Klaus Mattes

Weg bis Rothenburg

 

Den schönsten Blick gen Rothenburg ob der Tauber, einst auf die Briefmarke der Deutschen Bundespost gedruckt, hat man von Westen herüber. Die mittelalterliche Kleinstadt mit ihrer gotischen Hauptkirche, dem erstaunlich hohen Rathausturm, noch mehr Türmen, Stadttoren, Mauern und Fachwerkgiebeln sitzt hoch oben über dem Abhang des engen, menschenleeren, hangseits waldigen Taubertals. Auf dessen Ostoberkante.
 

Es war am Internationalen Tag des Wassers. Am Morgen war in den Nachrichten gesagt worden, dass nur 10 Prozent der deutschen Fließgewässer ökologisch in Ordnung sind. Hier, dass Tauberflüsschen, das kurz oberhalb von Rothenburg noch nichts Rechtes hermacht, wenn es sich flach durch die weiten, flurbereinigten Anbauflächen und zwischen mehreren Teersträßchen schlängelt, dieses, man weiß nicht, Bach oder Fluss, könnte zu den 10 Prozent heiler Wasserwelt gehören. Am Morgen haben sie es nicht erwähnt.
 

Unten das schöne Dorf Detwang. Wir wissen, ein Riemenschneideraltar wäre in dessen Kirche zu sehen. Gegen kleines Eintrittsgeld. Wie alles in Rothenburg. Vor Jahren berichtete ich einem Bekannten: „In Rothenburg verlangen sie zwei Euro für jede von ihren Sehenswürdigkeiten.“ Wie lange der Preis noch gehalten werden konnte, weiß ich nicht. Als ich mir an diesem Märztag die Schäferkirche in der Klingentorbastei herauspicke, steht dort, erst von April an sei sie wieder geöffnet.
 

Die Rothenburger Tortürme ähneln einander und auch sie sind hoch. Wenn man von Westen, von Baden-Württemberg aus, nicht weit weg, aber nichts ist dort oben, nur Agrar-Pampa, auf diese Stadt zugeht, sieht man den Klingentorturm links. Neben ihm dann die Stadt vollständig ausgebreitet wie auf der rot gezähnten 30-Pfennig-Marke des Jahres 1969. So nah kommt einem alles vor! Und doch geschieden von uns, schwer zu erreichen, denn das Tal dazwischen ist tief. Landwirtschaft würde sich an seinen steilen Böschungen nicht mehr lohnen. Früher wuchs da mal, wie an vielen Orten in Hohenlohe und in Franken, saurer Wein. Landschaftsschutzbestimmungen untersagen, dass Villen mit unzerstörbarer Aussicht aus den Tauberhängen unterhalb Rothenburgs ein anderes Hollywood oder Stück Riviera machen.
 

Milde scheint heute die Sonne, fast scheint der Frühling endlich da zu sein. Ringsum sieht man es schwach grün über den Äckern schon schimmern. Und jenseits des Tales drüben bis hinten an die Frankenhöhe. Dass dort die Autobahn verläuft, muss man wissen, hören oder riechen kann man sie nicht bis hier. Der Blick hinunter auf den nassen Acker neben meinem Wanderschuh zeigt überhaupt nichts Grünes, überall eine braune, klebrige, klumpige, leere Masse, an deren lebenserhaltende Funktion man nicht glauben möchte. Nur dort draußen in der Ferne scheint der Frühling sich heute schon zu zeigen, hier aber friere ich. Vier Grad wird in der Stadt an der Anzeige dann stehen. Was für ein Spätmärzmittag mit Sonnenschein soll das denn sein?
 

Das Mittelalter der Reichsstadt glitzert überm blätter- wie blütenlosen Gehölz der Klebwälder. So sollte eigentlich jeder Fremde diese Stadt zuerst erblicken, sie aus der Leere heraus mit einem kleinen Fußmarsch ansteuernd. Als warme, glänzende Vision oberhalb aller Niederung und Enge. In Wahrheit kennt sie so fast keiner. Zwar kommen herüber von Niederstetten im Vorbachtal immer wieder mal zwei, drei Autofahrer. Aus einem Auto oder Bus sieht man Rothenburg aber nur ganz kurz, bevor das Fahrzeug ins Tal abtaucht. Hier oben, wo sich das Breitwandpanorama in großer Ruhe ausrollt, geht das ganze Jahr durch fast niemand vorbei. Nicht im Juni, wenn die Lerchen über dem Getreide stehen, und auch nicht im Oktober.
 

