Armut sieht man in Rothenburg nicht. Die bayerische Polizei fährt durch und hat ein wachsames Auge auf den fränkischen Wohlstand. Hierzulande sind die BMWs gerade noch grün, noch nicht blau wie sonst fast überall. Na, wo Touristen PET-Flaschen in die Papierkörbe schmeißen, sieht man die Pfandflaschensammler mit ihren geblähten Taschen aber im gediegenen Rothenburg auch huschen. Die Pfandsammler von Rothenburg sind sehr alt und scheinen es mehr aus Langeweile zu machen, dass sie mal wieder unter Leute kommen.
Industrie und Arbeitsplätze der produzierenden Industrie gibt es in der Region eher wenige. Im Süden der Stadt ist das große AEG-Werk. Sonst spielt sich industriell mehr oder weniger nichts ab. Dabei ist im hohenlohischen Waldenburg, das ebenso nahe an einer Autobahnabfahrt liegt, ein kilometerlanges Industriegebiet aus der Hohenloher Ebene gesprungen, die sich, wie schon angedeutet, bis hierher erstreckt. An seinem fränkischen Westrand kränkelt der weißblaue Freistaat noch an einer zweihundertjährigen Vernachlässigung. Genau diese Grenzlage inmitten eines ausgedehnten Agrarlands ist der Grund, warum sie das Mittelalter später dann nie mehr abgerissen haben. Carl Spitzweg, von München anreisend, hat Rothenburg immer wieder gemalt, selten allerdings genau so, wie es war, vielmehr indem er hier und dort Details genommen hat, Torbögen, Erker, Fachwerk, das zusammenkomponiert hat, damit es besonders altdeutsch aussah.
Die Tür im schmalen Innenhof zwischen den zwei Rathaus-Gebäuden, das hintere, ältere ist gotisch, das am Markt mit dem Arkadengang Renaissance. Gehen Sie nur hinein durch den schmalen Durchgang zum Innenhof! Selbst dort innen noch, wenn Sie diese Türe mit der darüber hängenden Laterne und den Treppenstufen darunter sehen, werden Sie es nicht so besonders finden. Aber fotografieren Sie es! Ist ein halbes Jahr vorbei, haben Sie dieselbe alte Romantik zu Hause, die sich hunderte Bildband- und Kalenderfotografen der letzten 100 Jahre nicht haben entgehen lassen.
Dann an der Rückseite wieder heraus aus dem Luftschlauch zwischen den Rathaus-Häusern. Man steht an einem hübschen kleinen Platz (kann hier zwischendurch auch mal gratis zur Toilette gehen), an dem ein älterer japanischer Maler jahrelang sein kombiniertes Atelier und Verkaufslokal für geschickt gemalte Rothenburgbilder hatte. Aber jetzt ist sie weg, die japanische Rothenburg-Galerie. Ist der Mann tot oder hatte er genug verdient, um sich eine Villa von Tadao Ando unter dem Fuji zu kaufen? Letztens war da drin noch das Damenmodegeschäft gewesen, das ist auch schon wieder weg. Wurde von einer jungen Japanerin geführt, einer Verwandten des alten Mannes?
Fährt man die Bewegungen der Rothenburg-Touristen auf einem Stadtplan nach, kann man sehen, dass es sich im Wesentlichen um das von zwei Straßenachsen errichtete große T handelt. Welches, nebenbei gesagt, kaum etwas von den 40 Prozent Rothenburg berührt, die nach dem letzten Krieg noch mal neu gebaut werden mussten. Von Ost nach West geht die Linie, vom Bahnhof aus, durch den Rödertorbogen und über den Marktplatz, am Rathaus vorbei, die Herrngasse hinunter und durchs Burgtor in den Burggarten hinaus, wo man zuletzt über der Tauber drüber steht. Am Markt, Rothenburgs größtem und schönstem Platz, schon wegen dem Rathausturm und dem Brunnen, aber auch die Stelle, wo man am besten den anderen Leuten zuschauen kann, immerhin gibt es mehrere Lokale und die lange Treppe am Rathaus zum kostenfreien Ausruhen, zweigt der Stamm des Ts nach Süden ab, wo er die gesamte lange Vorstadt des Kappenzipfels bis hinaus zu den Vorwerken durchlaufen wird. Alles schön gepflastert, keine Fußgängerzone, obwohl die Fremden es dafür halten, aber viel Anwohnerverkehr ist da eh nicht.
Erst also das düstere Baumeisterhaus mit seinen Sandstein-Skulpturen. Dann das Plönlein. Sie wissen schon: dieses eine Rothenburg-Foto, wo links das Stadttor oben, in der Mitte ein Fachwerkhaus und ein Brunnen, rechts das andere Stadttor tiefer unten ist. (Das obere Tor ist das Ende der mittelalterlichen Kernstadt, die Kappenzipfel-Erweiterung erstreckt sich erst nach ihm.) Durch die Spitalgasse geht’s hinaus bei zur gewaltigen Spitalbastei, wo sich das ebenfalls oft fotografierte Hegereiterhaus befindet und außerdem die Jugendherberge. Unterwegs passiert man das Kriminalmuseum (mittelalterliche Folterwerkzeuge). Von sämtlichen eintrittspflichtigen Sehenswürdigkeiten (es gäbe noch die Besteigung des nicht schwindelfreien Rathausturms) die beliebteste wie teuerste. Ich fand das Museum nicht lohnend (die Ausländer im Internet schreiben es anders). Vorher und nachher überzeugt die Südstadt mit Schneeballenverkäufern.
