Andrea Renk

Die Geschichte einer Träne........

 

 

 

...ich bin Angela und bin 12 Jahre alt. Ich habe 3 Geschwister. Melanie ist 8 Jahre alt, Susanna 7 Jahre  und da ist dann noch Sven. Der ist gerade mal 3 Jahre alt.

Mein Papa hatte uns verlassen. Aber Mama sagte:“ der war eh nie für uns da.“ Eigentlich hat die Ruhe gut getan. Papa hat immer viel geschimpft. Wir waren ihm immer zu laut, durften keinen Lärm machen. Papa hat viel gearbeitet.

Er hatte nie Zeit für uns . Wenn wir ihn fragten oder uns beschwerten, dann sagte er immer das er für unsere Wünsche arbeiten würde. Wir hätten ja davon so viele und irgendwo müsse das Geld ja herkommen.

In der Zeit wo Mama mit uns alleine war, konnten wir uns lange nicht so viel leisten. Aber wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind dann brauchten wir so vieles gar nicht.

Wir hatten viel Zeit für uns. Und diese Zeit war sehr schön. Wir erlebten uns neu und entdeckten uns neu. Und so im nachhinein denke ich, dass das sein musste. Sonst hätten wir das, was uns bevor stand, nie zusammen meistern können. Wir waren glücklich auch ohne zwei mal im Jahr in Urlaub zu fahren.

Mama hatte uns erzählt, das Papa immer noch sehr viel arbeitete. Er musste ja jetzt Unterhalt zahlen und sein eigenes Leben finanzieren. Sie vermutete, das er jetzt bestimmt nicht glücklicher ist.

Papa ist gegangen, weil Mama das so wollte.

Wenn er denn wirklich mal da war, dann war er in seinem Büro, das neben meinem Zimmer lag. Ich traute mich dann noch nicht mal mehr mich in meinem eigenen Zimmer aufzuhalten. Manchmal macht man ja auch unachtsam ohne nachzudenken Krach. Das ist mir ein paar mal passiert. Und jedes Mal gab es ein Donnerwetter.

Mama war immer sehr nervös, wenn Papa zuhause war. Sie schimpfte dann auch immer und ermahnte uns ruhig zu bleiben. Wir waren dann auch oft weg. Mama nahm uns dann mit zum einkaufen oder wir fuhren ins Schwimmbad oder in Parks. Das war dann auch immer sehr schön, doch nie war Papa dabei.

 

Eigentlich kamen wir Geschwister ja ganz gut miteinander klar. Wir mochten uns alle gern und wenn einer in der Klemme war dann hielten natürlich alle zusammen. Das war logisch Ehrensache. Aber wenn ich ehrlich bin dann konnte ich Susanna manchmal nicht ab. Sie war manchmal so eingebildet und wusste immer alles besser. Und das obwohl sie erst 7 war. Aber sie hatte Mut. Sie hatte Papa manchmal gesagt, das wir es sch... finden das er nie Zeit für uns hat. Aber geändert hatte sich deshalb nie etwas.

 

Aber dann war er ja weg unser Papa und da war ja sowieso alles anders. Mama war auch nicht mehr so nervös. Wir mussten ja auch nicht mehr ruhig sein. Alles war anders ohne ihn. Aber nicht alles war besser. Wir vermissten ihn schon sehr und ich denke Mama vermisste ihm am meisten.

 

Ein halbes Jahr waren wir nun schon alleine, da bekam Mama einen Anruf aus dem Krankenhaus.

Papa hatte einen Unfall. Er läge auf der Intensivstation und es wäre sicher, das er die Nacht nicht überlebe.

Mama war geschockt. Sie saß am Telefon und weinte. Gott sei dank waren die kleinen übers Wochenende bei der Oma. So bekamen sie davon wenigstens erst einmal nichts mit.

Ich war in dem Moment die „Große“. Und es war das erste mal, das ich verstand das „Groß“ sein nicht unbedingt heißt sich groß zu fühlen. Ich wäre auch lieber klein gewesen.

 

Ich fuhr mit Mama in die Klinik. Es fiel uns beiden schwer, aber wir haben uns gegenseitig getröstet und Mut gemacht.

Ich wollte meinem Papa wenigstens Tschüss sagen und irgendwie tat es mir leid, das wir ihn das letzte halbe Jahr ihn haben gar nicht wissen lassen, das wir ihn lieb haben.

 

Er lag da mit vielen Schläuchen und Apparaten. Und wenn ich ehrlich bin hätte ich ihn kaum erkannt. Die Ärzte sagten, das er sehr schwere innere Verletzungen habe und es sehr schlecht aussehe. Er würde die Nacht nicht überleben. Sie könnten nichts mehr für ihn tun. Das Fieber würde nicht sinken.

Mama schluchzte heftig. Ich hatte irgendwo immer gewusst das sie Papa noch liebt.

Wenn ich mir jetzt vorstelle, das Papa stirbt...dann würde ich mir lieber den heftigsten Anpfiff wünschen. Wäre schön ihn mal wieder meckern zu hören. Dann wüsste man, das es ihm gut geht.

