Ich kannte einen, aus einer schwäbischen Kreisstadt stammenden Pädagogen, der einige Jahre am Rothenburger Goethe-Institut tätig gewesen war. Dieses Rothenburger Goethe-Institut gibt es heute nicht mehr, nur die metallische Säule mit seinem Namen steht noch an der unteren Herrngasse. Der Mann erklärte, aus einer Kleinstadt ohne Tourismus kommend hätten ihn an Rothenburg die ständig wechselnden Ortsfremden gestört. Wenn er morgens zur Arbeit gehe, wolle er jeweils etwa zur selben Zeit dieselben Gesichter um ein paar Ecken kommen sehen.
Es sind vor allem Japaner und zwar ziemlich junge Japaner, die den Rothenburg-Tourismus weiter gut im Laufen halten. Nicht oder noch nicht: neureiche Chinesen. Und es waren auch nie diese protzigen Russen, wie man sie in Baden-Baden unvermeidlich sah. In Rothenburg ob der Tauber vergeht nicht ein Tag im Jahr ohne Japaner.
Sie sehen aus wie knapp über zwanzig, bestimmt noch nicht dreißig. Nur weiß man das bei Japanern ja nie so genau. Von ihnen abgesehen ist Rothenburg nicht der Bringer für junge Leute. Das war einmal, als sich hier die Wandervögel trafen, die national gesinnten Weitwegwanderer, die Studenten mit ihren Rädern und zusammengerollten Zelten. Außer den Japanern sind Rothenburg-Gäste inzwischen 40 plus. Soweit ich das überhaupt beurteilen kann, kennen Japaner Rothenburg als typisch kontinentaleuropäische Märchenstadt mit Hexen, Nachtwächtern, Schmieden und Marktweibern aus ihren Kinderbüchern, Comics, Fernsehserien und Animationsfilmen.
In der Hafengasse überrenne ich beinahe ein kinnhohes, fragiles Japanermädchen, das wie aus dem Boden gewachsen vor mir stand. Ich schätze sie auf ein Lebensalter zwischen 16 und 26. Sie sieht wie ein Püppchen aus, hat eine Digitalkamera in der Hand, erkennt ihre Chance sofort: „Excuse me, please!“ Ach so, ja doch! Der von vielen Postkarten und Kalendern auch uns Deutschen noch vertraute Rödertorbogen ist genau hinter mir und sie ist alleine unterwegs und möchte ein Bild mit sich vor dem weltberühmten Tor. Ach nein, es zwei Püppchen und die wollen lachend als beste Freundin im Bild sein. Sie bedanken sich überglücklich.
Dann stehe ich, Kaffee trinkend, an einem Tischchen der „Backstube Zuckersüß“. Die ist auch am Rödertorbogen und eine Zeitlang hatte ich mir angewöhnt, immer herein zu schauen, wenn ich am Ort war. An die Fremden gewöhnt, hat man mich nie erkannt, ich die Bedienung aber meistens auch nicht mehr. Auch „Zuckersüß“ ist ein Filialbetrieb und da herrscht Fluktuation. Draußen rumpelt ein weiteres japanisches Paar, massive Hartschalenkoffer übers Kopfsteinpflaster ziehend, vom Bahnhof ihrem Hotel entgegen. Früher sagte man, Amerikaner sehen Deutschland zwei Tage, bevor Venedig, Rom, Paris und London drankommen. Doch viele dieser jungen Japaner sind so vernünftig, dass sie mit der Bahn, nicht mit Bussen oder Mietwagen, reisen und in Rothenburg mindestens eine Nacht verbringen. Die Übernachtungspreise sind akzeptabel geblieben, überlaufen ist es, wie gesagt, auch wieder nicht. „Ah, die fotografieren grad Ihr Haus“, sage ich zur Verkäuferin. „Oh, das passiert oft. Das Haus ist ja sehr schön.“ Darauf habe ich noch nie geachtet. Ich sehe mir den Giebel also an, bevor ich weiterziehe. Irgendwann mal gründlich überrestauriert, wie das Meiste hier. Ich finde das Haus vergleichsweise mittelmäßig für Rothenburg.
