Klaus Mattes

Weg voller Samstags-Radfahrer

 

„Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt ...“ Aus der Generation nach meiner kennt zumindest jedes männliche Wesen diese Zeilen bis zum heutigen Tag und weiß noch, dass das „Freiburg“ von Dirk von Lowtzow ist. Dieser von Lowtzow war da noch ein junger Schlaks und seine Band war das große neue deutsche Ding, 1995, die „Hamburger Schule“, ziemlich krachiger, eigentlich nur so genannter „Pop“ von Studis für Studis, im Gefolge der Grunge-Welle aus Seattle. Für mich kam das alles viel zu spät, sodass ich 1995, und selbst noch Jahre danach, weder den Song noch diese Band jemals wahrnahm. Meine große deutsche Band, das waren Spliff gewesen, die ich bei einem ihrer allerletzten Auftritte, schmählich unterbesucht, live in der Freiburger Stadthalle gesehen und geliebt hatte, obwohl ich ansonsten kaum je zu einem Rockkonzert ging. In Freiburg, wo ich auch geboren bin, aber an diese ersten Zeit erinnere ich mich nicht, hatte ich mehrere Jahre gelebt.Aber 1986 musste ich dort dann weg, weil ich auf die unselige Idee verfallen war, mich meiner Familie und dem Staat gegenüber als angehender Gymnasiallehrer auszugeben – und man sich in dieser Position seine Wirkungsstätte nicht aussuchen kann. Ich hatte Freiburg ganz oben auf meiner Wunschliste gehabt, offenbar viele andere auch.
 

Ich wusste es also nicht, aber der mittlerweile als Hamburger oder Berliner gehandelte Dirk von Lowtzow hatte, offenbar nach mir, auch seine Eindrücke von Freiburg bekommen und war sogar im mittelbadischen Offenburg aufgewachsen. Also, wenn Freiburg eine verachtenswerte Stadt der Behäbigkeitsspießer mit Dialekteinschlag wie Jogi Löw oder Thorsten Frei ist, was mag Offenburg erst sein!
 

Was man als Tocotronic von Hamburg und den deutschen Indie-Charts aus sehr gut lächerlich machen oder beklemmend finden konnte, ist genau das, was schon zu meiner Zeit, in den Neunzigern aber immer noch, selbst heute noch, viele Leute besonders „liebenswert“ an der gemütlich südbadischen Metropole des Habsburger Vorderösterreichs finden. (Eine der ältesten deutschen Universitäten, aber die älteste ist in Prag und selbst im schmalen Lande Baden ist mit Heidelberg eine noch renommiertere und noch ältere; außerdem hat die Freiburger Universität durch Jahrhunderte ziemlich viel Ähnlichkeit mit einer Zwergschule gehabt und so gut wie keine Rolle gespielt, auch nicht fürs Wirtschaftsleben der Stadt, die Humanistenstädte waren Basel und Straßburg.) Halt gemäßigt links regiert, viele junge Leute, inklusive Kinderkrippen, Frauengruppen, Oben-ohne-Badeseen, Radfahren mit Kinderwagenanhänger, Bioläden, Boulespieler mit Rotweinflasche, Zigarillo und Baskenmütze, freie Theatergruppen, Kunsthallen, Blockheizkraftwerke, auf städtischem Grün sich im Sommer räkelnde Sandalenträgerinnen mit Schwedenkrimis. Kurz, eine sich aufs private Glück zurückgezogen habende Alternativ-Spießigkeit.
 

