Klaus Mattes

CRINCH ab: Tom Ripleys Jahr in Bamberg

 

Ohne Frage war Deutschland einer seiner äußerst raren Fehler. Er würde nicht mehr lange hier sein. Er hatte da was im Auge. In der Ile de France konnte man es aushalten als transozeanischer Alien. Oder in einem dieser ausschließlich von Keramikerinnen und Nackttänzern bewohnten Tessiner Täler. Respektvoll ignoriert würde man, im Bus oder an der Kasse vom Coop-Markt bedient mit gebotener Zuvorkommenheit und Freundlichkeit. Dagegen Deutschland! Hier trug jeder von der Last des Schöpfers seinen Teil in jedem einzelnen Moment mit.
 

Wenn man in einen Supermarkt ging, prüfend die Bierflasche gegen das Licht hielt - wegen des oft ziemlich versteckten und kaum entzifferbaren Haltbarkeitsdatums und der am Boden abgesetzten Hefe - Tom hasste das, wenn ein Bier nicht frisch war, nicht umsonst und gerade in Oberfranken hatte es immer viele Eiskeller gegeben, um dieses Zeug schmeckend durchs Jahr zu schaffen -, schon tauchte einer von den regionaltypischen Hobbyschriftstellern neben einem auf und seifte einen mit verständigem Lächeln ein.
 

Um gleich eines dieser öden Gespräche zu beginnen, in denen Namen von angesagten Philosophen oder Gitarrenbands abgefragt wurden. Als wären hier in Oberfranken alle damit beschäftigt, aus der Ausweglosigkeit aller Kettenfilialen, Lidl, Aldi, Rewe, Edeka, Marktkauf, Norma, Penny, Netto, real, Tengelmann, Bolle, Kaufland, sich ins Fantasiereich ihrer ureigensten dichterischen Kreativität hinüber zu schwingen. In Wirklichkeit ging es immer nur darum, den Zugezogenen mit der Zahl der Schriftsteller und Gitarrenbands zu übertreffen, die man schon auswendig kannte. Wuhi-juih-schringy-treisch-bomm-baff!
 

Immer in diesem Land musste erst mal abgeklärt werden, wer hier mehr im Recht war. Nie und nirgendwo gab es Ruhe, bevor nicht geklärt war, wer eben doch das Recht an seiner Seite hatte und folglich, wer am besten klein wie Krümel wäre.
 

Unter der Maske seiner Journalistenexistenz bewegte Tom Ripley aus einer ungenannten Ortschaft in Amerika, wo er einen anderen Namen getragen hatte, sich viele Male zwischen Würzburg am Main, in Unterfranken, und Bamberg, einer wunderschönen Stadt in Oberfranken, gelegen an einem nur noch wenig befahrenen Schifffahrtsweg, der es mit Hudson und East River nicht aufnehmen konnte. Dazwischen lagen die arschigen Rundungen des Steigerwalds mit dem Kloster Ebrach. Dort trank er gern mal ein Wasser oder einen Obstler.
 

Das Verkehrteste war es auch nicht, an feuchten Sommerabenden, wenn die Stadt von Regenschauern abgekühlt war, den Biergarten am Stephansberg zu ersteigen und all diesen braven, das Recht verteidigenden Deutschen beim Feierabend zuzusehen. Unter ihm die alte Stadt, eine Ansammlung barocker Sandsteinpralinen und sehr ruralen Fachwerks. Sieben Hügel, auf jedem hockte eine katholische Kirche, in denen immer Kerzen brannten und es nach Weihrauch roch, obwohl kein Mensch zu sehen war. Ausgenommen der Mittelalterdom mit den vier (sogenannten) „spitzigen“ Türmen auf dem breitesten Berg. Dort war oft geschlossen und wenn nicht, rappelvoll von eilig die Handys voll knipsenden Touristen. Die meisten waren entweder Juristen oder Amerikaner, also die zwei Sorten Menschen, die Tom noch mehr verachtete als Deutsche. Aber Tom Ripley war kein Mensch, der öfter in die Kirche gehen musste.
 