Und noch mehr Japaner, dieses Mal eine geführte Gruppe ausnahmslos älterer Ehepaare. Straff versucht eine Art verblühte, ungnädige Lehrerin sie hinter sich durch die Gasse zu ziehen, aber die älteren Herrschaften quasseln munter durcheinander und sind schon zu einem etwa vierzig Meter langen Rattenschwanz kleiner Menschlein mit Rollkoffern und Knöpfen im Ohr geworden.
Auch die sind wohl gerade von Steinach herüber gekommen. Im Nirgendwo, östlich der Spitzweg-Idylle, noch vor der Autobahn und der Frankenhöhe, sieht man „Steinach b Rothenburg o d T“ auf dem dunkelblauen Schild stehen und weiß erst mal nicht, dass die blitzend rote Dieselzigarre nach Rothenburg dort drüben irgendwo mit laufendem Motor wartet. Kein Mensch in Uniform weit und breit und die Ansage brabbelt irgendwas Unverständliches, hoch im Wind Verwehtes. Bis die Japaner sich entschlossen haben, wem sie hier vertrauen und folgen können, sieht es ganz danach aus, als wollten die Deutschen ohne sie abfahren. Hastig im Schweinsgalopp verschwinden sie in der Unterführung.
Es könnte auch sein, dass Rothenburg in Japan ein Ritual für nicht unvermögende Frischvermählte darstellt. Man muss hin, die Herrngasse hinunter, durchs überlange Burgtor treten, sich in den Burggarten stellen, der oben auf dem Umlaufberg der Tauber liegt, sodass man auch von hier den kleinen Ort Detwang und auf der anderen Seite die gesamte Skyline der Stadt überblicken kann – und sich dann das ersehnte Belegfoto verschaffen: Wir beide waren damals so jung und haben uns so geliebt, als wir in dieses deutsche Märchenland fuhren, das tatsächlich noch viel schöner war, als wir es uns gedacht hatten.
Ein blau-weiß beflaggtes Märchenschloss vom König Ludwig gibt’s leider weit und breit nicht. Wird das mal von den Chinesen übernommen, bauen sie es dann noch dazu. Nur ein Kirchlein von etwas rauer Optik ist hier noch zu finden. Ein reicher Typ aus dem Schwabenland, der allen historisch bedeutsamen Kleinstädten im Umkreis jeweils eine achteckige, helle Jura-Travertin-Säule geschenkt hat, um beispielsweise der staufischen Kaiser zu gedenken, hat auch den Burggarten von Rothenburg um so eine Stele bereichert. Sodass man daran ablesen kann, dass hier einst eine mittelalterliche Ritterburg war.
Unweit und wesentlich schöner ist der kleine Barockgarten mit allegorischen Figuren. Viele Besucher, denen bewusst ist, dass man im Mittelalter keine Barockgärten hatte, dürfte es nicht geben. Für mich ist dieser Garten mein Lieblingsplatz in Rothenburg. Früher, als ich noch geraucht habe, habe ich dort immer eine geraucht. Es stand dann auch brav ein Abfallkübel neben der Bank. Ob das immer noch so ist, weiß ich jetzt nicht. Bei der allgemeinen Entwicklung, die die Dinge in Deutschland nehmen, muss man befürchten, nein. Aber man kann auch sagen, dass Franken in solchen Sachen zum Glück dem Trend immer etwas hinterher ist. (Ach, wenn ihr wüsstet, um welchen unglaublich günstigen Preis ich mal einen Rinderrostbraten in Triesdorf gegessen habe, der sich unter einem alpinen Massiv von offenbar tatsächlich noch selbst gebackenen, vormals fangfrischen Zwiebeln verborgen hatte!)