Schneeballen sind Rothenburgs Gebäckspezialität. Ein Geknülle, mehlig, äußerst trocken, aus Teigfetzen, durch einen kurzen Backvorgang irgendwie zusammenhaltend, das man mit reichlich Staubzucker beworfen hat. Eigentlich schmeckt der staubige, überdimensionierte Tennisball nach gar nichts, sieht aber klasse aus, eine Mörserkugel zum Stadttor und angebauten Foltermuseum. Liegt wie die Tiefseemine im Magen, macht einen durstig. Ich wählte in den Bäckereien stets Zwetschgen-, Apfelkuchen oder Bienenstich, die ich anderswo natürlich auch hätte essen können.
Plönlein ist eine kleine Ebene, das Plänlein einer Straßengabelung. An der Straße ist die Stadt beim Tor unten tatsächlich schon zu Ende, dort fängt das Taubertal an. Es geht kaum mal jemand hinunter; alle scheinen zu ahnen, dass sie nachher den steilen Weg wieder hinauf steigen müssen. Hier wohnen übrigens überall noch normale Leute. Nach wie vor märchenhaft und voller Geranienkästen sieht das Plönlein vor allem auf den Ansichtskarten aus und auf Handyfotos. Direkt vor dem eigenen Auge scheint es dagegen über-restauriert zu sein. Irgendwie waren diese Häuser in den fünfziger Jahren doch noch schiefer. Muss daheim mal durch den alten Schwarzweißbildband von Swiridoff blättern.
In diesen immer noch winterlichen Frühlingswochen sind für Franken (ehemals ja nur für Oberfranken) Kränze aus farbigen Ostereiern vorgeschrieben, die um die Brunnen gewunden werden. Versöhnung von Heidnischem und Christlichem. In einer Woche ist heuer Ostern. Entsprechend dem Trend zur Kulisse, der seit Jahren zu beobachten ist, sind die Eierschalen, ich gehöre zu den Menschen, die so was nachprüfen, nicht aus Hühnermaterial, sondern aus Plastik. Wie sonst auch die Kerzenketten für den Rothenburger Weihnachtsmarkt, der als besonders romantisch gilt und zur Sonderöffnung der Sehenswürdigkeiten Anlass gibt.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind im württembergisch-bayerischen Grenzgebiet die einmarschierenden Amerikaner vergleichsweise spät und zäh vorangekommen. Rothenburger Bombennacht: 31. März 1945. Dem anhaltenden Widerstand von Bürgermeistern, SS-Soldaten, einem Volkssturm aus Greisen und Knaben haben vormals pittoreske Kleinstädte wie Crailsheim, Ilshofen und Waldenburg zu verdanken, dass man sie mit Flugzeugen angriff und in Brand steckte. Von strategischer Bedeutung waren sie alle nicht. Ausländische Zwangsarbeiter wurden zu Tausenden mit sogenannten Hungermärschen in Richtung des sich mehr und mehr nach Österreich und Böhmen zurückziehenden Rest-Reichs getrieben, viele schließlich hier oder da im Straßengraben erschossen. Drüben, auf der Ebene droben, in Brettheim, theoretisch von hier aus noch in Sichtweite, praktisch aber nicht, hatten der Bürgermeister und ein paar Bauern aus dem Gemeinderat die Traute, sich der Parteiführung entgegen zu stellen und das Hissen der weißen Fahne anzuordnen, ihre Kindersoldaten zu den Müttern und Schwestern zurück zu holen. Aber die Amerikaner waren noch ein paar Kilometer weit weg. Man schnappte sich diese Männer, fuhr sie weg, veranstaltete einen Schnellprozess und exekutierte sie. Die Nachtseite der Romantischen Straße; Hinweisschilder wurden keine aufgestellt.
Wo aber diese Reiseschilderung auf eine Tagestour von Ende März 2013 zurückgeht, das war das Jahr, in dem der endlos verregnete Winter letztlich bis zu den ersten Junitagen anhielt, sind es ziemlich genau 68 Jahre gewesen, seit beim Luftangriff der ganze Nord- und Ostteil von Rothenburg ob der Tauber in Schutt und Asche zerfiel. Mehrere Stadttore und einige Kilometer der Stadtmauer ebenso, die man sich hinterher ziemlich schnell, von großzügigen privaten Spendern gefördert, wiederaufzubauen anschickte. Die nahezu komplett mögliche Umrundung der Altstadt auf dem Wehrgang ist zu empfehlen. Man wird allerdings feststellen müssen, dass sie lang und somit auch anstrengend wird. Wenn ich, wie oft bei meinen Besuchen, nur drei, vier Stunden an einem Nachmittag für die Stadt hatte, ließ ich die Stadtmauerwanderung immer weg.
Zum Rundgang gehört, dass man jeweils an den Stadttoren über Treppen erst hinunter, dann wieder hinauf zum gedeckten Gang gehen muss. Beim Reichsstadtmuseum und am Kappenzipfel auch mal ein Stück von der Mauer weg und um ein kleineres Stadtquartier herum. Soweit sie mir auffielen, absolvieren deutsche, amerikanische, europäische Durchreisende diese Mauerrunde fast nie, die extrem fleißigen, ernsthaften, gut vorbereiteten Japaner hingegen ziemlich oft. Man kann herrlich in die stillen Gärten der Nordost-Stadt hinunter fotografieren. Wobei dort eigentlich alles mehr oder weniger Neubau, also Mid-20th-Century ist, aber recht gut gemacht, sodass es kein Mensch merken muss, wenn man ihn nicht extra drauf hinweist.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2025.
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