Okay, ein älteres Ehepaar geht dort drüben mit einem Hund spazieren. Vorn an der Abzweigung steht auch nur ein einziger Wagen, nirgendwo ein Traktor. Ich nähere mich ihnen langsam, sie steigen ein, schon sind weg. Obwohl ich weiß, dass es schöner würde, habe ich dieses Mal keine Lust auf den vom Schwäbischen Albverein markierten Fernwanderweg, der der Talkante mit ihren Aussichtspunkten und den für diese kalkreiche Gegend unverzichtbaren Wasserspeichern noch eine Weile folgen wird. Ich möchte es kürzer, schneller, direkter haben. Das Tal kurvt viel herum. Also folge ich der Autostraße abwärts, das geht schon in Ordnung, es ist ja kaum Verkehr, auch kein Lkw, vereinzelte Touristen wohl nur. Die Weiler dort oben scheinen tagsüber ja menschenleer zu sein.
 

Die Klingengasse, die nördliche Altstadt also, gleich hinter der noch nicht geöffneten Schäferkirche, sie liegt menschenleer. Kein einziges Auto. An dieser Stelle kann vermerkt werden, dass im strengen Sinne kaum eine Gasse der Altstadt Fußgängerzone ist, dass man die Autos aber auf die großen Stellplatzflächen bei der Stadtmauer dirigiert, wo das Parken vielleicht sogar kostenlos ist, ich weiß es nicht. Zwei Besichtiger-Ehepaare schauen sich um, allem Anschein nach deutsche und natürlich nicht mehr jung. Quer über die Straße von Obergeschoss zu Obergeschoss plaudern zwei alte Frauen. Die eigene Oma fällt mir mal wieder ein, die so stolz war auf all die mehr oder weniger noblen Damen, die bei ihr ständig ankehrten und in der Küche saßen, während sie sich den Weg zu ihnen immer sparte.
 

Zum Reichsstadt-Museum. War ich da drin überhaupt schon mal? Ja, war ich, aber habe ich vergessen. Keiner kommt raus, keiner geht rein. Keine Saison in Rothenburg. „Täglich geöffnet“, steht auf dem Schild am Garten hinter dem Museum, den man vor ein paar Jahren ganz neu angelegt hat. Aber er ist geschlossen.
 

Ich bin in vielen Jahren etliche Male hier gewesen, meistens werktags. Drüben im Württembergischen, der Bus, mit dem ich gekommen bin, würde in den Ferien und an Wochenenden überhaupt nicht fahren. Ich war aber auch im schönsten Mai schon da und an Augusttagen, die einen sofort nach einem Biergarten forschen ließen. Und doch habe ich dieses Reiseziel der Romantischen Straße noch kein einziges Mal überlaufen erlebt. Früher, in den zwanziger wie in den fünfziger Jahren, muss hier um einiges mehr los gewesen sein. Erich Maria Remarque und Johannes R. Becher waren auch hier und schrieben vom Glück der deutschen Kleinstädte. In den Neunzigern flammte der Boom noch einmal auf. Menschen aus einem anderen Deutschland kamen mit ihren Kaffeefahrten bis hier.
 

Amerikaner? Heidelberg ist voller Amerikaner, viele junge Leute! Rothenburg? Okay, ein paar sind selbst an diesem ungewöhnlich kühlen Wochentag hier unterwegs. Und in den ersten Jahren nach 2000, als ich meine verschüttete Tradition der Rothenburg-Tagesreisen wieder aufgenommen hatte, habe ich ziemlich viel Spanisch, Französisch und Italienisch gehört. Inzwischen scheint Südeuropa verarmt. Die Menschen jener jungen Altersgruppen, die ich damals sah, scheinen mittlerweile ungezogen zu sein und für Arbeit oder Studium fest in Deutschland sich niedergelassen zu haben. Also müssen sie Rothenburg nicht mehr extra aufsuchen. Wie die meisten Deutschen ihrer Generation.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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