, die Schlangen dagegen lang und immerdar. (Verlängerte Öffnungszeiten hat es jedenfalls nie dort gegeben, als ich da noch einkaufte.)
 

Uns schwant: In diesem Markt herrscht der oft so über alle Maßen gelobte „Freie Markt“ durchaus nicht! Es wird nicht geschaut, was die Leute vielleicht auch noch mehr zu zahlen bereit wären, die Preise werden vielmehr festgesetzt, einige Kunden bekommen die Ware sogar geschenkt. Die Angestellten werden von den einen Leuten bezahlt, geführt aber von anderen. Ständig steigende Nachfrage führt weder zu ständig wachsendem Umsatz noch zu längeren Öffnungszeiten und mehr Personal. Es ist so was wie Bürokratenwirtschaft, also nicht wirklich neu für ältere „Russinnen“. Ich lernte dann auch recht bald, dass man sich eigentlich zeitlich mit einer Freundin hätte vorher absprechen müssen, die draußen in der Schlange in der Gasse schon mal für beide ansteht. (Gewissen Unmut gab es öfter, wenn einer der bisher für nur eine wartende Person geführte Warteplatz dann noch auf drei Kunden verteilt wurde. Aber durchsetzen konnte man sich dagegen nicht.)
 

Damit dieser Laden zu Stoßzeiten nicht überrannt wird, steht ein Wächter am Einlass, der Zutritt wird rationiert. Bezahlen kann nur, wer einen Drahtkorb mit Henkel auf den Kassentisch stellt. Von solchen Körben gibt es nur eine begrenzte Menge. Der Wächter macht die Tür auf, gibt den nächsten Korb heraus, an den Ersten in der Schlange, macht nach dessen Eintreten die Türe ganz schnell und entschieden wieder zu. Die Schlange, die sich schon eine halbe Stunde vor Öffnung aufgebaut hatte, geht auch mit der Zeit nicht weg. Man steht hier jedes Mal an, bald hat man sich daran gewöhnt.
 

Zu so einem System muss man sich jetzt noch die weiblichen Verwandten der Korbträgerin und ihre Kinder hinzu denken, die zwischen den Regalen ausschwärmen, sodass derartige Kundinnen in wesentlich kürzerer Zeit deutlich mehr Güter zusammenraffen als ich, der alleinstehende Herr gehobenen Alters. Eher selten brachte der Türwächter es übers Herz, entgegen des lauten Geplärrs, kleinen Kindern, die schon laufen konnten, die Tür zu versperren, solange die Mutter drinnen war. Einkaufswagen gab es übrigens nie. Mein Laden war dafür viel zu klein und viel zu eng. Ein eigenes mitgebrachtes Wägelchen ließ man besser draußen, denn, wie gesagt, bezahlen konnte nur, wer den Korb dabei hatte.
 

Wie ist es mit der Produktqualität?
 

Gammelware, Verdorbenes, Abfall werden nicht (!) verscherbelt. In Deutschland müssen abgepackte Lebensmittel ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufweisen. Geschäfte können Waren mit abgelaufenem Datum nicht mehr zu reduzierten Preisen abstoßen. Allerdings können sie, wenn der heutige Tag als Ablaufdatum draufsteht, heute um zehn vor zehn Uhr das Produkt noch verkaufen. Viele reduzieren die Preise solcher Artikel dann aber schon zwei, drei Tage vor Erreichen des MHD, besonders, wenn das Wochenende kommt. Blau & Laddel hat rote Aufkleber, die uns sagen, dass dieser Quark 30 Prozent billiger wurde als üblich. Wer so was kauft und nicht aufs Datum schaut, ist dann selbst schuld. Wenn zwei oder drei Tage nach dem Datum etwas noch immer nicht verkauft ist, muss Blau & Laddel es entsorgen lassen wie Müll. Müllentsorgung kostet aber Geld und die Zeit von bezahltem Personal.
 

Dass man irgendwo unter Hunderten von Produkten welche mit mehrere Tage abgelaufenem Datum hat, ist im Tafel-Laden nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Einen Tafel-Laden, der so was tut, zeigt keine Konkurrenz an, denn es gibt keine. In seiner Art ist der Tafel-Laden ein Monopolist, also wiederum das Gegenteil von Marktwirtschaft. Die Tafeln tun gute Werke für in Not lebende Menschen, das erklärt alles.
 