Bei dem Parteitag der linken Partei machte Ripley sich schnell noch ein paar Notizen, solange es diese Partei noch gab. In Deutschland hatten sie diese Partei gleich mal „Die Linke“ genannt, damit die Leute wussten, dass so was denkbar und zulässig war im Land. Alle anderen Parteien befanden sich nonstop exakt in der Mitte. Das Recht besaßen deswegen dauernd die allermeisten von ihnen, was dann ein ewiges Gegacker wie im Hühnerstall ergab, denn selbstverständlich kann sich der gerechte Deutsche nicht damit abfinden, wenn alle Anderen genauso im Recht sind wie er. Die jetzt gerade vorne sprach und ganz apart aussah, hieß Katja Kipping. Mit ihr konnte Tom sich schon noch was vorstellen.
 

Er würde ihr den Glauben lassen, er wäre ein schnöseliger Galerist aus London. Sie brausten ins gelbe Ochsenfurter Gäu (Unterfranken, solche Unterschiede kannte Tom mittlerweile). Eis essen. Jude Law tritt auf - von hinten, zurück vom Klo -, hat auf einmal sein Saxophon dabei und bläst den Stan Getz. „You don't know what love is.“ Als lustiges Trio auf der Landpartie lachen sie sich die Hälse aus und spritzen alles voller Jet-Set-Lebenslust wie Marcello und Sophia. Zurück ins Puppenhaus im roten Supercabrio. Katja macht sich Vorwürfe, dass sie immer nur diese wirklich interessanten und humorvollen Jet-Set-Männer aufreißt und nie einen Arbeiter aus der Gläsernen VW-Fabrik in Dresden. Dort sollen die Menschen sogar noch deutscher und also muffeliger und rechthaberischer sein als in Bamberg. Tom muss dort nicht hin. Sopraceneri lockt.
 

„Der Fränkische Tag“, in Bamberg die angenehm klein und verspielt in Toms Hand liegende Zeitung. In Würzburg und Schweinfurt dagegen, auf einem Bein stehen sollte man nicht, die „Main Post“, ordinär ins Breite schwappendes Schmierblatt. Dass man die Camarilla in allen beiden Städten ins vorteilhafteste Licht zu rücken habe, hatte Tom so schnell begriffen wie übererfüllt. Ihm war egal, was aus diesem Volk wurde, er musste nur noch etwas Geld haben, das bekam man bei den Mächtigen und nicht von den Armen und Unterdrückten. Wie sie hier ständig ihre Mischgewerbezonen erschlossen. Segen der Arbeitskraft und Kaufparkplätze für Chur-Franken, für derlei Titelgeschichten war die „Main Post“ breit genug. Der Main war, zwischen Reben und Windrädern, immer noch die Main Attraction im Frankenland. Kranken Muttchen ein Stückchen Torte in der Seniorenresidenz überreicht von CSU-MdB Alfred Leobold, Marktrgreuth. Unterdessen der SPD-Kollege zu Gast bei den Gewerkschaften von Burgkunstadt, hinterlegt Eide, die EU-weite Aktienumsatzsteuer sei jetzt schon zeitnah. Subventionen für Solardachhersteller werden sozial abgefedert. Ach, das graue Brot Ripleys früher Jahre als Redaktionskorrespondent. Und sagte kein einziges Wort zu viel.
 