Mit dem wirklich sehr großen Aufkommen von Fahrradfahrern, inklusive hoch bezahlter Verwahrboxen, unüberschaubarer Rad-Parkplätze, lebensgefährlicher Unfälle von ihre Übermacht brutal durchsetzenden Sturzbehelmten wird das Menschenmögliche Freiburgs zur Verkehrs- und Energiewende getan. Das alles leitet sich vom Akademismus dieser angenehmen Stadt der Straßenrandbegrünung und Straßenbahnen-Neubauprojekte ab. Viele Biologen und Geografen, die nach der Schule von ganz woanders kamen, haben sich hier schon vor Jahren festgesetzt, solare Blogger, Architekten, ökologisch bewusste Bankiers. Und es leitet sich auch immer noch her vom alemannischen Bürgerzorn der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, als Hans Filbinger, der in Mannheim geboren war, in Stuttgart regierte, aber in Freiburg die ganze Zeit selber wohnte, sich eisern darauf versteifte, im Vorfeld der feinen Weinanbaugegend Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk per Polizeitruppen einbetonieren zu können, damit nicht die Lichter ausgingen überm Musterländle.
 

Schon dass die Stadt hinterher von der SPD regiert wurde, fiel doch aus dem Rahmen, wenn man die versammelte Beamten- und Seniorenmentalität dieser kreisfreien Stadt täglich erlebt hatte, welche eine nennenswert vorhandene Industrie-Arbeiterschaft nämlich nie besessen hat.
 

Dafür Ausflugswirtschaften mit-Biergärten, Bouleplätze, Baggerseen fürs Nacktbaden, überall Mütter mit Tragetüchern, Jazz- oder Clownfestivals alle paar Monate, eine dauerhaft bestehen bleibende Möglichkeit, unter mehreren guten Buchhandlungen auswählen zu können, Markgräfler Weißwein, kundig begleitete Stadtführungen. Bächle mit darin spielenden Kindern und irgendwann kommt für jeden die Stunde noch, da er versehentlich hinein tritt oder mit dem Rad hinab gleitet. (Das Wasser stammt von einem in Deutschland weitgehend unbekannten und ziemlich kurzen Fluss, die Dreisam geheißen, der auch wirklich kaum eine Rolle spielt, da er ein Stück weiter im Schwarzwald drin aufs Mal da ist, nachdem mehrere Bäche ihn zustande brachten und kurz nach dieser Stadt Freiburg faktisch nicht mehr existiert, weil er - zusammen mit der Elz - als schnurgerader Kanal dem Rhein zugeleitet wird.) Zahllose Seniorenheime sämtlicher Preisklassen. Immer wieder mal Volksbegehren und vielleicht auch noch eine Sitzblockade wegen Straßenplanung oder Fahrpreiserhöhung.
 

Das hatte bisweilen was Paradiesisches. Die Sache ist ein bisschen verzwickt. Freiburg lädt auf eine Art dazu ein, es mustergültig zu empfinden, in höchsten Tönen die Lebensqualität - allein schon auf Grund der Lage zwischen Hochschwarzwald und elsässischer Zwiebelkuchenstraßen-Gotik - zu preisen. Andererseits gibt es treuherziges, deutsches Schneckenhausbürgertum grade genug. Für mich, der ich gleich an der Schweizer Grenze bei Kleinbürgern aufgewachsen bin, also in einem der äußersten Zipfel des damaligen Deutschlands, war Freiburg lange Zeit die einzige deutsche Großstadt, die man erreichen konnte, zumal wir nie ein Auto hatten. Basel war viel näher, aber Basel war schon Ausland und es behandelte einen auch so. Wenn man einen Anzug kaufen musste oder neue Möbel, konnte man das nicht in Basel, das wäre zu teuer geworden.
 

Wir hatten eine alte Großtante meines Vaters innenstadtnah in einem katholischen Stift wohnen. Sie war wohl nicht wirklich seine Großtante, die Verwandtschaft war komplizierter, weitläufiger. Sie hieß natürlich auch anders, obwohl sie lebenslang nicht geheiratet hatte. Irgendwann habe ich noch angefangen zu überlegen, ob sie eine Lesbe gewesen sein konnte. Es ist niemand mehr da, den ich dazu befragen kann.
 