Stellen wir uns vor, wir führen einen Regionalzweig von Blau & Laddel. Wir stellen genervt fest, da sind 50 Steigen Milchreis zu viel. Das Datum läuft ab, das sind einfach zu viele. Wir wissen in etwa, wie viele wir noch los werden, wenn wir Reduktions-Kleber anbringen. Wir könnten ein paar Steigen gleich verschenken. Verlust in den Büchern haben wir so oder so. Wenn wir sie verschenken, müssen wir fürs Ausmisten nicht noch mehr verbuchen. Wir verbilligen folglich einen Teil, den Rest schenken wir der Tafel, deren Fahrer im eigenen Laster kommen und sie rausfahren.
 

Allerdings haben die Fahrer und Packer von der Tafel, entsprechend den Bedingungen der Arbeitsagentur, die ihren Lohn überweist, im Gegensatz zu unseren eigenen nur 30 Stunden Dienst pro Woche. Und Rentner steuern solche Lkws nicht. Wir ahnen gerade, nicht jedes Mal kann der optimale Zeitpunkt für den finalen Abverkauf verderblicher Produkte erreicht werden.
 

Mein Tafel-Laden ist klein und eng. Genau heute haben wir hier diverse Joghurts und Puddings, deren MHD seit Tagen abgelaufen ist. Außerdem sind noch keine Preisschilder dran. Die kommen jetzt auf 10 Cent pro Becher, muss aber noch jemand Zeit haben. Schon allein weil das hier drin ewig eng zugeht, können wir nicht so viele Leute heuern, wie wir brauchen. Das Zeug kann im Lager noch paar Tage warten, das hält sich nämlich gut. Wobei ich jetzt durchaus nicht behaupte, dass bei den Tafeln ständig Produkte mit abgelaufenem Datum verkauft werden. Nur haben wir im Verlauf von Jahren so dermaßen viel mit verpasstem Datum dort gesehen und auch gekauft, dass es kein vollständiges Bild wäre, wenn wir das nicht erwähnten.
 

Meine Erfahrung geht dahin, dass man in Deutschland luftdicht verpackte und gekühlte Milchprodukte nach etwa drei Wochen immer noch einigermaßen bedenkenlos verzehren kann. Schnäppchenjäger - und solche gibt es unter den Armen nicht gerade wenige - merken oft auf, wenn sie immer noch Geld zahlen sollen für etwas, das schon „abgelaufen“ ist. Dann heißt es: „Ich würde diese Steige nehmen, wenn der Becher zwei Cent kostet.“ Der Leser fragt sich womöglich gerade, wer denn seinen Milchreis steigenweise kauft. Wir fragen so was nicht. Eigentlich alle Welt. So sah es dort jedenfalls aus. Die Russinnen hatten ein Schild an die Innenseite der Außentüre gehängt, sodass man es schon beim Warten lesen konnte. Darauf stand, dass im Wort „Mindesthaltbarkeitsdauer“ schon enthalten wäre, dass die Ware noch lange drüber raus absolut gut wäre. Fing jemand zu feilschen an, gaben sie nur noch einen Laut von sich und streckten den Arm zu diesem Schild hinüber.
 

„Nachlässe gibt es bei uns grundsätzlich nicht.“
 

Was gibt es denn bei der Tafel?
 

Nicht zufällig erwähnte ich den Milchreis. Milchprodukte und Ähnliches gibt es praktisch jeden Tag. Diese Sorte Produkt sollte in den Märkten, von denen sie stammen, rasch umgeschlagen werden. Trotz Computerstatistik kann Blau & Laddel aber nicht genau vorhersehen, wie viel Saure Sahne, wie viele Birnen in den nächsten drei Tagen, dann ist Wochenende, noch weggehen. Entweder wird Blau & Laddel etwas übrig haben oder seine Kundschaft enttäuschen, dabei auch noch weniger Gewinn erreichen, als möglich gewesen wäre. Gerade bei Obst-und Gemüse kultiviert Blau & Laddel das Image appetitlich schöner Frische, was nicht gestattet, Regalmeter vorabgepackter Plastikbeutel mit fleckigen Bananen, Äpfeln, welkem Salat, zweifelhaften Tomaten zu zeigen, die man allerdings stark reduziert bekäme. Anders läuft ein Tafel-Laden. Dort warten die Beutel mit dem gealterten Obst und Gemüse auf der Theke mit der Kasse, vor der jeder noch mal anstehen muss. Ach, packen wir das auch noch, ist ja so gut wie umsonst, wenn's nichts taugt, schmeißen wir's daheim in die Tonne. Auch die Tafel hat ihre Tonnen und liebt es, wenn sie die nicht ganz voll machen muss.
 

