Dagmar Kaufmann

Brennpunkt U- und S-Bahnhof

Im U-Bahnhof bei den Zuggleisen hängt ein nicht zu übersehendes großes, farbiges Plakat an der Bahnhofswand mit folgenden Sprüchen in bunten Buchstaben:

"Freiheit fällt erst auf, wenn sie weg ist“.

"Krieg ist die Antwort am helllichten Tag“.

"Anstand ist die Höflichkeit des Herzens“.

Beim Aussteigen ein paar Haltestellen weiter fällt mir ein alter, obdachloser Mann auf, der einsam und verloren wirkend auf den Wartestühlen für Fahrgäste sitzt. Auf einem großen, sperrigen Einkaufswagen vom Supermarkt liegt sein Leben in dunkelblauen Müllsäcken aus Plastik, sorgfältig verstaut, verpackt und verschnürt in mehreren Bündeln. Schwer zu sagen, ob auch andere, zu den Anschlusszügen eilende Fahrgäste den Obdachlosen bemerken. Falls es sein sollte, gehen ihnen wie auch mir Fragen nach dem warum, wo, was und wer durch ihren Kopf? Warum kommen die einen ganz oben, manche in der Mitte und der Rest ganz unten an? Vergleichbar mit einem Fahrstuhl, der nicht am gewünschten Ziel hält, obwohl kein technischer Defekt vorliegt. Ist wirklich jeder seines Glückes Schmied und bestimmt, in welcher Liga man spielt? Ist ein Obdachloser frei? Was ist Freiheit, wo beginnt, hört sie auf? Wo wird der obdachlose Mann heute Nacht, morgen, übermorgen schlafen? Was macht er tagsüber? Wovon lebt er? Kümmert sich jemand um ihn? Wie wird er auf die Frage nach seinem Befinden reagieren? Überrascht, erfreut oder abweisend? Wird er aus seinem Leben erzählen?

Szenenwechsel.

Die S-Bahn Richtung Flughafen fährt wieder verspätet in den S-Bahnhof ein. An der Haltestelle wird der Zug an der Abfahrt gehindert, weil schon wieder ein Fahrgast die Zugtür blockiert. Der junge Zugführer lehnt sich aus dem offenen Fenster der Fahrerkabine und schreit genervt den langen Bahnsteig hinunter: "Was soll das denn, die Tür zu blockieren, der Zug hat bereits Verspätung und wird sich noch mehr verspäten!“ Als der Zug endlich von der Haltestelle losfährt hoffe ich, dass die Fahrgäste ihren Flug noch erreichen.

Beim Fahren mit der S-Bahn in Richtung Innenstadt hat sich ein junger, männlicher Fahrgast gemütlich in seinem Zugabteil eingerichtet, sehr zum Missfallen eines älteren Herrn in Trachtenkleidung. Da der junge männliche Fahrgast sich nicht beeindrucken lässt, greift der ältere Herr in Trachtenkleidung zum Smartphone und ruft die Polizei.

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