Klaus Mattes

Lektüre 08 Sechziger h: Heinrich Böll: Der Wegwerfer

 

Komik ohne Lachen. Die Lektüre des „Satiren“-Bandes von Heinrich Böll aus der SZ-Bibliothek führte mich dorthin. „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“, „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, „Es wird etwas geschehen“, „Hauptstädtisches Journal“ und „Der Wegwerfer“. Alle fünf Geschichten sind nicht witzig. Für mich jedenfalls nicht komisch. Gelacht habe ich beim Lesen nicht ein einziges Mal.
 

Wenn etwas zum Lachen ist, lacht man, ohne es beabsichtigt zu haben. Allerdings gibt es auch eine Art von Kulturdarstellung, und Bücher müssen das meist gar nicht nicht sein, es können Comedians, Poetry Slammer, Filme, Lieder, Werbespots, Bilder sein, die lösen keine Spur Gelächter spontan aus, aber das dem Produzenten sympathisierend zugeneigte Gehirn deklariert sie: „offenbar komisch“, pflichtschuldig sondern wir Lachen ab. Besonders, wenn man in einem Publikum ist, wo sich ziemlich viele so verhalten, funktioniert es.
 

In den siebziger Jahren lachte man, wann immer Woody Allen mit dieser Brille und den strubbeligen Haaren auftauchte und irgendwas Klassisches Parodierte, ob nun James Bond oder Kafka. Was nicht besagen soll, dass ich heute noch mal lachen würde, wenn ich noch mal die ganze letzte Nacht des Boris Gruschenko oder Bananas überleben müsste. Eher würde ich mich wahrscheinlich wundern, wer ich mal gewesen bin. In Filmen des heutigen Woody Allens lacht im Kino natürlich überhaupt kein Mensch mehr über irgendwas. Eher sitzen Omas drin, die mittlerweile verwitwet sind und denen dieser Komiker von ihren Jugendgeliebten nahegebracht worden war. Immerhin sagt uns das alles, dass wir oder unsere Generation vor vierzig Jahren noch recht viel gelacht haben. Das hat, zumindest rückblickend, auch was Schönes.
 

Diese eine Böll-Geschichte „Der Wegwerfer“, die ist von ihrer ersten bis zur letzten Zeile auf die Auflösung einer Frage hin geschrieben, allerdings mehr oder weniger pointenlos. Wir würden gerne wissen: „Warum schämt der Ich-Erzähler sich seines Berufs und glaubt, möglichst niemand solle ihn erfahren?“ Der Beruf, nachdem die Geschichte nun mal so heißt und wir zu den intelligentesten Lesern zählen, ist der des „Wegwerfers“.
 

Also, der Mann in dieser Geschichte hat ein System entwickelt, das den Poststellen großer Unternehmen, die täglich von völlig nutzloser Post überrollt werden, Zeit und Arbeit sparen kann. Er kann die Spreu der Werbesendungen vom Weizen der gehaltvollen Briefe unterschieden. Man hat ihm diese Arbeit dann auch wirklich übertragen, also ist er jetzt der „Wegwerfer“ eines Industrieunternehmens. Lustig kann ich das nicht finden. Sie doch? Dann müssen Sie vierzig Jahre älter sein. Wenn wir alle miteinander auf Grund des Böll'schen Plots schon mal nicht lachen müssen, was reizt uns dann immerhin zum Schmunzeln? Meine Antwort: gar nichts.
 

Dennoch wird man immer wieder lesen, dass überhaupt sämtliche Geschichten in „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ extrem komisch wären und dass dieser große westdeutsche Schriftsteller überhaupt nirgendwo sonst so eine vollendete Komik erreicht habe wie hier.
 

Man kann den Vorgang rekonstruieren. Der Leser muss Texte irgendwie auf Kategorien verteilen. Sind es Tragödien, sind es Komödien, ist es Kitsch, ist es Kunst? Er will wissen, was ihm das alles sagen soll. Wieso wird so ein Murkes überhaupt geschrieben? Dieser „Wegwerfer“, lesen wir, sei auf angenehm amüsante Art kritisch, ja satirisch. „Komisch“ ist „Der Wegwerfer“, weil er in ganz ernstem Ton von einem Beruf berichtet, den es in der Wirklichkeit überhaupt nicht gibt, einem angestellten Briefsortierer und Entsorger mit Röntgenauge. Und es ist auf diese herrlich spaßige Idee noch nie einer vorher schon mal gekommen, bis der Kölner Heinrich Böll es endlich erstmals gepackt hatte. Und das schon in den fünfziger Jahren, als es mit dem Spam noch längst so weit nicht her war. Ich gehe mal davon aus, die Menschen haben viel, laut und lange gelacht, wann immer Heinrich Böll den „Wegwerfer“ vorlas. Ob im Senftöpfchen, im Opernhaus oder beim Stollwerck.
 

Ein hauptamtlicher „Wegwerfer“! Also, Mensch, allein nur so eine Idee. Zum Schießen, irre komisch.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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