Wer bei sich zu Hause den Salat mit den Frauen der halben Wohnanlage, für mehrere Generationen, Dutzende Menschen zubereitet, wird große Mengen Tomaten, Gurken, Karotten immer wieder mal fast geschenkt bekommen. Da sind dann die Mercedes hilfreich, in denen Pappis zur vorher ausgemachten Zeit vor der Türe halten, um ihren Frauen beim Einladen zu helfen. Wer allein lebt und isst wie ich, wird in den Tafel-Laden hingegen nie mit einem Einkaufszettel kommen können, was ihm gerade fehlt. Man kauft hier, was es gibt, nicht, was man braucht.
 

Waschmittel, Geschirrspüler, Shampoo, Zahnpasta, Seife, Kaffee, Apfelsaft, Mineralwasser, Butter, Bier, Fleisch, Honig, Pommes frites, all das sah ich nie oder fast nie. Diese Sachen halten sich so lange, dass Blau & Laddel sie schon noch selbst und zum üblichen Preis verkaufen kann. Brot, gespendet vor allem von den paar kleineren Bäckereien, die es in der Stadt noch gab, bekam man dagegen fast immer in mehreren Sorten, selbstverständlich etwas versteinert und dürr. Backwaren schmecken nicht mehr echt, nachdem ein voller Tag darüber weggegangen ist.
 

Schokolade oder Süßigkeiten gab es in der Ausnahme. Vor allem ein oder zwei Monate nach Valentinstag, Ostern, Muttertag, Weihnachten. Auch sonst mal Pralinen, luftdicht verpackt, von denen irgendwer gewusst hatte, dass sie durch die Bank gräuliche Farbe wie angeschimmelt zeigen würden. Man kann sich darüber informieren. So was passiert, wenn es zu Temperaturschwankungen kommt. Am Geschmack soll das nichts ändern. Aber sie schmecken anders, sobald das Auge so was gesehen hat.
 

In der Tafel hat zu meiner Zeit ein einziges, nicht besonders großes Kühlregal existiert, keines für Tiefkühlkost. keine Fischstäbchen, Schlemmerfilets, Kroketten, Cornettos, Frühlingsgemüsebeutel, Formschnitzel mehr. Was einem wie unnützer Luxus, Schleckerei vorkam, original französischer Ziegenkäse, italienische Wurst, norwegische Forellen- und Lachsfilets (eingeschweißt), grüne Götterspeise, das gab es dagegen immer wieder mal. Fleisch aber nie. Vielleicht hätten Fleisch oder Fisch in diesem engen Laden schnell etwas ungut gerochen. Butter gab‘s schon mal, aber doch selten, Margarine dagegen recht oft. Zucker nie. Salz nicht. Man konnte stattdessen den Lachs und die Pralinen nehmen, spottbillig.
 

Mein Problem war: Ich lebte allein. Dermaßen kleine Gebinde gaben sie nicht her. Zehn Quarktaschen im Sack für 1 Euro. Man will drei Stück Käsekuchen mit Apfel und wird gefragt, ob man zehn Quarktaschen nicht auch noch nehme.
 

Tabakwaren gibt es keine. Alkoholische Getränke (wie etwa Wein) gibt’s nicht. (Lustigerweise im Herbst dann immer wieder, nach ein paar Wochen, den Most, der aus durchlöcherten Kronkorken sprudelt.) Arme dürfen nicht rauchen, nicht, trinken, sich nicht zu besoffenen Mobs zusammenrotten. Haben wir wirklich schon vergessen, dass wir das oben mal lasen? Für derlei Dinge ist im Warenkorb des Hartz-Empfängers oder auch des Altersarmen, der denselben Anspruch hat, nichts veranschlagt. Softdrinks in PET-Flaschen gab‘s, Mineralwasser, wie schon gesagt, nie. Ich weiß nicht, wieso.
 

Warum ich dann nicht mehr hinging?

 

Die Menschenwürde läuft bei mir auf Snobismus heraus.
 

Ich stand bei Regen in der Schlange vor der Tür.
 