 

Dann geschah das womit keiner gerechnet hatte. Papa überlebte die Nacht. Das Fieber sank bis zum morgen und es keimte wieder Hoffnung auf, das die Medikamente und die Behandlung doch anschlagen würden. Wir verbrachten die nächsten drei Tage im Krankenhaus bei Papa. Fuhren nur nach Hause um Kleider zu wechseln. Mama wollte das ich zwischendurch zu Hause blieb. Aber das konnte ich nicht. Ich hätte es mir nie verziehen nicht dabei zu sein, wenn doch noch was passiert wäre.

Also saßen wir zusammen an Papas Bett. Die kleinen blieben bei der Oma, da Ferien waren war das kein Problem. Und noch wussten sie gar nicht was passiert war. Sie dachten das Mama eine saftige Grippe hatte und ich sie pflegen muss.

 

Nach einer Woche wachte Papa das erste mal auf. Wir haben beide geweint an seinem Bett. Zuerst erkannte er uns gar nicht. Aber damit haben wir gerechnet. Sie hatten uns auf alles mögliche vorbereitet, unter anderem auch darauf, dass er sein Gedächtnis verloren haben könnte oder seine Sprache oder das er geistige Behinderungen davon getragen haben könnte.

Wir waren auf alles vorbereitet.

Es dauerte eine Weile, nachdem er seine Augen geöffnet hatte, bis er anfing sich zu orientieren. Aber er erkannte uns und nahm sogleich unsere Hände.

Wir erklärten ihm dann erst einmal was passiert war.

Langsam nach und nach fingen seine Verletzungen an zu verheilen. Es dauerte sehr lange bis er überhaupt erst einmal im Rollstuhl sitzen konnte.

Mittlerweile wusste dann auch der Rest der Familie was passiert war. Wir waren sehr oft bei ihm und halfen ihm wo wir konnten. Wir erzählten viel von dem, was zu Hause passierte und wie es war, seit dem er nicht mehr da ist. Und auch wie es war als er noch da war.

Wir lernten ihn auf einmal ganz anders kennen. Denn Zeit zum zuhören hatte er vorher ja nie. Und nach unseren Dingen gefragt hatte er ja auch nie. Auf einmal bekam er mit was uns wichtig war, wie unser Alltag war, was wir uns wirklich wünschten und was wichtig war.

 

Papa war viele Monate in der Klinik. Kurz vor Weihnachten kam er dann endlich wieder zu uns nach Hause. Und es kehrte so was wie Alltag ein. Es war schon eine große zeitliche Aufwendung, wenn man so oft im Krankenhaus ist. Mama jammerte zuhause dann immer weil so viel liegen blieb. Aber das machte sie nur zuhause. Nie Papa gegenüber.

Mama und er hatten in der ganzen schweren Zeit auch wieder zueinander gefunden und das war viel wichtiger als der ganze Haushalt. Und dann versuchten wir Kinder ja auch schon ein bisschen mitzuhelfen.

Jetzt bekam Papa zum ersten mal den ganzen „Weihnachtsstress“ mit. Er war entsetzt. Jetzt sah er erst einmal wie viel Arbeit Mama immer hat damit. Im Büro bekam er ja all die Jahre von alle dem nichts mit. Es war ja immer alles fertig als er dann nach Hause kam. Er wunderte sich nur, warum Mama immer so müde war. Jetzt wusste er es.

 

Auch wenn die Geschenke dieses Jahr etwas kleinen ausfielen. Es war das schönste Weihnachtsfest das wir hatten.

Papa hat uns versprochen, das er, auch wenn er wieder arbeiten kann, sich ab sofort immer ganz viel Zeit für uns übrig lässt. Er wüsste jetzt wie schön es ist, etwas zusammen zu tun.

 

Als wir dann alle zusammen Hand in Hand „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sangen, stahl sich mir eine kleine Träne aus den Augenwinkeln. Aber ich glaube es hat keiner gesehen.....

Ich bin ja schon groß ;-)

 

a.r © 14.12.2003

 

Diese Geschichte hat einen ganz bewussten Hintergrund. Ich habe mir dumme Bemerkungen anhören müssen, weil ich mich getraut habe mich für mein Kind und gegen die Möglichkeit eines Ganztagsjobs entscheiden zu müssen. Ich stehe zu meiner Entschiedung. Sicher ist Arbeit wichtig, aber wenn ich ein Kind habe das meine Aufmerksamkeit aus welchen Gründen auch immer mit 6 Jahren noch voll braucht, dann nehme ich mir verdammt noch mal das Recht zum Seelenheil meines Kindes und mir, mich für mein Kind zu entscheiden. Dann werde ich eben Minijobs machen und auf einiges an Geld verzichten. Aber ich und mein Kind sind glücklich dabei. Nennt mich doch Sozialschmarotzer. Aber dafür sorge ich dafür das mein Kind einen anständigen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann. Und keine Angst ich werde euch nicht allzulange auf der Tsche liegen. Ich hab vor meinem Kind lange gearbeitet und eingezahlt und ich werde auch sher bald wieder meinen Teil dazu beitragen. Wenn sie mich nicht mehr so dringend und Zeitaufwenig braucht. so....dies war mir jetzt ein bedürfniss!!Andrea Renk, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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