Schaut man von diesem Barockgärtlein über die Mauer, sieht man ein Stück oberhalb im Tal die mittelalterliche Doppel-Bogenbrücke aus behauenen Steinen. Sie ging zum Ende des Zweiten Weltkriegs allerdings ebenso drauf wie sage und schreibe 40 Prozent der historischen Altstadt. Ist also eine Kopie, aber den Touristen muss man das ja nicht auf die Nase binden.
An den Hängen unterhalb der Stadt wuchs früher immer Wein, aber bekanntlich kam dann mal die Reblaus aus den USA herüber und erledigte viele deutsche Winzer. Anschließend war das ein paar Jahrzehnte verbuscht und bewaldet. Inzwischen wachsen an den steilen Hängen wieder Reben; eine Sorte Rotwein hier aus der Gegend nennt sich Tauberschwarz. Es sieht merkwürdig aus, weil man die Rebzeilen nicht, wie gewohnt, rechtwinklig zum Gefälle angepflanzt hat, sondern waagerecht den Höhenlinien entlang. Die Rothenburger nennen den langen Vorbau, der sich dort drüben nach Süden hin erstreckt, den Kappenzipfel. Für Einheimische ist ganz klar, dass das alte Rothenburg auf dem Stadtplan wie eine Kappe, also Mütze, aussieht. Wobei ich bis heute nicht verstanden habe, welche Art Kappe ich mir da vorstellen soll. Hat sie einen Schild und das ist der Burggarten? Und soll der Zipfel drüben so was wie ein Ohrschützer oder zum Umbinden gegen die Winterkälte sein?
Ach so, die barocken Gartenplastiken sehe ich heute nicht. Sie stehen von Blechkästen ummantelt auf ihren Sockeln. Der Winter ist noch nicht gegangen. Wir haben Ende März, es gibt dieses Jahr noch Nachtfröste und wer weiß, vielleicht schneit es in nächster Zeit noch. Blumen im Garten gibt’s auch keine.
Jetzt ist es ungefähr vier Uhr nachmittags und mir geht auf, dass ich, außer den Japanern, heute in Rothenburg noch keine jungen Menschen gesehen habe. Wo stecken die eigentlich? Es sind ja wohl nicht mal Schulferien. Als ich noch mal zurück in die Klingengasse gehe, unter dem hinteren Ende der gotischen Jakobskirche hindurch, die hier von Autos unterfahren werden kann, steht dort ein Grüppchen Jugendlicher. Und das, weil das große Haus dort als Stadtbücherei und Musikschule hergerichtet worden ist.
Die übrigen Jugendlichen mutmaße ich daheim an den PCs in den Siedlungshäusern, in der deutschen Einheitsbebauung, die die Altstadt vor allem nach Nordosten hinaus ergänzt. Oder im Einkaufszentrum („ZentRo“) voller Boutiquen und Cafés, das man an den Busbahnhof gebaut hat, welcher wiederum gleich neben dem Bahnhof ist. In der Tat gibt es in der Altstadt noch zahlreiche Wohnungen, nicht diese übliche deutsche Pest von Übernahmen zu klein gewordener Ladenlokale durch Immobilien- und Versicherungsmakler, Spielsalons, Nageldesigner, Thaimassagen und dergleichen. Und, wie ich weiß, weil ich in einer Augustnacht hier mal nach 22 Uhr eine Nachtwanderung beginnen ließ, es sitzen abends auch noch Leute in Speiselokalen und essen, trinken Bier, unterhalten sich, gehen in den Gassen zu Fuß nach Hause. Aber keine jungen Leute. Und meist wohl auch keine Einheimischen, sondern Übernachtungsgäste. Da es so warm war und in Bayern um diese Zeit Sommerferien, hatte ich im Burggarten eine 10 bis 30 Köpfe starke Jugendmeute verschiedener Geschlechter und unter Beteiligung von migrantischem Nachwuchs beim Abhaken der Jugendlustbarkeiten Eistee, Wodka, Zigaretten und HipHop-Videos auf Smartphones erwartet, dort war aber nicht eine Seele außer meiner und der Staufer-Stele.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2025.
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