Ich fand, Junkies haben eine unverkennbare Art, miteinander zu kommunizieren, auch wenn sie jetzt wieder clean sind. Die Mütter nehmen ihre Kleinen hoch. Erst drinnen im Laden plärren sie los. Gespräch junger Frauen: „Die Arbeitsamtscheiße steht mir grad bis da! Verkäuferin Textil-Discount hat sie. Da muss man dann mal sehn.“ Ich konnte nicht glauben, dass die sprechende Person in den nächsten drei Jahren von irgendeinem Textil-Discount eingestellt werden würde. Außerdem das Kind! Die würde doch wohl lieber zu Hause bleiben und Geld bekommen. Die Mütter dieser Sorte Mütter sind oft auch schon jahrelang alleinerziehend und arbeitslos gewesen. Ich weiß das von den vielen Maßnahmen her, deren Teilnehmer man mich in einer Serie von Jahren werden ließ. Ich ertappte mich gelegentlich dabei, diesen Menschen ein gewisses Quantum fehlender Lebenstüchtigkeit zu unterstellen. Doch hatten sie es irgendwie geschafft, mittlerweile, samt Kleinkind und drei Taschen zwei Warteplätze vor mir zu stehen, wo ich noch genau wusste, dass sie nach mir angekommen waren. Und jetzt trau du dich als einzelner, ergrauter Mann in so einer Frauen- und Kinderschlange, deswegen eine Lippe zu wagen!
 

Was ich anderen Frauen, vor allem aus Mittelmeer- und zentralasiatischen Regionen offenbar, verübelte, war, dass sie jedes frische und nicht fest verpackte Lebensmittel, etwa nur von einer Plastiktüte umhüllt, erst einmal mehrere Minuten lang betatschten, einige Stücke auch ruppig eindrückten, bevor sie sich für die beste Packung entschieden. Wieso konnten sie nicht auf die Idee kommen, dass alle dies Brötchen vom einem Bäcker und am selben Tag gekommen waren?
 

Ich erzählte meiner (damals noch lebenden) Mutter davon. Es war die Mutter, die mir regelmäßig Geld zu meiner Hartz-Unterstützung heimlich zukommen ließ. Ich aber hatte beschlossen, dass ich ihre Zuschüsse nie für Lebensnotwendiges wie Nahrung oder Kleidung verwenden würde, um mich nicht allmählich auf Verhältnisse einzustellen, die mir längst nicht mehr zustanden. Ich wollte bereit sein, wenn die Mutter tot ist, werde ich auf die Bücher, die Eintrittskarten fürs Kino oder ins Museum, die Tickets fürs Herumreisen, die eine oder andere Flasche Whisky verzichten, aber ans absolut Nötigste werde ich gewöhnt sein, damit auch auskommen können. Allerdings hatte ich das der Mutter nie gesagt, denn ich wusste, dass sie im Vergleich zu guter Nahrung solchen Luxus für irrelevant hielt. Sie fragte: „Ja, aber musst du in diesen Laden denn wirklich einkaufen?“ Und ich konnte schlecht sagen, wieso meine Lebensmittel immer äußerst billig sein mussten.
 

Aber die Frage der Mutter ging mir nach. Ich fragte mich jetzt öfter, ob es nicht ginge, wenn das Parlament und der deutsche Wähler daran glaubten, dass man von einen normalen Hartz-Satz ausreichend essen und trinken kann, ohne sich gestraft für seine Sünden vorkommen zu müssen.
 

Ich startete den Versuch und es ging tatsächlich. Ich konnte wieder bei Blau & Laddel einkaufen, wo ich natürlich jedes Mal nach den um 30 Prozent reduzierten Dingen sah und nicht das kaufte, was ich am liebsten gehabt hätte, sondern das, was es gerade besonders billig gab. Wenn akut was wäre, würde mir meine Mutter helfen, diese Sicherheit hatte ich damals noch.
 

Die Schlange bei der Tafel sah ich auch später immer mal stehen, denn der kleine Laden lag am Ende einer schmalen Zufahrtgasse, die als Sackgasse gleich an der Fußgängerzone endet, wo man schon immer mal durchläuft. Später haben sie dieses Lokal aufgegeben und sind in einen Hinterhof in der Vorstadt gezogen, wo jetzt anscheinend alles viel größer ist und es auch Tiefkühlware gibt. Aber das weiß ich nicht genau. Ich war nie wieder dort.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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