Als ich mich in Freiburg entschlossen hatte, schwul zu sein, was innerhalb ganz kurzer Zeit und ziemlich schmerzfrei vor sich gegangen war, nachdem ich es vorher jahrelang absolut nicht erkannt hatte, kaufte ich die eine oder andere der beiden damals in Freiburg im offenen Handel monatlich zu bekommenden Schwulenzeitschriften. Wie immer in Städten dieser Garnitur bekam man so etwas im Kiosk im Hauptbahnhof. Das war mit etlicher Verlegenheit für mich verbunden. Ich könnte von einem Bekannten gesehen werden, bevor ich das Titelbild eingerollt hatte. Oder aufs Mal hätte eine Schlange sich hinter mir gebildet und die missbilligenden Blicke der ersten, mir natürlich vollkommen fremden, Dame wären mir nicht verborgen geblieben. Ich überlegte auch immer, was diese Kioskverkäuferinnen im Zusammenhang von mir und dieser Zeitschrift jetzt für Gedanken bekamen, aber es war ihnen nie anzusehen. Ich fuhr öfters erst abends zum Bahnhof, kurz bevor der Kiosk dann schloss. Hin und wieder fuhr ich sogar noch später und wanderte längere Zeit in der Empfangshalle auf und ab, weil ich überzeugt war, irgendeine Art von homosexuellem Strichertum müsste es im Hauptbahnhof einer Universitätsstadt, zumal es eine kostenlose, von der Halle her zugängliche Toilettenanlage gab, wohl geben. Da wollte ich die Knaben und deren Freier mir zumindest einmal besehen. Es gab das aber wohl nicht.
 

Irgendwann bekam ich mit, dass es diese zwei Zeitschriften auch in dem Kiosk gab, der im düsteren, halb offenen Beton-Parterre einer Hotelanlage neben dem großen Parkplatz und Reisebusabstellplatz seitlich der Altstadt lag. Dort lief man fast nie ein Risiko, von irgendeinem weiteren Kunden oder Passanten bemerkt zu werden, wenn man mitten am Nachmittag ankam. Allerdings führte außen die große Ringstraße herum und jenseits von dieser lag jenes katholische Altersheim. Dort wohnte im ersten Obergeschoss, Fenster zur Straße, wie ich von unseren spärlichen Besuchen her wusste, immer noch diese uralte, einsame Schwarzwälderin mit dem schwarzen Kleid, dem grauen Dutt, der Bibel auf dem Nachttisch. Es war klar, sie konnte aus dieser Distanz mich nicht erkennen und erst recht nicht, was ich da tat. Aber immer, wenn ich so eine Zeitschrift kaufte, hinter denen ich auch gar nicht stand, weil die meisten Texte verlogen und schwachsinnig waren, die allermeisten Bilder unmögliche Typen zeigten, egal ob es sich um den damals noch recht beliebten Typen des haarigen Western-Truckers oder um die leptosomen Siebzehnjährigen handelte, die einen anplierten, sie müssten ihre Dose verkaufen, um irgendwann noch mal high werden zu können, im Anschluss dann, musste ich an die dem Tod geweihte Alte denken. Seit Jahren schuldete ich ihr den Antrittsbesuch und an sich musste sie auch längst wissen, dass ich in der Stadt war.
 

In jenem Wohnheimkasten saß eine Schwester mit Häubchen in einer Loge hinter dem Portal. Es gab keinen Fahrstuhl, das Haus war riesig, hallende, steinerne Korridore. Die Zimmer der Insassen waren eher überwältigend hoch als sonst in irgendeiner Beziehung groß, alles sehr karg und schmucklos. Die Tante war lange Verkäuferin in einem Fachgeschäft für Tisch- und Bettwäsche gewesen und hatte sich frühzeitig ins Stift eingekauft gehabt, wie gesagt wurde. Ob irgendwer von uns zur Beerdigung fuhr? Ich glaube nicht. Die Eltern vom Vater lagen damals allerdings noch auf dem Freiburger Hauptfriedhof. Dort schaute ich mich gelegentlich auch mal um. Ein weiteres hübsches Reiseziel in Freiburg.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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