In alle Geschichten über Die Grünen war subtil einfließen zu lassen, sie hätten sich wieder diskursiv, konstruktiv, basisnah verständigt über einen qualitativen Fortschritt. Der Regierungspartei gehörten dagegen die Sicherheit und die Sparschweine - sowie die Schweinswürstl, sogar quasi im Verfassungsrang. So neulich wieder der Notorious B.I.G. auf der Regnitz Insel Vanity Jamboree. In Deutschland war höchst wichtig, was kurz im Fernsehen gesagt und gezeigt werden konnte, vor allem von etwas in den Schatten ihres Alterungsprozesses geratenen ehemaligen Showmastern. Die Piraten hatte Ripley in dieser Zeit noch als Splltterpartei und „am Rande“ zu behandeln. Splitterpartei hieß für die Leute, kannst vergessen. Die Piraten wurden alsdann vergessen. Die AfD war so neu gewesen, dass in Bayern über sie noch niemand berichtete.
 

Journalistische Arbeit störte Tom überraschend wenig. Obwohl er immer schon überzeugt gewesen war, für echte Arbeit einfach zu cool und zu hübsch und zu unterhaltsam zu sein. Man musste Prioritäten setzen, das Leben ging oft schnell vorüber, wie ihm sehr gut bekannt war. Arbeit verbrauchte eben auch massig viel Zeit. Aber diese Artikel, die sabberten sich so weg. Deutsche erwarteten von Arbeit, sie müsste ihnen Spaß machen. Schon kleine Kinder, die einen Weihnachtsstern ans Glasfenster im Treppenhaus hatten heften dürfen, behaupteten in die Kamera hinein, diese Arbeit hätte unheimlich Spaß gemacht. Tom war kein Deutscher und kannte Spaßigeres auch.
 

Katja Kipping lachte laut und winkte spontan verliebt ein paar Männern am Straßenrand zu, weil sie die für mögliche Linken-Wähler hielt.
 

Die Tessiner, von denen es zum Glück heute schon fast keine mehr gab, aber auch die Nordfranzosen, sie würden dann ganz anders werden. Wenn die merkten, wie viel Geld man hatte, ließen sie einen sofort in Ruhe. Die dachten wohl, mit der Zeit würde für sie was abfallen. Die Deutschen dagegen wollten einen kennen lernen, damit sie einem an der Netto-Kasse auflauern, einen nach dem Deutscher-Buchpreis-Roman befragen konnten, auf den sie einen angeblich vor Wochen schon mal aufmerksam gemacht hatten. Tom las nie was, er schrieb schon selbst genug.
 

Nichts ließ man hier einfach nur so auf sich beruhen. Aus allem sollte noch was Besseres werden. Wären die Tessiner so, gäbe es in den Alpentälern überhaupt keine Rückzugsbauernhäuser für ehemalige deutsche Kulturverantwortliche mehr, alles wäre gesperrt und den Wölfen, Bären und Luchsen überlassen. Nationalparkerweiterung, binationale, mit der Lombardei dabei. (Bombadadei Lombradorei.) Für Eigenheimbesitzer gab es in Oberfranken riesige, servicestarke OBI-Hobby- und Garten-Center. Auch jenen gewissen OBI-Markt drüben im Fichtelgebirge, in dessen Toilette Tom Ripley vor drei Wochen einen toten Furz hinterlasen hatte. „Auspacken - Aufbauen - Austicken.“ Den Spruch musste er jetzt bis ans Lebensende mit sich schleppen, so viel Dostojewski war in einem Highsmithbuch immer drin.
 

Sie machten was aus allem. Allenthalben sah es fast aus wie in Rothenburg, Coburg und Gößweinstein, wo die Aldis und Obis schon auch sind, aber nicht, wo der Tourist hinkommt. Ripley wollte nur noch im roten Cabrio fahren, das Haar im Wind. Eine Stunde weit, dann Shopping, Tortuga, Tartufo, Strega on the Rocks in einer Passage in Mailand, Paris oder Austin, Texas. Aber immer. Hier von Bamberg aus hatte er mit sommerlichen Fahrten nur abgeschrammte Sportwetten-Locations wie Erfurt, Nürnberg, Frankfurt erreichen können. Immer wieder das Bild einer blutbefleckten Herrentoilette in Wunsiedel. Das Bessere von allem war noch der Biergarten am Stephansberg.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2024. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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